Neue Texte

Lasst uns über die hier veröffentlichten Texte diskutieren.

Ich habe noch viel mehr. Gegebenenfalls öffne ich ein 2. Seite.

Habt Geduld. Oder meldet euch schon. 

Wie es weitergeht, werden wir herausfinden.


Samira

Einmal ist keinmal


Zusammen mit meinen Großeltern sitze ich im Auto. Wir fahren durch Niegripp. Meine Großmutter wollte unbedingt eine Freundin von ihr besuchen, die dort gerade erst hingezogen ist. Sie will mich ihr unbedingt vorstellen. Bestimmt denkt sie, dass ich mich schon sehr darauf freue, aber das ist nicht wirklich der Fall. Ich würde gerade lieber zuhause auf meinem Bett liegen oder mich mit irgendwem treffen. Meine Großeltern waren noch nie in Niegripp und verlassen sich komplett auf ihr Navi. Das einzige Problem ist, dass Opa schwer hört und sich trotzdem auf normaler Lautstärke von der Navistimme leiten lässt. „Du fährst falsch!“, höre ich jetzt schon zum dritten Mal von meiner Oma. Sie sagt, dass ihre Freundin am Mühlberg wohnt und wir schon lange dran vorbei sind. Tatsächlich hab ich die Straße vor fünf Minuten schon gesehen. „Das Navi sagt, wir sind richtig!“, keift mein Opa. Das Navi sagt in Wirklichkeit seit vier Abbiegungen „bitte wenden“. Im Zickzack geht es durch die Straßen. Bis wir vor einem Spielplatz halten, weil Opa der Meinung ist, er müsste das Navi neu einstellen, da es uns in die falsche Richtung führt. Ich denke mir nur, dass Navi ist hier nicht das Problem, doch sage lieber nichts, weil das Ganze doch schon amüsant ist. Ich sehe rüber zu dem Spielplatz. Ein paar Kinder spielen dort mit einem kleinen Hund. Ein Yorkshire Terrier. Genau so einen wollte ich früher auch haben. Ein Mädchen fällt mir besonders auf. Sie erinnert mich an meine kleine Cousine mit ihren kleinen Augen und den niedlichen Zöpfen. Fast zehn Minuten stehen wir schon mit einem schwarzen Auto vor dem Kinderspielplatz ohne Anzeichen wegzufahren. Wenn wir jetzt noch an fremde Kinder Süßigkeiten verteilen, wird uns in ein paar Minuten die Polizei helfen, zum Mühlberg zu kommen. „Jetzt geht’s“, höre ich von vorne. Naja, dass es jetzt geht, bezweifle ich, aber gute Laune habe ich trotzdem noch. Wir fahren den halben Weg wieder zurück. Endlich kann ich das Schild vom Mühlberg sehen, da setzt Opa schon den Blinker und will nach links abbiegen. Von der Rückbank schreie ich „Gerade aus!“ Er zieht gerade noch so wieder nach rechts, um auf dem richtigen Weg zu bleiben. Nein, also es war am Anfang ja noch ganz lustig, aber irgendwann will ich auch ankommen. Endlich sind wir am Mühlberg und an der richtigen Adresse. Oma springt sofort aus dem Auto, als wir anhalten und begrüßt ihre Freundin, die schon auf uns wartet. Ihre Katze liegt faul auf der Fensterbank. Die Zeit vergeht nicht wirklich schnell. Fünf Minuten erzählte ich nur irgendetwas von mir und den Rest der Zeit sprach Oma. Das aufregendste Ereignis war, als die Katze in das Wohnzimmer kam und sich mitten auf den Stubentisch in den Kuchen setzte. Opa war nach zehn Minuten in einem Sessel eingeschlafen und meine Aufmerksamkeit verließ mich ebenfalls nach einer halben Stunde.

