Juli Meinungen Zuschriften

Petra Taubert

Gedanken zu Hussein Saberis Text

 

Afghan lives Matter too

 

Lieber Hussein,

 

traurig und verstörend, was im Iran geschehen ist und doch medial kaum wahrgenommen wurde. Als ich es auf Facebook erstmals in deiner Story sah, war ich sprachlos. Auch als Steffi mich aufklärte, was genau geschah, fand ich immer noch keine Worte. Es legte bei mir den 9. Oktober 2019 gefühlsmäßig wieder frei.

Unglaublich, was du alles durchmachen musstest und überstanden hast. Viele überlebten das nicht. Ist das Glück? Ist das Fluch? Du musst damit leben. Ich verstehe, das ist schwer.

Gleichgültigkeit empört. Unverständlich ist, die Welt protestiert gegen Polizeigewalt in den USA, während sie anderswo wegsieht.

 

Danke, dass du trotz der eigenen seelischen Schmerzen mit dem, was du von dir preisgibst, dazu beiträgst, uns hinsehen zu lassen, worüber die Kameras der Nachrichtensender der Welt nicht berichten. Es regt uns an, darüber nachzudenken, eigene Positionen zu hinterfragen.

 

Mich haben deine Zeilen tief bewegt und ließen mich über die Zusammenhänge nachdenken.

 

Da erinnerte ich mich an den Mord an Jörg Danek, der am 29. Dezember 1999 mit 39 Jahren von einem rechten Trio in meiner Heimatstadt, ganz in der Nähe meines jetzigen Wohnortes, tödlich verletzt wurde.

 

 

Spuren

 

„Professor“ genannt

wegen seiner Brille,

geistig behindert,

das wussten viele.

 

In der S- Bahn

in einem Abteil

schlugen sie ihn und traten

mit Springerstiefeln

in sein Gesicht.

 

Ein Paar ergriff die Flucht,

Bahnbeamte gingen weg,

gewarnt von Kollegen

am Hauptbahnhof,

so war der Professor allein

drei Neonazis überlassen.

 

Ein Bier war zu wenig

das Geld im Brustbeutel nicht genug.

In Halle- Neustadt aus dem Zug gezerrt

an eine dunkle Ecke vorm Bahnhof,

weitere Tritte ins Gesicht.

 

Schaffner und Bahnbeamte

folgten der Blutspur

und fanden den schwer

verletzten 39Jähringen,

riefen den Notarzt.

 

Jörg Danek starb in der Nacht,

Halswirbel tödlich verletzt.

Die Täter wurden verurteilt.

Heute mahnt am S- Bahnhof

eine Tafel gegenüber von real,

stark verwittert und kaum lesbar.

 

Blumen und Kerzen

vor einem Pappschild

im Juni 2020 für Jörg Danek

und Alberto Adriano aus Dessau.

Ich stelle meine Teelichter dazu,

denke auch an die Opfer

des 9. 10. 2019 in Halle.

 

Still werde ich,

obwohl ich schreien möchte,

aus Angst, aus Wut und Trauer.

Fassungslos stehe ich

vor der Schrift auf der Gedenktafel.

 

 

Gedanken zu Rolf Winklers 

Der Kürbiszünsler

 

Lieber Rolf,

 

über den Buchsbaumzünsler lernte ich dazu, den kannte ihn nicht. Jedenfalls gut vorzustellen, wie so ein von dir beschriebenes und entdecktes Wesen sich durch einen dicken Kürbis frisst und toll in Szene gesetzt. Deine Bildgeschichten sind anregend, nicht flüchtig. Ich mag sie. Deine Texte geben ihnen noch eine andere Farbe. 

Es ist erstaunlich und erheiternd für mich, was du von deinem erfundenen Wesen alles weißt. 

 

Was da so zerzaust

eilig durch den Garten saust:

Fransenechse würd ich tippen,

man sieht sie am Wasser nippen.

Fotografisch festgehalten

fantasievolle Gestalten.

entwickeln glatt ihr Eigenleben,

können Schreibanlässe geben

und erfreuen im Moment,

den, der das Geheimnis kennt.

  

 

angeregt durch Wilfried Zackes Juli Text

 

Lieber Wilfried Zacke,

 

Ich könnte doch glücklich sein, wäre nicht Fuchsalarm in Hasenau. Jennifer geht übers Meer. Leni und Finn gratulieren auch zum Geburtstag. Stress ist im Gutshaus, wenn eine Schneeflocke weint. Wir begegnen uns wieder wenn Pferde fliegen. Wagnisse sind unser Markenzeichen, schwarz auf weiß. Tatsächlich leuchtet der Himmel grün und ist voller Musik und Worte, die wir finden können.

