Das besondere Foto


Das besondere Foto

Fotograf: Rolf Winkler

Wer versucht, einen Text zu finden, der die Stimmung des Fotos trifft? Ihr kennt das Spiel.

Dezember- Foto

Gudrune Fabioala Hartmann


Tiefe Freude


Wann hat die Sehnsucht nach dem Meer angefangen?

Gefundenes Glück. Sehnen vergessen.

Sonne, leicht windige Brise, große und kleine Wellen, wellen voller Glück ziehen mich weiter hinein ins Wasser. Jetzt fühlt es sich angenehm warm an. Finden ist einfacher als ich dachte.

November-Foto

dorothea iser


spätherbst


still zieht sich die welt zurück

löst ihre farben auf

geister gaukeln blass durchs bild

ihr blattgold noch im kauf


luft legt auf ein kaltes nass

versponnen übervoll

nebelkleider tanzen leis

zur melodie in moll


nebellicht fällt in mein herz

klarheit wär mir lieber

winter komm erlöse mich

aus dem novemberfieber

Oktober- Foto

das blatt


(rolf winkler)


einsam und aufrecht
ein wenig hochmütig
vielleicht
bald
kommt der fall


dorothea iser

(für g. b.)

größe


ich bin sicher

in allen zweifeln

folge ich mir


auf kräftigen

schwingen berauscht

einsamer nie

Annegret Winkel- Schmelz


Der Käfer


Fragt der Käfer: „Stängel, wo sind deine Wurzeln?“

Sagt der Stängel: „Ich habe keine.“

Fragt der Käfer: „Blatt, wo ist das Licht, nach dem du strebst?“

Antwortet das Blatt: „Ich habe keins.“

Der Käfer beißt herzhaft in den Stängel und kaut mit Genuss. Das Blatt segelt hinunter. Der Käfer fliegt hinterher und knabbert es an.

„Wenn ich diese Gelegenheit nicht nutze, verdorrt das Grün sowieso“, spricht der Käfer und krabbelt davon.

September- Foto

Rolf Winkler

Im Sauseschritt


„eins, zwei, drei ...“


gefangen in der Gegenwart
sehe ich
die Zukunft davonlaufen.

August-Foto: Variante II

Kristin Rös


Rückkehr


Wenn Stunden

verschwimmen

ziehen Schnörkel

mir ins Bewusstsein,

zur Rettung ungelogen,

geschwungen zungenähnlich-

zerren mich zurück

in den fest verzahnten

wieder möglich

werdenden Tag.

Annegret Winkel- Schmelz


der uhrzeiger sinn


Stärker noch als

meine abgelaufene zeit

sind die takte

die vorgegeben sind.


Dem zeiger gehorchend,

empfange ich signale

die taggenau fließend,

sich stündlich aufteilen


In mein und

dein leben führend,

als würde es

nacht in uns.


Was bleibt heute:

stunden der nähe

die vergangen sind

und erinnerungen werden.


Neues gilt es

zu finden, weil

jede sekunde lebenszeit

zählt wie jahre.

Annegret Winkel-Schmelz


eine fabelhafte list


es war einmal ein schneckerich.

frisst gern vom grünen blatt.

er speist es laut als schleckerich

genießt, denn er wird davon satt.


das schmatzen hört seine frau, die schnecke -

fragt: ob vom schmaus was übrig ist?

scheu schaut sie um die gartenecke,

dann greift sie zu einer list.


ihr schattenspiel verjagt den mann,

er bekommt es mit der angst zu tun.

jetzt schleicht sie sich von hinten an,

zupft sich vom grünen blatt, um auszuruhn.


was lerne ich aus diesem spiel, aus der geschicht?

sind sich mann und frau nicht grün, hilft auch kein gericht.



August-Foto: Variante I

Rolf Winkler


Das Ding

Der alte Mann erinnert sich an das Kind.
Ein Haus konnte er bauen,
ein Gatter für seine Tiere aus Pappmaché,
einen hohen Berg.
Zusammengelegt konnte er es auseinander ziehen,
loslassen, es machte klack.
Einmal machte es knack.
Aus war’s mit dem Ding.

