Wir trauern um Henry

Ingrid Gäde

Abschied von Henry Steinert

26. Februar 1969 - 27. September 2017

Aufnahme während Workshops 2004 von Elisabeth Heinemann

Lutz Sehmisch, Leiter der Jerichower Schreibrunde

Ich lese in seinem Buch, in das er mir die Widmung schrieb: Ein Kind der Ferne ist so gerne in der Ferne wie es zu Hause. Für meine liebe Petra.

Er freute sich ganzkörperlich, dass ich sein Buch besaß, offensichtlich gelesen hatte und mir von ihm eine Widmung rein schreiben lassen wollte. Es war am 1. 9. 2012, dem Geburtstag meiner Mutter, die zu diesem Zeitpunkt schon fünf Jahre tot war.

Ans gemeinsame Theaterspielen denke ich, an die verschiedenen Rollen, in die er schlüpfte, scheinbar mühelos. Immer voll dabei und sehr eifrig. Glücklich war er beim Drehen ziemlich oft.

Ich glaube auch in seinen Schreibwelten war er ein zufriedener Mensch, dem es an nichts fehlte, weil er fliegen konnte wie in seinem Text mit dem Vogel.

Lange bevor das Wort Inklusion in aller Munde war, fand Henry ein Zuhause in der Jerichower Schreibrunde.

Ich denke an ihn und freue mich, dass ich Henry kennenlernte und ihm mehrfach begegnete. Machs gut, du Kind der Ferne.

Petra Taubert

 

Zum Gedenken

für Henry

 

Anfangs sangst du deine Texte

auf der Bühne in Jerichow.

Dass ich dir oft begegnete,

stimmt mich heute froh.

 

Beim Theatern

immer ganz dabei.

Auf unserer Bühne

fühltest du dich frei.

 

Mit Marianne gemeinsam

hast du gesungen

I want to break free von Queen.

Es hat ganz toll geklungen.

 

Still warst du manchmal,

doch nie ohne Botschaft.

Selbst dein Schweigen hatte

seine eigene Kraft

 

Ich wünschte mir sehr

und das ungelogen,

diese Zeilen wären mir

weitaus eher zugeflogen.

 

Die schärfste Braut warst du

beim Workshop in Wolmirstedt.

Dich fanden sie süß und heiß,

uns andere Bräute nur nett.

 

Am frühen Nachmittag warst

du der mit dem Cellotanz.

Einmal auch ein armer Tropf

im Video zum Lied: Wieder ganz.

 

Deine Texte stimmten nachdenklich.

Manchmal litt ich mit dir.

Von deinem Tod erfuhr ich erst jetzt.

Ich weiß du fehlst nicht nur mir.

Petra Taubert

Die Braut Henry - 1. September 2006 Workshop in Wolmirstedt

Am 2. September Henry mit Manja Börstler

Das mit Henry hat mich sehr betroffen gemacht. Er hat so gern gelacht, so viel gewusst von Sportereignissen, Olympiade, Politik. Henry hatte auch immer einen Text mit. Es ist erstaunlich, dass er mit seinen Behinderungen solche Texte schreiben konnte. Ich behalte ihn als lebensfrohen Menschen in Erinnerung, der auch gern seine Meinung zu anderen Texten mitteilte.

Birgit Walter

Das werde ich am 16.1. im kleinen Konferenzraum auf den Tisch an der Seite stellen mit einer weißen LED-Kerze.

Ich würde vielleicht einen seiner letzten Texte für die Seite liefern und kurz über den Besuch bei ihm nach seiner OP. und vor meiner (Mai 17) berichten, wenn das okay ist.

Marion Krüger, Leiterin der Jerichower Schreibrunde

Marions Text ist wegen der Länge auf der Seite "Anders sind wir alle" zu finden

Henry Steinert

Die Möwen von Barcelona

 

Henry liest

Vier Tage nach dem Beginn des Sommers geht es wieder zur schönen Stadt am Mittelmeer – nach Barcelona. Mit der Fahrt zum Flughafen läuft es gut. Es war schön, die Stadt vom Flugzeug aus zu sehen, wie bunt sie ist. Wir kommen nachmittags auch gut in unser Hotel.

Diesmal erwartet keiner von mir, dass ich boxen soll. Ich weiß nicht, was los ist. Vielleicht wird es nur ein schönes Weihnachtsfest im Sommer geben. Bloß in dieser Gegend ist alles anders als bei uns. Es wurde nicht einer von uns wieder ein kleines Kind. Nur ich!

