Mai Neue Texte 1

Udo Rupp

Lebenskrisen


Umzug in ein neues Heim

Es wird gesagt: „zweimal umgezogen ist wie einmal abgebrannt.“

Oft bin ich nicht umgezogen.

Ich war bei der Armee, bei der Handelsmarine, habe mehrmals die Arbeitsstellen gewechselt.

Einmal hatte ich sogar für mehrere Jahre eine Nebenwohnung. In mein Zimmer im Hause meiner Eltern konnte ich jederzeit zurück. Später gehörte mir dann das Haus. Das Wohnzimmerbüffet meiner Oma steht heute noch dort. Sie hat es aus den Magdeburger Bombentrümmern gerettet. Deshalb hat es für mich einen hohen ideellen Wert.

Die Wohnzimmermöbel aus Eiche von meiner Mutter habe ich weiter benutzt.

Meine Mutter überzeugte mich kurz vor ihrem Tod: „Gib die Möbel nicht weg. Die sind wertvoll. Das sind Stilmöbel.“

So führen alle Sachen zu weiteren Erinnerungen.

Sechzig Jahre wohnte ich in diesem Haus. Habe mich sehr für die Geschichte des Ortes, des Hauses und seiner Bewohner interessiert.

Der materielle Wert ist verfallen. In unserer Wegwerfgesellschaft ist der billige Ramsch, hergestellt in Asien, interessanter, als überlieferte Werte aus uralter Zeit.

Ich muss lernen loszulassen. Nur Weniges kann ich in die neue Wohnung mitnehmen.

Mir fallen Sachen in die Hände, deren Wert ich mal sehr hoch einschätzte, und dann jahrelang nicht mehr beachtete.

Dinge, mit denen ich so viel vorhatte.

Gut verstaut liegen sie in Kisten und Kartons auf dem Dachboden.

Andere wichtige Dinge hatten Vorrang, von denen ich heute weiß, dass sie gar nicht so wichtig waren.

Nun bedauere ich, unwichtige Dinge getan zu haben und wirklich wichtige Sachen gar nicht beachtet zu haben.

Wie überall stellt sich auch hier die Frage: „Was wäre wenn?“ Ich finde Fotografien, lose in Briefumschlägen verstaut. Familienfotos von Vorbesitzern dieses Hauses. Auf einem ist ein junger Mann zu sehen, in Militäruniform aus der Kaiserzeit.

Aus Geschichten, die mir die alten barlebener Einwohner erzählt haben, weiß ich, das ist Gustav Wienecke. Er hat die Tochter des Hauseigentümers geheiratet und die Sturm- und Drangzeit im Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts erlebt. Was könnte mir dieser Mann alles erzählen.

Als er noch Kind war, ist Deutschland immer größer geworden, hatte sogar Kolonien in Afrika und im Pazifik. Weil dem Kaiser und seinen Industriebossen das immer noch nicht genügte, führten sie Deutschland in einen Krieg gegen die ganze Welt.

Gustav Wienecke überlebte diesen Krieg und erfuhr, wie Deutschland von den Siegermächten mit dem Versailler Vertrag gedemütigt wurde.

Nach dem ersten Weltkrieg arbeitete er in Barleben als Postbeamter.

Viele alte barlebener Bürger konnten sich sehr gut an ihn erinnern.

Mit der politischen Lage in Deutschland unzufrieden und von den lügenhaften Versprechungen der Weimarer Regierung enttäuscht, wählte auch er 1933 die Nazi-Partei in die Regierung. Das führte dazu, dass er als Postbeamter Mitglied der NSDAP werden musste.

Heute wissen wir, dass der verhängnisvolle Weg damit vorbestimmt war.

Es folgten die wahnsinnigen Gesetze der NS-Zeit und der Zweite Weltkrieg, der unsagbares Leid über die gesamte Menschheit brachte.

Zwar ist es Gustav Wienecke gelungen mit seiner Frau den zweiten Weltkrieg zu überleben.

Die Rache der Sieger überlebte er nicht. Wie alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder wurde er als Kriegstreiber verurteilt.

