Neue Texte 2022

Dorothea Iser


europa

tag zehn


der tag ist kalt

die hoffnung gefriert

irgendwo entfernt von uns

schlägt der tod herunter

wahllos und doch gezielt

auf uns alle

was tun

hände reiben sich aneinander warm

die eine gibt der anderen

was sie noch kann

beifall spenden kommentatoren




märz 2022


zuerst stirbt die wahrheit

heißt es vom krieg

aber das stimmt nicht

schon lange vorher

wurde sie erschlagen


wir irren

zwischen den fronten

kämpfer auf der suche

nach einem weg



vorboten


gelb schwefelt der himmel

die sonne wacht blauäugig

über erstes grün in den zweigen

die winde entfliehen heulend

dem großen sturm

meine zeit vertickt im schweigen

Herbert Beesten


Wie fing ES an? (im Februar/März 2022)


2023 oder erst 2026

werde ich ES der Enkelin erzählen

ja, so fing ES an

sie wird fragen

wusstest du

damals

dass ES da anfing

ich werde ihr sagen

dass ich ES damals noch nicht wissen konnte

dass ES gerade angefangen hat

sie wird fragen

hat DAS nie ein ende

dass man nicht weiß

dass ES anfängt

wie ES anfängt

wer anfängt

immer erst später weiß

wann ES angefangen hat

wie ES angefangen hat

wer angefangen hat

hört DAS denn nie auf

wie lange musstest du warten

bis du wusstest

dass ES genau da angefangen hat

ich werde antworten

überstehen wir diesen KRIEG

dann werde ich dir sagen

wann und wie ES anfing

sie wird fordern

aber dann sagst du mir genau

wann, wie und wo ES anfing

ich werde bitten

komm du aus dem KRIEG zurück

nur dann werde ich ES dir sagen

an einem tag wie heute

ES hat nie aufgehört immer wieder anzufangen



z.B.: Liste der Militäroperationen Russlands und der Sowjetunion – Wikipedia

Liste der Militäroperationen der Vereinigten Staaten – Wikipedia












Dorothea Iser



eisblumen


auf meiner wiese blühen worte

manche duften

andere summen

sie durchtanzen gedanken

reihen sich aneinander

steigen mir zu kopf

lärmen und drängen hinaus


das leben ist bunt

komm mit uns rufen sie

ich spüre schon frost

in meiner nacht

schließe das fenster erschöpft

am morgen sehe ich

blasse gesichter

an den scheiben glitzern





Petra Taubert


Singen im März

2022


Tief einatmen

und gurgeln,

u und a und i und o

Wasser aufwirbeln

im Glas mit Deckel und Trinkhalm.

Stimmbänder lockern.


Es klingt ulkig, bringt mich zum Lachen.

Mut ansingen,

Kraft schöpfen,

Krieg, in meinem Leben -

war immer anderswo.

Bisher.

Petra Taubert


I'm from Ukrane

(Ich bin aus der Ukraine)


I need to go to Berlin

wiederholte sie in der Regionalbahn.

Die Schaffnerin versuchte,

zu erklären, in welcher Stadt

sie umsteigen muss.

Kurz vorm Aussteigen

schlüpfte sie in ihren Mantel,

zog die Kapuze hoch und tief ins Gesicht, als wollte sie sich verstecken.

Sie versuchte,

den Fahrplan zu lesen

auf dem Bahnsteig in Burg.

Da drüben, sagte die Schaffnerin. Downstairs and upstairs,sagte ich.

Wir liefen gemeinsam rüber.

In einer halben Stunde

fährt der Zug nach Berlin,

zeigte ich ihr auf dem Fahrplan.

Sie machte ein Foto.

Kaum traute ich mich zu fragen,

aus welcher Region sie kommt.

Ich stamme aus Kiew,

es war schrecklich da.

Tränen schossen in ihre Augen,

es war schlimm, ich konnte nicht bleiben. No friends here, alone, doch,

eine Freundin in Berlin,

die vorher floh mit ihrem Kind.

You helped me a lot, sagte sie

und wünschte mir

einen guten Aufenthalt im Dorf.

Ich wünschte ihr,

dass der Krieg bald endet,

der sie weg trieb aus ihrer Heimat. Niemand sollte fliehen müssen vor Bomben und Raketen.



I need to go to Berlin

(Ich muss nach Berlin)

Downstairs and upstairs

(Treppe rauf und Treppe runter)

You helped me a lot

(Sie haben mir viel geholfen)

7. März 2022


Christa Beau


Krieg


Donnerstag, der 24. Februar 2022.