Landluft weht uns entgegen, wenn wir uns erinnern, am Geburtstag von Brigitte Reimann an ihrem Grab, um ihre Texte weiter leben zu lassen in uns und unseren Zuhörern. Die Bibliothek ist wohl noch eine Weile geschlossen, was nicht so Fantabulös ist. Vielleicht könnten an diesem Ort auch Texte aus Ich sterbe, wenn ich nicht schreibe gelesen werden.

Limmericks von A bis Z erheiterten. Simsalabims stieg der Vogel mit der grünen Feder aus dem literarischen Meer. Saitensprung und Denkzettel, daraus ließen sich schräge Rapsongs formen mit ungewöhnlichen Klängen. Das besondere Foto wird auch an diesem Ort bei unserer Wiederbegegnung entstehen oder im Gespräch sein.

Und aus dem Stoff der Lebenskrisen als Gefahr und Chance zaubert der Pelikan dann wieder mit Herbstfarben und Geschick mitten im Herbst eine durchkomponierte Antholologie voller einzigartiger Handschriften. Warten auf das Paradies möchte ich manchmal. Das Haus an der Milchstraße zu besuchen wäre auch eine Idee. Was du nicht hörst, erschließt sich beim Sehen und Verweilen. Horch ma´her: Der Himmel ist hoch. Jette will heiraten, doch vorher möchte sie noch erfahren, wie die Trampeltiere entstanden. Jette und das blaue Licht oder ein anderes Wunder lehrt uns vielleicht, wie wir so viel Leben schützen können.

 

Hinweis: Es könnten immer noch Titel fehlen. Manche sind vielleicht doppelt? Es erfreut jedenfalls, mit dorise-Titeln zu sprachspielen, die größtenteils unter den Fittichen des Pelikan oder einzelner Autoren desselben entstanden, immer mit Herzblut und Anspruch, an den Werken zu arbeiten und an sich selbst.

 

 

Udo Rupp Lebenskrisen

 

Lieber Udo,

 

Lebensfragen würde ich deinen Text eher nennen, der wie eine Gedankensammlung, Stoffsammlung wirkt, außer im ersten Teil. Der Widerspruch offizieller Erzählung und eures ganz persönlichen Schicksals in der DDR trifft mich bis ins Mark. Vielleicht tut es dir noch immer zu sehr weh, doch ich hätte darüber noch gern mehr erfahren. Deine Mutter war mutig, immer wieder nachzufragen. Konntet ihr nach der Wende neue Erkenntnisse finden in Archiven?

 

Offizielle Meinung und Schüsse an der Grenze in der DDR kommen mir zu reduziert vor. Es wäre für den Text und das Verstehen der Widersprüche in der DDR hilfreicher, wenn du euer ganz persönliches Schicksal vertieft hättest.

 

Die Fragen, die du dir stellst, sind wichtig. Auch ich stellte und stelle mir oft solche Sinnfragen. Durchs Schreiben bin ich mir auf die Schliche kommen. Im zweiten Teil springst du thematisch von einem zum anderen Gedanken. Dadurch wird es teilweise flacher in der Betrachtung zum Beispiel über das Handeln der Politiker.

Die Frage ist ehrlich: Wäre ich anders? Das setzt voraus, dass jeder auf dem Weg nach oben in der Politik verbogen wird. Viele leisten bestimmt auch hervorragende Arbeit, bundesweit oder in einzelnen Bundesländern oder Städten.

Schorlemmer wurde von einem Kabarettisten mal gefragt, ob er nicht als Bundespräsident kandidieren wolle. Er sagte: Ich wüsste nicht, ob ich dann noch dächte, was ich jetzt denke. Als solcher müsste er ja diplomatisch agieren können und befürchtete, auf der Strecke seine freie Sicht der Dinge einzubüßen.

 

Der Text hat einen Unterton, bei dem eine depressive Grundstimmung mitschwingt. Wiederum sehe ich mehrere Texte, die noch erzählt werden sollten. Wie haben dich denn Leute angegriffen, welche vermeintlichen Fehler hast du begangen? Es bleibt vieles im Allgemeinen. Daher empfinde ich es eher als Stoffsammlung. Anregend über das eigene Leben nachzudenken, ist dein Text auf jeden Fall.

 

Am Schluss schwingt die Angst vor dem Tod, dem Nichts, dem Ausgelöschtsein mit. Ich hätte mir gefühlsmäßig mehr Zugang gewünscht. Zum Beispiel ein Vertiefen bei Angst und Trotz. So fühlt es sich eher an, wie Grübeleien, die sich in der Vergangenheit oft vollzogen, obwohl es ja eigentlich die Suche nach dem so Gewordensein und dem Sinn des eigenen Lebens ist. Starke Fragen, die sich vielleicht nicht in einem einzigen Texte beantworten lassen.