Neue Texte Fortsetzung

Lutz Sehmisch

Zu schön um wahr zu sein


Severe Acute Respiratory Syndrome – Coronavirus 2, die Abkürzung für SARS-CoV-2 … was sind das für Wortungetüme? So kompliziert und doch geistern sie mir Tag für Tag durch den Kopf, allerdings in der Kurzform Coronakrise.

Es gelingt mir nicht, mich deren Wirkung zu entziehen. Manchmal will ich einfach nichts mehr davon hören. Es wird mir zu viel. Dann schaue ich aus dem Fenster und sehe eine menschenleere Straße – mitten in der Woche. Und da sind sie wieder, die Gedanken an die Coronakrise.

Der Virus hat mein Leben, hat unser aller Leben grundlegend umgekrempelt. Das Leben ist von Hundert auf Null ausgebremst. Keine Konzerte mehr, keine Lesungen, keine Bildungsabende, keine Versammlungen, kein Kino, kein Theater, kein Restaurantbesuch mehr. Zum eigenen Schutz und zum Schutz der Mitmenschen nur die allernötigsten direkten Kontakte und vor allem ABSTAND.

Vor wenigen Tagen hätte ich mir das überhaupt nicht vorstellen können. Aber es geht! Ist das nicht irre?

Dabei habe ich mich schon vor ein paar Jahren von den Warnungen der Wissenschaftler überzeugen lassen, dass wir mit unserem umweltschädlichen Verhalten die Erde und unsere Lebensgrundlage selbst zerstören. Doch haben wir uns in unserem Verhalten dadurch ändern lassen? Nein, auch ich nicht. Und auf einmal kommt so ein kleines Virus und stellt die Welt und uns auf den Kopf. Ja, auf einmal kann auch ich Dinge ändern, die vorher undenkbar waren. Mein Auto benutze ich zum Beispiel nur noch für das Allernötigste. Ich spüre, wie die Luft sauberer wird. Kein Wunder, es fliegen kaum noch Flugzeuge und die Fabriken blasen auch keine Schadstoffe mehr in die Luft. Das Virus zeigt mir, es geht doch!

Aber geht es wirklich? Was macht diese Situation mit mir? Tut mir das alles gut? Durch meine seelische Erkrankung fällt es mir nicht leicht, mit den veränderten Lebensumständen umzugehen. Hatte ich mich doch gerade erst daran gewöhnt, enge soziale Kontakte zu haben, meine Freunde auch zu umarmen, direkten körperlichen Kontakt annehmen zu können, genießen zu können. Und auf einmal ist alles weg, darf nicht mehr stattfinden. Klar, zum Schutz meiner körperlichen Gesundheit und der meiner Freunde ist das wichtig. Aber es fehlt mir ein wichtiger Teil. Es fällt mir schwer mein seelisches Gleichgewicht zu halten.

Mein Leben ist deutlich langsamer und ruhiger geworden. Und komisch, es scheint mir in gewisser Weise  gut zu tun. Mir fällt es leichter, meine eigenen seelischen und körperlichen Grenzen zu erkennen und vor allem zu akzeptieren. Das fühlt sich richtig gut an. Keine Hektik, kein Druck mehr.

Mir scheint es nicht nur alleine so zu gehen. Ich habe das Gefühl, dass es vielen gut tut, nicht mehr dem Tempo hinterher zu jagen, immer schneller, immer mehr, immer höher …

Plötzlich haben wir Zeit gewonnen, wieder kreativ zu sein. Diese Kreativität bezieht sich dabei nicht nur auf die künstlerische Seite in uns. Wir haben sehr schnell neue Wege gefunden, in Kontakt zu treten. Wahnsinnig viele Dinge sind auf einmal digital möglich. Lehrer unterrichten ihre Schüler via Internet, Regierungen treffen per „Videoschalte“ aufeinander, viele kaufen immer mehr online ein, der Staat ermöglicht plötzlich eine umfassende Digitalisierung, Familien treffen sich per Videotelefonie.

Mal ehrlich, das macht mir dann aber auch schon wieder Angst. Gerade die bisherigen Digitalisierungsschritte waren es, die unser Leben derart BESCHLEUNIGT haben.  Und ich frage mich, was passiert nach der Krisenzeit? Die insbesondere in der Krise erzielten Fortschritte lassen sich doch nicht wieder rückgängig machen. Kann ich dann mit dem neuen Tempo noch mithalten?  Oder lasse ich mich dann mitreißen. Jedoch nicht mitzumachen bedeutet für mich, nicht dabei zu sein, ausgeschlossen von der Gemeinschaft zu sein. Will ich das?

Petra Taubert  

Gedanken                                                         

 

Blaise Pascal, französicher Rationalist, Mathematiker und tief religiöser Philosoph des 17. Jh. soll gesagt haben, dass das Unglück der Menschen daher komme, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können. Trotz sogenannter Individualisierung, Selbstverwirklichung. Wie viele Menschen kommen damit klar, wenn sie auf sich selbst zurückgeworfen sind?