 

Günter liest

In der Nacht träume ich von zwei kleinen Engeln, die so schön fliegen können. Ich kann nicht erkennen, ob die zwei Geschwister sind. Als ich geweckt werde, sehe ich die zwei Möwen, als ich aus dem Fenster sehe. Die freuen sich so sehr wie ich mich. Das habe ich bei Tieren noch nie gesehen. Ich weiß nicht, warum sie sich so freuen. Vielleicht wird der Tag besonders schön. Die Möwen auf dem Hosenlatz passen sehr gut zu mir, weil ich nicht nur wie ein Junge, sondern auch wie ein Mädchen sein kann. Ich ziehe einen Latzrock an. Beim Frühstück sagen alle nur, dass ich viel schöner als gestern aussehe. Ich finde das so süß.

 

Thea liest

Wir werden eine Nacht in den Bergen verbringen. Dann werde ich meine Engel auch sehen können, sagt man mir. Ich sage dazu nichts, weil das keinen Sinn hat. Ich darf noch spielen, bis es losgeht. So soll ich mich entspannen. Man will nicht, dass ich dauernd an die Engel denke, auch wenn auf meiner Kleidung zwei Möwen zu sehen sind. Vielleicht hat man das nicht so mitbekommen?

Es geht in die Berge. Ich freue mich sehr. Wir haben mittags unser Ziel erreicht. Nach dem Essen muss ich meinen Mittagsschlaf machen, also kann ich keine Engel sehen! Ich schlafe sehr fest. Als ich geweckt werde, wird zu mir gesagt, dass man die zwei Engel wieder gesehen hatte und keiner hat sie gefilmt, was ja klar war. Ich sage, wenn ich nicht geschlafen hätte, so hätte man die beiden Engel nicht gesehen! Ich weiß gar nicht, warum ich hier nur davon und nie von meiner Familie träume. Dabei waren wir in der Sagrada Familia!

 

Günter liest

Nachmittags fahren wir zum Weihnachtsmarkt. Ich bin nicht bei meiner Gruppe, sondern bei den anderen Kindern, weil keiner von uns Lust hat, mit den Karussellen zu fahren. Es ist ja kein anderer von uns ein kleines Kind! Es wird ein sehr schöner Nachmittag. Beim Abendbrot freut sich jeder, dass man die beiden Engel sehr gut sehen wird. Es wird eine sternenklare Nacht geben. Morgen ist die Heilige Nacht. Bis zum Schlafengehen spiele ich. Ich weiß nicht, ob man mich wecken würde, wenn man die Engel sieht. Sie wären dann wieder verschwunden.

 

Henry liest

Als ich geweckt werde, sieht man, dass mein Latzrock nass ist. Ich werde gefragt, warum ich keinen Schlafanzug anhabe. Ich sage, dass ich geweint habe, weil ich gestern viel zu spät geweckt wurde. So konnte ich nicht die Engel sehen. Ich werde sie bestimmt heute Abend sehen, erklärt man mir. Es ist die Heilige Nacht. Daran glaube ich nicht mehr. Ich weiß ganz genau, dass sie nur zu sehen sind, wenn ich schlafe. Ich soll mich im Bad umziehen, während die Kleidung für den Tag für mich herausgelegt wird. Wir bleiben bis zum Mittag hier und sehen uns die Gegend an. Es gibt so viel zu sehen, was mit Olympia zu tun hat. Ich bin gespannt, ob wir zum Boxen fahren werden. Doch ich muss meinen Mittagsschlaf machen. Nach dem Kaffeetrinken sage ich, dass ich nicht an meinen Schrank komme, weil der verschlossen ist. Es wird mir gesagt, dass ich bis kurz vor dem Abendbrot spielen kann. Wenn ich mich dusche, wird ein schönes Kleid herausgelegt, das ich anziehen kann. Ich sage, dass ich keins anziehen werde, weil ich kein Mädchen bin! Außerdem brauche ich ein Geschenk, falls Wendy hier zu sehen sein sollte! Es kann doch nicht sein, dass wir nur als kleine Engel gemeinsam zu sehen sind, wenn ich träume!

 

16. Dezember 2008 "Seit gestern rast mein Herz" - Lesung in der Stadthalle in Burg

 

Tea Time bei Sir Henry

Bevor die Veranstaltungen begannen, schenkte Henry allen Schreibrundenmitgliedern Tee ein.

Dieses Ritual führte er auch immer mit viel Freude aus. Es war nicht gestattet, sich selbst einzuschenken..

Wir liebten dieses Spektakel und unseren Henry.

Nun war es wieder soweit. Die Zeremonie wie bei jedem Mal, womit niemand rechnete.