Drei Stunden waren wir dort, bevor wir uns alle wieder ins Auto setzen. Und wieder ging es im Zickzack durch das Dorf. Wir hätten nur einmal rechts abbiegen müssen. Nun, wir taten es fünf mal. Als wir es aus Niegripp raus geschafft haben, meldet sich Opa wieder zu Wort. „Einmal und nie wieder“, sagt er komplett fertig. Ich muss lachen. Mir hat die Fahrt mehr Spaß gemacht als der eigentliche Besuch. Plötzlich meldet sich Oma kleinlaut zu Wort, so dass Opa es gerade noch so versteht. Oma denkt, dass sie ihr Telefon wahrscheinlich bei der Freundin vergessen hat. Opa hält an. Alle Gesichtszüge entgleisen ihm. „Einmal ist keinmal“, rufe ich nur von der Rückbank und grinse in mich hinein, als er umdreht und den Weg zurück durch Niegripp sucht.

 

Stefanie Obieglo

  1. Entwurf

 

Scharfe Ecke


Immer wenn ich von der Magdeburger komme und um die Ecke biege, überfällt mich eine Mischung aus Wehmut und Wut.

Nicht nur das mir der Übergang von der Schuhfabrik, jetzt Berufsschule zum Haus MUBI fehlt.

Sobald ich unter dieser Überführung durchfuhr wusste ich, jetzt bist du fast zu Hause.

Nein, es ist die „Scharfe Ecke“, die mir hier fehlt, vor ein paar Jahren einfach über Nacht auf mysteriöse Weise verschwunden. Totgeschwiegen dieser Abriss! Baufällig?

Soweit ich weiß, gehörte sie zum „Roten Stern“ und wurde kurz vor der Wende noch einmal in Stand gesetzt.

Mein damaliger Kollege und passionierter Aquarianer hatte dort Ende der 80ger Jahre eine tolle Ausstellung organisiert, die das Herz aller Burger Aquarienfreunde höher schlagen ließ.

Ich erinnere mich an bunte Bleiglasfenster und den Überbau. Ein ansehnliches Fachwerkhaus an einer unübersichtlichen Ecke mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung, die mir des Öfteren zur teuren RADAR Falle wurde.

Ich wollte nie nach Burg und schon gar nicht ewig hier wohnen. Bloß schnell weg, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Das ist jetzt fast 40 Jahre her. Ich bin geblieben. Burg ist mir ans Herz gewachsen, seine alten Fachwerkhäuser und die vielen kleinen Einzigartigkeiten in der Ihlestadt – von der ältesten Knäckebrotfabrik des Lebensmittelingenieurs Kraft über das älteste Kino Deutschlands, den Türmen, der Gerberei bis hin zu Reimann und Clausewitz.

In diesen Reigen hätte perfekt „die scharfe Ecke“ gepasst. Mit jedem Abriss verliert eine Stadt ein Stück ihrer Identität, ein Objekt mit dem ihre Einwohner identifizieren.

Der entstehende Neubau, der den schmerzlichen Verlust kaschieren soll, ist eine miserabel Nachahmung von Unwiederbringlichem, was meine Wut und meine Wehmut immer wieder von neuem nährt.

April 2020

Waltraud Eichmann

Frühling im Nordpark

 

Ich schau hier in und dort hin,

sehe den Frühling; bin mitten drin.

Im Park; wie schön ist die Natur

Forsythien erblühen gelb-pur.

Mir geht das Herz auf,

möchte am liebsten singen,

aber meine Stimme ist alt;

es würde nicht klingen.

Ich höre die Vögel, besonders ein Star

verkündet den Frühling wie in jedem Jahr.

Das alles  genieße ich sinnlich mit

 Augen und Ohren,

fühl mich in der Natur wie neu geboren.

