Rosen für die Dichter 2022

11. Juni 2022 Rosen für die Dichter

Stefanie Obieglo eröffnete den Gedenkvormittag unter anderem mit einem Ausblick auf Veranstaltungen und die geplante  Premiere der Anthologie zum Thema Grenzerfahrung anlässlich Brigitte Reimanns 90. Geburstag und 50. Todestag im nächsten Jahr.


Der Bürgermeister Philipp Stark (parteilos) der Stadt Burg hielt eine Rede, in der er Bezug zur aktuellen Situation nahm sowie eine Beteiligung der Stadt Burg an den kulturellen Vorhaben zu Ehren der berühmten Tochter der Stadt Burg in Aussicht stellte.


Dorothea Iser umriss Brigitte Reimanns Lebensdaten und stellte Gedanken aus ihren Werken und ihre im Reimann Jahr 2013 entstandenen Gedichte, angeregt durch Reimanns Literatur sowie die Begegnungen mit Zeitzeugen und Brigittes Geschwistern, vor.



Brigitte Reimann:

Geburtstag am 21. Juli 1933

Todestag am 20. Februar 1973


Zitate von Brigitte Reimann:


Man kann sich keine private Welt schaffen, säuberlich getrennt von der, die uns umgibt.


Ich liebe nun einmal die Streiter und Rebellen, die Veränderer.



Gedichte aus einem

Zyklus für Brigitte Reimann

von Dorothea Iser




Weshalb wir sie ehren:


Sie war authentisch

Engagiert

Leidenschaftlich

Sie hat geschrieben

Geliebt

Gelitten

Gekämpft

Sie hat sich verirrt und korrigiert.

Sie war eitel, ließ sich hofieren und wehrte sich doch. Und zwar kompromisslos.

Viel wurde von ihr erwartet, vieles hängte man ihr an.

Ganz gleich, was war: Gleichgültig war sie nie!





brigitte r. I


im sein

wollen wir

werden können

was wir sind

architekten

vielleicht linkerhands

süchtige rettung





bruder l.


er antwortet mir sparsam

nach vierzig jahren

sagt er irritiert

wird sie gefeiert


sein freund schreibt

lass uns deine schwester

mit ihr begegnen wir uns

wie wir damals waren

zwischen den fronten




reimann in meiner stadt

adaption zu j. r. becher



dein atem bleibt in dieser stadt

mit deinen augen lässt du uns sehen

wir hören deinen ruf

dein schritt ist in unserem gehen


so suche ich meinen weg zu dir

wünsch dass ich ihn fände

denn du bringst mich zurück zu mir

wohin ich mich auch wende



Nach einleitenden Worten von Stefanie Obieglo und der Anregung, das Grab der Eheleute Wendler mit Rosen zu bepflanzen, las Dorothea Iser einen Auszug aus O.B.W.s Werk, das sehr aktuell wirkt.



Otto Bernhard Wendler



Soldatenmarieen



Der Mann vom zweiten Zug ging und ließ Barfelde allein. Der sah durch die schmutzigen Scheiben Sieberg noch immer am Ofen hocken. Einmal griff der Blick des Landstreichers hin zum Fenster, ging weit in die Nacht, Sternegucken ohne Schnaps. Barfelde war es, als ob diese Augen Leid trugen und die scheuen Geschichten eines einsamen Menschen. Nur fraß das verrohte Gesicht die Augen wieder auf.


Auch hatte Barfelde an Hella Zimmermanns Brief zu denken. Diesen feinen, guten, herrlichen Brief auf rosa Papier: Geliebter, Einziger, Held.

Bloß, daß ihn etwas fror, aber der Brief war zweifellos schön. Er knisterte auf seiner Brust. Er würde für Hella Zimmermann vielleicht ja noch sterben müssen. Wie Wetzel gestorben war, in der Morgenstunde, im Sprung, mit offenen Augen für die Frau, die nicht treu war. Für den Küchenunteroffizier und für den Feldwebel der Garnison würde er nicht sterben. Auch für diesen Kompagnieführer mit dem Spatenstich im Gesicht nicht.


Nur für Deutschland. Denn dieser Kompagnieführer war ein Lump. Das flüsterten alle heimlich.

Weil er die Pakete der Toten und Verwundeten geöffnet hatte; um sie zu verteilen, wie er sagte; um sie vor dem Verderben zu schützen, wie er sagte.

Deshalb fraß er die Schokolade pfundweise und Schmidt schiß Blut dahinten auf der Latrine, weil er keine Schokolade hatte. Deshalb trug der Oberleutnant die Lederweste von Just, die er, Barfelde, hatte an sich nehmen sollen. Für diesen Fresser, Schmidt stöhnte über seinem Balken, würde er nicht sterben, wenn es wieder weiter gehen würde. Vorwärts. Gegen den Feind.

Aber für Deutschland würde seine schmale Brust den großen Schuß hinnehmen.

Für das Deutschland der Fahnen und Gedichte!

Für das Deutschland der edlen schönen Frauen.

Für das Deutschland der Gelehrten.

