Rezensionen 2022

Gedanken zum Buch

Deutschland, hörst du mich?

von Hussain Saberi

erschienen 2021 dorise-Verlag

ISBN: 978-3-946219-52-1




von Christa Beau


Die Meinungen in der Bevölkerung unseres Bundesstaates gegenüber Flüchtlingen sind sehr verschieden. Während sie von den einen abgewertet und schlecht behandelt werden, reichen andere die helfende Hand, bieten Ausbildungsplätze zum Erlernen eines Berufes und somit die Möglichkeit, Geld zu verdienen.

Warum kommt ein Mensch aus einem fernen Land nach Deutschland? Warum setzt er sich einer gefahrvollen Reise aus?

Hussain Saberi, ein junger Mann von 22 Jahren, wurde in Afghanistan geboren.

Er schreibt:

„Solange ich denken kann, ist Afghanistan ein unsicheres Land, ein Kriegsland.“

Begegnet bin ich ihm im Oktober 2021 bei einer Lesung, organisiert durch den Pelikan e.V., in der Magdeburger Zentralbibliothek.

Es war nicht das erste Mal, dass ich einem jungen Flüchtling gegenüber saß, der von seinem Leben auf einem anderen Kontinent dieser Erde erzählt.

Mit einem Team des Schulprojektes „Verrückt! Na und! Seelisch fit in Schule und Ausbildung“ gehe ich seit vielen Jahren in die Schulhäuser. Wir schauen bei solch einem Projekttag auf die Seele der Schüler, sprechen über Gesundheit, psychische Krankheiten, zeigen Möglichkeiten der Hilfe auf, wenn das Empfindungsleben einmal verletzt oder gestört ist.

In den letzten Jahren traf ich dort auch junge Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, dem Sudan und anderen Ländern. Die Schüler erzählten von Bomben, die neben ihnen ins Wohnhaus eingeschlagen waren, von Träumen, wo Menschenteile im Blut liegen oder dem Vater, der auf der Überfahrt mit dem Schiff durch Misshandlung ums Leben kam.

Diesen Traumata stehe ich oft hilflos gegenüber, fühle Ohnmacht und weiß, die Hilfe, die wir anbieten, reicht nicht.

Als Hussain Saberi vor den Zuhörern auf dem Podium saß, begann er konzentriert seine Geschichte vorzulesen.

Während des Lesens spürte ich deutlich: Er ist wieder in Afghanistan. Messer ritzen seine Oberarme auf, er fühlt den Lauf einer Kalaschnikow an Kopf und Bauch, sieht wie Vater, Mutter und die Geschwister von den Taliban vertrieben werden. Er denkt an seinen Bruder, der im Frühjahr dieses Jahres, nach der Flucht in den Iran, auf offener Straße mit mehreren Messerstichen ins Herz getötet wurde. Er war erst achtzehn.

Der junge Autor muss die Lesung abbrechen. Eine ihm vertraute Person liest den Text weiter.

Was hat er, Hussain, getan?


In seinem Buch lässt er uns wissen, wie er als junger Afghane versuchte sein Traumstudium in der Richtung „Computer Science“ in Kabul, achtzehn Autostunden vom Wohnort entfernt, zu absolvieren. Weil er ein Hazara ist, eine abgewertete Minderheit in Afghanistan, wurde er ausgegrenzt und musste aufgeben. Trotz bester Noten kehrte er zurück zu seiner Familie. Um nicht untätig zu sein, unterrichtete er Freunde und Nachbarn in der englischen Sprache. Dafür sperrten ihn die Taliban ins Gefängnis und folterten ihn.

Sein Vater meinte: „Du musst weg. Du bist hier deines Lebens nicht mehr sicher. Die Grenze nach Europa ist offen. Geh nach Europa. Das ist deine einzige Chance.“

„Vater, wie kann ich weggehen? Ich habe meine Familie hier, ich will bei euch bleiben, bei dir, bei Mutter und meinen kleinen Geschwistern.“

„Du musst gehen.“

Die Flucht war qualvoll. Zu dritt eingepfercht in dem Kofferraum eines Taxis, in einem völlig überfüllten Schiff vom Iran über die Türkei zur griechischen Insel Lesbos, dann Athen, Mazedonien und in langen Fußmärschen Richtung Ungarn, Österreich, bis nach Deutschland. Misshandelt, hungrig, frierend und jede Nacht das Sterben in den Fängen der Taliban im Kopf, im Herzen die Sehnsucht nach der Familie.

