Neue Texte Frühling 2021

Liebe Schreibfreunde,



Da aus bekannten Gründen weiterhin keine Schreibrunden mit persönlicher Begegnung stattfinden können, richten wir ab März 2021 monatliche Seiten ein, auf denen wir Texte präsentieren. Falls gewünscht und genutzt, werden auch Meinungen zu den eingesandten Arbeiten veröffentlicht.





Das Hallenser Page Team Ralf Margraf und Petra Taubert

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Samira Bäger



Von Schmetterlingen und Seifenblasen



„Schmetterlinge und Seifenblasen sind das Gleiche. Sie fliegen und sehen in der Sonne schön aus.“

„Nein, natürlich sind sie nicht das Gleiche.

Ich bin ja auch kein Pinguin nur, weil ich auf zwei Beinen laufe. Und der Hund deiner Schwester ist auch nicht die Katze deines Nachbarn, nur weil es beides Haustiere sind. Und dein Nachbar ist auch nicht mein Blumentopf, nur weil beide den ganzen Tag am Fenster stehen.“

„Dann sind schwarze und weiße Menschen aber auch nicht das Gleiche.“

„Doch, das sind sie.“

„Vorhin hast du über unterschiedliche Lebewesen und Gegenstände gesprochen, jetzt sprichst du über Menschen.“

„Aber Mensch ist auch nicht gleich Mensch, wenn Schmetterlinge keine Seifenblasen sind.“

„Doch. Mein pinker und mein grüner Bleistift sind trotz unterschiedlicher Farben zwei Bleistifte. Und zwei Glasflaschen sind immer noch zwei Glasflaschen, wenn du sie anmalst. Mein graues und mein braunes Kaninchen sind trotzdem zwei Kaninchen.“

„Das macht keinen Sinn, was du erzählst.“

„Oh und ob es Sinn macht, du solltest einfach …“

Die Tür ist bereits ins Schloss gefallen.

Dann hab ich die Diskussion wohl gewonnen.




Mechthild Börner



Treibgut



Ich treibe zusammen und wieder auseinander mit anderen zu neuen Ufern. Dann zieht die Strömung uns dichter und dichter zusammen. Wir hängen eng aneinander, bilden eine riesige Insel. Berge türmen sich auf und Täler. Das Meer durchströmt uns und teilt uns auf. Erst trennen uns nur schmale Spalten von Meeresflüssen durchzogen. Dann werden es Seen bis das Meer uns ganz auseinander treibt. Es entstehen selbständige Inseln, die sich in alle Richtungen verteilen. Wir verlieren uns bald aus den Augen. Inseln aus Gestein dagegen sind mit dem Meeresboden verbunden, haben einen festen Halt. Auch wenn die Wellen sie umspülen, halten sie ihnen lange Zeit stand. Harte Felsen widerstehen wütenden Stürmen. Unbeugsam recken sie sich in den Himmel bis in schwindelnde Höhen, wo Schnee und Eis vorherrschen und die Luft dünner wird. Wir dagegen schwimmen nur an der Oberfläche, haben kein festes Gefüge, bestehen aus vielen kleinen Teilen. Ich bin nur eines von vielen Plastikstücken. Das Meer hat mich völlig abgeschliffen, immer kleiner gemacht. In jedem Moment können wir wieder auseinander treiben. Es bleibt keine Zeit, uns genauer kennen zu lernen und engere Beziehungen einzugehen. Was sollen wir dem riesigen Ozean entgegensetzen? Er treibt uns auseinander, reißt uns in Stücke, drückt uns zusammen mit aller Gewalt bis wir uns ungewollt gegenseitig zerstören. Wir sind sein Spielball, hilflos und schwach. Nichts können wir dagegen tun, müssen alles ertragen. Ich verliere immer mehr von meiner Substanz. Wie kann ich mich schützen vor dem Verlust meines Selbst? Ich suche etwas Festes, einen Halt, den kann ich nur an Land finden. Einst wurde ich aus den Tiefen der Erde gefördert, wo ich Millionen Jahre ruhte, dann mit anderen Stoffen fest verschmolzen zu einem Behälter, den man wiederum mit Öl als Treibstoff füllte. Auf ein Schiff wurden wir verladen, das später sank. Wir lagen lange auf dem Meeresgrund, wo ein hoher Druck auf uns lastete. Eines Tages fraßen sich Löcher in unseren Mantel. Sie wurden immer größer und immer mehr. So dass wir das Öl nicht mehr halten konnten. Es floss aus uns heraus und verdrängte das klare Wasser. Wir befanden uns in einer riesigen Ölwolke. Nach einer sehr langen Zeit trieben wir von einem Sturm getragen weit in die Tiefen des Ozeans hinaus. Das Öl verteilte sich mehr und mehr. Wir rochen erstmals die salzige Gischt. Ein neues Lebensgefühl entstand. Damals war ich noch ein Teil des Fasses unzertrennlich mit allen Molekülen verbunden. Der feste Körper zerbrach, als wir mit Gewalt an eine Felsenküste gespült wurden. Ich floss mit dem Boden des Fasses davon. Das Meer arbeitete an uns, zerstörte den letzten Zusammenhalt, spaltete uns. Ein riesiger Hurrikan fegte über die Küste einer Insel und zerteilte uns in noch kleinere Stücke. Mich trieb der Sturm wieder ins Meer zurück. Ich vermisse die anderen Teile meines Selbst, habe meinen Ursprung verloren. Verzweifelt gleite ich über die Wellen. Was kann ich noch hoffen? Wo wird mich die Strömung hintragen. Ich sehe am Horizont einen leuchtenden Strand. Endet dort endlich meine Irrfahrt? Vielleicht gibt es einen Gott, der über Meer und Land herrscht und mich zurück in ein neues Leben trägt.




