Neues von Reimanns Erben

Vorgestellt: Hussain Saberi


Der hungrige Bauch


Gestern gegen Mittag, ich hatte großen Hunger und deshalb fand ich mich in meinem Lieblingsdöner-Laden ein. Ich hatte 5 Euro in der Tasche, aber die reichten ja für mich für einen Döner. Noch bevor ich den Laden betrat, überlegte ich, ob ich das Geld wirklich für einen Döner für MICH ausgebe oder lieber spare.

Wieder dachte ich an meine Geschwister und daran, ob meine kleinen Schwestern und Brüder nicht gerade auch großen Hunger haben und genug Geld für gutes und sattmachendes Essen da ist, da steht plötzlich ein kleiner deutscher Junge, etwa 8 Jahre alt, neben mir. Seine Augen sagten mir, dass er etwas fragen will, aber sich nicht traut.

Mit einem freundlichen „Hallo“ von mir, schien er Mut zu fassen. Er fragte mich schüchtern, mit unterdrückten Tränen: „Hast du bitte 2 Euro für mich?“ „Wofür brauchst du denn das Geld? Was willst du mit 2 Euro machen?“ „Ich habe Hunger!“, antwortet er mir. „Und warum gehst du dann nicht nach Hause? Deine Mutti wartet sicher schon mit dem Essen auf dich“, mutmaßte ich. „Das geht nicht. Mein Vater hat zu viel Alkohol getrunken. Wenn ich klingle, öffnet mir niemand. Ich habe es schon ein paar Mal versucht“ Das gab mir einen Stich ins Herz. Wenn sich Eltern nicht um ihre Kinder kümmern, warum setzen sie dann Kinder in die Welt? „Ich gebe dir kein Geld, aber ich kaufe dir etwas zu Essen. Magst du Döner?“ „Ja klar“, antwortet er mit leuchtenden Augen.

Ich habe ihn an die Hand genommen und wir sind in den Dönerladen “einmarschiert“. Dort arbeitet ein Freund von mir. Er kommt aus Syrien. Bei ihm habe ich einen Döner für diesen Jungen bestellt. Verwundert fragt mich mein Freund: „Warum kaufst du einen Döner für diese Kartoffel?“ Diese Worte haben mich entsetzt. „Er ist ein Kind und er hat Hunger!“ antworte ich ihm laut und bestimmt. „Und Du, was ist mit dir? Willst du keinen Döner haben?“ „Doch schon, aber ich habe nur 5 Euro. Lass diesen Jungen satt werden, dann bin ich zufrieden und selber auch satt.“ Mein Freund gab mir auch einen Döner. „Bezahle, wenn du wieder Geld hast!“

Wir suchten uns einen Tisch und haben zusammen gegessen. Es schien mir, als säße ich mit meinem kleinen Bruder hier. Als wir den Laden verlassen hatten, hat mich der Junge vor der Tür plötzlich gedrückt. In diesem Moment stiegen, ob dieser Dankbarkeit, Tränen in mir auf.

Mein Gott! Du weißt alles, aber wenn du weißt, dass diese Eltern sich selbst nicht helfen können, warum gibst du solchen Eltern dann Kinder? Du weißt genau, dass in diesem Dschungel die Kinderseelen kaputt gehen. 



Ein Brief für Brigitte Reimann


Liebe Brigitte Reimann,


seit mehr als zwei Jahren habe ich in der Stadtbibliothek zu tun, die deinen Namen trägt.

Du mit deinen Mandelaugen, hast anders auf diese Welt gesehen.

Bisher war das Wort Mandelaugen nur ein Schimpfwort für mich. In Afghanistan bin ich als Hazara oft damit abschätzig gekennzeichnet worden.

Seit ich dich kenne, bekommt das Wort eine neue, liebevolle Bedeutung für mich.

Ich habe Mandelaugen.

Damit möchte ich die Welt sehen wie du und ich habe das Gefühl, ich schaffe das.

Brigitte, ich wollte dir sagen, ich bin so müde von dieser kalten Stadt, die deine ist.

Ich bin weit weg von meiner Familie. Meine Geschwister haben keine Chance auf Bildung, auf Lesen und Schreiben.

In „deine“ Bibliothek kommen in erster Linie Kindergartenkinder und ältere Leute. Ich sehe kaum Jugendliche, die hier lesen. Das macht mich traurig. In meiner Heimat hatten wir keine Bibliothek und auch keine Möglichkeit irgendwo anders in eine Bibliothek zu gehen.

Wenn wir hier so viele gute Möglichkeiten haben und eine so tolle Bibliothek mit deinem Namen, warum wollen die Jugendlichen hier nicht lesen und lernen?

Hast du eine Antwort darauf?

Vor einiger Zeit fragte mich ein Mitschüler als er meine Mitgliedskarte der Bibliothek gesehen hatte: He, du bist in der Bibliothek angemeldet?

Er ist in Burg geboren, ist hier aufgewachsen, 18 Jahre alt und er weiß nicht, wo die Stadtbibliothek ist. Er weiß auch nichts über dich.

Ich kann mir vorstellen, dass dir das alles nicht gefällt.

Du bist nicht mehr da, aber ich bin hier und versuche Jugendlichen die Bibliothek näher zu bringen, damit sie sich hier genauso wohl und gut aufgehoben fühlen wie ich, der Zugereiste aus einer anderen Welt.

 

21.05.2019



Ustadam –mein bester Lehrer


Entsprechen die Lehrer von heute noch dem Bild, wie man sich einen Lehrer vorstellt oder wünscht? Gibt es in diesem Beruf noch so etwas wie Ethos?


Der beste Lehrer, den ich in meinem Leben hatte, hat mich von Geburt an begleitet und mir geholfen erwachsen zu werden.

