Neue Texte Märchenhaftes

Mechthild Börner

Zwei Könige

 

Es war einmal ein dummer König, der hatte einen klugen Minister und ein kluger König, der hatte einen dummen Minister, der aber gerissen und hinterhältig war.

 

Nun fand es sich, dass der kluge König seinen dummen Minister beim Betrug erwischte. Der kluge König, der schon seit längerer Zeit mit seinem Minister unzufrieden war, konnte ihn nur noch entlassen.

 

Der dumme Minister wanderte aus und kam in das Land des dummen Königs. Er stellte sich diesem vor und bat ihn um ein Amt. Der dumme König befand sich gerade im Streit mit seinem klugen Minister. Der dumme König wollte die gut gemeinten Ratschläge und Warnungen seines klugen Ministers nicht annehmen und alles allein bestimmen. Wirklich Recht hatte der dumme König nicht. Er kannte nicht einmal sein Land und sein Volk und interessierte sich nur für Alkohol und schöne Frauen. Ansonsten fühlte er sich seinen Volk gegenüber nicht verpflichtet. Was kümmerte ihn schon fremdes Elend, wenn es ihm doch selbst gut ging.

 

Der dumme und gerissene Minister schmeichelte dem dummen König. Er sei der mächtigste und klügste König der Welt. Alles, was er tat, sei weise und richtig. Er wolle ihn unterstützen mit seiner ganzen Kraft und alle seine Befehle schnell und zu seiner Zufriedenheit ausführen. Auch, wenn er nur das kleinste Amt an seinem Hofe erhielte, wäre das für ihn eine hohe Ehre. Diese Rede gefiel dem dummen König. Er hatte den ständigen Streit mit dem klugen Minister satt, der nie seiner Meinung war. Es fiel ihm leicht, den klugen Minister zu entlassen. Sofort stellte er den gerissenen Minister ein.

 

Der kluge Minister ging danach in das Land des klugen Königs, von dem er schon so viel Gutes gehört hatte. Er stellte sich dem klugen König vor und dieser ernannte ihn gleich zu seinem ersten Minister, da er seine Klugheit sofort erkannte. Sie regierten das Land mit Weisheit und Gerechtigkeit und dabei wurde das Königreich immer reicher und mächtiger. Die Kunde von diesem reichen Land, wo Gerechtigkeit, Frieden  und Ordnung herrschte, drang bis an das Ende der Welt. Und von weit her zog es Menschen an, die ihre Fähigkeiten und Begabungen in diesem Land einbringen wollten oder Handel mit ihm trieben.

 

Dagegen lebten der dumme König und der dumme Minister anfangs in Saus und Braus auf Kosten ihrer Untertanen. Als aber die Staatskasse mehr und mehr abnahm, versuchten sie das Volk immer stärker auszupressen. Die Steuern wurden so hoch angesetzt, dass sie die Leute nicht mehr zahlen konnten. Dann wurde ihr Haus und Hof von den königlichen Beamten beschlagnahmt und die Untertanen zum Sklavendienst gezwungen. Die mussten dann noch mehr hungern und darben und wurden von den Aufsehern gequält und geschlagen. Viele starben vor Schwäche. Die Überlebenden konnten das Land nicht mehr ausreichend bewirtschaften. Da es sich herumgesprochen hatte, wie schlecht es den Menschen in diesen Land ging, wollte auch keiner einwandern trotz aller Bemühungen des dummen Königs und seines Ministers. Als dann noch eine Dürre hereinbrach und alle Vorräte aufge-  braucht waren, hungerten sogar der König und sein Minister.

 

Als der dumme und gerissene Minister keinen Vorteil mehr durch sein Amt hatte, sprach er zum König: „Ich habe dir viele Jahre gedient und alles getan, was du wolltest. Aber wie hast du meinen Dienst gelohnt? So schlecht regiertest du, dass wir in solch ein Elend geraten sind! In jedem anderen Land lebe ich als einfacher Arbeiter besser als hier in Ministerehren. Lass mich darum dein Land verlassen.

Im gleichen Atemzug verschwand er für immer und soll auch noch die letzten Juwelen der königlichen Schatzkammer mitgenommen haben.

 

Der dumme König wurde immer schwächer. Eines Tages vertrieben ihn die stärksten seiner Untertanen, weil sie ihn hassten. Der König soll kurz danach gestorben sein und keiner trauerte um ihn.