Petra Taubert



Gebeutelt



Wie eine Unruhe

fühle ich mich,

hin und her geworfen

im scharfen Wind,

obwohl ich rumhänge

in meinem Zimmer

seit Wochen schon,

fest gehalten

in wirren Träumen

auf der Suche

nach mir und

meinem Mut.




Gebeutelt



Wie eine Unruhe

fühle ich mich

hin und her geworfen

im scharfen Wind.



Hänge rum

in meinem Zimmer

seit Wochen schon!



Festgehalten

in wirren Träumen

suche ich

nach mir

und meinem Mut.




Gudrune Fabiola Hartmann



Zeitfiction



Während der Umstellung der Sommer auf die Winterzeit war ich ich letztes Jahr über den Wolken.
Das Flugzeug kam verwunderlicher Weise eine Stunde früher an. Die 60 Minuten sind wohl im Orkus unter gegangen. Aber vielleicht schweben sie auch noch über den Wolken? Ungeduldig wartend, dass sie wieder gebraucht werden. Ein halbes Jahr ist eine verdammt lange Zeit. Vor meinem geistigen Auge sehe ich sie schon mit den Füßen trampeln und höre sie mit den Zähnen klappern. Oh nein! Ich fühle nun sogar, wie sie sich an mir fest klammern. Es sind immerhin 60 große Zeiger. Dazu kommen tausende Sekundenzeiger, die sich an mir fest saugen wollen. Sie flüstern unentwegt
"Du wirst uns nicht mehr los. Wir werden nicht von deiner Seite weichen. Niemand kann sich vorstellen, was wir Jahr für Jahr durch machen. Und diese Kälte hier oben." Plötzlich höre ich ein Geräusch, das an Lautstärke interwallartig zunimmt. Was kommt gerade auf mich zu? Sind es noch mehr Zeiger oder gar ganze Uhren. Mit Kirchtürmen dran? Das Geräusch klingt wie ein Fiepen. Ein Tier. Im Weltraum? Jetzt klingt es doch eher wie Piepen. Ein Vogel. Nanana, ich weiß, was ihr denkt. Mein Vögelchen hat Urlaub... Ich schrecke hoch. Es ist mein Wecker. Erleichterung. Dem Himmel sei Dank. Er hat mich erwachen lassen. ..
Ich freue mich, auf der Erde und nicht im Himmel zu sein.

Voller Hingabe, wenn auch nur im Traum, vollziehe ich einen gedanklichen Zeitsprung in die warme Jahreszeit. Wenn schon des Sommers zusätzliche Stunde über den Wolken verschwinden musste.







GELB


Alle warten auf den Frühling. Der April ist viel zu kalt.

Den Raps stört das nicht, er blüht.

Sein sattes Gelb erinnert mich an eine kleine Episode aus meiner Kindheit.

Wenn meine Oma mich fragte, aus welcher Tasse ich trinken will, wollte ich immer die Gelbe, nie eine andere.

Das Gelb zog mich magisch an.

Eines Tages sagte Oma zu mir, warum willst du eigentlich immer die gelbe Tasse?

Wir haben doch auch andere Farben.

Gelb ist der Neid!

Neidisch war und wollte ich keineswegs sein.

So ließ ich mir die anderen Farben erklären.

Rot ist die Liebe, Blau die Treue und Grün die Hoffnung.

Ich schwenke um auf Grün.

Bis heute vermeide ich es aus einer gelben Tasse zu trinken,

aber das satte Gelb des Rapses zieht mich immer wieder und jedes Jahr aufs Neue in seinen Bann.


Steffi O.

29.04.2021