Juni Neue Texte 1

Hussein Saberi

Afghans lives matter too


Wie so viele meiner Landsleute musste ich fliehen. Ohne ein Wort des Abschiedes von meiner Familie bei Nacht im Kofferraum eines Autos.

In diesem Kofferraum war ich nicht allein. Wir waren zu dritt dort eingepfercht.

Um etwas Luft zu bekommen hatte man einen Spalt hinter dem Rücksitz geöffnet.

14 Stunden war ich dort gefangen, zusammengekauert auf engstem Raum.

Als das Auto endlich anhielt, öffnete ein Mann den Kofferraum und schrie uns an: Los! Ihr Scheiß-Afghanen, beeilt euch, weg von hier, gleich kommt die Polizei.

Mühsam krabbelte ich aus dem Kofferraum, ich konnte nicht stehen, meine Beine versagten ihren Dienst und ich sackte zu Boden. Der Mann schlug mir auf den Kopf und wiederholte genervt seine Anweisungen.

Mit großer Angst versuchte ich wieder aufzustehen. Es ging immer noch nicht. Ich sackte wieder zusammen und fiel mit dem Gesicht auf den Boden.

 

Vor ein paar Tagen habe ich ein Video gesehen.

Ein Auto voller Flüchtlinge – illegal?!

Die Leute wollten sich im Iran in Sicherheit bringen, aber die iranische Polizei verfolgte das Auto und schoss es außerhalb des Ortes auf freier Stecke in Brand. Danach verschwanden sie, um unliebsamen Fragen zu entgehen.

Wie ich damals waren junge Leute im Kofferraum eingepfercht mit der Hoffnung auf Sicherheit nach diesen Strapazen.

Sie sind bei lebendigem Leib verbrannt. Niemand kam ihnen zur Hilfe, löschte das Feuer oder öffnete den Kofferraum.

Ein Mann der sich aus dem Fahrzeug retten konnte,  bat die herumstehenden Passanten um Wasser. Sein Gesicht war blutüberströmt und verbrannt. Niemand gab ihm Wasser.

Der Iran ist unser Nachbar, uns verbindet so vieles (Sprache, Religion etc.), auch das Wasser,  was von Afghanistan hierher fließt.

Und niemand kann ihm hier etwas Wasser geben?!

In Amerika wird ein Afroamerikaner erschossen. Die Leute erheben sich, demonstrieren, zeigen Solidarität.

Wer in dieser Welt nimmt zur Kenntnis, dass fast täglich hunderte Afghanen getötet werden?!

Als ich das Video sah, kamen sofort die Bilder meiner Flucht  in meinen Kopf.

Ich hatte Glück, der Kofferraum dieses Autos wurde geöffnet und wir konnten entkommen.

Aber, ich spüre das todbringende Feuer, brennen auf meiner Haut.

Inge Nedwed

Nudeln mit roter Soße

 

Alles ist anders. Mama macht Homeoffice und Papa kommt nur noch zum Schlafen nach Hause. Keiner hat mehr Zeit für Ben. Und dann noch dieser blöde Stubenarrest. So ein Quatsch, denkt Ben. Er darf doch sowieso nicht raus. Noch nicht einmal zu Oma und Opa, die gleich um die Ecke wohnen. Alles nervt. Nur, weil so ein doofes Virus sich verbreitet. Die Schule hat geschlossen und die Lehrer haben nichts Besseres zu tun, als ständig neue Aufgaben zu schicken. Ben sitzt gelangweilt in seinem Zimmer. Allein lernen macht keinen Spaß. Sein Fußball rollt über den Teppich. Erst langsam, dann schneller, immer schneller. Er knallt gegen die Tür, einmal, zweimal, dreimal. „Tor“, ruft Ben, aber nur einmal. Denn Mama steht schon vor ihm. Sie verlangt Ruhe. Sie muss sich bei der Arbeit konzentrieren. Der Fußball wird eingezogen, aber seltsamerweise der Stubenarrest aufgehoben. Ben soll eine Runde mit seinem Fahrrad drehen. Erlaubt sind die Feldwege, die sich ums Dorf schlängeln. Erlaubt ist auch der alte Wirtschaftsweg, der ins Nachbardorf führt. Oskar wohnt dort.