 

Sein Volk wählte die Klügsten zu Ministern, die in dem Land wieder Ordnung herstellten. Aber es gab viel zu tun. Doch sie holten sich Rat bei dem ehemaligen klugen Minister des Königs und mit seiner Hilfe bauten sie ihr Land wieder auf.

Eine enge Freundschaft verband sie mit dem Land des klugen Königs. Und ein reger Handel und Austausch fand zwischen den beiden Ländern statt. Sie regierten ihre Länder zum Wohle ihrer Völker und auch die klugen Ideen ihrer Bürger bezogen sie mit in ihre Entscheidungen ein. So konnten ihre Länder aufblühen und alle Menschen waren damit glücklich und zufrieden.  

Ralf Margraf

Der Bauer und sein Gaul                                                                          

 

Es war einmal ein Bauer. Der lebte in einem fruchtbaren Tal ziemlich sorglos. Auf dem Boden wuchs vieles. So musste er nicht hungern. Seine Scheune und seine Speicher waren voll. Sogar auf dem Wochenmarkt konnte er einen Teil der üppigen Ernte verkaufen. Trotzdem trieb er sein Pferd immer weiter an, noch mehr zu arbeiten. Manchmal schlug er es auch. Ein zweites oder drittes Pferd anzuschaffen oder Landarbeiter zu beschäftigen, dazu war er zu geizig.

Das Pferd wieherte, schüttelte seine Mähne und fragte warum der Bauer es so quält. Der Bauer staunte nicht schlecht, dass sein Arbeitspferd sprach. Sofort dachte er daran, es als Attraktion anzubieten. Wenn er mal wieder auf den Markt fahren würde, könnten solche Kunststücke viel Geld einbringen. Das Pferd las die Gedanken des Bauern und sagte, dass nur der Bauer sein Sprechen hören könne. Für die anderen sei es Wiehern. Bald schon könnte etwas geschehen, dann würde er alles verstehen. Wie jeden Tag arbeiteten Bauer und Pferd auf dem Feld.

Oh, ich habe eine Klumpen Gold gefunden, sagte das Pferd, als das halbe Feld gepflügt war. Den fresse ich, der wird in meinem Körper veredelt und kommt dann als kleine Körnchen wieder raus. Dafür musst du mich heute Nacht in deinem Haus  wohnen lassen. In einem oder mehreren meiner Pferdeäpfel findest du die Goldstückchen. Der Bauer wollte noch reicher werden und willigte ein. Das Pferd ließ es sich gut gehen im Haus des Bauern. Die Pferdeäpfel purzelten herab. Ungeduldig stocherte der Bauer in den Hinterlassenschaften seines Pferdes herum.

Da wurde der Bauer wütend und verlangte noch mehr Arbeitseinsatz vom Pferd. Er fühlte sich veräppelt und drängte das Pferd zur Eile. Nach ein paar Tagen fraß  das Pferd wieder einen Goldklumpen und sagte es dem Bauern. Die unstillbare Gier des Bauern siegte über seine Zweifel und er nahm das Pferd mit in sein Haus. Sein Arbeitstier ruhte sich aus, die Äpfel purzelten. Der Bauer fand wieder keinen Goldschatz.

Sogar ein drittes und viertes Mal war die Aussicht, Gold zu finden, so verlockend, dass der Bauer seinem Pferd glaubte. Er bekam gar nicht mit, dass sein Haus bereits bis fast unters Dach voller Pferdeäpfel war. Er hatte vergessen auszumisten. So sehr war der Bauer auf das Gold fixiert. Auch beim vierten Mal wühlte er in den Pferdeäpfeln, ohne auch nur eine Spur von Gold zu finden. Als er weit unten etwas blitzen sah, stieß er seine Mistgabel hinein. Da kam der ganze Pferdemisthaufen hinterher und begrub den Unersättlichen unter sich.

  

 

Der Erlesene                                                                                            

 

Das Pferd verließ den Hof, fraß das Gras auf der Wiese und galoppierte weiter. Es trank an einem Fluss, stärkte sich an einem Apfel, den es auf der Wiese fand. Im Nachbarort begegnete ihm eine kleiner Junge, der in die Schule gehen wollte. Dieser gab ihm eine Mohrrübe aus seinem Frühstückspäckchen, das seine Mutter ihm liebevoll zubereitet hatte. Dankbar trabte das Pferd neben ihm her.

