Juli Neue Texte

Wilfried Zacke

Ein komischer Vogel

 

Ich kann nicht fliegen.

Hey, Leute, ich bin ein Nandu, ein Vogel. Recht habt Ihr, ein komischer Vogel, denn ich kann, wie Ihr seht, Schreiben und Lesen. Ein Glücksfall. Keine Bange, jetzt folgt keine ornithologische Abhandlung, und den Kalauer mit Bart, bei dem Vögeln Unrecht angetan wird, erspare ich Euch. Fliegen kann ich nicht, weshalb mir das Attribut Laufvogel zugeordnet wurde. Eigensinnig hätte auch gepasst.

Die 2010 gestellte Frage „Woher kam der Nandu?“halte ich für völlig irrrelevant. Seht mal, ich kann Worte mit 3 r. Denn viel wichtiger ist doch: - wohin will der Nandu? Zum Beispiel mit diesem ganz schön zackigenText. Und, Nandusbrechen eben gern mal aus, werfen Fragen auf und stören den Straßenverkehr, anders eben als ein Vulkan, denn wenn der ausbricht, geht`s um Leben und Tod. Nandus halten sich auch keinesfalls an irgendwelche Regeln, es gibt eben  Sachen,  die du nicht hörst, genau so wie es Dinge gibt, die du nicht siehst. Wir, die Nandus, bewegen uns zügig, aber mit Weit – bzw. Durchsicht. Obwohl wir keine Autos sind.  Da es hier aber um mich geht, erzähle ich gern, was mich außer meinen lädierten und arthritischen Gelenken   bewegt, nicht, wie angenommen, von Mecklenburg/ Vorpommern nach Südamerika. Ich bin anders unterwegs. Wie kam’s? Ja, diese Mädchen, immer haben sie Sonderwünsche. War es Saskia, war es Corina? „Mach‘ dich mal auf die Socken, ein Geburtstag steht an, zumindest noch in diesem Jahr.“ Vielleicht sollte ich mich auch in die Spur machen, am besten gleich. Oder im Herbst.  Ein Jahr ist zwar lang. Aber zu spät Kommen muss nun wirklich nicht sein. Missverständnisse überall, ein Vogel, ein entfernter Verwandter, sollte also einen Strauß kriegen. „Bring mich nicht durcheinander“, sage ich nicht wissend, ob ich gleichzeitig Flüstern und Schreien soll, „denn Strauß ist anders, ich bin ein Nandu, habe weder Socken, noch kann ich Spuren verfolgen. Wer bitte schön, ist zu beglückwünschen, etwa die alte Krähe oder gar der steile Goldfasan? Der Pinguin kann auch nicht fliegen, er etwa, oder die Großtrappe, der Vetter Emu? Was? Der Pelikan wird 30 ? Der Pelikan ist es wert!“ Also:  Herz über Kopf, - und los! Doch halt! Es war nicht Corina, es war Corona. Stellt euch einen Vogel mit Mund – und, in diesem Falle Schnabel – Nasen – Schutz vor. Dafür hatte ich Zeit. Was eine kleine Fledermaus so anrichten kann…

