Bild und Text März 2021

Drinnen und draußen


Rolf Winkler


Ich stelle den Wecker auf zwanzig Minuten, bevor ich mich nach dem Mittagessen ins Bett lege. Der Mittagsschlaf sollte nicht über diese Zeit hinaus ausgedehnt werden, hatte ich irgendwann irgendwo gelesen oder gehört.

Ich schlafe verhältnismäßig schnell ein, anders als ich es am Abend gewohnt bin.

Der Wecker klingelt. Ich höre ihn, stelle ihn aus. Noch eine Minute liegen bleiben. Es dämmert schon, als mich der Schlaf aus einem Reich der Irrrungen, Wirrungen entlässt. Ich stehe auf, ziehe mich an. Im Wohnzimmer gehe ich zum Fenster. Immer noch benommen und durcheinander stehe ich regungslos, schaue hinaus. Minutenlang, ohne zu sehen. Mein Traum fängt mich wieder ein.

Da ist ein Park mit einem Teich, am Ende ein Hügel, aufgeschüttet für Kinder zum Rodeln vielleicht. Ich steige hinauf. Von oben führt ein Edelstahlrohr hinab in Windungen. Ich sehe nicht das Ende des Rohres, nur Lichtreflexe. Ich krieche hinein und lasse mich rutschen, werde gegen die Wände geschleudert, mal rechts, mal links. Die Rutschpartie dauert und dauert.

Nach Millionen Jahren werde ich ausgeworfen. Liege in einem Garten. Da sind Bäume, Sträucher, Häuser, ein Zaun, ein Vogelhäuschen. Das alles kommt mir bekannt vor. Da sind aber auch Lampen, ein Tisch, ein Schrank, Bilder, die an einer Wand hängen. Und du. Du sitzt am Tisch und liest in einer Zeitschrift. Ich erhebe mich langsam, ganz langsam, drehe mich, schaue nach allen Seiten, gehe durch den Garten zu dir. Ich erreiche dich nicht. Du bist vor mir, ich gehe in deine Richtung und entferne mich von dir. Ich drehe mich um, gehe weg von dir und komme dir immer näher. Ganz nahe bin ich dir, ich will dich berühren und fasse ins Leere.

Da ist der Garten, das Zimmer. Ich bin sowohl hier als auch dort. Drinnen und draußen. Du da, ich hier, ich da, du hier. Oder weder noch.

Ich versuche es noch einmal. Ich gehe durch den Garten zum Nachbarhaus. Und stehe neben dir. Dicht neben dir, weit entfernt. Du bist mir verloren. Ich lege mich hin und warte, dass Schnee mich bedeckt.

„Was ist mit dir?“, höre ich dich rufen, „komm, setz dich zu mir, der Kaffee wird kalt.“

„Drinnen oder draußen?“

Foto und Text

Petra Taubert


Eintagsblüte


Auf der Wiese vor dem

Haus begegne ich dem Sommer.

Ich will die Jacke ausziehen.

Summen ringsherum.

Von einem Krokus

zum nächsten

taucht tief hinein in den Kelch

die zeitige Besucherin

des Frühlingswunders.


Ganz nah komme ich ihr

mit der Kamera meines Handys.

Von Blüte zu Blüte

fliegt sie unermüdlich.

Am nächsten Morgen

sind die Kelche geschlossen.

Ich versinke im Summen

meines Fotos und zeichne

die bunte Wiese mit

Wasserfarben.

frühlingsversuch


die fichten sind wieder grün

ihre wintersocken

stecken noch in schattenfalten

bezeugen das unglaubliche:

es gab einen harten winter

von sonntag bis sonntag


sommer springt leichtfüßig

durch den garten

winterlinge sonnen sich schon

wüstensand färbt den himmel

märchenhaftes orange

am abend mitten im februar


d. i.

Fotos und Texte: Rolf Winkler