Vom Arbeiten hatte er Schwielen an den Händen und trotz seiner harten Arbeit war er geduldig mit mir, hat mir gezeigt, worauf es ankommt im Leben.

Oft habe ich ihn gefragt, warum er so schwer arbeiten muss, aber er hat nur gelacht. „Das ist nun mal im Leben so“, hat er mir immer geantwortet. Er hat sein  Leben geliebt, so wie es war.

„Das Leben ist schön!“ Er fand sein Leben in Ordnung.

Er hat mich gelehrt, ruhig zu bleiben, wenn es Probleme gab und ich ungerecht behandelt wurde.

Manchmal musste ich meinen Mund verschließen. Rechtfertigungen bringen in manchen Situationen nichts. Ich kam gut klar damit, auch wenn es manchmal nicht einfach war und Wut in mir aufstieg.

Jetzt bin ich müde und habe keine Kraft mehr, weiterzugehen.


Mein Vater, Du hast gesagt, das Leben ist schön.

Warum ist alles so anders geworden? Ich habe das Gefühl, mein Leben ist eine Sackgasse, aus der ich nicht herausfinde.

Ich brauche dich. Hilf mir, mein Leben zu verstehen, damit ich weiß, wie ich weitergehen kann.

Deine Schule, mein Vater, war weise und gerecht.


Ich suche, aber ich finde hier in der Fremde keinen Lehrer, der dir gleicht!

 

29.06.2019

Rolf Winkler


kleine wegwarte
wartet bescheiden den weg
sammelt himmelblau

Petra Taubert


auf dem Dach

Jungstörche fallen

ins Leben

Ralf Margraf


einmal noch biss ich in den süssen apfel-beziehung. verliess das sinkende schiff, nicht als ratte.

sicher geufert.

im6ten himmel, unbereut.

innerlich wandere ich mit dir zum brocken.

die bezwingung des gipfels.


yes we can, happy end mit zerbrochenem inhalt. zusammen schmieden wir die scherben.
zum friedenssymbol. auch



Abschied


Abschied von der Bühne in L.

Verzaubert und beseelt betrete ich

die Bühne in H.

Belebende Intentionen schwingen

in Bauch und Herz.

Der Kopf schwingt..

Die Beine zucken. Zu gern würde ich

mit dir tanzen.... Janis, Piece of My Heart...

Du bist ein Stück meines Herzens.

Danke für dein Vertrauen, deine Liebe.


 

Rolf Winkler

Die Fliege

Ich habe eine Fliege erschlagen.

Ich lege sie auf einen runden Konkavspiegel und fotografiere sie.
Das Bild mit den braunen Augen und dem stahlblauen Körper begleitet meinen Schlaf.
Mitten in der Nacht wache ich auf.
Ich gehe zum PC, lösche die Fliegenbilddatei.

Es nützt nichts. Immer noch schwebt das riesige braune Facettenauge über mir.

Am Morgen scheint die Sonne.

Schattenbild des Fotografen Rolf Winkler

Es sieht aus, wie ein Schwarzweißbild und ist doch keines.

Da liegen winzige braune Blätter auf dem Asphalt.

Ach Gott!

Steffi Obieglo

Money for food (Geld für Lebensmittel)


Der Tag war wieder vollgestopft mit Terminen. Es ist schon nach 20.00 Uhr und ich muss unbedingt noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Gut für mich, dass der Markt bis 22 Uhr geöffnet ist. Ich parke mein Auto und hole mir einen Einkaufswagen.

Aus der Ecke kommt ein Mann auf mich zu.

Er spricht mich an und fragt, ob ich Deutsch oder Englisch spreche. BEIDES antworte ich ihm. Er redet in Englisch weiter und bittet mich um 3 Euro, um für sich und seine Kinder etwas zu Essen zu kaufen.

Ich habe noch 5 Euro in der Tasche, aber ich kann ja mit Karte bezahlen, also gebe ich dem Mann das Geld.

Allerdings betone ich: For FOOD, not for drugs or smoking or alcohol.

Ich nehme meinen Einkaufswagen und ziehe meine Kreise. Nach einer Weile sehe ich den Mann in den Laden kommen.

Er sucht in den Regalen, findet schnell.

Schon fast an der Kasse, sehe ich wie er eine Flasche Klaren auf das Laufband legt.

Da hält mich nichts mehr.

Ich nehme die Flasche Klaren in die Hand und sage: “I gave you the money for some food for you and your children, not for alcohol.”

Er sieht mich verdutzt an. Die Farbe schwindet aus seinem Gesicht, sagt kleinlaut, okay, you are right und sieht nach unten.

Ich drehe mich um und stelle die Flasche zurück ins Regal. Er bezahlt seinen spärlichen Einkauf und geht.

Die Kassiererin sieht mich mit großen Augen an.

Das musste jetzt sein!

Samira Bäger, 13 Jahre

Deine Augen

 

Deine Augen, so rein und klar. Darin ist ein

Licht, und ich weiß, dass es nicht bricht.

Schon seit Kindertagen haben sie so viele

Fragen. In keiner Weise verstecken diese

Augen, aber ich weiß, kaum einer wird mir

glauben.

 

Deine Augen, so schön doch grau. Sie

versuchen zu verstecken, aber können

nicht verdecken. Du siehst mich glücklich

an, so wie als deine Reise begann. Aber es

ist nicht wahr, und das wird mir grad klar.

 

Deine Augen, so eiskalt und blau. Ich seh’

keine Wärme, kein Funkeln wie Sterne. Sie

gucken traurig in die Ferne. Sie lachen

nicht, wie vor Jahren, als wir noch Kinder

waren.