Wenn keine Ablenkung mehr dafür sorgt, mir darüber klar zu werden, wer ich bin ohne all die vielen Rollen, Entwürfe, mehr oder weniger erfolgreichen Aktionen in meinem Leben. So etwas wie 2020 hat die Welt noch nicht erlebt. Niemand kann voraussagen, wie es sein wird. Klar ist nur, dieses winzige Etwas namens Corona kennt keine Grenzen oder Klassen- Unterschiede.

Ernsthafte Mediziner sagen selbst, dass sie jeden Tag dazu lernen und behaupten nicht, alles zu wissen. Gerade das gefällt mir, weil es dem Stand einer auf materiell interessant getrimmten Wissenschaft und Medizin entspricht. Gegen Ebola wurde erst etwas unternommen, als die Krankheit nicht mehr in Afrika blieb. Vorher war es ziemlich egal, wie viele elendig auf diesem Kontinent daran starben, ganz zu schweigen vom Hunger.

Und dann erlaubt sich so ein Virus zu mutieren, na so etwas. Ein mit bloßem Auge nicht sichtbares Naturprodukt, das viele Geschwister hat und noch mehr Vorfahren. Viren und Bakterien existierten lange vor uns Menschen und bei weitem nicht alle sind schädlich. Die Erde möchte atmen können, durchatmen, ein- und ausatmen, wie es die meisten Menschen schon lange nicht mehr tun (können), geschweige denn, dass angesichts riesiger Gewinne und Renditen auch nur ein Gedanke an die Natur verschwendet wurde und wird?

Notbremse, um das kaputt gesparte Gesundheitswesen zu schonen? Ich hoffe, es wird nicht bösartig missbraucht im Namen der Gesundheit, um kleinen Unternehmern und  freischaffenden Künstlern den Boden unter den Füßen wegzuziehen, um am Ende nur große Konzerne, Bankhäuser übrig zu lassen. Das zu Hause bleiben ist nicht unbedingt die schwerste Hürde, die Ungewissheit eher. Nun bin ich, wenn auch am unteren Ende, sozial abgesichert und habe ein Dach über dem Kopf. Wie viel härter trifft es die, die obdachlos sind und selbst das Wenige nicht haben und dann vor geschlossenen Tafeln stehen?

Viele Menschen sehnen sich nach einfachen Erklärungen, daher blühen jetzt die wildesten Verschwörungstheorien. In einer davon soll der jetzige amerikanische Präsident der Weltretter sein, der gegen einen tiefen Staat, also etwas unter der Erde, kämpft. Geht´s noch bekloppter? Es geht. Heut überflogen und herzlich gelacht, wenn es nicht so traurig wäre, dass Menschen solchen Blödsinn auch glauben und auf das Ufo warten, das sie rettet, vorausgesetzt, sie tragen einen Aluhut.

Darin heißt es, dass Bill Gates einen alle wahnsinnig machenden Impfstoff gegen Corona erfindet, der aus sechshundertsechsundsechzig mit russischem Reptiloidensperma gezeugten Kindern hergestellt wird, die vor zweiundzwanzig Jahren in einem geheimen Labor tief unter Bielefeld gefangen gehalten und ausschließlich mit Chemtrails ernährt wurden. Dann würde ich den Flacherdlern (frei übersetzt) raten, sich ganz an den Rand der Erdscheibe zu stellen, damit sie das Raumschiff mit den Aliens auch findet, mit denen gemeinsam sie dann was tun? Jeder möge für sich weiter spinnen oder es lassen. Es sind nicht mal gute Geschichten.

Komisch, dass angesichts einer globalen Bedrohung, für die man wirklich niemanden beschuldigen kann, eine Sehnsucht nach einer Art Märchen erfolgt. Bestimmt sind nicht alle Entscheidungen richtig, die getroffen werden. Dennoch finde ich es sehr bedenklich, wenn nicht nur aus rechten Kreisen die Äußerungen kommen: Es trifft ja nur Alte oder die mit Vorerkrankungen. Das ist so nicht wahr. Es hat auch junge Menschen und Kinder getroffen, auch tödlich. Was soll es heißen? Auf die Genannten kann verzichtet werden? Die sollen sich opfern?

Solche Diskussionen finde ich grausam, gerade angesichts unserer deutschen sowie einer aktuellen Geschichte, die mir heute zuflog. Ein älteres Ehepaar war nach Israel gereist und hatte sich dort mit Corona infiziert. Sie sollten nach der Rückkehr vierzehn Tage zu Hause bleiben, hatten nur leichte Symptome. Trotz Quarantäne besuchten sie ein anderes Ehepaar, die dies erst nicht wollten. Sie sollen sich nicht so haben, stichelten die Bekannten. So kam es zu dem Treffen, bei dem die Israel – Urlauber das befreundete Ehepaar ansteckten. Der Mann und die Frau erkrankten schwer und mussten über eine Woche beatmet werden. Wenn sie das nicht bekommen hätten, wären sie gestorben.

