Neue Texte Folge 3

Klaus D. Vogt

Ostern 2020

 

Ich, aufgewachsen im freien und wirtschaftlich aufstrebenden Nachwende-Deutschland, unterliege seit drei Wochen drastisch begrenzten Kontaktmöglichkeiten und bin in meinem Bewegungsraum stark eingeschränkt. So etwas kannte ich bisher nur aus Berichten über diktatorische Staatssysteme und Erzählungen meiner Großeltern über den Krieg.

 

Jetzt kriecht ein Virus um die Welt, gefährdet und dominiert unser Leben. Die Regierungen versuchen uns zu beschützen, schirmen uns ab. Zwangsurlaub, kein Besuch bei meiner Freundin, keine Shoppingtour durch die Stadt, keine Besuch im Tanzclub und in der Pizzeria, keine Mukkybude, kein Familienteffen an Ostern.

 

Kurz vor Ostern fällt mir, wie man so schön sagt, die Decke auf den Kopf. Morgens jogge ich um den Stadtsee, abends gehe ich mit dem Hund meiner Nachbarin gassi und ab und an spaziere ich zum Einkaufsmarkt. Zwischendurch telefonieren, chatten, Fernsehen und am PC spielen. An den Wochenenden habe ich meine Freundin zumindest im Stadtpark treffen können.

 

Meine Nachbarin fragt mich am Gründonnerstag ob ich ihr am Ostersamstag vier Stücke schönen Kuchen besorgen könnte. Ich sagte zu, überlegte zu welchem Bäcker ich gehen wollte. Dann kam mir die Idee ihn in Magdeburg zu bestellen und abzuholen. Mal raus aus unserem kleinen Nest. Vier Stücke Kuchen und auch noch zwei für mich. Ich klingelte bei allen Mietern im Haus und fragte nach besonderen Wünschen zum Osterfest. Schließlich bestellte ich 18 Stücke schönster Torte im Cafe am Domwall, zwei Ostersträuße im Blumenladen und fünf Portionen frischer Spargel im Bioladen.

 

Am Ostersamstag fuhr ich in die Landeshauptstadt. Die Sonne schien, die Straßen waren nur mäßig befahren und die Magdeburger City fast menschenleer. Ich parkte etwas entfernt und genoss den kleinen Spaziergang durch die verwaiste Einkaufsstraße. Am frühen Nachmittag lieferte ich die gewünschten Sachen bei den dankbaren Nachbarn ab. Ostersonntag wurde ich mit einem Mittagessen, Spargel mit Schnitzel, von der Nachbarin überrascht.

 

 

Corona als Begründung

 

bin in Kurzarbeit

kann mir keine Möbel kaufen

darf meine Kinder nicht sehen

meine Muskeln erschlaffen ohne Sportstudio

kann nicht zum Friseur

meine Handoperation wurde verschoben

darf nicht gegen Unrecht demonstrieren

das Theater ist geschlossen

kann nicht in die Kneipe

der Kurs meiner Aktien ist abgestürzt

habe Angst um meine Eltern

erlebe neue Nachbarschaftshilfe

Jochen Gutte

Donnerstag, 19. März 2020


Ein Gespenst geht um in Europa: Das Gespenst heißtCorona, und so viel wissen wir, man soll es in China aus der Flasche herausgelassen haben. – Und nun ist nicht Holland allein wie China in Not, nein, die gesamte abendländische Zivilisation, vornehmlich die Nordhalbkugel... Die einen mehr, die andern weniger, versteht sich. – Doch die Welt..., sie wird verrückter mit jedem Tag. Man weiß nicht, was noch werden mag: Das Verrücktspielen will nicht enden! Vor allem gibt’s noch keinen seriösen Gedanke, es könnte sich alles, alles wenden.

