Die Hallenser

Katharina Pallas


Gott im Himmel Teil 1- Die Mondlandung


Es muss im Spätsommer 1969 gewesen sein, ich war damals drei Jahre alt und wie so oft in meiner Kindheit zu Besuch bei meiner Großtante, bei der ich immer mal auch übernachten durfte.


Ich erinnere mich gut an eine Anekdote aus dieser Zeit, da sie mir in späteren Jahren oft erzählt wurde, die aber sicher verifizierbar, da sie mit einem Ereignis verknüpft ist, das von herausragender Bedeutung in der Menschheitsgeschichte ist. Nicht zuletzt wurde sie mir jüngst in Erinnerung gebracht, da sich dieses Ereignis am 21. Juli 2019 zum 50. Mal jährte.


Meine Großtante ergriff die Gelegenheit, da ich bei ihr zu Besuch war und versuchte, mir Gott nahe zu bringen. Sie hielt es für an der Zeit, für meine religiöse Erziehung zu sorgen und fing an, mir etwas vom lieben Gott im Himmel zu erzählen. Sie scheiterte damit abrupt – gleich in doppelter Hinsicht: ihre ältere Schwester, meine Großmutter, die auch anwesend war, erhob die Hand und herrschte sie an: „Was erzählst Du ihr da vom lieben Gott. Bist Du verrückt?!“ Sie hatte zu oft in ihrem Leben erfahren müssen, mit welchen verheerenden Konsequenzen „Gesinnungstäter“ zu rechnen hatten. Atheismus war staatlich verordnet in der Diktatur des Proletariats- und es gab Sippenhaft. Die Großtante entgegnete: „Es ist doch an der Zeit... aber sie muss doch... sie kann doch nicht...“, weiter kam sie nicht. „Bist Du jetzt still!“ Ich sprang aufgestachelt auf, weniger weil meine Großtante um mein Seelenheil besorgt war, sondern weil ich etwas Verbotenes und Verborgenes witterte, und mich herausgefordert sah, diesem Geheimnis, über das nicht geredet werden sollte, auf den Grund zu gehen.


Ich rannte also zu dem großen Fenster in der Wohnküche - und erblickte nichts als schwarze Nacht, nur der Mond, nahezu rund und hell erleuchtet, war zu sehen. Wo war der liebe Gott denn?- „Den kannst Du nichts sehen“, sagte die Großtante, „aber er ist da im Himmel.“- Verständnislos riss ich die Augen auf, das gibt es nicht, dass da jemand ist, den man nicht sehen kann. Ich verstand gar nichts und suchte den nächtlichen Himmel nach allen Richtungen ab, kam immer wieder auf den leuchtenden Mond zurück, an dem sich mein Blick verfing. War Gott auf dem Mond? Plötzlich hatte ich eine erlösende Erklärung: „aber Tante Martha, weißt Du denn nicht, dass die Amerikaner auf dem Mond wohnen?“


Ich hatte mich daran erinnert, wie mein Vater mit mir die Mondlandung im Juli 1969 im (West-) Fernsehen angesehen und versucht hatte, mir Dreijährigen beizubringen, dass sich die gezeigte Szenerie weit weg auf dem wegen der großen Entfernung uns klein erscheinenden Mond abspielte. Die Fernsehübertragung brach dabei immer wieder in ein einziges Rauschen zusammen. Dabei war es meine Aufgabe als Kleinkind, unter den Fernsehtisch zu krabbeln und die „Konstanze“, so wurde ein Regulator genannt, der Schwankungen in der Stromversorgung auszugleichen hatte, aus und nach einer kurzen Wartezeit wieder einzuschalten, bis die Spannung wieder aufgebaut war. Trotz der Übermittlung in einer Fremdsprache musste ich die Mondlandung irgendwie verinnerlicht und begriffen haben und zog einige Wochen später schlüssig die Verbindung zu dem, was mir in Erinnerung war. Es blieben nun einige Fragen offen: „War Gott ein Amerikaner, wen gibt es noch? Gott? Die Dinosaurier, die ich damals mit Inbrunst ausmalte, gab es jedenfalls nicht mehr.“


An weitere Versuche meiner Großtante, mich religiös zu prägen, konnte ich mich nicht erinnern. Ihr Scheitern gegenüber den nicht zu leugnenden technischen Fortschritten der Menschheit ging, zumindest für mich in Belanglosigkeit unter. Mir blieben Triumph und Stolz, es besser gewusst zu haben und meiner liebenswürdigen, sanften alten Großtante etwas erklären zu können. Ein Naseweis, der beginnt, Ermächtigung zu erfahren, nicht vordergründige Überlegenheit.


Erst viel später, mit erlangter persönlicher Reife konnte ich – mit Ehrfurcht und Kontemplation – reflektieren über die damalige Aufbruchstimmung, die sowohl die Entwicklung eines Kindes kennzeichnete als auch eine Zeitenwende in der Weltgeschichte.


Da begriff ich die Strophe aus dem Lied: „Der Mond ist aufgegangen“ in ihrer metaphorischen Bedeutung:


Seht ihr den Mond dort stehen,

er ist nur halb zu sehen

und ist doch rund und schön.

So sind wohl manche Sachen,

die wir getrost belachen,

weil unsre Augen sie nicht seh´n

(Matthias Claudius)


(Übrigens wurde der Schluss des alten Liedes, der auf Gott Bezug nimmt, in der sozialistischen Schule einfach weg gelassen.)