Er wurde von der sowjetischen Militäradministration 1945 in das Lager Buchenwald gebracht. Das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald wurde von den Sowjetbehörden noch jahrelang als Gefangenenlager weitergeführt. Niemand hat jemals wieder etwas von Gustav Wienecke erfahren. Seine Fotos sind das einzige, was von ihm übrig blieb.

Nun stehe ich vor der Entscheidung: „Was ist wichtig? Was und wie viel nehme ich mit in die neuen Wohnverhältnisse? Wer hilft mir bei der Erhaltung all der  wichtigen Dinge?“

Es bleiben nur Erinnerungen.

Mechthild Börner

Gedankensplitter                                              

 

Die Tiere

 

Was wissen wir über die Tiere? Wir beobachten sie. Aber wissen wir, ob auch sie uns beobachten, ob sie über uns reden oder lachen? Vielleicht erkennen sie Aspekte in uns, die uns selbst gar nicht bewusst sind, durchschauen und hinterfragen all’ unser Tun.

Wir bezeichnen sie als primitiv. Was wissen wir wirklich von ihren Fähigkeiten, wenn sie für unsere Sinne nicht zugänglich sind.

 

Gedankenkräfte

 

Wenn uns Gedanken umschweben wie dunkle Wolken, nehmen wir sie in uns auf, sind wir durch sie gefährdet. Sie sind vernichtend wie dunkle Mächte und können tödlich sein. Einen Strahl des Hasses senden sie in alle Herzen, die dafür empfänglich sind. Die Erde wollen sie zerstört sehen, frei von Menschen. Ein endloser Kreislauf des gegenseitigen hassens/tötens beginnt. Das können wir verhindern, müssen wir verhindern und selbst entscheiden, welchen Gedanken wir folgen.

 

Der Kosmos

 

Ich erkannte das Weltall in seiner Unendlichkeit. Schon immer habe ich es in mir gespürt, fühlte seine Erhabenheit und das Vollkommene. Zwar bin ich klein und verloren, aber doch Teil von etwas Größerem. In harmonischer Schwingung ist alles fein aufeinander abgestimmt. Die Erdengesetze heben sich im Kosmos auf. Alles Gewesene wird zur Vollkommenheit umgeformt. Nichts bleibt, wie es ist. Alles erweitert sich und wächst.



Offen für das Unendliche                                                                   

 

Viel habe ich gelesen und gehört über die Entstehung des Weltalls. Mich kann es nicht erschüttern, dass unser Planet einst wüst und leer war. Es ist schon viele Millionen Jahre her, als sich alles entwickelte und langsam auch für unsere Spezies lebenswerte Bedin-gungen herausbildeten. In dieser Form gibt es uns seit 100.000enden oder über einer  Million von Jahren. Wer kann das schon wissen. Es soll ja Leute geben, die sich auf ca. 7.000 Jahre Menschheitsgeschichte festgelegt haben, glauben das unerschütterlich und bekämpfen die Wissenschaft, die andere Wahrheiten vertritt. Nichts auf der Erde existiert ewig, unzerstörbar, sondern alles ist im ständigen Wandel begriffen. Oft geschieht es sehr langsam, so dass wir es in unserer kurzen Lebensspanne nicht wahr nehmen können, aber auch dramatisch in gewaltigen Eruptionen, alles verschlingend. Kurz danach kann sich dort wieder neues Leben entwickeln,wo es erstorben schien. Nach jedem vollendeten Lebens-zyklus entsteht ein neuer. Wissen wir, wie lange wir schon auf dieser Erde existieren, wie viele Zyklen und Katastrophen wir durchleben mussten, bis unsere Seelen sich zu dem herausbilden konnten, was wir heute sind? Wissen erweitert unser Bewusstsein, bringt Gelassenheit. Die Wellen unserer Gedanken vernetzen sich, die lebensbejahenden wie die zerstörerischen. Ich habe mich für das Leben entschieden, möchte meine Fähigkeiten zum Nutzen anderer einbringen. Noch lebe ich in diesem Körper bis meine Seele in einem anderen Körper neu entsteht oder in eine geistige Region, eine höhere Vollkommenheit entschwebt. Was wissen wir, ob es nur die für uns sichtbare Welt gibt oder ob sich parallel dazu in unserer Nähe, aber für uns nicht erkennbar eine andere Welt befindet, wo sich die verstorbenen Seelen zu hause fühlen. Vielleicht können sie durch den Schleier sehen, der uns trennt. Die Erde ist ein Lernplanet. Was hätten all’ die Prüfungen für einen Sinn, wenn am Ende doch alles ins Nichts übergeht. Aber auch Bereiche des Nichts sind wichtig. Sie machen uns leer, offen für alles Neue. Vielleicht sind unsere Gehirne Antennen, die Gedan-ken von außen aufnehmen. Je nach Ausrichtung der Antenne empfangen wir gute oder schlechte Gedanken. Sie können uns aufbauen oder niederdrücken, erheben oder zerstören, heilen oder krank machen. Unsere Gedanken sind Schwingungen. Sie drehen uns im Kreis, vereinen oder stoßen uns voneinander ab. Was im Gleichklangschwingt findet zueinander. Harmonie entwickelt Vollkommenheit, lässt das Leben sich entfalten. Zerstörung und Leid bedeuten eine Abweichung, eine Unregelmäßigkeit, die durch das Leben wieder korrigiert werden muss. Dann kann aus dem Chaos eine neue Ordnung entstehen.