Ich stürzte mich ohne Lappen im Gesicht und mit dem Gefühl der unsicheren Sicherheit ins heilige Chaos. Wagnisse muss man wagen. Einerseits bin ich ohnehin ein Exot, muss mit Stigmatisierung und Diffamierung aufgrund von Rassenhass und Fremdenfeindlichkeit rechnen, was mir in dieser Welt völlig gegen den Strich geht, andererseits kennt mich ja keiner und zum schwarzen Schaf  werde ich sowieso werden. Obwohl, anders sind wir alle.  Stellt Euch vor, es käme zum Notfall oder zu einer Zwangsbremsung. Und dann nur ein leisesFreizeichen, nicht auszudenken. Was würde Marcel sagen? Die Ausrede, mich hat der Esel im Galopp verloren würde nicht wirklich helfen und alles auf Doppelbilder zu schieben wäre so sinnvoll wie Sand in der Hand oder das leuchtendrote Grün. Wohin führen meine Wege, die keineswegs Fluchtwege sein sollen? Lande ich gar im Osten oder wird es ein Aufbruch ins Diesseits?  Erlebe ich, weil ich verrückt nach Leben bin, die Hölle ohne Himmel? Es scheint tatsächlich kein Gott in der Nähe zu sein. Schlecht für ein Kind der Ferne, zu dem ich zu mutieren scheine. Auch eine Option, denke ich. Denk nicht an rosa Elefanten, sage ich mir, du bist schließlich nicht zu zweit unterwegs, und ein Leih mir deine Flügel wird es sicher nicht geben. Aber bei jeder Reise, sogar bei Nachtfahrten, gibt es einen Notausgang. Und es wird gut. Gerettet fühlst du dich dann wie das goldene Kind, müsstest nicht als ein Kind der Dachluke den in der Dämmerung weiß blühenden Mohn betrachten und die eigenen Nachtfalten  verstecken. Du könntest in Ruhe Gespräche mit deinem Bauch führen, könntest ein Buch aufschlagen und meinen, die Welt hämmere. Vielleicht repariert sie, die Welt, sogar die Nase der Sphinx. Oder klärt den Mordfall HolgerW. auf. Vielleicht bis zum 30. Pelikan – Geburtstag, der in den November geschoben wird, zu dem man ohne Zweifel ein Literarisches Menü kredenzen wird. Ich habe vor, teilzunehmen, das Fliegen ist gar nicht so schwer, auch wenn ich es nicht beherrsche, ich laufe lieber, wenn auch nicht ganz rund…


Juni 2020

Kleine Anmerkung des Administrators: Habe ich ein paar Titel in diesem Text übersehen?

Udo Rupp

Lebenskrisen


Ich stehe oft neben mir. Sehe mich als andere Person ein weiteres Mal selbst. Wie ein Spinnennetz fallen Schuldgefühle über mich.

 

Die Angst etwas versäumt zu haben, wird immer größer. Weshalb? Keiner hat das Recht, mir etwas vorzuwerfen. Bin ich schizophren? Niemand ist ohne Schuld. Auch ich nicht. Ich überlege und erinnere mich an so viele Dummheiten. Aber die sind vergangen und sollten auch vergessen sein.

 

Neider haben mir viel Bosheiten gewünscht und auch nachgesagt. Darüber sollte ich heute nur lachen. Niemand ist ohne Schuld. Liegt die Schizophrenie vielleicht daran, dass ich als Kind mit gespaltenen Gefühlen aufgewachsen bin.

 

In der Schule musste ich das Gegenteil von dem sagen, was ich zu Hause erlebt habe. Zu Hause erfuhr ich, dass die Genossen der Stasi meinen Vater verhaftet hatten. Er war und blieb verschollen. Mutti hat versucht die Wahrheit zu erfahren, bei der Stasi, bei der Polizei, beim Suchdienst vom Deutschen Roten Kreuz. Ja sogar beim Staatspräsidenten der DDR Wilhelm Piek.

 

Die Antwort war jedesmal dieselbe. „Wir haben Ihre Frage an die zuständigen Stellen weitergeleitet. Zur Zeit können wir keine Antwort darauf geben.“ Niemand wollte oder durfte etwas dazu sagen. Es wurde sogar verboten, darüber zu sprechen.

 

Ängste verbreiteten sich, vor meiner Geburt und als Kleinkind. In der Schule wurde gelehrt, wie fortschrittlich unsere DDR regiert wird. Zu Hause erfuhr ich im Westfernsehen vom Schießbefehl an der Zonengrenze. Wem sollte ich glauben?

 

Angst und Trotz setzten sich fest. Vielleicht  bis heute!

 

Geld regiert die Welt. Die Mächtigen missbrauchen ihre Befehlsgewalt. Wir können andere Verantwortliche wählen, können selbst gewählt werden.

 

Aber wäre ich gerechter, wenn ich selbst die Verantwortung hätte? Oder würde ich zum Verräter meiner Ideale werden, nur um an der Macht zu bleiben? Unzufriedene Menschen und Neider gab es  immer und wird es weiter geben. Sie werden an die  Macht drängen und viel Übel verbreiten.

 

Die Zeit vergeht. Mir wird klar, dass alles mal zu Ende geht. Wie viel Zeit bleibt mir noch, um das Beste daraus zu machen?

 

Hat die Angst mit der Schizophrenie aus den Jahren meiner Kindheit zu tun? Oder ist es die Ur-Angst vor dem Nichtsein, die uns alle betrifft, je älter wir werden?

 

Alles vergeht! Alles ist Nichtigkeit!