Man hört und liest gar vieles in den Medien. Experten werden befragt, meistens herausragende Experten mit Rang und Namen. Solche könnten’s ja wohl etwas genauer wissen! Doch die einen sagen so und die andern sagen so. – Und die Kanzlerin erklärt, Deutschland tue nun mal, was es könne. Glaubwürdig versichert sie das... Doch, das muß man ihr lassen.

Dennoch, den Leuten, mich mit eingeschlossen, fehlt es bisher an wirklicher Orientierung. Ich möchte allzugern im Lager der Optimisten bleiben. Doch wenn’s um Sachinformation, weniger um iatrogene Noxen[1], geht, scheint mir jeglicher Optimismus zu verfliegen: Von den einen vernimmt man Horrorvisionen, während die andern, durchaus in guter Absicht, Ruhe und Gelassenheit verbreiten möchten. – Wem soll man Glauben schenken? Und schon ist man geneigt, alles nicht so ernst zu nehmen: Hat’s alles schon mal so oder so gegeben. Von Opalka hörte ich: „Da haben wir schon ganz andere Sachen nicht hingekriegt!“

Das Beste, so hat man den Eindruck: Alles möge einfach so weitergehen wie bisher... – Wenn das keine Trägheit im Denken ist! – Manche sehen’s gar politisch: „Na, bei dieRegierung!“ – Und schon sucht man eine Alternative für Deutschland... Ich befürchte, man könnte sie finden.

Ich muß bekennen: Nein, ein Bescheidwisser bin ich durchaus nicht. Mir fehlt es vornehmlich an Sachinformation. Ich möchte gern, von jemandem der, ach, so vielen Kompetenten erklärt bekommen, washienieden auf einmal los ist und wie man sich dabei mit einspannen könnte. –

Ja, ich bilde mir ein, ich kann einen Zustand von Ambiguität, soll heißen, ein Sowohl-als-Auch, eine andauernde Unentschiedenheit, wenn nicht gar ein absolutes No-go eine Weile aushalten und am Ende Abstand gewinnen.

Zumindest halte ich mich für einen Realisten. Nein, ich mache mir nichts vor. – Ja, ich kann hinnehmenund schließlich Realitäten als solche anerkennen.

Derzeit hüte ich mich allerdings vor Spekulationen und attackiere jedwede Variante von Wunschdenken, das mich wie viele um mich herum gewissermaßen beschleichen könnte. – Von unseren Altvordern wissen wir, wenn man seine Erwartungenflach hält, ist die Wahrscheinlichkeit, von Schlimmerem überrascht zu werden, geringer, freilich nicht ausgeschlossen.

Besonders deprimierend ist der Umstand, daß man sich absolut in der Rolle des Betroffenen wähnt und nichts dagegen unternehmen kann. – Geduldiges Hinnehmen ist alles, was einem jetzt eingeräumt ist. Aus Erfahrung weiß man, daß man eher Schaden anrichtet, wenn man sich dem nicht beugt.

Das verdrießt selbst den Geduldigsten, und Verzweiflung wächst. – Beten..., für mich wäre das keine Alternative, obwohl ich weiß, so manchem soll es schon über Schweres hinweggeholfen haben.

Meine Schlußfolgerung: Ich akzeptiere die eingetretene Situation als unabwendbar und erkunde für mich, welche Möglichkeiten mir noch bleiben könnten. Dazu nötige ich mich zuvörderst zu Geduld. Ich warte ab. Vielleicht gelingt es mir, stoische[2]Ruhe in mir und um mich herum zu schaffen... – In dieser Hinsicht glaube ich, hinreichend eigene Erfahrungen zu haben, was mir zu einer leisen Zuversichtverhilft: Von den Soldaten weiß man, daß sie sich mit der einfachen Logik, nicht jeder Schuß könne treffen, ihren Lebensmut erhalten haben. – Aber so schlimm steht es um uns in der gegenwärtigen Coronasituation durchaus noch nicht.