„Zu allen Leuten Abstand halten!“, ermahnt ihn Mama noch einmal. Dann schiebt sie ihn zur Tür hinaus. Wen soll er denn außerhalb des Dorfes treffen? Ben ist sauer. Am liebsten würde er auf den Bolzplatz gehen, aber ohne Fußball.

 

Ben holt sein Fahrrad aus der Garage. Vielleicht hat er Glück. So wie letzte Woche, als Mama dringend ins Büro musste und er Oskar traf. Oskar geht in seine Klasse. Er ist Bens bester Freund. In geduckter Haltung schiebt Ben sein Fahrrad an Frau Bellmanns Fenster vorbei. Die Kapuze seines Shirts tief ins Gesicht gezogen. Als könnte sie ihn so nicht sehen. Sie hat Schuld an Bens Stubenarrest. Papa sagt immer: „Wir brauchen keinen Wachhund, wir haben Frau Bellmann!“ Mama will das nicht hören. Sie möchte keinen Streit mit der Nachbarin.

Frau Bellmann weiß alles. Sogar welcher Hund vor ihre Haustür gekackt hat. Sowie sich etwas in der Gasse bewegt, wackelt ihre Gardine. Man müsste mit dem Bagger ihr Haus einfach wegschieben können, wünscht sich Ben.

 

Oskar und Ben spielten Fußball. Der Ball prallte ein paarmal gegen Frau Bellmanns Hauswand. Ben hätte es wissen müssen. Ihr Fenster ging auf. Sie regte sich mächtig auf. Die Polizei wollte sie holen. „Das kannst du dir doch von der Alten nicht gefallen lassen“, meinte Oskar. Er fletschte seine Zähne und knurrte Frau Bellmann ein unüberhörbares „Wauwau“ entgegen. „Mensch Oskar, das gibt jetzt richtig Ärger!“ Ben schnappte den Ball und rannte so schnell er konnte. Frau Bellmann war er entkommen, dem Stubenarrest nicht.

 

Die Gefahr scheint gebannt. Frau Bellmanns Fenster bleibt geschlossen. Langsam richtet Ben sich wieder auf. Gerade will er sich auf sein Fahrrad schwingen, da holt ihn die unverkennbare Stimme Frau Bellmanns ein. „Ben, komm bitte mal!“

Warum? Ich habe nichts gemacht, denkt Ben. Kontaktverbot, er soll sich von allen Leuten fernhalten. Er muss nicht zu Frau Bellmann gehen. „Ben, komm doch bitte mal!“, hört er sie jetzt noch eindringlicher rufen. Ben dreht sich um. Frau Bellmann winkt am Fenster. Zögernd bewegt er sich in die Gefahrenzone zurück. Kein Donnerwetter, kein Blitzen, kein Krachen. Ganz höflich fragt Frau Bellmann, ob Ben ihr vom Bäcker ein Brot holen könnte. „Ich traue mich nicht raus“, sagt sie. „Meine Lunge ist krank.“ Sie reicht Ben einen Fünf-Euro-Schein. „Den Rest darfst du behalten.“ Träumt Ben? Kann sich eine böse Hexe in eine gute verwandeln? Blödsinn, denkt er. Ich hole das Brot und fertig.

 

Vor dem Bäckerladen stehen die Leute Schlange. Es darf nur immer ein Kunde den Laden betreten. Das kann ewig dauern, stöhnt Ben. Vor ihm stehen zwei ältere Frauen. Ben kennt sie. Die Frauen wohnen in der Nachbargasse. Sie tragen Gesichtsmasken und Gummihandschuhe. Wie Zombies sehen die aus. Ihr Gespräch macht Ben Angst. Sie gehen nur noch zum Einkaufen, zum Arzt und in die Apotheke. Oma und Opa reden auch so. Als der Name Bellmann fällt, wird Ben neugierig.