In München angekommen, wurde er, damals siebzehnjährig, in einer Auffangstation mit weiteren jungen Ausländern aufgenommen. Sein Leben als Flüchtling in Deutschland begann.

Von nun an ist er ständig auf der Suche nach einem Ort und den Menschen, die ihn so akzeptieren, wie er ist.

Ein Heim in Loburg wurde für ihn bis zum achtzehnten Lebensjahr sein Zuhause.

Nicht immer waren die Begegnungen mit den Deutschen angenehm.

„...denn eines Abends wurde ich dort von einem Betrunkenen mit einer Waffe bedroht.“

Danach bezog er eine Wohnung im Ihletal in Burg.

Zu seinem Hauptschulgang, den Hussain absolvieren musste, gehörte ein Praktikum. Mit der Bürokratie der Deutschen erhielt er dieses in der Burger Bibliothek.

„Endlich kann ich mit meinen besten Freunden, den Büchern, wieder zusammensein.“

Die Leiterin, Frau Obieglo, stand von nun an helfend an seiner Seite. Sogar in der Zeitung wurde ein Foto abgedruckt mit der Bibliothekarin, ihm und seiner Praktikumsarbeit.

Als er davon per Telefon dem Onkel, der mittlerweile mit der Familie in den Iran geflüchtet war, stolz erzählte, wusste Hussain, er muss aufpassen, was er von seinem neuen Leben preisgibt.

„Wie kannst du dich mit einer Frau ohne Kopftuch fotografieren lassen! Das ist gegen unsere Religion. Damit bist du raus! Du gehörst nicht mehr dazu“, so der Verwandte.

Hussain gehörte nicht mehr zu seinem Volk, den Afghanen, aber auch nicht zu dem der Deutschen.

Betrunkene warfen Bierflaschen nach ihm, schlugen ihn ohne jeglichen Grund ins Gesicht.

Hussain erinnert sich: Ein Mann „war wie ein wildes Tier oder wie ein Taliban, die mir den Arm ausgekugelt haben und mich mit Messerstichen verletzt hatten.“

Beistand und Hilfe kam nicht von den Behörden, nicht von der Polizei.

Sätze wie: „Du bist aus Afghanistan, da nimmt man es mit der Wahrheit sowieso nicht so genau.“ Oder: „Afghanistan? Ich habe die Nase voll, wenn ich das schon höre...“, ließen ihn an der Menschlichkeit in unserem Land zweifeln.

„Seit ich in Deutschland bin, empfinde ich immer wieder diese Kälte, wie eine Mauer aus Eis um mich herum,“schreibt er.

Warum diese Kühle der Deutschen? Ich glaube, ich kenne einen Teil der Antwort. Zu viele Flüchtlinge kamen auf einmal nach Deutschland. Nicht jeder von ihnen hat ein gutes Herz wie Hussain Saberi, nicht jeder diese Grundbildung. Ihre Gewohnheiten, Rituale sind anders als die der Deutschen. Es gab Vergewaltigungen, Messerstecherei, Kämpfe innerhalb der verschiedenen Völkergruppen. Das schafft Unsicherheit, stumpft ab.

Kraft und Mut holt sich Hussain Saberi aus dem Gestern, den Gedanken an seinen Vater.

„Mit meinem Vater bin ich oft in der Dämmerung in die Berge gegangen, um nach Sternen zu sehen“, erinnert er sich.

Einmal sagte er: „Sei vorsichtig mein Sohn, stelle dich nie über andere. Auch wenn andere dich schlecht behandeln, vergib und vergiss. Nutze stattdessen deine Kraft, den Menschen zu helfen.“

Der junge Mann kann auch gute Erfahrungen machen, das bessere Deutschland kennen lernen. Das, was ich Heimat nenne.

Er bekam die Möglichkeit für eine Reise nach Frankreich, wurde Mitglied des Burger Autorenkreises, der ihn immer wieder ermutigte, seine Geschichte, die Gedanken, Empfindungen und Erlebnisse aufzuschreiben.

Hussain, mit seinen Mandelaugen. „Damit möchte ich die Welt sehen, wie du (Er meint die Autorin Brigitte Reimann.), und ich habe das Gefühl, ich schaffe das.“

Die Burger Schreibrunde, das sind Menschen, die Hussain nahe stehen. So wie ich, nachdem ich seine Geschichte gelesen habe. Es sind Menschen, die unser Land reich machen, die halfen, das Buch zu gestalten.