Rolf Winkler

vermessung der welt
höhe breite tiefe
ich mittendrin




Sigrid Lindenblatt


Ich muss raten ...


Als erstes denke ich an ein Rollo

mit der Möglichkeit dieses zu säubern.

Es ist gar nicht so einfach,

ein Rollo von dem Staub

eines Sommers oder Winters

zu befreien.


Oder ist es doch eine technische

Konstruktion?

Habe immer noch keine Idee …


Ich komme zurück

zu meinem ersten Gedanken

an ein Rollo …

Petra Taubert


Nadelpfade


Meine Mutter nähte ein Gänseblümchen, eine gescheckte Katze mit schwarzem Schwanz, einen Seeräuber und noch viele Kostüme für mich. Mein Vater nähte eine Tasche für meine erste Gitarre. Erst später bekamen wir Saiten dafür und ich lernte die ersten Griffe.
Meine Großmutter war Handschuhnäherin, bevor sie im Bergbau arbeitete. Sie strickte gern für Püppchen und für uns. Später bestickte sie Blumenkissen und Tischdecken.
Ich nähte ein Leopardenkostüm für zwei Jungs, die mir ans Herz wuchsen. Als sie mir einmal dabei zusahen, wie ich einen Ball nähte, wollten sie die Nadelkunst auch lernen und waren stolz auf ihre ersten Stifttaschen.

Mein Vater rang um sein Leben vor drei Jahren nach einem Kunstfehler im Krankenhaus. ich polsterte seine Couch neu, weil er auf ihr immer schlief und es sehr nötig war. Ich nähte um die Wette mit den Ärzten und schaffte es, das Möbelstück fertig zu stellen vor seiner Rückkehr.

Rolf Winkler
er und sie

er sitzt neben ihr
morgens oder am abend
sie sitzt neben ihm

Sigrid Lindenblatt

Immer in Bewegung

 

Ich war in Bewegung, mit vielen Gleichgesinnten.

In unzähligen Treffen haben wir uns ausgetauscht und gestaltet,

gemeinsam haben wir viel Spaß und Freude erlebt.

 

Nie hätte ich gedacht, dass wir von jetzt auf gleich,

so rigoros, ausgebremst werden.

Termine wurden gestrichen oder verschoben.

Das musste ich erst mal registrieren.

Es begann das große Durchatmen.

Auf einmal war da soviel Zeit.

Ich konnte zu mir kommen und mich besinnen.

Mein Terminkalender war leer.

Die Tage standen ganz alleine mir zur Verfügung.

Was für ein Segen.

 

Immer noch fühle ich mich dabei gut.

Ich kann mich noch nicht daran gewöhnen,

dass es so langsam wieder los geht.

 

Es fällt mir schwer, mich erneut auf Termine einzulassen.

Meine Tage sind mit meinen Ritualen ausgefüllt.

Mir fehlt nichts.

 

Da ich noch nichts vermisse, werde ich langsam starten.

Mein Leben zu Hause hat mir gezeigt, dass ich nicht überall dabei sein muss.

 

Petra Taubert

Bastelidee

 

Grannen und Ähren

mit buntem Alupapier

Glitzerstrauß für dich

Petra Taubert

Deine und meine Schuhe

für Ralf M.


In deinen Schuhen

willst du aufstehen.

Immer wieder

versuchst du dich

auf meine Hände

zu stützen.

Entkräftet sinkst du

mit Tränen in den Augen

in deinen Rollstuhl.

Ich möchte so gerne

stehen und laufen können

wie im Traum, sagst du.

Meine und deine Schuhe

berühren einander

unter dem Tisch,

während sich auf dem Tisch

unsere Hände finden

und wir uns tief in

die Augen sehen.

Stefanie Obieglo

Schuhwerk

 

Deine Schuhe,

meine Schuhe,

dir zu groß,

mir zu klein,

mir zu groß,

dir zu klein

ausgetreten oder neu

Wege,

die wir laufen,

jeder in den seinen.

Christa Beau

Passt der Schuh?


Welcher Schuh ist der richtige?