„Die Bellmann wollte sich beim Arzt vordrängeln. Der hab ich aber was erzählt“, sagt die eine Frau. „Die Bellmann war schon immer komisch“, antwortet die andere. „Kein Wunder, dass ihr Mann das Weite gesucht hat. Ihren Sohn sieht man auch nicht mehr.“

Ben will nicht mehr zuhören. Die erzählen dummes Zeug. Frau Bellmanns Sohn ist in Amerika, da kann er nicht so einfach zu Besuch kommen. Das weiß Ben von Oma. Ein Glück, dass er nicht in der Nachbargasse wohnt.  

Endlich hat er das Brot. Auf schnellstem Weg fährt Ben in seine Gasse zurück und klopft an Frau Bellmanns Fenster. Das hat er noch nie getan. Ihm ist mulmig. Die Gardine ist schon zur Seite geschoben. Schwerfällig öffnet Frau Bellmann das Fenster. Dabei schnauft sie wie eine Dampflokomotive. Ben reicht ihr das Brot. Er steigt erst gar nicht ab vom Fahrrad. Nur schnell wieder weg. Doch Frau Bellmann sagt: „Warte!“

Ben weiß nicht, was er machen soll. Was will die jetzt noch?

Nach einer Weile kommt sie zurück. „Hier, der ist von meinem Sohn. Er braucht ihn nicht mehr.“

Ben kann es nicht fassen. Brasilien, 2014 liest er. Ein Weltmeisterfußball! Echt krass. Die Nationalmannschaft hat sich mit Unterschriften auf dem Ball verewigt. Da wird Papa Augen machen! Und Oskar erst!

„Danke“, stammelt Ben.

 

Ben hat keine Lust mehr auf Fahrradfahren. Er schiebt sein Rad in die Garage. Den Weltmeisterfußball hält er fest im Arm. Im Korridor zieht er sich die Jacke aus. Dabei fällt ihm der Ball aus den Händen. Er hüpft über die Fußbodenfliesen. Wie hypnotisiert verfolgt Ben seine Sprünge. Sie werden kleiner und leiser. Aber es hilft nichts. Mama hat die Tür des Arbeitszimmers längst aufgerissen. „Du wagst es, dir den Ball wieder zu nehmen!“, Mama kocht vor Wut.

„Das ist nicht mein Ball. Doch, jetzt ist es mein Ball“, sagt Ben bockig. „Frau Bellmann hat ihn mir geschenkt. Ich habe ihr ein Brot geholt.“ Mama kapiert nichts. Sie zerrt ihn am Arm ins Arbeitszimmer. „Setz dich da hin und lüg mich nicht an!“

Ben sagt gar nichts mehr. Mama betrachtet den Weltmeisterball. Sie bückt sich, sieht unter ihren Schreibtisch und führt Selbstgespräche. „Da habe ich den Ball hingelegt. Da liegt er auch.“ Sie nimmt Ben in den Arm. „Es tut mir leid, ich dachte wirklich, du hast ihn dir wieder genommen.“

„Ich bin nur noch Luft für euch!“, sagt Ben böse.

Mama sieht ihn erschrocken an. Sie streicht ihm übers Haar. „Es ist keine gute Zeit. Niemand weiß, wie lange das noch dauert.“ Sie steht am Fenster und sieht in Frau Bellmanns Garten.  „Das mit Frau Bellmann hast du gut gemacht“, sagt sie und nimmt Ben an die Hand. „Komm, wir machen uns jetzt Nudeln mit roter Soße und dann helfe ich dir bei deinen Aufgaben.“

Helga Klier

Delphine in Venedig

 

Seit einer Woche schon besteht ganz offiziell eine Ausgangseinschränkung wegen des Corona Virus. Ich bleibe brav zu Hause und achte darauf, nicht zu oft mit Menschen persönlich in Kontakt zu kommen. Das habe ich meinen Kindern versprechen müssen, denn sie machen sich große Sorgen um mich. Offenbar gehe ich in ihren Augen zu unbekümmert mit den Gefahren des Virus um. Ich trage keine Gummihandschuhe, keine Mundmaske und gehe noch immer selber einkaufen.