Und man kann Möglichkeiten finden, wenn man nur die Lage für sich richtig aufklärt. Selbst wenn man in Apathie verfiele, wäre das bereits eine gleichsam naturgegebene Variante des Überdauerns. Man gewinnt Zeit, und man kann damit rechnen, daß Resignieren in Zuversicht umschlägt. – Nur nicht verzagen!

 



[1]iadrogene Noxen: Umstände, die eine negative Atmosphäre schaffen können

[2]stoisch: unerschütterlich, gleichmütig; nach Art der Stoiker.

Marion Renate Krüger   

CORONA    Schrei der Natur   

 

hört ihr ihn nicht

den Schrei der Natur

ihr habt euch genommen

von ihr immer nur

habt sie bebaut

abgeholzt untergraben

wie soll das noch enden

könnt ihr das sagen

Mensch hör auf

sie kann nicht mehr

ist  überlastet

setzt sich zur Wehr

wie laut muss sie schreien

damit ihr sie erhört

ihr lebt auf ihr

ist sie euch nichts wert

Katharina Pallas

Resonanzkatastrophe – Katastrophenresonanz

 

März 2020 – die Coronapandemie hat die Welt im Griff. Binnen kürzester Zeit geraten alle Prozesse des gesellschaftlichen Lebens an ihr Limit. Bisher als selbstverständlich vorausgesetzte Grenzen werden in unvorstellbarer Weise infrage gestellt, überschritten, neu ausgelotet und unaufhaltsam immer bedrängender und einschneidender nachjustiert. Corona hat uns fest im Würgegriff.

Und die Menschen besinnen sich, besinnen sich auf ihr Menschsein. Das verbindet. Ein nie dagewesenes Zusammengehörigkeitsgefühl wird spürbar, überall und augenscheinlich, trotz oder gerade wegen der Auflagen zur Vermeidung sozialer Kontakte. Die Menschen nehmen einander intensiver war – über größere Abstände grüßt man sich jetzt, kommt ins Gespräch. Die dazu erforderliche Lautstärke schreibt mit Vehemenz die Nachdrücklichkeit der Kontaktaufnahme in die tieferen Schichten des Bewussteins. Diese erschwerten Augenblicke werden kostbar. Jeder ist um Freundlichkeit bemüht – versucht scheinbar in paradoxerweise Mitmenschen zuvorzukommen, wohl um überzukompensieren, dass ein Aufeinanderzukommen unbedingt zu vermeiden ist. Das übliche Verhandeln und Feilschen, das oft auf den Kompromiss abzielte, sich auf halber Wegstrecke zu treffen, erweist sich als eine überholte Strategie. Menschen überblicken weitere Distanzen, erweitern ihren Blick und Horizont, denken und betrachten ganzheitlich – zwar zunächst notgedrungenermaßen – aber es ist endlich an der Zeit.

So verabredet man sich online, um zu abgesprochenen Zeitpunkten Kräfte zu bündeln, Energien zu ballen, Zeichen zu setzen. Es ist schon fast zur Tradition geworden, um 21:00 gemeinsam zu meditieren, zu beten – überall in der Welt – oder hörbar Applaus zu klatschen, auf Balkonen und an geöffneten Fenstern, für all die, die einen Dienst tun, der jetzt unbezahlbar ist.