Tut er mir weh,

verletzt er mich,

wenn ich mit ihm

auf meinen Wegen gehe?


Dann passt er nicht.

So wie Menschen,
die mir Schmerz zufügen.

Resümee: Ich trenne mich

von dem einen

wie von dem anderen.

Annegret Winkel-Schmelz

spielwiese


fadennudeln fädeln 

luft, luftige 

knospe knöpft 

knusprigen kopf 

auf, anwandlung 

direkter dichterin 

verschleiert verbrieften 

text, tintenblau 

himmelt hintergrund - 

fäden fesseln.

Rolf Winkler
Roggenmuhme

Die Mahnungen der Großmutter halten uns nicht zurück. Durch den versteckten Eingang kriechen wir ins Roggenfeld und sind in unserem Spielzimmer. Wir legen uns auf den Teppich aus umgeknickten Halmen und schauen in den hohen blauen Himmel. Ähren wippen im Wind. Es raschelt, knistert, rauscht. „Dort wohnt die Roggenmuhme“, hat Großmutter gewarnt. Angst schleicht heran. Wir halten uns an den Händen.

Morgen kriechen wir wieder ins Roggenfeld.

Thurid Winkler

Ihr Traum vom Blauglockenbaum

„Halt, halt! Heb mich auf! Nimm mich mit!“
„Was schreist du so? Ich suche eine Blume, eine blaue Blume. Halte mich nicht auf!“
„Ich kann dir helfen.“

Sie dreht sich um. Nichts Blaues kann sie erkennen. Nur eine schmutzig braune Kapsel liegt auf dem Weg unter einem großen Baum. Oben im Baum entdeckt sie Blütenstände mit blauen Glocken.
Sie geht ein paar Schritte zurück, hebt die Kapsel auf. In der Kapsel klappert es. Samenkerne. In ihrem Garten sät sie die Samen aus, träumt von ihrem Blauglockenbaum und wartet, wartet, wartet.


 

Rolf Winkler 

Traum vom Blauglockenbaum

Ich beobachte, wie du das Foto betrachtest und ahne, was in deinem Kopf vorgeht. Du hattest die Samenkerne herausgenommen, bevor du mir die Kapsel zum Fotografieren gabst. Die Kerne hast du später in die Erde gelegt und gewartet. Dein Traum vom Blauglockenbaum hat sich nicht erfüllt.

Das war vor drei Jahren.
Morgen gehe ich hin und kaufe dir einen Blauglockenbaum.

Kristin Rös

Ruf

 

Knospe, öffne dich

und zeig' deine Welt

die einsam noch

hier erst geboren wird. 

Sigrid Lindenblatt  

Sommererinnerungen

 

Im Sommer kommen Erinnerungen an die Ferien bei meiner Tante auf.

Zu der Zeit war es in Mode gekommen, Getreideähren mit glitzerndem Aluminiumpapier zu umwickeln und damit bunte Sträuße zu fertigen.

Das war eine knifflige Arbeit, die mich manchmal zur Verzweiflung brachte.

Es bedeutete sehr viel Geduld, bis ich eine gewisse Fertigkeit erlangt hatte. Zum Schluss hat es mir Spaß gemacht und ich konnte meiner Mutter stolz einen tollen Strauss schenken, als ich wieder nach Hause kam.

Petra Taubert

Wachsen im Werden

 

Verkapselt,

in mir vergraben,

öffne ich mich

nach innen,

höre das Flüstern

folge der inneren Stimme,

lass Träume und Ideen,

wachsen im Werden.

Annegret Winkel-Schmelz

 

 

gefangen im glashaus

ohne wurzeln kann ich

mich nicht befreien

aber dennoch aufgehen

  

meine kinder tragen

samen im innern

verstreuen ihn im kleinen

kalt ist der boden

  

ohne wasser und erde

vergehen wir zur statue

hingelegt zum anschauen

für andere zur mahnung

Sigrid Lindenblatt

Ganz allein


 

Ganz allein liegst du da

gerettet vor dem Sturm

 

Mit viel Liebe

und ein bisschen Glück

 

kannst du wachsen

und dich entfalten

 

in Farbe erstrahlen

und Freude verbreiten

 

ganz allein ...