 

Es stimmt, ich habe die Gefährlichkeit dieses Virus bislang unterschätzt, die Hamsterkäufe, von denen ich hörte, für Hysterie gehalten und mich über die Panik, die mein Nachbar wegen seiner Kopfschmerzen nach zwei Stunden Unterstützung beim Anstreichen meines Arbeitszimmers zeigte, mokiert – heimlich natürlich.

Nun aber verfolge ich -  nicht stündlich, doch mindestens einmal am Tag -  die Nachrichten, Analysen und Vorhersagen über die Entwicklung der Epidemie. Die steigenden Zahlen von Infizierten und Toten und das Tempo, mit dem die Krankheit sich ausbreitet, erschüttern mich, aber auf eine distanzierte Art.

Es ist, wie es ist.

Ich muss an die Pest des Mittelalters denken, der Millionen Menschen hilflos ausgeliefert waren, die ganze Landstriche entvölkerte. Ist sie mit der Corona Epidemie vergleichbar? Sicher nicht – wir heute haben ganz andere Möglichkeiten einer solchen Katastrophe zu begegnen, uns und anderen zu helfen und zu überleben.

 

Im Gegensatz zu der Düsternis dieses Geschehens und wie um es zu verspotten, sind die Tage hell und voller Sonne. In meinem Gärtchen blühen die ersten Tulpen, die Pfingstrosen strecken ihre Triebe nach oben und die Hortensien entfalten ihre zartgrünen Blätter. Der Himmel ist wolkenlos blau, es weht ein leichter Wind. Mir kommt es so vor, als ob ich lange schon nicht mehr so viele Vögel habe zwitschern hören. Neben den fetten Amseln hüpfen Spatzen in der Wiese herum und picken nach den Körnern, die vom Winterfutter übrig geblieben sind.

 

Im Internet habe ich gelesen, dass man in den Kanälen von Venedig seit kurzem bis auf den Grund sehen kann und in der Lagune Delphine aufgetaucht sind. Wie schnell sich die Natur erholt, wenn der Schiffsverkehr zum Erliegen kommt und die Touristenströme ausbleiben.

Berichtet wird auch von anderen Tieren, die sich seit langem nicht mehr in der Stadt und an der Küste gezeigt haben, nun aber wieder aufgetaucht sind.

Diese Nachrichten haben etwas Tröstliches, versprechen Gutes im Bösen, das mich staunen lässt, auf das ich vertrauen kann. Es wird einen Neuanfang geben.

 

Vielleicht habe ich das Ausmaß der Katastrophe noch immer nicht wirklich begriffen. Sie kommt bei mir zu Hause auch nicht vor. Wenn ich durch die Sträßchen unserer Siedlung gehe, höre ich, wie sich Nachbarn, die ich noch nie vorher zusammen gesehen habe, von Tür zu Tür lachend, mit einem Anflug von Stolz über das Abenteuer Corona und ihre Überlebensstrategien unterhalten, sich über die Langeweile, zu der sie nun verdammt seien, mit Augenzwinkern beklagen. Das Virus verbindet, macht sie zu Schicksalsgenossen.

 

Ich selber finde mich mit der Zeit, die mir so unverhofft zuteil wird, gut zurecht. Sie hilft mir, in einen neuen Rhythmus zu kommen, meine Tage in Gelassenheit zu gestalten, alte Rituale zu beleben wie die Praline zum Espresso am Nachmittag und meinen Blick sehr bewusst auf die kleinen Annehmlichkeiten des Alltags zu lenken. Ich passe mich an, das konnte ich schon immer.

 

Manchmal denke ich daran, was sein würde, wenn ich mich infizierte und schwer erkranke. Sage ich dann auch noch „Es ist, wie es ist“? Ich würde sicher versuchen zu gesunden und auf die Kunst der Ärzte hoffen.

Und ich glaube, dass ich es aushalte, wenn sich mein Kreis schließt. Ich werde an Delphine denken.