Ich möchte mir nicht vorwerfen müssen, jemanden, den ich sehr liebe, in meinem Umfeld  anzustecken und bin daher lieber vorsichtig. Trotzdem gehe ich einkaufen oder andere Wege für meinen Liebsten oder meinen Vater. Mit Freunden kann ich telefonisch oder über elektronische Medien in Verbindung stehen. Wünschenswert wäre, dass die Menschen, nicht nur aus dieser Krise, lernen. Wenn einen ehemaligen Black Rock zugeneigten Politiker, der sich als einer von mehreren als kommender Bundeskanzler profilieren wollte, dieses wie ein Massageball aussehende Virus erwischt hat, halte ich das für ein Omen.

Money makes the world go... wie ging das noch mal weiter??? Bis die Menschen merken, dass sie Geld und Gold nicht essen können, wenn alles kaputtgewachstumt ist. Selbst der Bundespräsident sagte vor Tagen, dass dieses nur auf  Wachstum gehen und alles dem Gewinn unterzuordnen nicht richtig war. Ob diesem in Rede-Floskeln eingebauten Satz Taten folgen und das zu notwendigen und hilfreichen Entscheidungen führt, bleibt zu bezweifeln und  zu erhoffen, dass zumindest echte Solidarität und Menschlichkeit wachsen und länger bestehen bleiben, auch über diese fremd anmutende, schwere und einschränkende Zeit hinaus.

Sigrid Lindenblatt 

Wir sehen uns wieder

 

Natürlich sehen wir uns wieder.

Aber immer liegt die Zeit dazwischen.

 

Eine Zeit von

Sekunden,

Minuten,

Stunden,

Tagen,

Wochen,

Monaten,

Jahren.

 

Die Zeit ist es,

die uns trennt.

 

Ist sie unsere Feindin?

Oder

will sie uns auf die Probe stellen?

 

Vielleicht ist sie auch eine Freundin.

In und mit ihr verbringen wir Gedanken und Gefühle

an unsere Freunde.

 

Es passiert sehr viel in der Zeit,

in der wir nicht zusammen sein können.

 

Sie fordert viel von uns.

Sie fordert alles.

 

Aber am Ende steht die Freundschaft.

Gisela Langer April 2020

Corona

 

In meinem Kopf hat sich das Wort Corona richtig eingebrannt.

Meine Gedanken schwirren umher, wie die Motten das Licht.

Ich frage mich oft, was ist, wenn einer das Virus freigesetzt hat?

Vielleicht wollte er nur sehen, wie die Menschen darauf reagieren.

Die Folgen konnte er nicht vorhersehen.

Er sieht erst jetzt, dass die Welt weint.

Sie weint um alle Opfer, die gegangen sind und noch gehen werden.

Ungewollt, denn viele hatten das Leben noch vor sich.

Wir müssen zurzeit viele Entbehrungen hinnehmen.

Kontaktsperre zu unseren Lieben, Abstand zu der Umwelt halten usw.

Das alles gerade jetzt zur Osterzeit und wo der erwachende Frühling mit seinem sonnigen Wetter einlädt sich in der Natur zu treffen.

Trotz aller Trauer, Entbehrungen und Schwierigkeiten, die auf uns zukommen, hält die Welt zusammen.

Hilfe wird jetzt großgeschrieben. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt.

Sicher, eines Tages wird die Welt aufhören zu weinen und wieder lachen können.

Ich hoffe nur, dass die Menschen etwas daraus gelernt haben.

Vor allem das Jahr 2020 nie wieder vergessen.

Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt sollte als ein Erbe dieser Zeit bestehen bleiben.

Marion Renate Krüger    April 2020

Ich bin noch da                 

 

Neun Monate unterm Herzen getragen

abgelehnt und nicht gewollt

ob gewollt oder nicht

nun war ich da

 

begrüßt mit den Worten

„die ist hässlich, die will ich nicht“

das war der Beginn meines Hierseins

aber ich war da

 

es folgten zwei / drei Jahre

Vater, Mutter und Kind

die Familie zerbrach

ich war noch da

 

Halt in meinem Leben

hat mir meine Oma gegeben

wir zogen zu ihr in ein kleines Zimmer

ich war noch da, noch immer

 

in einer Nacht ich war drei sagte Mutter zu mir

„der Neger hat sein Kind gebissen er kommt gleich zu dir“

sie fand es lustig ich hatte nur Angst

schlug ihr ins Gesicht, denn ich war noch da

 

eines Tages fiel ihr ein,

sie wollte wieder bei Vater sein

sie ging in den Westen

das wollte sie aber ohne mich testen

 

 

Oma ließ es mir an nichts fehlen

sogar Bekannte wollte mich zu sich nehmen

das kam für sie nicht in Frage

sie war für mich da alle Tage

 

vier Monate später sie war wieder da

wäre sie nur geblieben wo sie war

Männern kamen und gingen fast jede Nacht

ich war erst vier wurde in die Kammer gebracht

 

oder es kam noch schlimmer

sie holten mich mit in ihr Zimmer

Einzelheiten will ich Euch ersparen

aber trotzdem ich bin noch da