Sigrid Lindenblatt  

Zukunft

 

Das besondere Foto

monatlich mit Spannung erwartet!

Nun halte ich mit dem Band fünf

das letzte dieser Art in meinen Händen.

 

Nie wieder wird es sein,

dass ich mir Gedanken

zu einem Foto von Rolf mache.

 

Nie wieder werde ich

die Page voller Erwartung öffnen,

um mich überraschen zu lassen.

 

Die nächsten Monate

werden ungewohnt sein.

Es wird mir etwas fehlen.

 

Alles hat seine Zeit...

das sagt sich so leicht.

 

Aber es wird etwas Neues

kommen,

auch wenn ich heute

noch nicht weiß, was es sein wird.

Stefanie Obieglo

Melancholie

 

Verhangen der Tag

wie das Fenster.

Ich verberge das Gesicht

in der Gardine,

den eng gewebten Gitterstäben.

Rolf Winkler

Ich und ich

In Zeiten der Vereinzelung sitze ich dicht am Fenster, schaue durch die Gardine auf die Fensterfront gegenüber. Ich träume davon, dort drüben dicht am Fenster zu sitzen und durch die Gardine auf mein Fenster zu schauen. Mein Blick von hier nach dort begegnet meinem Blick von dort nach hier.

Und, ich finde mich. Hier und dort bin ich nicht allein, ich bin mit mir.

Dorothea Iser

vorsicht

 

mein atem hängt

unschuldig im filter am fenster

die welt ist klein geworden

 

der blick verschwimmt

in der flut von erklärungen

schuldfragen retten nicht vorm untergang

Petra Taubert

Fensterblick

 

Am geschlossenen Fenster

stehe ich

und träume mich

zu dir.

Ich reiße das Fenster auf

und rufe deinen Namen.

Es wird ein Lied,

das mich trägt

auf rhythmischen Wogen

in dein Herz.

Gemeinsam schreiben wir,

spielen Sketche

und halten einander,

planen vorsichtig

hinter der Gardine.

 

 

Gardinenwelt

 

Hinter der Gardine

ensteht so vieles

in und um uns her.

Deine Lockerheit 

steckt an.

 

Sprüche,

Spiele,

Sprache,

komische Momente

und tiefer Ernst

in unserer Welt

hinter der Gardine.

Ralf Margraf

Farbmelodie


Licht fällt in das Zimmer.

Mit Schwung ziehe

ich die Gardine zurück.

Mein Blick fällt

auf ein Blütenmeer.

Farbsee, gesprenkelt mit weiß,

gelbe rote Tupfer daneben

auf der Wiese.

Ich atme ein und aus,

denke an dich und singe

"Danke für diesen schönen Morgen...",

versinke noch einmal träumend

im rosa Blütenmeer unter mir

und freue mich auf den Tag.

Sigrid Lindenblatt

Zu Hause

 

Ich ziehe die Gardine weg

und öffne das Fenster

Licht und Luft kommen

in mein zu Hause

 

Ich sehe aus dem Fenster

und sehe niemanden

Es ist so still

 

Nur die Blätter an den

Bäumen bewegen sich und

die Vögel singen ihr Lied

 

Im Radio höre ich die Nachrichten

über Corona-Pandemie und

die Entschleunigung unseres Lebens

 

Ich bin alleine zu Hause

alle Termine wurden gestrichen

oder verschoben

 

Es tut mir gut

endlich kann ich

ohne schlechtes Gewissen

zu Hause bleiben

 

Ich genieße die Tage

mit lesen, schreiben und fernsehen

bei mir zu Hause


Sigrid Lindenblatt

Zerstreutheit

 

Ich stehe da …

und weiß nicht

was ich

hier wollte.

 

Ruck zuck …

die Nummer eins?

Die muss ich nicht

mehr sein!

 

Ordne

meine Gedanken

und gehe

meinen Weg.

Petra Taubert


Zug schon abgefahren

Alles für die Katz und Mann

warten am Bahnsteig

Kristin Rös


März


Graffiti machen

meine Stadt und

Lichter und

ich:

auf dem Weg.

