Neues in Bild und Text

Rolf Winkler

Zeiten der Vereinzelung

Zweitausendzwanzig, Ende April. Ein Schaden an der Prothese. Ganz plötzlich am Freitagmorgen. Ich nehme das Fahrrad, fahre um die Ecke zum Zahnarzt. An der Tür ein Zettel. „Bitte klingeln“ und „Behandlung nur nach telefonischer Anmeldung“. Die Zahnarzthelferin, vermummt, öffnet. Ich dürfe bleiben. Müsse Geduld haben. Solle draußen warten. Draußen vor der Tür.

Ich warte. Stehe vor der Tür und warte. Gehe fünf Stufen runter, fünf Stufen rauf. Stehe draußen. Draußen vor der Tür. Ein Abzählreim drau-ßen-vor-der-tür, hinunter, hinauf. Führt mich zurück. Fünfundsechzig Jahre zurück.

Ich sitze in meiner Jenenser Studentenbude unter dem Dach vor dem Radio. Hörspiel beim NWDR. Eine Wiederholung der Erstsendung von 1947. Beckmann, der Kriegsheimkehrer, der Mann mit der Gasmaskenbrille, der Verzweifelnde, der Verlassene, der Vereinzelte, der Suchende, der Fragende. Keine Antwort. Er kann nicht sterben. Er kann nicht leben. Die Elbe will ihn nicht. Spuckt ihn wieder aus. Der vollgefressene, rülpsende Tod streitet mit dem weinenden Gott. „Herr Winkler, nicht so laut“, ruft die Wirtin. Meine erste Begegnung mit Wolfgang Borchert.

„Herr Winkler, Sie können!“ Nach der Behandlung muss ich mehrere Stunden den Mund halten.

Wolfgang Borchert: Die Hundeblume -Erzählung

Rolf Winkler

Albtraum


Ich reite nicht durch Nacht und Wind. Ich liege im Bett, wälze mich von links nach rechts, von rechts nach links. Das Abtauchen ins Nichts merke ich nicht.

Ich schrecke auf. Ein Geräusch, ein leises Schnaufen. Im Dunkel über mir schwebt etwas. Ein Körper mit unüberschaubar vielen Beinen, Armen, Tentakeln. Es berührt mein Gesicht. Schleim klebt an meinen Lippen. Beine trommeln auf meiner Brust. Arme umschlingen meinen Hals. Ich schreie.

„Ruhig, ganz ruhig.“ Ich spüre deine Hand an meiner Schläfe. 

Rolf Winkler

Neues aus Absurdistan

 

Ein Kugelhai und ein Spinnenkrake. Beide nicht ungefährlich. Ich möchte

ihnen nicht begegnen in der Tiefsee. Da leben sie, wenn sie nicht

ausgestorben sind. Kommen sie einander auf Sichtweite, erwacht in ihnen

die Sehnsucht nach Nähe, nach Berührung, nach Zärtlichkeit. Der Krake

steigt dem Hai auf den Kopf, krault ihn. Hörst du, wie der schnurrt?

Rolf Winkler

In diesen Zeiten


Die Kugel hat mich mal wieder gefangen, lässt mich nicht los. Es passt
vieles in die Kugel, auch Winklers Grundstück. Das muss aber zusammen
gehalten werden mit gewaltigen Klammern, könnte ja auseinanderfallen.