Der Faden riss bevor die Diskussion beginnen sollte.

Da Thea im entscheidenden Moment mit ihrem Kugelschreiber schnippste und der so seine Flugbahn machte.

Nach gekonntem Saltoschlag landete dieser in ihrer Teetasse, die erst vor wenigen Augenblicken von besagtem Sir gefüllt wurde. Nun geschah womit niemand rechnete, schallendes Gelächter entsagte jeglichem Verstand der hier Anwesenden. Das führte dazu, das niemand noch wußte was Henry überhaupt gelesen hatte. Völlig losgelöst von der Erde, auch Wilfried konnte sich diesem nicht entziehen. Nachdem ihn Thea bat den Ausführungen zu folgen, als sich alles wieder beruhigt hatte, las Henry noch einmal.

Wir lauschten und sprachen über den Text, wie es immer war.

Nur dieses eine Mal war alles ein wenig anders.

 

Danke Henry, dass du bei uns warst.

Petra Specht

 

Ich bin auch ganz traurig. Henry war ein lieber Kerl.

Petra hatte mir den Text am Telefon durchgegeben und ich hatte ihn in den Computer getippt.

Maria Merten

28. August 2001, Workshop in Wendgräben, Ingrid Gäde, Henry Steinert und Beate Becksmann

Wieder mal ne schlechte Nachricht zum Jahresende. Henry war ein guter Mensch. Ich erinnere mich gern an das Arbeiten mit ihm. Wir segelten sogar zusammen. Es schmerzt.

 

Roland Stauf

Henry, Du fehlst mir

 

Als ich die Nachricht erhielt, dass Henry nicht mehr unter uns weilt, habe ich die Tragweite verdrängt. Ich wollte es nicht wahrhaben. Es fühlte sich so unwirklich an.

 

Ich erinnere mich an ihn. Als wir uns 2010 in der Schreibrunde kennenlernten, waren die ersten Schritte noch etwas zaghaft. Henry war ein „Urgestein“ der Schreibrunde, ich der Neue. Ich musste mich konzentrieren, um zu verstehen was er sagte. Doch ich verstand ihn von Mal zu mal besser.

 

Eines Tages fragte mich Claudia, ob ich ihn nach der Schreibrunde nicht zum Wohnheim in Genthin mitnehmen würde. Dieser abendlichen Heimfahrt folgten noch viele. Während der Fahrt erzählte mir Henry immer mehr aus seinem Leben und was ihn bewegte. Henry war zwar behindert, aber seine Gedanken waren sehr klar und verständlich für mich. Er hat den Kontakt zu mir immer intensiver gesucht. Es wuchs mit der Zeit eine echte Freundschaft heran. Ich glaube wir haben beide die Gespräche und die Nähe genossen.

 

In den Schreibrunden las er manchmal Texte, die seine Gedanken über den Tod beschrieben. Ich habe ihn verstanden und doch machte er mir Angst damit. Ich hatte Sorge, dass er sich etwas antun könnte. Doch er versicherte mir immer wieder, dass ein Suizid nicht für ihn in Frage käme. Dies entsprach einfach nicht seinem Bild von der Welt.

 

Dann kam die schlimme Zeit seiner schweren Erkrankung. Mit großer Geduld und viel Kraft hat Henry auch diesen Teil seines Schicksals ertragen. Mir tat es unendlich leid, doch er fand noch Worte des Trostes und versuchte mich aufzurichten. Das war mein Freund Henry.

 

Ich vermisse ihn.

Lutz Sehmisch

 

Für Henry

 

Was bleibt?

Erinnerungen aus vielen Puzzleschnipseln, zusammengesetzt ergeben sie kein Ganzes. Fotos aus dem Archiv. Deine Texte, Dein Buch. Alles gegenwärtig verflossen. Dein Lachen, Henry.

 

Rolf Winkler

Henry ist nicht mehr unter uns... Erst jetzt begreifen wir, welche Rolle er in unserer Runde gespielt hat. – Stets war er guter Dinge. Immer hatte er etwas in Arbeit, und er war gern bereit, vorzulesen... Was er mit Mühen zum Ausdruck brachte..., es war durchdacht und originell, denn Henry war ein guter Beobachter. Die Schreibrunde, für Henry mag sie die geistige Heimat gewesen sein... Und wir alle erhielten Einblick in Henrys Welt. – Er hat es nie leicht gehabt, doch er nahm es mit den Widrigkeiten des Lebens auf und das dürfte uns allen imponiert haben. – Henry, dich kann man nicht vergessen!