Der Junge band es vor der Schule an einen Baum. Die Kinder sollten über ihre Lieblingstiere erzählen. Nach der Schule führte der kleine Junge das Pferd nach Hause. Seine Mutter leitete einen Gnadenhof für Tiere aus schlechter Haltung. Dem Pferd ging es ab diesem Tag wunderbar. Immer gab es genug zu fressen und zu trinken. Schwer arbeiten musste es nie mehr. Es gab auf Hof Schweine und Kühe, Enten, Gänse, Katzen und Hunde, die alle gut versorgt wurden. Auch Streicheleinheiten fehlten nicht.

Immer zur Kirmes wurde das Pferd geschmückt und war der Star des Festes. An Sonntagen konnte das Pferd für Ausflüge gebucht werde. Für kleines Geld die nähere Umgebung erkunden und das mit einer Kutsche gefiel den Menschen und dem Pferd. War der Kutscher einmal betrunken, machte das nichts, weil das Pferd den Weg kannte und auch ohne Kommandos die Tour absolvierte.

Frauen und Männer aus dem Dorf spendeten für den Gnadenhof. So hatten alle Tiere immer genug zu fressen. Die Menschen in jenem Dorf halfen einander. Sie besaßen nicht viel. Sie teilten gern und waren sehr glücklich. Der Junge schrieb schon in der Schulzeit und erst recht als Erwachsener die Geschichten seiner Heimat auf und natürlich auch die von seinem Pferd. Als Schriftsteller erfand er viele Geschichten, zu denen ihn besonders die Begegnung mit dem Pferd inspirierten. Manchmal dichtete er auch.

 

Kinder in nah und fern

lesen Geschichten gern,

die von Tieren berichten -

Auch mit meinen Gedichten

kann ich Kinder locken,

nicht am Handy zu zocken,

sondern Welten zu entdecken,

die in ihnen selbst stecken.

 

Sie fangen froh an zu fabulieren,

natürlich nicht nur von Tieren..

Fantasie und Alltagsleben

können sie aus dem Zeitmeer heben.

Gefühle und was geschehen

können nun auch andere sehen,

sich ihren Gedanken dazu hingeben -

Geschichten aus Stoffen im Leben.

 

Christa Beau

Dodel

 

Vor vielen Jahren lebten in einem großen Meer zwei Fische, die alle Zeit ihres Daseins miteinander verbrachten. Tag für Tag und Nacht für Nacht. Es waren die Königsfische eines großen Schwarms. Ihr Leben war nie langweilig. Sie hatten schon vielen Kindern das Leben geschenkt. Alle sahen ihnen sehr ähnlich, hatten goldene Schuppen, silberne Flossen und die Augen funkelten wie Edelsteine. Obwohl es sehr viele waren, konnte das Königspaar die Fischlein voneinander unterscheiden. Lulu, Bella, Cleo, Amanda, Goliat, Gunni, Nelson, Didi – alle hatten schöne Namen.

Doch einer ihrer Nachkömmlinge sah anders aus. Lange suchten sie nach einem Namen für ihn. Konnten aber keinen finden, der zu seinen schwarzen Schuppen, den braunen Flossen und den trüb drein blickenden, grauen Augen passte. Er war auch in seinem Wesen anders, als die Lieblinge, die täglich um sie herum schwammen. Hielt sich von seinen Geschwistern fern, schwamm immer am Rande des Schwarms, tänzelte nicht, wie alle anderen, in den glitzernden Wellen. Darum nannten sie ihn Dodel.

Dodel war nun schon durch seinen Namen als Dummling zu erkennen.

Alle jungen Fische liebten es zu spielen, sich zwischen Korallen, Tang, Seegras zu verstecken, und sich suchen zu lassen. Der Tag war voller Freude für sie. Sie genossen ihr sorgenfreies Leben.

Nur Dodel spielte nie mit. Keiner vermisste ihn den ganzen Tag über. Erst abends, wenn sich alle in den Höhlen der Korallenriffe einfanden, um die Nacht dort zu verbringen, sahen sie ihn wieder. Sie neckten und verspotteten ihn oft, weil er nicht so aussah und so war wie sie.

Als Dodel noch ganz klein war, tat sein Fischherzchen sehr weh. Doch je größer er wurde, desto stärker wurden seine Schuppen und nicht alles drang in ihn hinein.

