Die Jerichower Schreibrunde

Jahresbericht 2020


Jerichower Schreibrunde


Wir haben uns schon von Anfang des Jahres nicht von den Corona-Einschränkungen in die Knie zwingen lassen. Ab Januar haben wir die Zeit genutzt, unsere Idee einer Anthologie anlässlich unseres 25-jährigen Jubiläum zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Es sollte im November eine richtig tolle Buchpremiere im Kloster Jerichow werden. Alle haben auf diesen Tag hingefiebert.

Die Veranstaltung sollte vom Stendaler Fernsehen im Malzkeller des Kloster Jerichow aufgenommen werden. Zur musikalischen Umrahmung konnten wir den Musikproduzenten Michael Vajna gewinnen. Die Buchpremiere sollte in Gemeinschaftsarbeit mit der Kirchengemeinde Jerichow die Auftaktveranstaltung der neuen Reihe „Jerichower Kulturwinter“ werden. Doch dann kam alles anders. Die Veranstaltung fiel eine Woche vor ihrem Termin dem Virus zum Opfer. Wir wollen uns aber nicht entmutigen lassen und haben uns fest vorgenommen, die Präsentation unseres Buches nachzuholen.

Für interessierte Menschen und unsere Mitglieder betreiben wir ebenfalls seit Januar 2020 eine eigene Homepage.

Lutz Sehmisch schrieb:


Im Jahr 2020 haben wir die Coronazeit genutzt, zu unserem 25-jährigen Jubiläum eine Anthologie herauszugeben.


Wir alle leben von und für unsere Kontakte zu Freunden, Bekannten, interessierten Mitmenschen.

Auch uns Mitglieder der Jerichower Schreibrunde hat es schwer getroffen, dass wir mit erneuten Kontakteinschränkungen in das Jahr 2021 starten mussten. Es wird sicher noch einige Wochen nicht möglich sein, uns in gewohnter Weise zur Schreibrunde zu treffen.

Wenn jedoch alles so klappt, wie wir uns das vorstellen, werden wir uns ab März in Online-Schreibrunden treffen. Drückt uns die Daumen, dass wir das hinbekommen. Wer möchte kann uns schon mal auf unserer Homepage www.jerichower-schreibrunde.de besuchen.

Die Jerichower Schreibrunde wagt neue Schritte                                                                            März 2021


Die letzten Beschlüsse der Bund-/Länderkonferenz lassen erahnen, dass wir nicht nur mit dem Coronavirus leben lernen müssen, sondern vor allem, dass uns der Lockdown wohl noch lange beschäftigen wird. Ein Grund mehr, neue Wege in der Kommunikation zu gehen.

Am Freitag, den 5.März 2021 war es so weit. Jeder Einzelne der Jerichower Schreibrunde betrat ab 16 Uhr für ihn völlig neues Terrain. Die Schreibrunde traf sich das erste Mal in einem Onlineformat. Wir waren alle ganz schön aufgeregt, aber auch richtig stolz auf uns, dass das soweit schon mal geklappt hat. Nach so langer Zeit, in der wir uns nicht treffen konnten, gab es selbstverständlich erst einmal eine Menge zu erzählen.

Aber wir knüpften auch an Vergangenes an und lasen Texte und Gedichte vor und besprachen sie. Es war für viele dolle anstrengend, weil die Tonverbindung nicht immer optimal war. Das ist dem Umstand geschuldet gewesen, dass wir nach einem Programm gesucht hatten, welches kostenlos ist, keine Installationen auf den Endgeräten auslöst und auch keine Teilnehmer- oder Zeitbegrenzung hat. Nun gut, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Erfahrungen sammeln und den nächsten Schritt zu gehen, gehört nun einmal zum Leben dazu.

Gemeinsam haben wir uns entschieden, bis zu unserem nächsten Onlinetreffen am 9.April 2021 an der technischen Umsetzung zu feilen und auf eine qualitativ besser arbeitende Software zu wechseln. Und manchmal ist es eben auch notwendig, nicht zwangsweise an alten Verfahrensweisen und Abläufen festzuhalten. Wir sind stolz, dass dies in der Gruppe sehr gut klappt. So werden wir auch Jochens Vorschlag umsetzen und die Texte nicht mehr zum Treffen „mitbringen“, sondern schon vorher per E-Mail verteilen. Wenn jeder die Texte kennt, lässt es sich konzentrierter und effektiver an und mit ihnen in der Gruppe arbeiten. Ein Prinzip was sicher viele aus Workshops kennen.

Für uns war es dennoch ein rundum gelungener Nachmittag, der sicher auch andere Runden und Gruppen ermutigen sollte, nach neuen Kommunikationswegen zu suchen. Kontakt zu halten ist für uns alle gerade in solch schwierigen Zeiten besonders wichtig. Auch wenn wir uns noch nicht umarmen oder berühren können, so können wir miteinander sprechen und uns auch sehen. Das macht ein unwahrscheinlich gutes Gefühl.

Halle, den 30.1.2021


Liebe Sigrid, liebes Lindenblättchen,


wenn einem jemand ein Buch schenkt, in dem er selbst Texte veröffentlicht hat, erwartet derjenige möglicherweise, dass man sich in einer gewählten Form dazu äußert.

