August Neue Texte

Mechthild Börner


Löcher stopfen


Löcher entstehen durch Druck, Reißen und Belastung. Großmutter stopft alles, verschließt, verstopft die Löcher. Manchmal ist alles vollgestopft. Einige Sachen werden ausgestopft.


Hin und wieder ist es nur ein kleines Loch. Aber wenn sie mit der Nadel hineinsticht wird es größer und größer oder es entsteht ein neues Loch. Das Gewebe herum ist dann dünn und zerfällt. So muss sie sich an die festen Stellen heranarbeiten. Das können die bereits gestopften sein. So werden alle Löcher miteinander verbunden und ein neues Gewebe ist entstanden. Sieht oft nicht schön aus, aber ist haltbarer. Immer beim Fernsehen erledigt sie diese Arbeiten, damit sie nebenher noch etwas Sinnvolles tun kann, außer sich berieseln zu lassen. Wenn etwas Interessantes kommt, unterbricht sie die Arbeit. Bei den Weltnachrichten kann sie gut nebenher stopfen, weil das immer wiederholt wird und oft nichts die Seele Erbauendes ist.

Sie freut sich aber, wenn Stück für Stück gestopft ist und sie es wieder in den Schrank legen kann. Stopfen kann sogar zur Leidenschaft werden. Nach vielem Stopfen ist ihr der Stopftwist in der Farbe weiß ausgegangen und leider hat der Laden für immer zugemacht, der Stopftwist führte. Was tun? Das weiße Unterhöschen hat eine blaue Kante. Da passt es auch, wenn sie mit blau die Löcher stopft und so entstehen lustige farbige Punkte. Manchmal hat die Farbe nicht gepasst. Das hatte sie bei der düsteren Fernsehbeleuchtung nicht erkannt. Aber das macht nichts, Hauptsache das Loch ist haltbar zugestopft. Es wird sowieso unter der Oberbekleidung getragen und es muss keiner sehen. Für besondere Anlässe, wie Arztbesuche, besitzt sie noch unversehrte Unterwäsche. Durch das stopfen der alten kann sie die guten Sachen schonen.


Früher in der Nachkriegszeit war das Stopfen überlebenswichtig. Man hätte sonst nichts mehr zum anziehen gehabt. Auch aus alten Kleidungsstücken nähte man neue. Peinlich konnte es werden beim Schuhe anprobieren im Laden. Vater wollte ja selbst keine Schuhe kaufen, sondern nur für seine Kinder. Doch die Verkäuferin hatte für ihn ein ganz besonderes Paar gute Schuhe anzubieten und bestand darauf, sie nur mal anzuprobieren. Seine Strümpfe waren mit dicker Wolle unregelmäßig zugestopft und ein neues Loch zeigte sich schon. Belustigt sahen es die Vorübergehenden. Nun konnten alle sehen, was sie nicht wissen sollten, das man sich keine neuen Strümpfe leisten konnte.


In der Grundschule lernten wir stopfen. Der Vater eines Schulkameraden meinte einmal, einen Stein im Schuh zu haben, aber es war der Stopffleck von seinem Sohn, der die Fäden so fest zusammengezogen hatte, dass ein hartes, fest verknotetes Gewebe entstand. Das Stopfen will gelernt sein. Man braucht dafür etwas Gespür, muss sich in den Fuß und in das Gewebe hineinfühlen können. Es soll Löcher verbinden, nicht versteinerte Hügel schaffen mit spitzen Graten und Felsnadeln, die sich in das Fleisch hineinbohren.

Durch stopfen kann alles zusammengehalten werden, aber es muss sich geschmeidig anfühlen. Scharfe Einstiche und gewaltsames Zusammenziehen verletzen das Gewebe. Alles muss fein abgestimmt auf das Material miteinander verbunden werden.



