Mai Rezension

Annegret Winkel-Schmelz

"25 Jahre Fontane-Klinik“


Peter Hoffmann

Das Glück kann man lernen

Das Buch hilft, die Angst vor einem Tabuthema zu nehmen



Peter Hoffmann„Das Beste, dem du begegnen wirst, das werden die Menschen sein“, schrieb Theodor Fontane im Vorwort zu den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Dieses Zitat ist nicht von ungefähr einem Buch vorangestellt, welches in diesen Tagen unter dem Titel: „25 Jahre Fontane-Klinik“ erschienen ist. Es handelt sich dabei um die Festschrift zum Jubiläum der Psychosomatischen Fachklinik in Motzen mit ihren drei Fachabteilungen: der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen, der Psychosomatischen Abteilung und der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik.

Auf rund 150 mit zahlreichen Fotos versehenen Seiten im A4-Fomat findet der Leser in einer Mischung aus Chronik, Fachbuch und Erlebnisbericht einen Überblick über die Entwicklung dieser Klinik seit ihrer Gründung 1994. 

Persönliche Motivationen, humanistische Grundhaltung und das gleichberechtigte Miteinander von Mitarbeitern aus Ost und West seit Klinikgründung sagen etwas über den Geist der Zeit und wie er in einem solch relativ geschlossenen Klinikprojekt seine Umsetzung findet.

Unbedingt erwähnenswert ist die Tatsache, von wem diese Festschrift verfasst wurde: Annegret Winkel-Schmelz. Die Autorin war in den vergangenen Jahren wiederholt Patientin in der Abteilung für Psychosomatik. Sie ist sowohl Betroffene als auch durch ihr Engagement im Rahmen der Selbsthilfearbeit in ihrer Heimatstadt Halle jemand, der die Thematik der psychischen Erkrankungen von mehreren Seiten her zu betrachten vermag.

 Gudrun Urland, die Klinische Direktorin der Fachklinik, begründet die Vergabe des

Auftrages an die ehemalige Patientin mit den Worten: „Frau Winkel-Schmelz ist seit vielen Jahren mit der Fontane-Klinik verbunden. Sie besitzt die Fähigkeit nicht nur sachliche Fakten, sondern auch den Spirit, Stimmungen und Werte lebendig zu transportieren. Das war uns besonders wichtig.“

Es gelingt der Autorin, die Grundgedanken der Arbeit in Motzen nüchtern, wissenschaftlich und doch verständlich darzulegen. Das chinesische Sprichwort: „Willst du etwas wissen, dann frage einen Erfahrenen und keinen Gelehrten“, schlägt eine Brücke, die eine gemeinsame Ebene zwischen Therapeuten, Patienten und Angehörigen nachvollziehbar macht.

Viele Passagen des Buches sind dazu angetan, dem Leser die Angst vor dem Tabuthema „Psychische Erkrankung“, zu nehmen. Winkel-Schmelz geht sowohl auf Ursachen ein, die auch einen Hintergrund in der Gesellschaft haben können, als auch auf das in der Klinik praktizierte Prinzip der Ganzheit, wenn es um die Behandlung geht. Dabei spart sie ihre eigene Lebensgeschichte mit der Erkrankung nicht aus.

„Was wird nach dem stationären Aufenthalt in der geschützten Atmosphäre der Klinik?“ Man erfährt: Die Hoffnung des Personals liegt u.a. auf erworbenen Verhaltensänderungen und Eigenverantwortlichkeit der Patienten. Doch ist es damit geschafft? „Wer aufhört Fehler zu machen, lernt nichts mehr dazu“, zitiert Winkel-Schmelz Fontane in diesem Zusammenhang. Viele Betroffene werden wohl ihr Leben lang auf dem Weg der Heilung bleiben, ohne je ans Ziel zu gelangen. Aber wäre das ein Grund zu resignieren? Der Weg ist das Leben, mit allen Freuden, mit allen individuellen Besonderheiten und auch mit allen Unwägbarkeiten.

Würde Fontane heute durch die Mark Brandenburg wandern, stände sicher auch ein Besuch der Klinik in Motzen auf seinem Programm. Er würde mit Personal und Patienten ins Gespräch kommen, wie dies auch Annegret Winkel-Schmelz getan hat, und möglicherweise u.a. diese zwei seiner Aussprüche von damals bestätigt sehen: „Wer ein Ziel will, darf den Weg nicht scheuen, er sei glatt oder rauh.“ Oder: „Und ich habe einmal gelesen, man könne das Glück lernen. Das hat mir gefallen.“

 

dorise-Verlag

ISBN: 978-3-946219-46-0

16,80 Euro