 

22.März 2020

Christa Beau

Wege

 

muss man gehen

seine eigene Welt bestehen

Risse auf den Pfaden

in die Haut sich graben

den Wegesrand beschauen

und der eignen Kraft vertrauen

 

annehmen das bunte Leben

Träume in den Himmel weben

Christa Beau

Ostereinkauf 2020

 

Die Nase juckt. Dann ein Fleck unter dem rechten Auge. Nun auch das Kinn. Ausgerech­net jetzt darf das nicht sein. Ich bin in der Kaufhalle, will meinen Einkauf vor dem Osterfest erledigen. An meinen Händen trage ich Handschuhe. Die Griffe am Einkaufswagen habe ich vor dem Berühren mit Alkohol desinfiziert. Nein, einen Mundschutz habe ich mir nicht umge­bunden. Hin und wieder begegne ich einem Kunden mit einem solchen. Abstand halten. Das ist erforderlich. Es gehört zu den Regeln, die zur Zeit für alle Käufer gelten.

Wieder juckt eine Stelle im Gesicht. Es ist wie verhext. Nun gehe ich schon nur einmal in der Woche einkaufen. Die ganzen zurückliegenden Tage hatte ich solch ein Problem nicht. Ich soll nicht mit den Händen während des Einkaufes das Gesicht berühren. Wegen der Ansteckung. Sonst gelangt das Coronavirus leichter in die Schleimhäute.

Ich gehöre zur Risikogruppe. Bin über siebzig Jahre und gefährdeter für eine Lungenerkran­kung als ein junger Mensch mit einem stabilen Immunsystem.

Eigentlich sollte ich gar nicht in die Kaufhalle gehen. Mein Enkel ruft jede Woche an und bietet seine Hilfe für den Einkauf. Doch ich mache es gern selbst. So kann ich auch meine Vorlieben für spezielle Dinge kaufen, ohne lange Erklärungen und Beschreibungen abgeben zu müssen. Die Kaufhalle, das ist der einzige Ort, wo ich in diesen Tagen mehrere Menschen beieinander sehe. Die Ausgangssperre macht auch aus Menschen Einzelgänger. Manch einen so einsam, dass er an Depressionen leidet.

Ich bin froh einen Mann an meiner Seite zu haben. Mein Garten ist der Ort, wo wir gerade viel Zeit investieren. Cicero soll einmal gesagt haben: ‚Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen‘. Ja! Aber einkaufen, um zu essen, muss auch sein.

Ich stehe am Gemüsestand, kämpfe gegen den Juckreiz, da steht neben mir eine Dame, die in die Bananenkiste greift. Sie nimmt erst ein paar sehr reife Bananen in die Hand, legt sie zurück, greift zu grünen. Nimmt die dann doch nicht. Wühlt bis sie sich endlich für drei entschieden hat. Ich treffe sie wieder am Gurkenregal. Wieder betastet sie mehrere Gurken ehe sie sich für eine entschließt. Da kann ich mich nicht zurückhalten.

„Junge Frau, ich lese ihnen jetzt einmal das Schild mit den großen Buchstaben vor: ‚ Bitte fassen sie nur die Zutaten an, die sie auch kaufen. Danke!‘ Wenn wir uns schützen wollen, müssen alle die Regeln einhalten.“

Es ist kein Ostereinkauf, wie ich ihn aus den vielen zurückliegenden Jahren kenne. Es ist eine Zeit, wo das Virus Covid 19 die Menschen auf der ganzen Welt krank macht und schon vielen den Tod gebracht hat.

Es ist eine Zeit der Stille und Achtsamkeit.



Musik gegen Corona

für Gerhard H.

 

Es ist ein Sonntagabend im Frühling, wie es ihn seit Jahrzehnten gibt. Die Luft voller Gerüche, in den Parks ein Feuerwerk der Farben, der Himmel im Orange der untergehenden Sonne.

Und doch ist dieser Sonntag ein besonderer.

Im einem Neubauhaus geht in der fünften Etage die Balkontür auf. Ein Mann, gerade Rentner geworden, betritt den Balkon. Vor seiner Brust ein Akkordeon.

