Neue Texte

Annegret Winkel-Schmelz

hölzern wurzel

 

so stelle ich sie mir vor:

sie klingt mir im ohr

wie im lied besungen

und einem troll entsprungen.

 

die natur ihre wege findet

und einen knoten bindet.

uns menschen zum staunen anregt,

klar - bin ich aufgeregt:

 

wer ihn lösen kann, spielt mit magie.

ich kann es in meiner fantasie.

aus holz wird gestein.

denk mich in die wurzel hinein.

 

 

Den Liedtext habe ich für unser Bandprojekt geschrieben.

Unser Musiktherapeut hat den Text vertont.

So wurde daraus unser erster, eigener Song.

 

Annegret Winkel-Schmelz

hin und her

(lied für t.)

 

 

1.

auf und nieder, hin und her,

mit dir leben, das ist schwer.

 

Bridge:

auf und nieder schürt die glut.

hin und her, uns fehlt der mut.

 

Ref.:

den wolken hab ich nachgeschaut

wie sie vorüber ziehn, vorbei.

sind uns beide anvertraut

und sind doch vogelfrei.

 

2.

auf und nieder mit dir gehen

oder bleib ich einfach stehn.

 

Bridge:

ist denn alles schon gesagt?

küssen wir uns ungefragt?

 

Ref.:

den wolken hab ich nachgeschaut

wie sie vorüber ziehn, vorbei.

sind uns beide anvertraut

und sind doch vogelfrei.

Angelika Schirmer

Lebensweg


Ich steh am Ufer und schau auf den Fluss.

Mich packt so ein Fernweh.

Wo will ich nur hin?

Stromauf nach Süden, woher ich kam?

Oder stromab nach Norden, zur Küste hin?

Ich wünschte, ich wär´ Schiffer, führe auf und ab

von Hamburg nach Dresden und wieder hinab.

Mal würde ich bleiben in der königlichen Stadt

und sprechen mein sächsisch, was ich so mag.

Dann führ ich nach Norden, zum Tor in die Welt.

Wo der Fluss strömt ins Meer

und die Luft nach Salz riecht und noch nach viel mehr.

Es sind nicht der Fluss und die Städte daran.

Es ist mein Leben, 

gewesen im Süden, schon lange in der Mitte.

Doch mich zieht´s in den Norden, zu Kind und Kindeskind.

Die Heimat im Süden,

in der Mitte so viel,

das Ende im Norden,

so wünscht ich es mir.

Jana Judersleben

Zeit

 

Ich sehe sie laufen, weit vor mir, die Zeit. Sie rennt, ich versuche mit aller Kraft, mit ihr Schritt zu halten, denn sie hat etwas von mir fest umklammert, meine Termine, Aufgaben und Pläne und weitere Unsinnigkeiten.

Wie gern würde ich sie einfach einmal davonziehen lassen, stehen bleiben, durchatmen, frei atmen. Wie gern würde ich ihr einen Fetzen entreißen von dem, was sie festhält, nur ein kleines Stück, von einem meiner Träume, es haschen und halten, damit stehenbleiben, innehalten und Ruhe fühlen.

Kristin Rös 

Draußen

 

Die Grillen zirpen;

sie halten ihr Fest.

 

Das Gras, vom Winde zärtlich

zerwühlt, raschelt leis´.

 

Lautlose Zeit nimmt uns

gehorsam dahin.

Thurid und Rolf Winkler

Die Lesung


Konzertsaal des Seebades, auf der Bühne ein quadratischer Tisch, dahinter ein Stuhl, auf dem Tisch eine Leselampe mit einem kugelförmigen Edelstahlschirm, vor der Bühne 19 Stuhlreihen, etwa vierzehn Besucher
schauen erwartungsvoll auf die Bühne.

Die Moderatorin, im schlichten, gerade geschnittenen Kleid, betritt die Bühne, begrüßt und kündet den heutigen Autor an.

Bevor er mit der Lesung begänne, bitte er seine Zuhörer, genau auf die im Text enthaltenen Pausen zu achten, Pausen seien ja auch Literatur.

„Und – bitte, klatschen Sie nicht, bevor die letzte Pause vorüber ist. Er wird sie mit einer leichten Verbeugung anzeigen.“

„Und jetzt begrüßen Sie mit mir ...“, die Moderatorin macht eine Verlegenheitspause, schaut auf ihren Zettel und liest leicht stockend den Namen ab.

Sie gibt zur Seitenbühne dem Autor ein Zeichen, wendet sich und verschwindet im Dunkel der Hinterbühne.

Der Autor kommt auf die Bühne, setzt sich und beginnt, ohne in den Saal zu blicken, mit einer Pause zu lesen.

"Draußen tobt der Sturm.

Am Strand eine Frau und ein Mann, einander zugewandt. Die Frau fotografiert den Mann vor der aufgewühlten See.

Ich stehe am Fenster, fotografiere die Frau, die den Mann vor der aufgewühlten See fotografiert. Du kriechst aus dem Bett, fotografierst mich, wie ich die Frau, die den Mann vor der aufgewühlten See fotografiert, fotografiere. Eine dritte Person, die dich hätte fotografieren können, wie du mich, während ich die Frau, die den Mann vor der aufgewühlten See fotografiert, fotografiere, fotografierst, ist nicht im Zimmer.

Das Bett ist noch warm.“

Danach lässt der Autor eine Pause folgen, bevor er eine leichte Verbeugung andeutet.