Keiner wusste, was er den ganzen langen Tag über tat. Manchmal kam er abends nicht zum Schlafen heim, wurde auch an den Tagen nicht gesehen. Niemand sorgte sich um ihn.

 

Die Zeit verging. Aus den Fischlein wurden pfundige Fische. Sie hatten alles über das Leben im Wasser gelernt: Sich zu schützen vor den großen Raubfischen, den giftigen Meeresbewohnern aus dem Weg zu gehen. Bald war der eine, bald der andere im heiratsfähigem Alter. Es wurde eine Hochzeit, noch eine und noch eine gefeiert. Der Schwarm bekam Zuwachs und wurde immer größer.

Nur Dodel hatte noch keine Frau gefunden. Auch er war nun größer und stärker. Und, was keiner ahnte, er hatte viel mehr als die anderen Fische gelernt über das Leben im Meer. Immer, wenn seine Schwestern und Brüder vergnügt herumtollten, schwamm er zu einem Fisch, den alle Professor nannten. Der konnte alle Krankheiten heilen, wusste wie man sich vor den Gefahren im Wasser schützen konnte und was man tun muss, damit die Fröhlichkeit des Lebens nicht vorüber geht.

Dodel lernte alles von ihm und aus Büchern, die in der Bibliothek des Professors standen. Als Dodel alles wusste, schwamm er weit weg in ein benachbartes Meer. Dort wuchsen sonderbare Pflanzen, die Farbe des Wassers war eine andere. Alle Geheimnisse entschlüsselte er. Sein Wissen wurde immer größer.

Keiner in seiner Familie wusste davon. Auch nicht das Königspaar.

 

Eines Tages geschah etwas Schreckliches. Das Wasser, in dem sich die Fische der Königsfamilie tummelten, verfärbte sich. Es wurde dunkel und Unrat rieselte von der Oberfläche zu ihnen in die Tiefe. Mit ihren Kiemen nahmen sie den Schmutz auf, der sich dann in ihren Körpern ausbreitete.

Nach einigen Tagen war das Leben fast aller Fische verändert. Der Königsfisch hatte Schmerzen an der Schwanzflosse. Die Haut der Fischkönigin färbte sich dunkel, ihre Augen glotzen und die Haut blutete. Andere Fische wurden von Tag zu Tag magerer.

Die Not war groß. Sie wussten nicht, warum sich alles veränderte und was sie tun könnten, um sich vor dem Tod zu retten.

Plötzlich tauchte Dodel, der tagelang fort gewesen war, auf. Wie staunten sie. Er war viel größer und stärker als alle und völlig gesund. Seine Augen, obwohl noch immer grau, waren groß und blickten heller als je zuvor.

Weil Dodel der Stärkste war, übernahm er nun die Führung für den Schwarm. Er versprach, sie in ein sauberes Gewässer zu führen. Auf dem Weg dorthin zupfte er kleine Blätter von den Meerespflanzen, fütterte die Kranken damit oder legte sie auf den Körper, der dadurch gestärkt wurde und Kraft bekam, die weite Reise zu überstehen. Er sprach ihnen Mut zu, erinnerte an die fröhlichen Tage und erzählte von dem sauberen Meer in dem sie nun leben würden. Dodel arbeitete Tag und Nacht, um das Leben seiner Familie zu retten. Manchmal trug er einen geschwächten Fisch auf seinem Rücken. Solange, bis der wieder zu Kräften kam.

Nur wenige von ihnen erreichten nicht das Ziel.

Als sie in dem neuen Gewässer ankamen, alle wieder gesund wurden, verneigten sie sich vor Dodel. Das Königspaar, das ihm das Leben verdankte, schämte sich.

Niemand störte sich nun noch an seinen schwarzen Schuppen und den grauen Augen, die ihm die Natur gab. Alle sahen in ihm das, was er war: Ein Fisch, wie jeder von ihnen. Sie liebten ihn für das, was er tat.

Natürlich hat Dodel seinen Namen behalten, obwohl er der neue Professor in dem Schwarm wurde. Auch eine Frau hat er gefunden, die ihn sehr gern hat.

Sie leben heute vergnügt mit vielen jungen Fischen in dem großen Meer. Ihre Kinder haben goldene, aber auch schwarze Schuppen.