Ich sitze im Wohnzimmersessel, stricke an einer Socke und mache mir nebenbei Gedanken, wie die Geschichte oder der Text aussehen könnte, der unter dem Thema „Am Wasser“ im nächsten Kaleidoskop erscheinen soll. Kaffee duftet neben mir, meine Katzen schnurren vor den Füßen. Ein ganz normaler Tag.

Die Fernbedienung liegt auf dem Tisch.

‚Mal schauen, was es Neues gibt in der Welt‘, denke ich. Schon flimmern Nachrichten über die Mattscheibe.

Nach wenigen Minuten ist nichts mehr so, wie es einmal war.

Krieg in Europa. Die Russische Armee ist in die Ukraine eingefallen. Das Wort Krieg kriecht wie eine Schlange über den Rücken. Ich halte für einen Moment den Atem an und spüre plötzlich Angst. Tränen fließen.

Obwohl der Krieg weit weg ist, ist er doch nah.

Die Erzählungen meiner Oma, die zwei Weltkriege überlebt hat, sind wieder da.

Ich weiß, es wird Tote geben, nicht nur Ukrainer, auch Russen. Junge Männer, Väter, Großväter. Unendliches Leid wird die Zukunft für Kinder, Mütter, Großmütter bringen.

Wenn ich daran denke, dass nukleare Waffen zum Einsatz kommen könnten, weiß ich, der Krieg findet vor meiner Haustür statt.

Ich hoffe, dass die Politiker auf allen Seiten wissen, dass es dann keine Gewinner geben kann, nur Verlierer.


Donnerstag, der 17. März 2022.

Noch immer wütet der Krieg. Millionen Ukrainer fliehen aus ihrem Land. Sie sind in meiner Heimatstadt angekommen. Viele von ihnen wurden von deutschen Familien aufgenommen. Mein Neffe hat die obere Etage seines Hauses für Flüchtlinge eingerichtet.

Bilder von Gebäuden, die von Bomben zerstört wurden, Menschen, zusammengedrängt in Kellern und U-Bahnschächten, Panzer, Bombeneinschläge und immer wieder Ukrainer auf der Flucht zeigen die Reportagen.

Berührende Schicksale, die tief in mich dringen und bis in den Schlaf verfolgen, gehören nun zu meinem Alltag.

Ich sehe vor mir die Mutter, die weinend aus dem ausgebrannten Haus ein wenig Hab und Gut retten will, den Vater, der seine zehn Kinder und die Ehefrau zur polnischen Grenze fährt und doch zurückbleibt, um seine Heimat zu verteidigen, die gebärende Frau, die inmitten von Trümmern ihr Baby zur Welt bringt,

Nahe geht mir das Schicksal von 150 Babys, die in der Ukraine von Leihmüttern geboren wurden. Sie liegen nebeneinander in Glasbettchen, warten auf ihre Eltern, die aus vielen Ländern kommen sollten. Ihre ersten Schreie trafen in eine Welt, die keinen Platz hat für Geborgenheit, Fürsorge und Liebe. Der Krieg tötet überall.

Ein Theater mit mehr als 1000 Zivilisten, die Schutz suchten, wurde in Schutt und Asche gelegt.

Das Leiden und Sterben wird von Tag zu Tag größer.

Die Welt ist empört.

Wie kann man Putin und seine Generäle stoppen?


Donnerstag, der 31. März 2022

Das Sterben hört nicht auf. Putins Soldaten morden, vergewaltigen und zerstören.

Jeden Tag treffen mich tief die Bilder und Berichte aus den Kriegsgebieten. Der Flüchtlingsstrom nimmt kein Ende. Ich fühle Hilflosigkeit, denn meine Möglichkeiten ihnen beizustehen sind begrenzt.

Viele Menschen aus ganz Deutschland reichen die unterstützende Hand. Auch von der Regierung wird getan, was ausführbar ist. Sanktionen, die für unser Land Verluste bringen werden, wurden verhängt, Kriegsmaterial geliefert und verschiedene Güter des täglichen Bedarfs verschickt.

In meiner Familie hat eine Ukrainerin mit ihrem 15-jährigen Sohn Unterkunft gefunden. Sie werden von uns unterstützt, wo es nötig ist. Anmeldungen sind erforderlich, Wohnungen zu besichtigen.

Oksana, die Mutter, musste auf der Flucht operiert werden und erhält hier in Halle die nötige weitere medizinische Versorgung. Erst zahlten wir alles persönlich für sie. Doch nun übernimmt der Staat diese Hilfe.