Brigitte Pagendamm

Assoziation


Am Bahnhof der Möglichkeiten

warte ich

nicht länger

auf den richtigen Zug.

 

Den Rucksack geschultert

verlasse ich

den Bahnhof der Möglichkeiten

und gehe meinen Weg

doch besser zu Fuß.

Petra Taubert

Hilfe, nicht losfahren

 

Meine Großmutter und mein Onkel waren mit meinen Eltern in den Achtzigern in den Urlaub nach Glindow gereist. Sie hatten dort ein Bungalow gemietet. Natürlich fuhren sie mit dem Zug dorthin. Von beiden bekamen wir auch sonst oft Besuch. Meist genossen Mutter, Vater, Onkel und Großmutter das Leben am See oder wanderten in der näheren Umgebung.

Manchmal unternahmen alle gemeinsam Ausflüge in der näheren Umgebung, auch nach Potsdam, mit der Eisenbahn. Meine Großmutter war sehr klein. An einem solchen Ausflugstag rutschte Grußmutter beim Aussteigen zwischen Zug und Bahnsteig, weil die Lücke so groß war. Meine Mutter schrie laut und deutete auf den Unglücksort.  Die Zugbegleiterin hatte schon die Kelle gehoben, da der Zug weiter fahren sollte. Endlich bekam sie es mit und gab dem Lokführer Bescheid. Mit vereinter Kraft zogen und hoben meine Eltern Großmutter nach oben. Sie hatte nur ein paar Schürfwunden und ihre Strumpfhosen waren kaputt. Sonst ging es ihr gut. Mein Onkel regte sich über diesen Unfall ganz schön auf. Nicht auszudenken, wenn keiner die Schreie meiner Mutter ernst genommen hätte. Meine Großmutter wurde Zweiundneunzigeinhalb Jahre alt.

Lutz Sehmisch

Zwischenstopp

      

Mein Weg durchs Leben

oft verschwommen.

Weiß nicht woher und wohin,

kein Fahrplan,

höre auf mein Herz

… und weiter geht`s.

Annegret Winkel-Schmelz

rushhour  


  

immer eile

ohne weile

 

keine zeit

für zweisamkeit

 

rauscht vorbei

wie einerlei

 

bin zerrissen

und aufgerissen

 

komm zurück

mein glück

 

eine pause

zu hause

 

wieder raus

uns voraus

 

wir zwei

ohne raserei

 

Christa Beau

Haiku


endlich
aus der letzten bahn
steigt dein Lächeln

Steffi Obieglo

Am Bahnsteig


Züge rauschen vorbei

wie die Zeit.

Manche halten

kurz

die Zeit

nicht!

 

 

 

Warten

Ich bin zu spät,

mein Zug ist abgefahren.

Immer wieder

streift mich

ein kalter Wind, 

der mich

aufs Neue

frösteln lässt.

Rolf Winkler

Ankunft in der Nacht

 

Du wolltest mich abholen,

hattest Zug und Zeit ausgewählt.

Wie dich finden in der fremden Stadt?

Kenne nur deinen Kosenamen

und die braunen Augen,

die mich aufgesaugt.

Ich warte,

warte auf den Zug,

der mich zurückbringt

in meine Einsamkeit.

Ulrich Nockur

Dornenkrone

 

lch sehe eine „Dornenkrone“, ein Bild, das in die Passionszeit passt. In einem Lied, was ich kenne, heißt es in einer Strophe: „Schon bald führt ein Gebot, dich zur Not und zum bitteren

Kreuzestod. Darum schlafe, noch ist Frieden Himmelssohn,

schlafe Du im Stall hienieden.“

 

Wir sind bis heute aufdiese Vergebung angewiesen. Was unser Herr Jesus Christus da an Not, Schmerzen, Spott und Beschimpfungen auf sich genommen hat, um uns von unserer

Last zu befreien, ist für uns schwer vorstellbar. Ich erinnere mich:

 

1999 machten wir eine Reise nach Jerusalem. Wir standen vor dem Hügel Golgatha, dem See Genezareth, dem Ort Gethsemane, wo Christus am Abend vor seiner Kreuzigung betete, bevor ihn Judas lskariot verriet und standen vor seinem Felsengrab. Mit vielen Besichtigungen war es eine Reise in die Geschichte des Christentums, von der wir lange beeindruckt waren.