Jochen Gutte

Mir fehlen die Worte

und trotzdem

wäre noch so viel zu sagen

 

Henry,

du hast unseren

Schreibrunden

etwas

ganz Besonderes

gegeben

 

Du warst so gerne

dabei

hast uns oft

zum Lachen gebracht

 

Nun

bleibt dein Platz

für immer

leer

 

Du fehlst …

 

Sigrid Lindenblatt - 29. Dezember 2017

 

Ein Foto habe ich erst mal gefunden, als Henry in Ottersleben für ein Video von Schneewittchen posierte.

Günter Hartmann

Für Henry

 

Für dich steht die Sonnenuhr still. Du bist ins Himmelreich gegangen. Es bleiben die Erinnerungen: Deine Texte mit den oft berührenden Worten, die Freude am Theaterspiel, gemeinsam verbrachte Stunden, der Glanz, der manchmal in deinen blauen Augen lag. Du bleibst in meinen Gedanken ein Mensch unter all den anderen für den die Sonne auf- und der Mond untergegangen ist, für den der Frühling sein Grün schenkte, die Sonne den roten Mohn zum Blühen brachte , der Herbst sein Gold auf den Baum gelegt hat und der Winter vieles in den Schlaf sinken lässt.

Christa Beau

eiskalte Nacht

im Schein der Laterne

gefriert das Licht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Foto fand Christa Beau

Jerichow 2012

 

Es tut mir leid, dass unser Henry so früh gehen musste.

Dennoch bleibt er stets unter uns. Mit seinen Erzählungen, Büchern, Worten und in seiner Art, das Leben

trotz allem gemeistert zu haben. Vieles konnte ich von ihm lernen.

All die Begegnungen bleiben in den wertvollen Erinnerungen und begleiten auf weiterem Wege.

Ich werde ihm stets ein würdiges Gedenken bewahren.

Mit herzlichen Grüßen, auch an den gesamten Freundeskreis

Martina Haake

Kind der Ferne

 

Während ich diese Zeilen schreibe, lieber Henry, siehst Du mir zu, denn ich habe mir Dein Buch neben den Laptop gelegt. So sind wir uns nahe, wie so oft schon. Ich konnte Dich, das „Urgestein“ der Schreibrunde, in eben dieser Schreibrunde kennen lernen, mehr und mehr. Verblüfft hat mich von Anfang an, wie Du, völlig unerwartet meistens, Sachverhalte und Dinge instinktiv aber tiefgründig analysiertest und unkompliziert zur Sprache brachtest. Deine Zuhörer mussten zwar lange nachdenken, aber letztendlich machtestest Du Nägel mit Köpfen. Als ich Dir meinen abgelegten Drucker brachte, war Deine Freude riesengroß, und Du lehrtest mich sogar, ansatzweise die Eigenheiten eines „Mac“ zu begreifen. Danke dafür. Wie oft warst Du mein Beifahrer? Nach Burg, nach Ottersleben, Magdeburg und Wolmirstedt sind wir gefahren. Du kautest mir das Ohr ab mit Deinen Sätzen, die mit „Aber, Wilfried…“ begannen. Es machte Freude, Dich die von Weitem sichtbaren Ampeln telepathisch auf „grün“ für uns umspringen zu lassen. Dein Stolz war, ähnlich vielen Deiner Gefühlsausbrüche, offensichtlich, regelrecht greifbar. So, wie wenn Du, einem Perpetuum mobile gleich, auf und ab gehend, auf etwas wartetest. ZU spät warst Du nie, nahmst lieber einen Bus eher oder warst geschniegelt und gebügelt an der Tür der Betreuungseinrichtung zur Abfahrt bereit.

Im Spätsommer trommelte der „Buschfunk“, man hätte Dich in eine Klinik verlegt. So oft ich in Genthin war, so oft versäumte ich, Dich auf ein paar Worte oder einen kleinen Scherz zu besuchen. Es wäre ein Leichtes gewesen. Wäre.

Nun diese Nachricht zum Jahresende. Sie macht betrübt, Henry, traurig. Deine Ampel hatte kein „grün“. Du bist und bleibst jetzt ein Kind der Ferne. Dein Buch lasse ich auf meinem Schreibtisch liegen.

Wilfrid Zacke

 

Es tut uns sehr leid, dass Henry verstorben ist.

Ich sehe ihn genau vor mir. Seine oft strahlenden Augen haben mich sehr berührt.

Elisabeth Heinemann

Lesung am 17.Oktober 2012 in Jerichow

Foto: Rolf Winkler

Gefunden von: Sigrid Lindenblatt