Aus einem Nachbarhaus kommt ein neunjähriges Mädchen. Sie hat eine Flöte in der Hand. Zu ihr gesellt sich mit Abstand eine Frau mittleren Alters. Sie beginnt mit ihrer Trompete ein Lied zu blasen. Laut und lieblich ist es weithin hörbar.

Ein Fenster öffnet sich. Dann zwei, drei, bald sind es viele. Hände klatschen Applaus.

Jetzt beginnt der Akkordeonspieler zu musizieren. Das Spiel der Flöte ist zu hören. Die Trompete findet ihren Einsatz.

Melodien, die jeder kennt, dringen in den beginnenden Abend. Beethovens Ode an dieFreude, lässt so manchem Zuhörer das Herz schneller schlagen. Lieder aus Opern, aber auch bekannte Weisen wie das Lied La Paloma, einstmals gesungen von Hans Albers, Tulpen aus Amsterdamvon der verehrten Lolita, lassen die Menschen für eine dreiviertel Stunde die Schwere ihrer Arbeit oder die Einsamkeit des Tages vergessen.

Es ist ein besonderes Konzert in einer besonderen Zeit. Das Coronavirus hat das Leben in der Stadt verändert. Ausgangssperre bedeutet es für die einen, harte Arbeit für die anderen. Ärzte, Schwestern, Laboranten, Verkäufer, LKW Fahrer, Polizisten und viele andere müssen die Versorgung der Bevölkerung aufrecht erhalten.

Das Konzert an diesem Sonntag im Frühling ist eines von vielen. Die drei Musiker vergessen dabei die Kühle des Abends, die die Hände frieren lässt. Die Wärme aber, die ihre Musik gibt, bleibt.



Stark bleiben

 

Im Augenblick könnte Vera durchdrehen. Nachrichten rund um das Coronavirus lassen immer wieder ihr Herz flattern. Wieviele Tote wird es sich noch holen? Sie fühlt sich so hilflos. Und doch darf sie sich nicht unterkriegen lassen, muss alles tun, um sich zu stärken. Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen. Menschenmassen meiden, keine älteren Menschen besuchen, um sie zu schützen. Doch vieles kann sie nicht beeinflussen: Die Mortalitätsrate vom Virus, was das Ganze mit der Wirtschaft macht, wo am meisten Menschen krank sind, ihre eigene Sterblichkeit.

‚Stark bleiben‘, denkt sie. ‚Haben wir Buna und Leuna überstanden, überstehen wir auch das Coronavirus.‘

 

Petra Taubert

Anfang April 2020


Vorhang zieht er auf

und schaut hinaus,

zeigt mir den Mond,

mein Vater Klaus.


Ich nehme die Kamera

und fange den Mond ein,

der soll heute der Erde

ziemlich nahe sein.


Vater erkennt den Mond

auch auf meinen Bildern,

trotz seiner schwachen Augen.

Die Freude muss ich schildern.

Annegret Winkel-Schmelz

schotten dicht

 

sechs wochen war die anne krank

jetzt spricht und lacht sie wieder,

doktorin sei dank!

Sigrid Lindenblatt

Zu Hause

 

Ich ziehe die Gardine weg

und öffne das Fenster

Licht und Luft kommen

in mein zu Hause

 

Ich sehe aus dem Fenster

und sehe niemanden

Es ist so still

 

Nur die Blätter an den

Bäumen bewegen sich und

die Vögel singen ihr Lied

 

Im Radio höre ich die Nachrichten

über Corona-Pandemie und

die Entschleunigung unseres Lebens

 

Ich bin alleine zu Hause

alle Termine wurden gestrichen

oder verschoben

 

Es tut mir gut

endlich kann ich

ohne schlechtes Gewissen

zu Hause bleiben

 

Ich genieße die Tage

mit lesen, schreiben und fernsehen

bei mir zu Hause

Klaus D. Vogt

Sommerfest 2021

 

