Burger Autorenkreis

Samira Bäger


Wer ich bin


Ich bin das eine beliebte Mädchen.

Ich bin das Mädchen dem alle hinterher gucken.

Ich bin die, die man anschaut und heimlich denkt „sie ist das was andere nicht sind. Perfekt.“

Die, die die ganze Stadt kennt.

Das war gelogen.


Ich bin das eine Mädchen, dass nie ihren Mund halten kann.

Das Mädchen, dass immer etwas zu sagen hat.

Die, die man Nachts anrufen kann, um stundenlang Gespräche zu führen.

Die, die die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht.

Das war auch gelogen.


Aber manchmal ist die Wahrheit nicht so wichtig.

Ich bin das was ich mir denke zu sein.

Denn ich bin nur das eine Mädchen das keiner kennt, nicht mal sie selbst.




Edel Schimansky


Ich will


Ich kaufe mir eine Urne.

Ich werde sie bemalen mit allen Farben, die ich kriegen kann.

Und dazu werde ich ganz laut den alten Song hören von Drafi Deutscher: „Welche Farbe hat die Welt“.

Ich werde sie fein konturieren und lackieren mit dem härtesten Lack, den es gibt, und der es aushält unter der kalten dunklen Erde.

Und Lieder, die ein Stück Leben von mir beschreiben, werde ich heraussuchen und im noch lebendigen Dasein lauthals hören und mit der kaputten Stimme untermauern.

Ich werde Asyl beantragen im Paradies; Silly mit Tamara Danz wird mich dabei unterstützen.

„Gib mir Asyl hier im Paradies, da kann mir keiner was tun.“

Volle Kanne ! Volle Dröhnung! Letzter Tanz!

Bevor ich eingebuddelt werde, darf jeder etwas sagen, dem die Seele brennt.

Und wenn da nichts brennt, dann kann diese Person auch den Mund halten.

Dann war es vielleicht nicht einer MEINER Menschen.

Aber wenn da einer ganz traurig ist,

und deshalb nichts sagen kann, dann soll er es aufschreiben; am besten am Vortag und es einfach neben meine Urne legen.

Ich lese es später.

Es ist mein Ernst!

Ich plane meine Bestattung im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte.

Im lebendigen Bewusst des Seins und im geformten Text.

Nur beginnen muss ich noch.

Morgen.



Espanol


Es hat mich weggerissen, angegriffen, es traf mich plötzlich, blitzartig mit aller Wucht.

Mitten durchs Herz, mitten durchs Hirn.

Wusste nicht, dass so viel Wasser hinter den Augen wartet.


Es fließt und tropft und hört nicht auf zu fließen und zu tropfen.

Die Polizeisirene tönt eine viertel Stunde durch den Ort.

Menschen stehen an Fenstern, auf Balkonen, auf Dächern.

Sie singen und klatschen und lachen sich zu.

Sie machen nicht nur Musik. Sie machen Mut. Sich und dem Rest der Welt: Annette und Kai aus Pollenca mitten in der Corona.

Und ich vor meinem Laptop ihrer Newsetter.


dorothea iser


der neue tag


schrecken verstopft

mir den schlund

beim blick in die welt

als wir noch träumten

wussten wir nicht

dass erwachen

bezahlt werden muss

Wartezeit - Lesung im Rotfuchs


„Klaus-D. Vogt präsentierte heute im Rotfuchs sein neues Buch "Wartezeit". Ein Exemplar stellte er auch den Leserinnen und Lesern der Stadtbibliothek "Brigitte Reimann" zur Verfügung! Wagnisse, Gespräche mit meinem Bauch und andere Bücher von ihm sind ebenfalls bei uns zu entleihen.“

schrieb Steffi Obieglo am 22. Oktober 2020.