Die Abschlussgedanken von Stefanie Obieglo lassen einen Schauer über den Rücken laufen.

„In Afghanistan werden die Hazara verfolgt, weil sie Shiiten sind, im shiitischen Iran sind sie die „verhassten“ Afghanen.

„Daran zu glauben, dass die Taliban heute gemäßigter als vor zwanzig Jahren sind, ist realitätsfremd.“

„Es wird gemordet und gebrandschatzt wie eh und je.“

„Es ist wie Siba Shakib vor neunzehn Jahren schrieb: Nach Afghanistan kommt Gott nur zum Weinen.“


Die bunten Fotos, die im Buch zu betrachten sind, bringen mir Hussain Saberi und seine Liebe zur Heimat optisch nah. Ich wünsche ihm von Herzen, dass er sich hier in Deutschland zu einem wissenden, selbstbewussten Mann entwickeln kann und einmal seine Familie wieder findet.


Ich teile die Ansicht des österreichischen Schriftstellers Ernst Ferstl:


„Solange uns die Menschlichkeit miteinander verbindet, ist es völlig egal, was uns trennt.“



*Die Texte in Kursivschrift sind Zitate aus dem Buch.



Ein Buch zum Erinnern: "Bitterfeld und sein Bahnhof",

zusammengestellt von Peter Hoffmann


Ein Buch über den Bitterfelder Bahnhof hat der Friedersdorfer Schriftsteller Peter Hoffmann zusammengestellt. Gelungen ist ihm ein außergewöhnliches Werk. Denn es spiegelt nicht nur die chronologische Historie des Bahnhofs, sondern es ist auch ein Abriss über drei Jahrhunderte Zeitgeschichte.


Chronologisch aufgeschlüsselt, schreibt er im Text „Zum Anliegen dieses Buches“: „Dabei soll es nicht nur um nüchterne geschichtliche Fakten gehen, sondern vor allem um die Menschen: Jene, die vom Bitterfelder Bahnhof aus zur Arbeit, in den Urlaub oder zu einem Verwandtenbesuch fuhren, die ihr Fahrrad morgens im Fahrradschuppen abgaben, in der Bahnhofshalle auf die Ankündigung ihres Zuges warteten oder zu Feierabend noch auf ein Glas Bier in die MITROPA einkehrten. Und es soll auch von jenen die Rede sein, die hinter den Fenstern der Fahrkartenausgabe diese Reisewünsche entgegennahmen, die als Aufsicht auf den Bahnsteigen mit Kelle und Pfeifton die Zugabfahrten freigaben oder auf den Stellwerken die Weichen für eine sichere Reise stellten.“ (S.11)


Beginnend mit „Der Bahnhof und seine Entwicklung von Anfang an“ zitiert der Autor aus Schriften von 1855, dass die Eisenbahn von Dessau über Bitterfeld im Frühjahr 1856 geplant ist.

Im Zuge der industriellen Revolution wurde der Standort Bitterfeld prägend als Bahnknotenpunkt und „… konnte durch die reichlichen Braunkohlevorkommen in der Umgebung … kurze Transportwege und billige Energie beides bieten...“ (S. 32)

In den Jahren von 1910 bis 1930 wurde das Reichsbahnkraftwerk Muldenstein umso wichtiger. Erst 1994 erfolgte die Stilllegung. (S. 42/43)

Im 1. Weltkrieg von 1914 bis 1918 brachte der Bahnhof, mittlerweile ausgebaut mit sechs Gleisen, viele Soldaten an die Front. Für die meisten wurde es ein Abschied für immer. So beschreibt es die Zeitzeugin Hedwig Spillner, Jahrgang 1896, über ihren frisch angetrauten Ehemann, einen jungen Lehrer.


In dieser Zeit wuchs: „… Trotz des allgemeinen kriegsbedingten Mangels … der Bedarf an Transportkapazitäten… Die Chemischen Werke arbeiteten auf Hochtouren. Auch der Bedarf an elektrischen Strom wuchs, was neue Anforderungen an den Transport von Kohle nach sich zog.“ (S. 45)


Auf den Seiten 55 bis 58 beschreibt der Autor Peter Hoffmann seine eigenen Erfahrungen als 20jähriger junger Eisenbahner. Obwohl er in dem Beruf letztendlich nicht seine Bestimmung fand, lässt er im Buch ab und zu eigene Erinnerungen einfließen. Das liest sich spannend, und bringt dem Leser bzw. den Lesern nahe, wieso sich dieser Schriftsteller gerade diesem Thema eindringlich widmet.

