Zuschriften

Petra Taubert

Massaker in Halle


Ein erster Versuch, das Unfassbare in Worten auszudrücken. Sigrid schickte eine Eilmeldung: Schießerei im Paulusviertel. Hallenser sollen in ihren Wohnungen bleiben...  per Whats App, und Ralf rief ganz aufgeregt an, wo ich bin. Ich war gerade vom Briefwegbringen und Einkauf zurück in meiner Wohnung. Zwei Reimanns Erben - Bücher hatte ich zur Post gebracht, eins nach München, eins in die Altmark. Ein paar Kleinigkeiten hatte ich gekauft und gesehen, dass der lösliche Kaffee, den Vater trinkt, im Netto im Angebot ist, ich kaufte ihm den gestern erst.

Die vierzigjährige Frau, die erschossen wurde, kannte ich vom sehen, nicht näher. All die Hakenkreuze, die ich übermalte in der Unstrutstraße  oder die ich zu Fenstern weiterschnitzte in der Tangermünderstraße …

Ich komme mir manchmal  vor, wie die Einzige im Haus, die das stört.


Einzeltäter?

 

Nie versiegt,

der braune Sumpf ,

aus dem das kroch,

was die Händelstadt

erschütterte bis ins Mark.

 

Zu Jom Kippur,

dem Versöhnungsfest,

ein Blutbad geplant

in der Synagoge,

die Tür zum Gotteshaus

schützte die Menschen,

darin vor dem Unheil.

 

Selbstgebaute Sprengsätze,

teils ausgedruckte Waffenteile,

ein tödliches Arsenal für

mehrfachen Mord,

nachgeahmt dem Anschlag

in Neuseeland, mitgefilmt,

um Nachahmer

zu schaffen im Netz.

 

Jana, ein deutscher Schlagerfan,

Kevin, ein deutscher Fußballfan,

hingerichtet von einem

faschistischen deutschen Terroristen

...und die Brandstifter im Land

hetzen munter weiter.

 

Wenn wir jetzt nicht

aufbegehren laut und sichtbar,

wird der Boden für Mörder

und Leugner immer stärker.

Ich fürchte mich,

morgen  in einer Diktatur

aufzuwachen.

 

Die ersten Mittäter

und Mitläufer sind

schon lange wieder da.

Lasst uns zusammen

ein starkes Licht sein

für Menschlichkeit.




Annegret Winkel-Schmelz

zusammen - halt

 

aus einer träne

wird ein fluss

aus einem tropfen

wird ein meer

 

ich weine

eine träne

 

zünde ich

meine kerze

keine wasser

löschen mich

 

mein licht

brennt uns

schreibenden

stimme bricht

 

leuchte fort

gegen gewalt

halle heute

immer dort


MIt Erholen ist momentan in Halle schwierig, war vorhin auf dem Markt. Habe mich eingereiht in die Menschen, die gedenken. Morgen wird Lichterkette von der Synagoge bis zum Dönerimbiss gemacht. Wenn es nicht in Strömen regnet, will ich hingehen.





Marion Renate Krüger

Lieber Rolf,


Deine „Zeit“  zu dem besonderen Foto im Oktober gefällt mir ausgesprochen gut.

Kurz und prägnant mal eben 50 Jahre Erinnerung durch Regentropfen erfasst. Klasse!






Petra Taubert

Liebe Pelikaner,

 

gestern habe ich auf die Page geschaut. Schön, die Startseite mit den Fantabuloesen Kindern... im Bücherfrühling.

 

Hussains Geschichte ist sehr bewegend. In zwei Wochen haben wir im Blauen Kreuz das Thema Angehörige. Ich würde an passender Stelle gerne seine Geschichte vorlesen. Heute habe ich sie Ralf vorgelesen. Mir stiegen die Tränen in die Augen.

In meiner Zeit als Lehrerin sollte ich Kinder auf Lernbehinderung begutachteten. Sie hatten keine Brote mit geschweige denn Gemüse. Ich brachte jeden Tag etwas mit für sie. Sie stürzten sich regelrecht darauf und fragten jeden Tag neugierig, was drauf ist. Vor allem freuten sie sich über die frischen Zutaten. Ein Vater brachte seine Tochter im angetrunkenen Zustand hin. Angeblich sollte man da nichts machen können. Ich glaube, meine erfahrenen Kollegen hatten schon gründlich gelernt, weg zu sehen. Es ging bei eben diesem Vater dann auch um ein noch viel heikleres Thema. Wie aber sollten die Kinder mit hungrigen Bäuchen sich den ganzen Tag konzentrieren können?

 

Zu Steffies Geschichte fallen mir ein paar Begebenheiten aus Halle ein. Eine Zeitlang war der Markt in Halle kurz nach der Wende Hauptumschlagplatz für Drogen. Thea Ph., die Suchtberaterin der Stadtmission, warnte uns, den Bettelnden Geld zu geben. Sie würden es nur für ihre Sucht umsetzen. Ich kaufte selbst ein, wenn um Geld für Essen gebettelt wurde, beim Bäcker oder beim Fleischer und gab es den teils jungen Obdachlosen. Einmal hatte ich mir gerade eine Bratwurst auf dem Markt gekauft, als mich ein hungriger älterer Mann ansprach, ich hatte nicht mehr mit, um etwas zu kaufen. Wenn es Sie nicht stört dass ich schon abgebissen habe, können sie die Wurst haben. Er freute sich riesig.

 

Als ich eine der vierstündigen Prüfungen schreiben musste am Universitätsring, nahm ich mir Schnitten und ,da es Winter war, Tee in einer Thermoskanne mit. Trotz der vier Stunden Hochleistung fürs Denkzentrum brauchte ich nicht alles von meinem Essen und Trinken. Als in der Ullrich- Straße ein relativ junger Mann um Geld für Essen bettelte, setzte ich mich zu ihm auf die Stufe und bot ihm von meinen belegten Broten sowie den immer noch warmen Tee an. Er war sichtlich berührt, nicht wie Abschaum behandelt zu werden. Die meisten Menschen schauen mich nicht an, sie sehen durch mich hindurch. Ich hörte zu, bot ihm an, bei der Stadtmission Hilfe zu suchen, sie würden ihn nach ihren Möglichkeiten unterstützen. Sie kümmern sich um die Vergessenen der Gesellschaft. Er versprach, dort hinzugehen...



 

Sigrid Lindenblatt 

Wassertropfen  


Wassertropfen verwandeln

sich in Tränen 


Halle in Schockstarre 


Angst und Entsetzen

verbreiten sich in der Stadt


Anteilnahme und Solidarität

stärken die Betroffenen 


Achtsamkeit muss

diesen Wahnsinn stoppen