Mein Balkon liegt hofseitig und ragt in ein nahezu geschlossenes Karee von Plattenbauten. Auch mich hatte die Einladung erreicht, 21:00 zu klatschen. Fast zu Tränen gerührt vor emotionaler Regung trat ich auf meinen Balkon, minutengenau abgepasst durch die Uhranzeige auf meinem Smartphone. Und fing an zu klatschen, so gar nicht zögerlich oder verhalten. Wollte mit Macht Energie erfahren, und - im unmittelbarsten Sinne - Kraft finden. Ich klatschte, so laut ich konnte und minutenlang, ohne mich zu vergewissern, dass ich nicht die einzige war. Ich traute mich nicht auch nur einen Moment innezuhalten, um nicht wahrnehmen zu müssen, wenn mit mir alles verstummte. Aber das Klatschen wurde lauter, schwoll zu einem gewaltigen Pegel an, alles dominierend, Ermächtigung demonstrierend. Ich klatschte, aber klatschte ich mir nicht eine Illusion herbei, dass da viele Menschen mit mir sind, verbunden in einer Art Gemeinsinn? Das physikalische Phänomen der Resonanz lässt Wellen, die von einer einzelnen punktförmigen Quelle ausgehen, im Endeffekt vielfach verstärken, in einem Maße, was zum Beispiel Brücken zum Einsturz bringt. (Bekannt und benannt als Resonanzkatastrophe.)

Eine echte Katastrophe wäre jetzt, wenn alles Schall und Rauch, wenn alles nur Resonanz im engeren, dem physikalischen Sinne wäre. Wie lange sollte ich noch so sinnlos und für mich allein klatschen? Ich hielt plötzlich doch inne – nahezu abrupt ebbte das Getöse ab. Stille trat ein, eine Stille, die ich noch nie so leer und tot empfunden hatte. Auch die Zeit stand still, zumindest in meiner Wahrnehmung. Waren es nur Sekunden oder doch länger, vielleicht eine halbe Minute, bis ich ganz entfernt einen ebenfalls einsam erscheinenden Klatscher bemerkte, der vielleicht den gleichen Gedankengängen wie ich unterlag, musste auch er nicht befürchten, alleine zu klatschen? – Zumindest den Moment lang, indem ich innehielt? So fiel ich sofort wieder in das Klatschen ein…

Als könnten wir die gläserne Glocke, die sich aus unzähligen einzelnen Facetten zusammensetzt, und die damit jeden von uns derzeit hermetisch isoliert, zerspringen lassen durch die Kraft sich aufbauender Resonanz – durch das bloße Anschlagen eines einzigen Tones, der beharrlich und mit Ausdauer gehalten, jeden beengenden Panzer zu zerbersten vermag. Vorausgesetzt, man trifft den richtigen Ton, das heißt die Eigenfrequenz des Glases. So lässt sich auch das mächtigste problemträchtige System zu Fall bringen, wenn man es in der Sprache anspricht, durch die das System zugänglich und (an-)greifbar ist. Vielleicht kann man deshalb Glas zersingen, weil es in seiner gleichfalls immanenten Eigenheit, durchsichtig zu sein, Ausschau und Hoffnung freigibt. Jedenfalls solange der Blick nicht verstellt ist.

 

Halle / Saale, den 27. März 2020


Petra Taubert

Stoffbarriere- kein Aprilscherz

 

Vom 20. zum 21. April nähte ich wieder Masken bei Nacht.

Nun habe ich es endlich geschafft, Masken per Hand zu nähen, so dass sie für mich und meinen tapferen Falken auch benutzbar sind. Wir bekamen vorige Woche welche geschenkt von einer gemeinsamen Freundin, die in unsrer Nähe wohnt und uns manchmal mit selbst gebackenem Kuchen erfreut. Diese gekauften Masken wurden von vietnamesischen Familien genäht, soweit ich weiß.

Gestern holte ich ein Paket ab für meinen Liebsten, das eine Nachbarin freundlicherweise entgegen genommen hatte. Wir sprachen kurz über die kommende Maskenpflicht beim Einkaufen.

Sie fragte sich, wo sie welche her bekommen soll. Im Internet sind sie so teuer. Ich gab ihr eine von den drei handgenähten Masken. Später brachte ich ihr noch Einmal- Handschuhe, von denen ich etliche abgeben konnte. Sie freute sich sehr. Wir sprachen lange miteinander und erzählten einander aus unseren Leben mit Abstand und auch wieder nicht. Räumlich Soziale Distanz, menschlich ziemlich nah.