Für das Vaterland, das so einig sich in den Armen lag. Immer mußte er weinen, wenn diese phantastische Größe eines Volkes aus jeder Zeile jeder Zeitung sprang. Auch aus der Zeitung, mit der sich der stöhnende Schmidt eben den Arsch wischte.


Sieberg verließ die Panjebude, sein Kochgeschirr klapperte, er verschwand wieder in seiner unheimlichen Scheune. Schmidt taumelte matt zur Tür, er sprach nicht.


Um zwei Uhr in der Nacht ging Barfelde seine Ablösung wecken. Er mußte Binder aus dem schönsten Traum reißen, grade hatte er den Knaben geküßt, den Marie ihm geboren. Aber Binder konnte zu allen Stunden der Nacht sofort wach sein. Er überließ Barfelde seinen Platz, und während er auf und ab lief, rechnete er, was Marie wohl für die Kartoffeln bekommen würde, diese Menge Zentner. Der Junge hatte neun Pfund gewogen.

Der Schützengraben, das war nun ihre Heimat. Immer noch in den Nächten gruben sie, wühlten sie, warfen sie Erde, immer wieder Erde hoch, bis wieder ein neuer Graben entstanden war, eine zweite Linie, ein Verbindungsweg, ein Laufgang. Hin zu den wenigen Häusern des Dorfes, in denen sie ein paar Tage gewohnt hatten. Als die Front noch nicht fest stand. Laufgräben, die hinliefen zu diesen häßlichen Häusern der Sehnsucht, wo der Speck lagerte, das Brot. Wo der fettige Küchenbulle die Erbsen in den Kessel warf, wo der Kompagnieführer, der Mann mit dem Spatenstich, die fremde Schokolade aß.


Ab und zu kam er einmal, mit seinem Fernrohr die russische Front abzusuchen. Nie sagte er guten Morgen. Nie war er zufrieden mit den Gräben.

Aber dann oder wann fand er ein Wort.


„Posten, Sie heißen Barfelde?“

„Jawohl, Herr Oberleutnant!“

„Sie sind Einjähriger?“

„Jawohl, Herr Oberleutnant!“

„Sie müssen mehr auf Ihr Äußeres achten. Sie sehen aus wie ein Schwein.“


„Zu Befehl, Herr Oberleutnant!“

„Wissen Sie, daß der Einjährige Schmidt, er war wohl Bibliothekar, vorgestern an der Ruhr gestorben ist?“

„Nein, Herr Oberleutnant!“


Dabei sah Barfelde immer hinüber nach dem Feind. Krampfhaft, eifrig. Wie es vorgeschrieben war, nach dem Feind zu sehen, so mit gerunzelter Stirn.

Sah sich nicht um, weil es verboten war.

Also Schmidt war gestorben. Vor vier Tagen erst, da hatten sie seinen Schatten mit Knochen auf dem Küchenwagen nach hinten gefahren. Barfelde hatte ihm noch die Hand gedrückt. Behutsam, diese Hand ohne Kraft. Nun würde der lange Meier von der achten Korporalschaft wieder witzeln. Es ist einer den Heldentod auf der Latrine gestorben. Dieser Meier war ein unflätiger, gemeiner Mensch.


Also Schmidt war gestorben. Dieser gute Kerl. Wie hatte doch die Frau ausgesehen? Blond? Ja.

Und sie hatten hinter einer Zeltbahn geschlafen, damals, vor Wochen. Heute tot. Hinter einer Zeltbahn hatte Schmidt mit seiner Frau geschlafen.

Er, Barfelde, hatte noch nie mit einer Frau geschlafen. Wenn er fallen würde . . . Doch dann würde Hella Zimmermann um ihn weinen. Eigentlich ohne Grund. Er starrte auf sein Gewehr, das vor ihm auf der Brustwehr lag. Das Gewehr Nr. 1493. Gesichert lag es, mit fünf Patronen im Lauf.


Also Schmidt war gestorben. Dieser feine stille Freund war gestorben. Dem hatte er einmal die Geschichte von den nackten Mädchen erzählt, die ihn angelächelt hatten. Hatten sie ihn angelächelt oder hatten sie ihn ausgelacht? Schmidt hatte gesagt, das wäre eine Geschichte von der lautlosen Art, die er liebe.

Der Oberleutnant kam von seinem Morgengang zurück.


Barfelde sah etwas grimmig auf seinen verdreckten Mantel, musterte seine geflickten Stiefel.

Eilends kam Oppermann um die Ecke.

„Was hat er gesagt?“

„Schmidt ist gestorben.“

„Unser Schmidt.“

„Ja.“


Da stellte sich Oppermann neben Barfelde, weinte, schimpfte und riß an den winzigen Haaren seines Spitzbartes, verfluchte sich und alle Soldaten, die nicht zu Hause sein konnten. Weil er den Krieg hasste.

Oppermann ging, es den anderen zu sagen.

Eben noch hatte Barfelde seine Korporalschaft lachen hören.

Jetzt war es still. Sie wußten es jetzt, sie hatten erfahren, daß Schmidt den Heldentod auf der Latrine gestorben war.