Wir trauern

Gestern erreichte ich mich die Nachricht, dass unser Freund und Kollege

Helmut Bürger am 7. April verstarb.


"Ich hatte hundert Wünsche", schrieb er in seinem vorletzten Buch. "Aufenthalt mit Risiko" folgte. 

Im "Literarischen Menü 2019" erlebten wir ihn als Autor, schon gezeichnet von schwerer Krankheit.

Nun bleibt uns nur, was er uns anvertraute. Gedichte, Geschichten, sein Leben.

Wir trauern mit seiner Familie, ganz besonders mit seiner Frau Brigitte, die ihn immer wieder ermutigte und aufopfernd pflegte.



Liebe Freunde,


dieses Leben ist das verrückteste, welches wir haben.

Das geht sogar bis zum Punkt, an dem ich meine liebste Monika verlor, nachdem sie sechs Jahre, und sogar noch länger heimtückischen Krankheiten widerstand, sich nie beklagte, auch wenn es ihr immer mal wieder richtig dreckig ging.

Wenn ihre Gesundheit mitspielte, verjagte sie mit Vorliebe Komma- und andere komische Fehler aus Manuskripten an Stellen, wo Autoren beim Schreiben geschwächelt hatten.

Monika verlieren und gleich darauf wegen des C-Virus in eine soziale Isolation zu gehen und auf Kontakte zu anderen verzichten zu müssen, ist doppelte Bestrafung für mich!

Trauerhalle steht nicht zur Verfügung aus Quarantänegründen und am Grab am 28. März 2020 ab 10.30 Uhr sind nur engste Familienangehörige zugelassen plus Trauerrednerin Dorothea Iser und dem Musiker Matthias Marggraff dankenswerterweise. (Stand Mittwoch 25.03.20)

 

Mein Leben aber muss trotz der derzeit abstrusen Umstände und Verwerfungen weitergehen.

Entschlossen habe ich mich aus diesem Grund, am 45. Hochzeitstag von Monika und mir, dem 2. August 2020 zusammen mit unseren Kindern ein nachmittägliches Kaffeetrinken auf unserem Grundstück zu veranstalten mit zwischenzeitlichem Besuch von Monis Grab, um ihr eine letzte Ehre zu erweisen! (Fußweg 15 Minuten - eine Strecke).

 

Euer Günter Hartmann

In der Nacht zum 25. Februar verließ uns

Monika Hartmann für immer.


Moni, wie Günter sie liebevoll nannte, musste unerträglich viel erleiden. Und war doch immer, wenn es ihr einigermaßen ging, in unserer Mitte. Sie hielt am Leben fest. Der schrecklichen Gewissheit, dass es kein Entkommen gibt, stellten sich beide Hartmanns sechs Jahre entgegen.

Sie wehrten sich gegen eine gnadenlose Übermacht und trotzten ihr ein ganzes Stück Leben ab.  


Nun trauern wir gemeinsam mit Günter und den Kindern.




Luise Winkelmann verstarb wenige Tage vor ihrem 98. Geburtstag.

Foto: Rolf Winkler, Jerichow, 20.03.2012

Luise Winkelmann

lächle und bleib

 

willst weinen, schreien, toben,

fliehen vor dem ungemach

tief drin die wunde brennt

mit letzter kraft

dein schrei

verstummt

die wunde heilt

lächle und bleib

Dorothea Iser

Gedanken zu Luise Winkelmann

 

Bunt und bizarr war ihr der vertraute Lebensraum. Dazu gehörten Erinnerungen an verträumtes Kindsein in nüchterner Erwachsenenwelt, an die junge Frau, die dem Mann durchs Leben folgt und viel zu früh entsetzlich allein war.

Sie gab nicht auf, suchte nach Möglichkeiten, ihrem Leben neue Inhalte zu geben.

Mit dem Malen schulte sie auch das Sehen. Der Blick für das Wesentliche schärfte sich, Tag und Nacht wurden neu erlebt. Die Nebel, die Monde und Sonnen. Alle Wetter, Wasser und Winde. Ihre Bilder sind Staunen, sind Lust auf Formen und Farben und auf das Träumendürfen.

Sie fand Freunde und Bewunderer. Genug Glück eigentlich, entschied sie.

Dann empfand sie in sich die Freude an der Sprache. Vergnügliches Spiel der Worte. Zaghafte erste Schreibversuche folgten.

Sie ließ sich auf das Wort ein, schrieb Prosatexte und Gedichte, verwundert über die Gedanken, die sich zu Sprachbildern formten. Sie probierte sich aus. Wurde mutiger. Sogar auf das Theaterspiel ließ sie sich ein.

Ich sehe sie als Lady Macbeth während des Workshops der Jerichower Schreibrunde im Schloss Wendgräben. Sie wuchs mit ihrer Rolle über sich hinaus. Mondän geschminkt, mit blauen Lippen rezitierte sie: „Der Rab’ ist heiser, der Duncans tödlichen Einzug in mein Haus ankrächzen soll – kommt jetzt, ihr Geister alle, die in die Seele Mordgedanken sä’n!“ Tosenden Beifall. Lady Macbeth genoss ihren Auftritt, bevor sie wieder Luise Winkelmann wurde und staunte, wozu sie fähig war.

Ein später Aufbruch.

Nichts von ihrem Leben wollte sie freiwillig hergeben. Davon erzählte sie mir, wenn wir uns trafen. Sie hob ihr Gesicht jeden Morgen aufs Neue in den Tag. Fragend manchmal, traurig, entschlossen, zweifelnd.

Bunt und bizarr bleibt, was sie schuf, ihr Bekenntnis zum Leben.