Grazyna Werner


Corona


Ein sonniger Frühlingssonntag. Seit frühem Morgen hört man Vogelstimmen. In der Stadt herrscht Ruhe- manchmal fährt ein Auto vorbei, seltener ein Bus. Im Park laute Vogelstimmen.

Die wenigen Spaziergänger und Radfahrer bewegen sich einzeln oder zu zweit.


Die Seuche-

der Spielplatz

verwaist.


Blaue Brücken


Ich weiß nicht genau, wie viele es davon gibt. Ein paar, vielleicht auch gut ein Dutzend. Sie bilden den Übergang in eine andere Wirklichkeit. Ich lasse hinter mir die Großplattensiedlung, überquere die Fahrbahn. Dann, wenige Schritte später, habe ich vor mir eine blaue Brücke, eine kleine Brücke. Unten sickert langsam ein Bächlein. Ich schaue mir gern sein Wasser an.

Hinter der Brücke ein weitläufiger Park- Wiesen, Bäume, niedriges Gehölz, kleine Seen. Die Löwenzahn- Sonnen leuchten golden im Gras. Unweit spähen Elstern zwischen Grashalmen nach leckeren Häppchen. Bienen sammeln Nektar, Wildenten schnattern um die Wette.

Ich spaziere, atme den Frühling ein. Wenn ich ermüde, gehe ich wieder über die blaue Brücke in meine Welt. Und ich weiß, dass ich immer hierher zurückkehren kann, um im Grün einzutauchen.



Stefanie Obieglo


Am 10. Mai 1933  brannten in Berlin und anderen deutschen Universitätsstädten Bücher. Vom nationalistischen Geist aufgeputschte Studenten warfen "undeutsche" Bücher auf den Scheiterhaufen. Später waren es Menschen, die brannten.

Nun schon zum zehnten Mal (im Jahr 2019) erinnerten in Niegripp Dorothea und Walter Iser mit dem Literarischen Menü an diesen Tag. Ein Menü aus Literatur, Musik, Fotografie und vielen Gesprächen kündete vom Willen der Autoren, wachsam zu bleiben. Im ersten Teil stellte Helmut Bürger seine Erzählung "Erster Auftritt" vor. Der zweite Teil war dem besonderen Foto vorbehalten. Eine Symbiose von Fotografien (Rolf Winkler) und Texten. Die musikalische Umrahmung kam in diesem Jahr von Eddie Weimann und Ulli Haase.


Fabiola Gudrune Hartmann


Über Wahrheit, Lüge, Schreiben, Schreien

oder sagen wir einfach


über's Leben...


Wer schreibt, bleibt. Schreibe ich, um am Leben zu bleiben? Oder wer schreit, der bleibt. Darf ich deshalb niemals still sein?

Bin mir da unsicher.

Wer am lautesten schreit, der lügt, weil die Wahrheit eine leise Stimme haben soll?