Die Geschäftsinhaber des örtlichen Bekleidungsherstellers, Frank und Monika, haben zu einem besonderen Sommerfest in ihre Fabrikhalle eingeladen. Das Fest steht unter dem Motto "Danke für eure Coronahilfe". Mit einer Ausnahmegenehmigung der Stadt, welche immer noch größere Indoor-Veranstaltungen genehmigt muss, feiern sie ausgelassen. Eingeladen sind  zahlreiche Mitbürger der Umgebung. Ein Blick auf die Gästeliste verrät den Grund:

 

Susi, Sabine, Lars, Gerd und Rene hatten die Idee der Produktion von Alltagsmasken beim Bekleidungshersteller angeregt und die Maschinen entsprechend umgestellt.

 

Karl und Gerti, beide über 60 Jahre alt, waren wohnungslos und selbst von der Viruskrankheit betroffen, haben anschließend an einer freiwilligen Studie zur Entwicklung des Gegenmittels teilgenommen. Inzwischen sind sie mit Unterstützung eines Betreuers in eine kleine Wohnung gezogen.

 

Guiseppe und Nora haben in der stressigen Zeit die Beschäftigten in Arztpraxen und Einkaufseinrichtungen mit Pizzen und Nudelgerichten aus ihrem kleinen Restaurante versorgt.

 

Marion, Werner, Siegfried und Dieter sind Ärzte im Krankenhaus, sie haben sich im letzten Jahr freiwillig mehrmals jeweils zwei Wochen in Quarantäne begeben und standen den Patienten quasi rund um die Uhr zur Verfügung.

 

Jusuf und Aranca sind ausgebildete Krankenpfleger und 2015 aus Syrien geflüchtet. Im vergangenen Jahr wurde ihre Berufsausbildung auch in Deutschland anerkannt und danach durften sie im Krankenhaus arbeiten. Während der akuten Coronazeit haben sie etliche Überstunden geleistet.

 

Das Betreuerteam vom Kindergarten hat im letzten Jahr die Notbetreuung der Kinder von Eltern sogenannter systemrelevanter Berufe für die gesamte Region übernommen.

 

Viele Angestellte des Bekleidungsherstellers, die im letzten Jahr in zahlreichen, teilweise  unbezahlenten, Überstunden Tausende von Masken hergestellt haben.

 

Opa Willi, der mit seinen 86 Jahren die Infektion überlebte und zusammen mit Enkelin Jenny eine Spenden-Challenge organisierte. Zahlreiche Bürger spendeten zehn Euro für jede Gehrunde mit dem Rollator um den kleinen See im Stadtpark.

 

Lena und Lukas haben als Mitarbeiter des lange geschlossenen Sportstudio einen großen Spendenaufruf im Internet gestartet. Für jede Fitesseinheit die sie über Youtube publik machten, konnten die Zuschauer 10 Euro spenden. Insgesamt kamen so über 20.000 Euro zusammen. Der Betrag wurde der Tafel und anderen gemeinnützigen Einrichtungen übergeben.

 

Gunnar und Ute, organisierten in ihrer Gaststätte einen Lieferservice für ein täglich wechselndes Menü, sowie Rainer, ein arbeitsloser Mitfünziger, der das Essen mit einem Lastenfahrrad im gesamten Stadtgebiet auslieferte.

 

Die Verkäuferinnen der sieben örtlichen Lebensmittelmärkte, die im März 2020 noch ohne Schutzwände die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Klopapier sicherten.

 

Der Landrat, der den Mut hatte bereits Ende Februar 2020 eine öffentliche Karnevalssitzung zu verbieten.

 

Familie Blume, die im Wohngebiet "Frohe Zukunft" eine großangelegte Nachbarschaftshilfe mit Einkaufsunterstützung und Medikamententransport für die ältere Bevölkerung organisierte.

