Neue Texte

Thurid und Rolf Winkler

Die Lesung


Konzertsaal des Seebades, auf der Bühne ein quadratischer Tisch, dahinter ein Stuhl, auf dem Tisch eine Leselampe mit einem kugelförmigen Edelstahlschirm, vor der Bühne 19 Stuhlreihen, etwa vierzehn Besucher
schauen erwartungsvoll auf die Bühne.

Die Moderatorin, im schlichten, gerade geschnittenen Kleid, betritt die Bühne, begrüßt und kündet den heutigen Autor an.

Bevor er mit der Lesung begänne, bitte er seine Zuhörer, genau auf die im Text enthaltenen Pausen zu achten, Pausen seien ja auch Literatur.

„Und – bitte, klatschen Sie nicht, bevor die letzte Pause vorüber ist. Er wird sie mit einer leichten Verbeugung anzeigen.“

„Und jetzt begrüßen Sie mit mir ...“, die Moderatorin macht eine Verlegenheitspause, schaut auf ihren Zettel und liest leicht stockend den Namen ab.

Sie gibt zur Seitenbühne dem Autor ein Zeichen, wendet sich und verschwindet im Dunkel der Hinterbühne.

Der Autor kommt auf die Bühne, setzt sich und beginnt, ohne in den Saal zu blicken, mit einer Pause zu lesen.

"Draußen tobt der Sturm.

Am Strand eine Frau und ein Mann, einander zugewandt. Die Frau fotografiert den Mann vor der aufgewühlten See.

Ich stehe am Fenster, fotografiere die Frau, die den Mann vor der aufgewühlten See fotografiert. Du kriechst aus dem Bett, fotografierst mich, wie ich die Frau, die den Mann vor der aufgewühlten See fotografiert, fotografiere. Eine dritte Person, die dich hätte fotografieren können, wie du mich, während ich die Frau, die den Mann vor der aufgewühlten See fotografiert, fotografiere, fotografierst, ist nicht im Zimmer.

Das Bett ist noch warm.“

Danach lässt der Autor eine Pause folgen, bevor er eine leichte Verbeugung andeutet.

dorothea iser

schwarze weihnacht

 

schnee von gestern

muss herhalten

für illusionen

 

lebkuchenherz

zu verkaufen

zum fest der liebe

 

geläut und glitzer

täuschen glaubhaft

frieden vor

 

vorhang bitte

nicht aufziehen

ich will leben

wie bisher

 

durchs schlüsselloch

verfolge ich

gesichert

das drama vor der tür