Die Coronasituation aus Seniorensicht wollte Klaus-D. Vogt festhalten - es entstand die Erzählung "Wartezeit - Wie ein Virus die Liebe zweifeln lässt":

Die Senioren Gerda und Bernhard lernen sich Anfang Februar 2020 kennen. In einer ungewöhnlichen Zeit erschweren das Corona-Virus und der ausgerufene Lockdown das Aufblühen ihrer Beziehung. Sie stehen im Zwiespalt zwischen dem Einhalten der Corona-Vorschriften und ihrer Liebe. Die Geschichte ist eingebettet in die Regelungen der Corona-Eindämmungsverordnungen.

 

Das Buch ist im Verlag epubli unter der ISBN 978-3-753106-62-5 erschienen. Es kostet 7,50 Euro.

Eine Leseprobe:


Am Freitagnachmittag fährt Bernhard zu Gerda. Sie spazieren durch den Park in der Nähe des Altenheimes. Es riecht nach Frühling. Die ersten Primeln stoßen gerade durch die Erde und erfreuen das Herz des verliebten Rentnerpaares. Beide bedauern den Ausfall der Buchlesung. „Absage aus Vorsorge wegen Corona", stand in der E-Mail. Bernhard zeigt dafür nur begrenztes Verständnis. Wegen Corona scheint alles auszufallen, sogar die Fußball-Bundesliga spielt nicht mehr.

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Zu Wochenbeginn ruft Bernhard Tochter Susanne an: „Papa, ich wollte mich mal melden und dir sagen, dass du mich jetzt auch tagsüber anrufen kannst. Seit letzten Donnerstag bin ich im Homeoffice. Es ist ungewohnt im Schlafanzug zu frühstücken und anschließend mit der Arbeit zu beginnen. Zwischendurch den Geschirrspüler befüllen, sich ankleiden und weiterarbeiten. Der Vormittag vergeht so lala. Ab und an einen Blick zu wichtigen E-Mails und nach und nach rufe ich mir die zugewiesen Versicherungsakten zur Bearbeitung auf. Dann ist Mittag, schnell etwas zum Essen machen, kurz ruhen und vor dem Kaffee wieder an das Notebook. Insgesamt schaffe ich mein Pensum, aber es dauert von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends.“

„Und was ist der Sinn von Homeoffice?“, hinterfragt Bernhard.

„Zu Hause kann ich mich nicht mit Corona infizieren, was für mich als Diabetikerin sehr wichtig ist. Ich brauche nicht mehr fahren und ich kann nebenbei noch etwas im Haushalt erledigen.“

Susanne appelliert an ihren Vater einkaufen zu gehen, bevor die Läden ganz leer sind: „Papa, hast du Klopapier zu Hause?

„Warum?"

„Weil bei uns das Klopapier ausverkauft ist, die Leute hamstern es!"

„Klopapier? Warum Klopapier?"

„Warum – weiß ich auch nicht. Aber Klopapier ist rar."

Susanne fragt nach Gerda: "Könnt ihr euch weiter sehen?"

„Davon gehe ich aus."

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Bernhard ruft Gerda an: „Wollen wir uns morgen im Einkaufsmarkt in der Nähe vom Altenheim treffen?“.

„Wie soll das gehen?“

„Wir gehen beide einkaufen und zufällig treffen wir uns dort.“

Gerda überlegt lange: „Na gut, um zehn Uhr werde ich da sein.“

Sie begrüßen sich mit Abstand und steuern das kleine Café an – das musste aber auch schließen. So gehen sie an den Rand des Parkplatzes zu einer Mauer. Dort kann sich Bernhard auf einen großen Stein setzen, Gerda nutzt ihren Rollator als Sitzmöglichkeit. Er möchte ihr einen Kuss geben, ihre Hand halten.

„Das ist verboten", sagt sie, und weicht zurück.

„Diese Treffen mit Distanzwahrung sind so kalt und frustrierend, das kann ich nicht ertragen", sagt Bernhard enttäuscht.

„Wie wollen wir das in den nächsten Wochen machen?"

Gerda weiß keine Antwort, Tränen kullern: „Lass uns telefonieren".