Jana Judersleben


Zeit


Ich sehe sie laufen, weit vor mir, die Zeit. Sie rennt, ich versuche mit aller Kraft, mit ihr Schritt zu halten, denn sie hat etwas von mir fest umklammert, meine Termine, Aufgaben und Pläne und weitere Unsinnigkeiten.

Wie gern würde ich sie einfach einmal davonziehen lassen, stehen bleiben, durchatmen, frei atmen. Wie gern würde ich ihr einen Fetzen entreißen von dem, was sie festhält, nur ein kleines Stück, von einem meiner Träume, es haschen und halten, damit stehenbleiben, innehalten und Ruhe fühlen.




Kristin Rös


Des Nachts


Wüst kreisen die Gedanken

verfangend sich im Windspiel

nehmen mich auf die Reise

ohne Ziel.


Schwarz und schwarz

dunkel ist die Nacht

um mich herum Gespenster.


Traum, oh Traum

dein Wesen schlägt in mir

züngelnd empor

der Alp mich jagt.


Doch die Gier nach Leben

sie ist noch da

welch Glück, ich schrecke

auf, der Morgen naht.




Mechthild Börner


Georgs Höhenflug (meinem Vater zum 100. Geburtstag am 29. September 2008)


Schon als kleiner Junge übte Georg das Fliegen, in dem er einen Sprung in manche Tiefen wagte, die Arme ausbreitend wie Flügel. Dann lernte er die Furcht vor dem Fliegen kennen im Krieg in Russland. Wo es ihm in einem Kleinflugzeug fast mit der Tür herausgerissen hätte vor der Landung im Kessel von Demjansk. Trotz allem träumte er bald nach dem Krieg schon wieder vom Mondflug der Menschheit. Man bezeichnete ihn deshalb als komischen Vogel.

Wie begeistert war er, als sich dieser Traum erfüllte. Jetzt mit 100 Jahren hatte er wieder Angst vorm Fliegen. Eines Tages geschah es, dass man die übliche Kaffeefahrt zum Flughafen nach Oppin umleitete. Dort wurde er in ein Kleinfahrzeug geschoben und eh’ er sich besann, ist er abgehoben. Trotz seiner Bremsung ging es weiter nach oben. Ungewollt ist er mit dem Flugzeug zur Flugbahn gerollt. Was sollte er sagen zu dem netten jungen Mann, gegen dessen Charme er sich nicht wehren konnte – und dann die Spannung auf das, was geschehen würde. Viel Wasser sah er an diesem Tag. Viele neue Seen gibt es in unserem Land, die waren ihm noch unbekannt.



Es geschah vor 100 Jahren,

als es noch Kaiser gab und Zaren.

Geboren wurdest du heute

zu deiner Eltern Freude.


Unlängst warst du ganz weit oben

über den Wolken im Himmel droben.

Schautest herab auf dein Revier

Haus und Garten, Mensch und Tier.


Hoch über den Kirchturmspitzen

sah man dich im Flieger sitzen.

Es gab kein zurück von allem.

Oder du wärst tief gefallen.


Eine Stunde musst verstreichen,

um die Erde zu erreichen.

Aber voller Glück

kehrtest du zurück.



Gudrune Fabiola Hartmann


Meine Platane


Eine Platane steht auf einem winzigen Hügel, königlich erhöht. Wie alle Platanen hat sich auch "meine" Platane geschält. Das bedeutet, sie wirft Teile ihrer Rinde ab. Und da es nicht die ganze Baumoberfläche auf einmal betrifft, bildet sich ein Muster, nämlich das einer bunt gescheckten Kuh, hell und mittelbraun gescheckt


An einer Stelle gibt es wunderschönes Moos. Es entwickelte sich mit der Zeit ein eigenes Biotop am Baum: Moos, alte Ästchen, vertrocknete Blätter und Blüten, Insekten, Spinnenweben.


Der Baum hat einen Durchmesser von ungefähr einem Meter. Er hat viele, viele Jahresringe. Ganz alt. Mindestens 200 Jahre alt. Die Wurzeln wachsen tief in den kleinen Hügel hinein und bewegen sich einige Meter vorwärts.


Die Frage, wie viele Schritte sich ein Baum bewegt, können wir nicht beantworten. Wir können ja nicht nicht in die Erde hinein gucken.


Das wäre doch einmal ein wunderbares Bild:


Den Baum mit seinen Wurzeln zu sehen, was für Symbiosen er eingeht, wie tief er in die Erde geht, wem er unterwegs begegnet, was er dabei erlebt, welche Hindernisse er überwinden muss. Nun wisst ihr, wie die Platane aussieht.


Wenn ich vor dieser Platane stehe, bin ich innerhalb von wenigen Sekunden vollkommen ruhig


Es sackt ganz sanft in mir hinunter. Ganz, ganz tief. So tief, dass mir die Füße kribbeln. Es sinkt immer weiter...


Ich habe einen festen Stand, bin wie verwurzelt mit dem Boden unter mir. Habe ich es dem Baum nachempfunden, mich gedanklich in die Erde begeben, Wurzeln wachsen lassen, ganz schnell.


Wie ein Zauber! Das ist es!


Der Baum zieht mich magisch an. Es ist, als wenn ich seine Kraft von ihm geschenkt bekomme. Seine Ruhe. Sein Verwurzeltsein, seine Jahre. Seine Weisheit. Sein So-Sein.


Foto: Gudrune Fabiola Hartmann