Du hast mir zum Weihnachtsfest das Buch „… und dann kamen die Gedanken – gezeichnet ist der Augenblick“ geschenkt. Kaum zu glauben, dass die Jerichower Schreibrunde schon ihr 25. Jubiläum feiert.

Erinnere ich mich an den Beginn, fällt mir Folgendes ein:


Damals ging Dorothea Iser einfach so auf den damaligen Chefarzt Joachim Müller zu und überzeugte ihn, eine Schreibwerkstatt im Jerichower Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychosomatik für Patienten zu gründen. Sie selbst übernahm für viele Jahre die Leitung der monatlichen Treffen. Bald erschien das erste Buch „Fluchtwege“. Die Runde wuchs, und auch längst entlassene Patienten und Patientinnen kamen wieder.

Dann fand der erste Workshop in Wendgräben statt.


Die Jerichower Schreibrunde öffnete sich. Ich erinnere mich gern an die knapp 50 Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die sich im Malen, Tanzen, Theaterspielen und Schreiben in den drei Tagen ausprobieren konnten. Am letzten Tag fanden die Präsentationen statt. Erstmals las ich vor Publikum einen heiteren Text von mir. Er kam an und das gab mir viel Selbstvertrauen.

In den Folgejahren fanden jedes Jahr diese Workshoptage statt. Ich lernte viele Mitglieder der Jerichower Schreibrunde persönlich kennen. Joachim Müller spielte in der Theatergruppe mit. Wenn ein Chefarzt so lachen kann, dann werden die Patienten sicherlich bald gesünder, dachte ich öfter.


Nachdem Dorothea Iser die Schreibrunde an Diana Enders übergeben hatte, übernahmen sie drei Jahre später Marion Krüger und Lutz Sehmisch. Ihnen beiden ist es zu danken, dass die Idee zu diesem Buch Realität wurde.

Diana Enders schreibt im Vorwort: „Es erwartet sie eine Fülle von Texten, die, ausgehend vom Motto des Schreibprojekts, das Wirrwarr in unseren Köpfen und Herzen in allen Facetten widerspiegeln … Sie haben in ihren Beiträgen die Masken abgelegt. Sie gehen wie in einem Labyrinth in nahen und fernen Kreisen immer dichter an sich selbst heran. … Das Schreiben lässt einen Schreiber verwandelt zurück … So ergeht es aber auch beim lesen.“


Ich hatte das Buch von hinten angefangen zu lesen. Weil ich natürlich erst einmal Deine Texte gefunden hatte, liebe Sigrid. Wir beide haben uns über das Schreiben in dem halleschen Selbsthilfeprojekt Schreibgruppe REGENBOGEN kennen gelernt. Ich freue mich sehr für Dich, dass Du in der vorliegenden Anthologie mit solch unterschiedlichen Texten vertreten bist. Besonders tief berührt haben mich Deine Gedichte: „Mein Kind – meine Tochter“ und „Altersfalten“.Beide Texte zeigen deine gelungene Balance zwischen Drama und Humor.


Im Autorenverzeichnis gibt es kurze biografische Angaben und einen Satz darüber, was jedem dass Schreiben bedeutet. Von den 16 Mitgliedern der Jerichower Schreibrunde kenne ich 11 persönlich. Deswegen ist das Buch eine Lesebegegnung der besonderen Art für mich. Der Untertitel des Buches „ - gezeichnet ist der Augenblick“ wird zum organisatorischen Programm, denn die gemalten und gezeichneten Bilder sind absolut gelungene Beiträge. Jedes Bild erzählt zusätzlich eine eigene Geschichte.


Einzelne Texte aus diesem Gesamtkunstwerk hervorzuheben, fällt mir schwer. Aber sehr tief angerührt hat mich das Therapietagebuch „Zwei Tafeln Schokolade – Protokoll einer Therapie“ von Heike Lüdeke. (S.91 bis S. 104)

Jeder Text ist es wert, herauszuragen. In jedem steckt diese gewisse Individualität, die ein Buch zum Erlebnis werden lassen, wenn ich mich darauf einstelle. Die Autoren und Autorinnen lassen sich in die Seele schauen. Ich merke den einzelnen Gedichten, Sequenzen, Geschichten, Limericks und therapeutisch geschriebenen Beiträgen an, welche Höhen und Tiefen vorher erklommen und durchschritten wurden, bevor sie den Weg aufs Papier fanden.


Es ist ein Buch, dass sich sicherlich nicht beim ersten Lesen völlig erschließt. Ich nehme es gern öfter zur Hand, um immer wieder neu zu entdecken. Auch Dich, meine liebe Freundin Sigrid.

Ich danke Dir, dass ich diese Nachricht der Jerichower Schreibrunde in meinem Bücherschrank weiß.

Möget ihr weiterhin schreiben, Euch begegnen und vertrauen. Diese Nähe ist es, die solcherart Literatur möglich macht.


Ich grüße Dich herzlich, wünsche weiterhin ein gutes Schreibhändchen, Deine Anne