 

Einfach ein Bild, so viel Erinnerungen hat es in mir ausgelöst.

 

Danke!

Lutz Sehmisch


kein Halten

schutzlos falle ich

ins Endlose

Sigrid Lindenblatt  

Aufbruch

 

Aufgebrochen sind

die Zwänge

der alten Technik

 

Einfühlsam

nähere ich mich

dem Unbekannten

 

Bin glücklich

wenn meine Befürchtungen

ausbleiben

 


dorothea iser

freiheit

 

ich finde

die lösung meiner probleme

in der öffnung

sie befreit aus der enge

nimmt mir meinen schutz

das ist der preis

Annegret Winkel-Schmelz

basketball

 

spieler:
dribbelt, wirft – hinein ins netz

punkte

 

gegenspieler:

dribbelt, wirft – hinein ins netz

wieder punkte

 

beide mannschaften:

kämpfen, um ball in korb zu bringen

hin und her

her und hin

auf dem spielfeld

 

endspiel

spielende

Rolf Winkler

Von der Schönheit

Ein Blick nach oben
lässt mich vergessen,
dass ich gefangen bin
in einem Käfig.

 


 

Thurid Winkler

Sag mir, wo die Rosen sind

 

In meinem Rosengarten

halten Felsgestein und Kiesel

das Rankengitter fest.

 

Wo sind die Rosen hin

die Bienen, die Schmetterlinge, die Vögel?

Sag mir, wo die Menschen sind.

 

Christa Beau

Gesprengt


Gesprengt

die Fesseln

einer langen Nacht.

Klirrend abgefallen,

was einst quälte.

Hebe nun die Stirn ins Licht,

in die Weite des Himmels.

Ruhig rauscht längst in den Adern

das warme Lied

der Liebe und Versöhnung.

Theodor Schauerhammer

Ein Fußballspiel


Was ist da passiert? Ich weiß es.

Wenn man gewinnen will, muß man Tore schießen. Eigentlich soll der Torwart den Ball halten. Aber wo ist der Torwart? Hat der Angst gekriegt, als ein scharfer Schuss kam und ist in Deckung gegangen? Nun ist das Netz im Tor kaputt. Kriegt jetzt der Torwart Ärger?

 

Das schöne Bild


Ein schönes Bild. Da ist ein kleines Kunstwerk drauf. Wenn man da richtig hinguckt, dann sieht man, dass da kleine Stöckchen drauf sind. Da hat jemand im Park kleine Holzstöckchen gesucht, dann hat er sie sortiert und hat ein Muster damit gelegt. Richtig schön sieht das aus. Das versuche ich auch mal. Vielleicht hilft Oma mir dabei.

Steffi Obieglo

Nach Oben


Alles Leben reckt sich,

wendet das Gesicht zum Licht

nach langem grauen Winter.

 

Stilisiert


aus Edelstahl

die Halme

Der Rosen – Pavillon

wird bald schon

seine Arme öffnen

zum Verweilen

und Genießen,

was der Frühling

uns

an Farbenpracht und Licht

zu schenken weiß.

Petra Taubert

Entwicklung

(zum 10 jährigen

Abstinenzjubiläum)

 

Gefangen

im Konsum

berauscht

beherrscht

getarnt.

 

Absturz hieß

frei im Fall

aufschlagen

ausweglos

überleben.

 

Hilfe zulassen

erkennen

erfahren

erlernen

erheben.

 

Käfig verlassen

fliegen und landen

im Rausch der Freude

ohne Mittel

das abhängig macht.

dorothea iser

partnersuche

 

der weg lädt ein

öffnet mir seine flügel

ich muss mich entscheiden

für den linken oder rechten

wohin ich auch will

fliegen kann ich nur mit beiden

Christa Beau

Wege


muss man gehen

seine eigene Welt bestehen

Risse auf den Pfaden

in die Haut sich graben

den Wegesrand beschauen

und der eignen Kraft vertrauen

 

annehmen das bunte Leben

Träume in den Himmel weben

Kristin Rös

Januar

 

wie ein boot liegst du mir da:

asphalt!

mit rissen

und ach

aufgelaufen.