 

Vertreter der Polizei, Rettungskräfte und Feuerwehr sowie der Alten- und Krankenpflege, die trotz Corona und persönlicher Gefährdung ihren Dienst pflichtbewusst ausübten.

 

Die Kreditberater der Volksbank und Sparkasse, die zahlreiche Zuschuß- und Kreditwünsche von Selbstständigen und Privatpersonen schnell und zuverlässig bearbeiteten.

 

Eltern und Lehrer der Gesamtschule, die die Schule umgestalteten, Distanz zwischen den Sitzplätzen schafften und die Betreuung der jeweilig unterrichtsfreien Schüler organisierten.

 

Ulrike und Hans, die seit dem letzten Sommer die seelsorgerische Betreuung in den Alten- und Pflegeheimen konfessionsübergreifend und unter erschwerten Bedingungen in Kleingruppen aufrechterhalten haben.

 

Die Psychotherapeutinnen Tamara und Doreen, die nach der Zeit der starren Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen  misshandelte und gestörte Kinder psychologisch ehrenamtlich betreuten.

 

Daniela und Nico, die den älteren Mitbürgern bei der Installation der Tracking-Apps behilflich waren.

 

Bruno, der Inhaber des Busunternehmens, der in Zeiten der fast geschlosenen Grenzen 2020 die polinischen Erntehelfer für die Spargelbauern direkt von der Grenze abholte.

 

Die pensionierten Ärzte Dr. Schreiber, Dr. Wachsmann und Dr. Noll, die bei den Tests und späteren Massenimpfungen hilfreich unterstüzten.

 

Jetzt, da die Hälfte der Bevölkerung bereits geimpft ist und geeignete Medikamente erhältlich sind, scheint die Corona-Epedemie beherrschbar zu sein. Einem Fest, selbstverständlich unter Einhaltung Distanzregeln, steht also nichts im Wege.

 

Klaus-D. Vogt / 15.4.2020 

 

 

 

 

Annegret Winkel-Schmelz

Schicksal eines Kalenders

  

Mein Kalender gähnt, er hat keine Termine und streitet sich jeden Tag mit mir: „Warum tust du mir das an? War ich nicht immer gut zu dir und habe dich strukturiert? Jetzt vernachlässigst du mich sträflich!!“

Ich kann den armen Kalender nur beruhigen, indem ich ihm Hoffnung mache: „Heute, lieber Kalender, telefoniere ich mit der zuständigen Sozialarbeiterin in der Universitätsklinik, damit vielleicht ein neues Projekt möglich wird in Form eines Buches.“

Der Kalender schaut mich spöttisch an: „Was willst du da machen? Das kann doch nichts werden! Die Universtitätsklinik hat 2018 eine andere Schriftstellerin eingeladen, die einen Preis bekam für ihr Werk über paranoide Schizophrenie. Du warst weg vom Fenster, keiner hat mehr nach dir gefragt.“

Ich lache den Kalender an: „Na siehst du, du sagst es selbst: Das war vor zwei Jahren. Wer nicht an sich und seine Zeit glaubt, für den kommt sie nicht. Ich bin immer noch da im Hintergrund. Wenn das Projekt angenommen wird, dann bekommt die Uni ein Buch mit den Patient*innen-Texten von der online-Werkstatt. Das ist doch viel mehr wert als ein kurzer schneller Erfolg, der, so schnell wie er kam, auch wieder verblasst.“

Mein Kalender und ich einigen uns auf den Kompromiss Prinzip Hoffnung. Dann schaut er mich von der Seite an, weil er doch gern das letzte Wort hat: „Sag mal, was meint denn dein Mann dazu, wenn du schon die nächste Arbeitsbeschaffungsmethode entwickelst?“

Ich zögere mit meiner Antwort: „Er weiß nichts davon – aber ich denke: Er wird mich grillen.“

Der Kalender seufzt augenrollend: „Frauen...“