Juni Forum Kritik Meinung

Petra Taubert

Baumgesichter Sigrid Lindenblatt


Liebe Sigrid,


Eine knuffige Idee, deine Baumgesichtbeschreibung. Gefühlsmäßig lässt es schmunzeln, doch auch traurig werden. Der Text ist ein Spiegel einer Person, die allein lebt und vielleicht manchmal von Gefühlen der Einsamkeit geplagt wird, in den letzten Monaten wahrscheinlich verstärkt.

Fantasievoll wird der im Baum entdeckte Hausierer ins Spiel gebracht. Was genau erzählst du ihm?

Als Überleitung zu weiteren Gesichtern hätte ich den Mann mit der Knollennase (muss nicht unbedingt vom Saufen kommen) zwinkern lassen oder ähnliches. Den weiteren Figuren widmest du nicht so viel Betrachtung. Ich sehe keine Details beschrieben zu Mutter und Kindern, nur den Wunsch nach einer heilen Familie.

Vielleicht lieber nur eine Figur dazu nehmen und die genauer beschreiben... Und von deinem Traum, Tag Vorhaben erzählen, wenigstens andeuten. Das wäre schön. So würde das bedrückende Gefühl der sehr großen Einsamkeit nicht überwiegen gegenüber den Gedankenspielen.



zu Udo Rupp Lebenskrisen


Lieber Udo,


Bewahrenswertes ist das Thema im ersten Teil deines Textes, lieber Udo sowie Umzüge und Verhältnis zu ererbten Dingen, die eine Geschichte erzählen, so wie viele Dinge, die über Generationen weiter gegeben wurden und der extreme Werteverfall heute. Vielleicht könnten die einzelnen Geschichten in dem Text noch ausgebaut werden, zu den Möbelstücken. Deine Freude, es zu bewahren und dein Schmerz, loslassen zu müssen sowie deine inneren Kämpfe, was habe ich als wichtig angesehen und was nicht? Habe ich Lebenszeit vergeudet? Diese Fragen gehen bis ins Mark. Genauere Beispiele für Getanes und Versäumtes wären nicht schlecht. Vielleicht kommst du dann dahinter, dass es doch nicht so krass ist oder noch heftiger, kann schon sein. Einen Versuch wäre es wert, darüber zu sinnieren.


Der Fotofund von Gustav Wieneckes Bild und deine Gedanken dazu sind nach meinem Empfinden ein eigenständiger Text. Seine Biografie zieht sich über die beiden verheerenden Weltkriege bis zur Rache der Sieger, die in seinem Fall tödlich war.

Ein verschwundenes Leben von dem nur noch ein Foto vorhanden ist, macht betroffener, als hohe Zahlen. Du erzählst und wertest sein Handeln nicht, das gefällt mir. Eine wie Millionen Biografien aus dem 20. Jahrhundert hast du mit deinen Worten dem Vergessen entrissen.


Vielleicht ist Lebenskrisen ein Arbeitstitel für zwei gelungene Textskizzen, also eher schon Farbstudien. Ich würde nach anderen Überschriften suchen.



Inge Nedwed Nudeln mit roter Soße 


Liebe Inge,


Endlich mal eine Corona- Geschichte ohne gleich in der Überschrift durch das Wort abgeschreckt zu werden. Einfühlsam und behutsam werden die zwischenmenschlichen Schwierigkeiten erzählt, die 2020er Pandemie- Gesetze mit sich bringen können, vor allem für Mütter, die plötzlich zu Hause arbeiten und Kinder betreuen müssen.

Am meisten gefällt mir der Sinneswandel des Jungen gegenüber der Nachbarin, aber auch bei  dieser selbst, unaufdringlich und trotzdem punktgenau erzählt. Eine Geschichte, die sich mit Schwierigkeiten plötzlicher ungelernter und ungeplanter Nähe, dem allein lernen müssen und vor allem mit Vorurteilen auseinander setzt.

Das besondere Geschenk der Nachbarin bringt Ben dazu, die Wahrheit über seine Gefühle zu sagen. So lenkt auch die Mutter ein und denkt nach. Also mir gefällt diese Geschichte sehr und Nudeln mit roter Soße ist lecker. Hmmm.



Helga Klier.  Delphine in Venedig


Liebe Helga,


Ich dachte bei der Überschrift zunächst eher an einen Reisebericht. Sie bezieht sich ja auch auf zum Thema Corona - Virus angesehene Sendungen, doch ebenso Beobachtungen im eigenen Garten sowie zwischenmenschliche Veränderungenen.

Ähnlich ging es mir anfangs, ich hielt manches für übertrieben, bis ich vorsichtig wurde, um niemand  anzustecken oder zu erkranken... Vor allem meinen hochbetagten Vater nicht, ich ging für ihn einkaufen wie immer.

Handschuhe und Mund-Nasen-Schutz benutzte ich daher schon zeitig beim Einkaufen. Übermäßige Panik hatte ich nie, ich war jedoch nicht allein mit meinen Gedanken, konnte mich austauschen mit meinem Freund, ihm berichten, was so los war. Er wollte nicht so oft raus in der ersten Zeit und schränkte auch gegenüber Verwandten Besuche ein, so dass wir seinen Geburtstag nur zu zweit feierten.

Wir informierten uns regelmäßig, waren allerdings bald genervt von dem Überthema, überall nur noch Sendungen mit dem Wort..so informierten wir uns lieber kurz und kompakt. Gern sahen wir Kabarett, die das Bundesländerwirrwarr immer Mal wieder aufs Korn nahmen und auch kritisch Stellung zu Maßnahmen sowie Folgen bezogen. So konnten wir wenigstens auch mal schmunzeln. Unseren Humor haben wir natürlich nicht verloren.

Es wäre wünschenswert, dass etwas gutes aus der Corona- Zeit wächst. Bei den riesigen Ungleichheiten in der Hilfsmittel- Verteilung habe ich da so meine Zweifel, weil ganze Gruppen von Menschen kaum ein Auskommen haben und sich auch niemand Gedanken macht, wie sie dazu kommen könnten und andere Firmen überhäuft werden.

Andererseits werden gerade auch Milliarden für Rüstungskäufe raus geworfen. Die Natur konnte ein wenig durchatmen, schnell würde sie sich Räume zurück erobern, in die Menschen eingedrungen sind. Ob es so bleibt fraglich.

Dein Text stimmt sehr nachdenklich, ist reflektiert, bis hin zum kämpfen wollen, wenn es dich treffen sollte. Bisher hatten die meisten Menschen in Deutschland Glück. Die Fallzahlen waren nicht so hoch wie anderswo auf der Erde und so viele Todesfälle wie in anderen Ländern waren auch nicht zu beklagen. Der unaufgeregte Grundton gefällt mir. Manche lange Sätze lassen sich vielleicht in mehrere kürzere umschreiben.