Grazyna Werner


Geschrieben Anfang Mai 2020:


BLICK IN DIE NAHE ZUKUNFT


15.05.2020: In Deutschland (Ausnahmen: Bayern und Hamburg) wird der Austausch von Zärtlichkeiten auch in der Familie untersagt. Das Lied „Küssen verboten“ der Gruppe „Die Prinzen“ dominiert die Charts.
01.06.2020: In Nordrhein-Westfalen eröffnet die erste Corona Bar. Die Besucher sind von neu kreierten Longdrink begeistert. Das Getränk heißt „Corona-Schreck“ und besteht u.a. aus 90%-igem Spiritus und 65%-igem Rum. Weitere Zutaten sind geheim.
15.06.2020: Thüringen: Rennstein-Wanderungen sind jetzt auch für Gruppen bis zehn Personen gestattet, allerdings mit Masken-, Brillen- und Handschuh-Pflicht.
01.07.2020: Virtuelle Modenschau bei Armani: Auf dem Laufsteg werden Masken als neues Accessoire präsentiert. Weitere Modedesigner schließen sich dem Trend an.
15.07.2020: Lübeck: Es gibt eine neue Marzipan-Kreation: Corona-Marzipan mit angeblich immunisierenden Zutaten. Welche es sein sollen, möchten die Hersteller nicht verraten. Das Marzipan verkauft sich blendend.
01.08.2020: Jetzt verkaufen auch Discounter schön gestaltete Masken – die Preise liegen zwischen 3,99 € und 39,99 € - je nach Ausführung.
15.08.2020: Bankraub in Stuttgart – die drei Täter tragen H&M-Masken. Das Trio erbeutet über eine Million Euro.
01.09.2020: Hamburg: Die Reeperbahn darf nur noch mit Maske betreten werden.
15.09.2020: Da der Schulunterricht in kleinen Gruppen möglich ist, werden zusätzliche Klassenräume auf dem Gelände von BER eingerichtet. Bei schönem Wetter findet der Unterricht auch draußen statt. Wegen Lehrermangel unterrichten sich die Kinder und Jugendlichen selbst.
01.10.2020: Das online-Konzert von Marius Müller-Westernhagen wird von fast 19 Millionen Menschen im deutschsprachigen Raum verfolgt. Das Lied „Keine Angst vor Corona“ wird zum Hit – man behauptet, dadurch könne man das Virus vertreiben. Ob das wirklich stimmt, soll ein Wissenschaftler-Team aus Emden in einer Studie überprüfen.
15.10.2020: „Gefragt – Gejagt“ wird zwar ohne Publikum produziert, aber sowohl die Jäger, der Moderator als auch die Kandidaten tragen bei den Dreharbeiten Masken. Die Maske von Klaus-Otto Nagorsnik zieren Dinosaurier, auf der von Alexander Bommes sieht man Notenschlüssel.

Unsere Kristallkugel erlaubt keine Einblicke in die weitere Zukunft. Wir bitten die Leser um Geduld.


Fabiola Gudrune Hartmann


Ruhe!


Hinter mir sehe ich Hektik und Hast.

Vor mir Ruhe und Kraft.


Ich denke darüber nach,

wie

ich in diese Ruhe gekommen bin.

Ich bin stehen geblieben.

Einfach stehen geblieben.


Für einen kurzen Moment war ich imstande, mich meiner inneren und der fremden äußeren Hektik zu entziehen.

Ohne Kraft. Ohne Zug. Ohne Zwang.

Aber wie mache ich das genau? Was unterscheidet diesen Moment von anderen, in denen ich mit Krampf versuche, so zu sein, wie ich es und andere von mir erwarten?

Wie kann ich den Zustand der inneren Ruhe wieder herstellen?


Alles Gedanken, die mir durch den Kopf, aber nicht durch mein Herz gehen.


Mein Verstand sagt meinem Gefühl:


Das Geheimnis der Ruhe und Kraft ist das Nichts. Die Leere.

Genau!


Netz oder Spinne?


Ich bin außerhalb der Zeit,

lass mich nicht von ihr einfangen,


bin dabei kein bisschen befangen.


Ich beobachte in aller Ruhe einen winzigen Käfer, gefangen in einem dichten Spinnennetz...


Fangespiele mochte ich noch nie!


Bin ich der Käfer

oder das Netz

oder

bin ich der Halt, durch den das Spinnennetz stabil bleibt?


Ich selbst entscheide darüber,

was ich sein will.