Auch andere Chronisten haben viel über den Bahnhof zusammengetragen. „Die Entstehung des Eisenbahnknotenpunktes Bahnhof Bitterfeld“ wurde vom Stadtarchiv Bitterfeld 1988 herausgegeben.


Das Kapitel „Während der dunklen Zeit“ beschäftigt sich mit dem 2. Weltkrieg. Zeitzeugenberichte, die erschütternder nicht sein können, beschreiben Einzelschicksale. Diese stehen symptomatisch für Viele. Ein Foto auf S. 98 erinnert an den Bunker neben dem Bahnhof.

Auf den folgenden Seiten geht es akribisch genau um die verschiedenen einzelne Bereiche des Bahnhofes in der DDR-Zeit. Für Nichteingeweihte in Abkürzungen und Betriebsabläufe des Bitterfelder Bahnhofs, beschreibt Peter Hoffmann diese ausführlich und verständlich. Mir half dies beim Lesen , denn ich kenne mich sonst nicht in Bahnhofsdingen aus.


Im November 1977 kam es zum verheerendsten Unglück, der Kesselexplosion. Es waren 9 Tote und 45 verletzte Reisende zu beklagen. Die Zeitzeugenberichte lesen sich wie ein Horrorroman.


Weiterhin geht es auf den Seiten 176 bis 258 in verschiedensten Kapiteln um „Brücken“, die „Fahrkartenausgabe“, die „Gepäckabfertigung“, den „Fahrradschuppen“, die „Zugauskunft“, den „Fahrplandienst“, das „Bahnbetriebswerk“, den „Rangierdienst“, den „Güterboden“ und die „Sozialen Belange der Beschäftigten“. Die entsprechend eingefügten Zeitzeugenberichte geben einen fundierten Einblick in die einzelnen Arbeitsbereiche, lockern die trockenen Fakten auf und bringen in persönlichen Erlebnissen auf den Punkt, was die Arbeit im Bitterfelder Bahnhof persönlich bedeutet. Sie filtern die tatsächlichen Arbeitsaufgaben in den Bereichen des Bahnhofs.


Die sprichwörtliche Eisenbahnromantik wird durch die genauen Recherchen von den verschiedensten Seiten her beleuchtet. Auch der weltbekannte Spruch: „Seh`n wir uns nicht auf dieser Welt, dann seh`n wir uns in Bitterfeld“ wird mit einem Augenzwinkern eingefügt. Peter Hoffmann ist es zu danken, dass ein umfassendes Bild des Bahnhofs entsteht. Eine Arbeit, die dem Autor innerhalb kurzer Schreibzeit viel abverlangt hatte. Dennoch liest sich der Text durch seine meisterhafte Erzählkunst spürbar leicht und interessant.


Ich bin Nutznießerin des Bahnhofsbetriebes in meiner Heimatstadt Halle und zu Reisestädten. Denn wir verfügen über kein Auto und fahren deshalb immer noch mit dem Zug in den Urlaub, zu Besuchen bei Freunden oder zu Lesungen. Stehe ich am Bahnsteig, erfasst mich immer wieder eine Reisevorfreude mit klopfendem Herzen.


Dass dieses Buch seine Leser erreichen kann, ist ebenso Annegret Hoffmann (organisatorische Unterstützung), Melanie Ludolf (Archiv der Stadt Bitterfeld), Cora Pröschold (Archiv Kreismuseum Bitterfeld), Klaus Hiltrop (ehemaliger Bahnhofsvorsteher), Uwe Holz (Kulturamtsleiter Landkreis Anhalt-Bitterfeld und Eisenbahnenthusiast) sowie Horst Kühnel (ehemaliger Brigadevorsteher des Bahnhofs Bitterfeld) zu danken.

Herausgeber ist der Förderkreis für Städtepartnerschaften der Stadt Bitterfeld e.V.. Dieses Buch wurde durch die Partnerschaft für Demokratie der Stadt Bitterfeld-Wolfen „Stadt mit Courage leben!“ und mit Mitteln des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ gefördert und gedruckt.



Annegret Winkel-Schmelz