Rezensionen und Meinungen

Annegret Winkel-Schmelz


„Wir bleiben zusammen“ oder:

Gedanken zum Kinderbuch

„Jettes Kinder und das blaue Licht“ von Peter Hoffmann

 

Oben genannte Zeile ist der Titel des ersten Bandes, der die Geschichte zweier Kastanien beschreibt, die doch aus einer Schale stammen, getrennt werden und einige Abenteuer bestehen müssen, ehe sie von den Kindern der Schule „An der Kastanie“ liebevoll umsorgt werden.

Und oben genannter Titel steht symptomatisch auch für den Inhalt der folgenden drei Bände, in denen es um Kastanien, die Kraft und den Mut von Kindern, ihren Lehrern und anderen Menschen geht, denen ihre Umwelt nicht egal ist.

Nun liegt der finale, der letzte Teil vor: „Jettes Kinder und das blaue Licht“.

Wer jetzt denkt, er müsse alle vorausgegangen Teile gelesen haben, irrt sich. Es wäre von Vorteil, aber vielleicht wird mancher Leser, manche Leserin erst durch dieses Buch auf die Vorangegangenen aufmerksam? Denn zu Beginn dieses Teils erfolgt eine Zusammenfassung des Inhalts der anderen Geschichten.

Zentral geht es um Marie und Maik, nunmehr im Jahr 2060, die stolze Großeltern der zehnjährigen Sandra und seit fünfzig Jahren miteinander verheiratet sind. Sie sind mit Thomas, ihrem ehemaligen Mitschüler verabredet, der ihnen seine Erfindung präsentieren will und noch ein Geheimnis daraus macht.

Und es geht um das Damals und das Heute, um Generationen, um Veränderungen, Verluste und das fortschrittlich Gute. Oma Marie und Opa Maik besuchen das alte Schulgelände, wo sie einst lesen, rechnen und schreiben gelernt haben und wollen es ihrer Enkelin zeigen. Oma Marie hört einen Baum sprechen und schwärmt von ihrer Zeit, als sie den Baum retten konnte. So heißt es im Text:
„Oma Marie steht plötzlich wie erstarrt und blickt entgeistert auf den Stamm eines der vier riesigen Bäume auf diesem Gelände...“ Opa Maik hört nichts.

Sandra hingegen lebt in einer völlig anderen Realität. Im Jahr 2026 gibt es Haus- und Hilfsroboter, Flugtaxis, Lernen und Schule mit einem Armband am Handgelenk und Ferien auf dem Mars.  Es geht noch tiefer hinein in die Kiste der Fantasie: Mondgurkenaufstrich, Rakentenpaprika mit Sternenglitzer und Marsbeeren auf Astronautenart...

Das macht nicht nur Freude beim Lesen, sondern ich spüre die Freude am Fabulieren des Autors.

Sandras Eltern arbeiten in einem Weltraumlabor und sind nur selten bei ihrem Mädchen zu Hause. Sandra vermisst sie.

(S.8)
„Denn Hausroboter können zwar vieles, aber nicht streicheln, trösten und einen Gute-Nacht-Kuss geben...“

Oma stellt fest (S. 12): „Die Kinder heutzutage sind viel zu oft allein. Nicht zusammen am Abendbrottisch sitzen, keine Geschichten von damals hören und kuscheln nur am Wochenende, wenn überhaupt...“

Doch sogleich (S. 12) „… protestiert Sandra. Es kann doch wohl nicht gut gewesen sein, dass ihr euch zum Beispiel mit Heften und Büchern abgeschleppt habt. Um das Papier herzustellen, mussten viele, viele Bäume sterben. Und dann der Schulbus: Der hatte bestimmt einen Motor, der mit Diesel angetrieben wurde. Ich habe gelesen, dass bei der Verbrennung des Kraftstoffs schlimme Wolken entstanden sind, die gestunken und Menschen und Tiere Pflanzen krank gemacht haben.“

Die drei fliegen am nächsten Tag erneut zum ehemaligen Schulgelände. Doch dieses Mal geht es nicht so glimpflich aus und die Geschichte nimmt Fahrt und somit Spannung auf.

(S. 35) „Genau in diesem Moment ertönt ein lautes Scheppern. Genauso wie es sich anhört, wenn Eisen schwer gegen Eisen gewuchtet wird. `Wir sind eingesperrt!`, ruft die Oma erschrocken.“ (S.36) „Dort … ist jetzt zu lesen: `Versuchsgelände. Flucht zwecklos, beim Berühren von Tor und Zäunen Stromschlaggefahr!“

Verhungern müssen die drei nicht. So viel sei verraten.

Aber wer sind Vera12 und Maximilian 8? Wozu ist das blaue Licht da, das das gesamte Gelände in ein mystisches Leuchten taucht?  Wo ist Thomas geblieben?

Ich habe ab diesen Seiten das Buch nicht mehr aus der Hand gelegt. Ein Kinderkrimi blättert sich vor mir auf, kriminalistisch durchdacht.

Es ist nicht leicht für einen Autor, den letzten Teil noch ebenso interessant zu gestalten wie den ersten. Peter Hoffmann gelingt dies erstaunlich gut, denn er vermittelt in allen vier Bänden eine zentrale Botschaft:

Ohne den Einsatz jedes Einzelnen kann es nicht gelingen, Umwelt für nachfolgende Generationen lebenswert zu erhalten. Bei allem technischen Fortschritt kommt es zuletzt auf die Kraft der Menschen an, die diese Technik bedienen. Sie kann zum Guten und zum Schlechten verwendet werden.

Der Autor Hoffmann greift ein zentrales Thema unserer Zeit auf: Nur, wenn es gelingt, Wälder zu erhalten und Tieren ihren Lebensraum nicht zu nehmen, können wir atmen und leben. Den Kindern spricht Peter Hoffmann eine besondere Sorge zu. Die gemalten Bilder dieser auch in diesem Band, vermitteln die Begeisterung, mit der alle beim Entstehen der Geschichte bei der Sache waren.

Die „Jette“-Geschichte ist am Ende angekommen. Grund genug, wieder einmal in Band eins zu lesen. Denn jedes Buch steht für sich genommen mit einer abgeschlossenen Rahmenhandlung.