Viele Tage sind beide auf der Flucht gewesen. Von Donezk über Odessa und Rumänien nach Deutschland. Menschen ermordet auf Straßen liegend, Kinder verstümmelt, Häuser zu Schutt und Asche bombardiert und immer die Angst von Bomben oder Kugeln getötet zu werden, begleitete ihre Flucht. Das, was Russen als Inszenierung, Schauspielerei abtun.

Die Familie hilft beiden sich hier in meiner Heimatstadt einzugliedern.

Die sprachliche Verständigung funktioniert. Die Ukrainer sprechen kein Deutsch, wir nicht ihre Sprache. Doch das Smartphone mit seinem Googleübersetzer lässt uns diese Barriere überwinden.

Morgen wird Dennis, mein Neffe, sie in eine kirchliche Gemeinde fahren, denn sie sind gläubig.

Bald werden es beide geschafft haben, ein eigenständiges Leben zu führen.

Viele Organisationen, Vereine, Gesellschaften bitten um Geldspenden. Bei solchen Spenden habe ich oft ein ungutes Gefühl, weil ich nicht weiß, ob das Geld dort hingelangt, wo es ankommen sollte. Aber für Oksana und ihren Mischa bin ich gern bereit zu geben.

Manchmal höre ich Meinungen, die Putins „Militärische Operation,“ wie er diesen Krieg nennt, rechtfertigen sollen. Dann sehe ich die Massengräber, die weinenden Menschen, die schwer verletzten Kinder vor mir. Für mich gibt es kein einziges Argument, was diesen Krieg als berechtigt erkennen lässt. Er ist ein Verbrechen. Putin gehört als Kriegsverbrecher auf die Anklagebank!!




Haiku


von Christa Beau



Bomben
über Ruinen brennt
der Himmel


Orkanböen
hinter Fenstern
Sofawärme



Im Wartezimmer

ich stricke die Zeit

in eine Socke



Sturm

ein Mann im Wettlauf

mit dem Hut




Märchen schreiben

ich finde mich

zwischen den Zeilen

Angelika Schirmer
Juni 2022


Schreibblockade


Ich kann nicht mehr schreiben, schon lange nicht mehr.
Ich verstecke meine Ängste, Sehnsüchte, Hoffnungen und Freuden in mir.
Früher half es mir, das Schreiben. Es hat mein Leben gerettet. Es hat für Klarheit
gesorgt. Es hat geholfen, Entscheidungen zu treffen. Es hat mich akzeptieren gelehrt.
Das Schreiben hat mich zu mir gebracht. Und jetzt?
Ja, ich bin meiner selbstsicher. Ich nehme mich so an, wie ich bin. Das war nicht
immer so.
Ich danke jedem Tag, was er mir schenkt.
Mein größter Gewinn ist, ich habe meine Wut und Eifersucht im Griff.
Und trotzdem kämpfe ich jeden Tag mit Traurigkeit, Einsamkeit.
Nur, wer will es hören? Wen interessiert es? Wer kann oder will mir helfen?
Ein Sprichwort sagt: Jeder hat seinen eigenen Rucksack zu tragen.
Doch ich habe ein Ventil. Geht es mir schlecht, wollen die grauen Geister wieder
Besitz von mir ergreifen, dann gehe ich raus.
Jetzt, in dieser schönen Zeit, setze ich mich auf mein Rad, mit einem Buch in der
Tasche, fahre los, meist in den Herrenkrugpark. Sobald ich auf dem Sattel sitze und in
die Pedalen trete, beginnt der Druck in mir zu schwinden. Nach einer Weile atme ich
leichter und der Kopf wird freier.
Ich fahre vertraute Wege, erkunde neue, raste auf der immer gleichen Bank, nehme
das Buch, lese.
Dann fahre ich weiter und genieße diese wundervolle Auenlandschaft.
Eigenartig! Da brauche ich niemanden. Ich will allein sein. Auf menschenleeren
Wegen fühle ich mich am wohlsten.
Nach zwei oder drei Stunden fahre ich nach Hause, in meine Geborgenheit. Und
plötzlich fühle ich mich auch da nicht mehr allein.
Ist kein Fahrradwetter, dann laufe ich. Und auch da bin ich froh, mit niemandem
reden zu müssen.
Nach den Stunden des Innehaltens, des mich wieder auf meine Füße Stellens, freue
ich mich auf Begegnungen.
Wenn ich das Gefühl habe, erdrückt zu werden, weiß ich, wie ich mich befreien kann.