Rolf Winkler



nach rechts nach links
nur entweder oder
kein sowohl als auch
vielleicht weder noch

Theodor Schauerhammer

Im Park

 

Das ist eine ganz alte Treppe. Die ist bestimmt in einem Park, sie führt den Berg hoch. Da oben ist ein Springbrunnen und plätschert.

Ich höre das richtig!

Schade, dass man den Brunnen nicht sehen kann, aber vielleicht ist er auf dem nächsten Foto. Das würde mir gefallen!

Petra Taubert

Wegfragen

 

Welcher Weg ist der richtige?

Ich denke nach.

Laufe ich zurück

und gehe nochmal los?

Folge ich dem Pfeil in der Mitte,

den die sacht begrünten Spitzen weisen?

 

Führt der eine oder der andere

Weg links oder rechts davon

mich zum Ziel?

Ich weiß es nicht.

Erfahren werde ich

die Antwort nur beim Gehen.

 

Du hast es nur noch nicht probiert,

klingt in mir von Gerhard Schöne.

So beschwingt laufe ich los,

probiere einen Weg,

für den der Rahmen des Bildes

zu klein ist.

Rolf Winkler

Das Leben ein Traum

Ich träume von einem weißen Raum.
Auf einer Bank lauscht ein Mann
dem Klang der Orgel.

Erwacht aus dem Traum
sitze ich auf der Bank in dem weißen Raum,
lausche dem Klang der Orgel.

Petra Taubert

Versunken im Gebet


Leer ist die Kirche

Ich bete innig

und denke an dich.

Musik umspült mich

und meine Gedanken,

bis ich fliegen kann

und Engel mir

begegnen

auf meinem Weg

zu dir.



Haiku- Versuch

 

Zauberer im Raum

Eintauchen in die Tiefe

virtuoser Klangwelt



Ulrich Nockur

Gedanken zum Januarfoto


Eine Straße gabelt sich, die rechte Seite ist durch einen Riss im Asphalt beschädigt. Ich erinnere mich, In der Bibel lesen wir: Der Weg der ins Verderben führt ist breit und bequem.

Die Pforte ist eng und der Weg ist schlecht, der zur eigenen Freude führt. Ich glaube, es lohnt sich diesen Weg zu gehen und Mühen auf sich zu nehmen um am Ende die eigene Freude zu erfahren!

Annegret Winkel-Schmelz

willkommen

 

du musst dich nicht entscheiden

ob links oder rechts entlang

deine füße haben dich

 

zu uns geführt

 

in unserer mitte

kannst du

deine sprossen erklimmen

Sigrid Lindenblatt

Schneeweiße Kirche 


Weiß wie Schnee und so steril

Da wo ich mich eingeladen fühlen sollte,

spüre ich Kälte 


Unwirklich 


Mir fehlt Wärme und

Zuwendung



Klarheit 


Klare Linien

und Strukturen  


Schlicht und

bescheiden 


Anspruchslose Gestaltung

wirkt stimmig


 

Sigrid Lindenblatt

Weggabelung


Ein neues Jahr beginnt

Zeigt mir zwei Wege auf 


Gehe ich rechts oder links

Was wird es mir bringen 


Stress wie alle Jahre

Oder Achtsamkeit 


Nehme ich die Mitte

Werde ich vielleicht ausgebremst

Stefanie Obieglo

Andacht


Auf leeren Bänken ertrinke ich

suche nach Verlorenem

in der Weihnachtszeit.

 


Christa Beau

Haiku


Orgelkonzert
zwischen Hören und Sehen
das Spiel der Finger


dorothea iser

moderne

 

unerbittlich weiß

ist der raum

ohne glanz in den augen

keine falte im gesicht

nur streng

ein wenig selbstgerecht

und menschenleer