Neue Prosa

Ingrid Gäde

Wende

 

 

Die Stadt rief zur großen Versammlung in der Mehrzweckhalle auf. Der „Runde Tisch“ war für die Veranstaltung zuständig. Unruhige Zeiten auch in unserer kleinen Stadt.

 

Vor der Tür standen Leute mit Kerzen. Die Menge strömte, die Halle war rappelvoll. Ich war allein, suchte mir einen Platz in der mittleren Bankreihe, direkt am Rand. Ich hatte lange nicht so viele in der Halle gesehen. Gespräche wurden laut geführt. Die Wortwellen ebbten erst ab, als der Leiter des „Runden Tisches“ die Versammlung eröffnete.

 

Er sprach über die neue Zeit, die sich uns öffnete. Ein Leben in Freiheit und Demokratie. Weg mit der SED, weg mit der Stasi. Menschen ohne Druck von oben.

 

Dann kam mein Versicherungsmann an das Mikrofon. Er hielt Gorbatschows Buch in der Hand. Las einige Stellen über Perestroika vor. Die Ideen waren eindeutig. Das Buch muss ich mir unbedingt schnellstens besorgen.

 

Als die Bürgermeisterin ans Rednerpult trat, wurde es erst still. Dann ging es wie eine Woge über mich hinweg. „Wir sind das Volk, wir sind das Volk“. Die Leute standen teilweise auf. Hinter mir skandierten mehrere Reihen: „Deutschland, den Deutschen, Deutschland…“. Ich drehte mich nicht um. Ich verschränkte meine Arme ganz fest. Das kannte ich doch aus Büchern und Filmen. Das hatten wir doch schon einmal. Ich konnte vor Angst nicht richtig schlucken.

 

Sollte ich die Halle verlassen? Als Lehrerin, Stadträtin, Mitglied der SED. Ich drehte mich ein wenig um. Sah die schreienden Münder. Ich kannte viele, doch nicht so. Erkannte Peter, sonst eine ganz ruhige Person. Auch Klaus schrie mit, ein ehemaliger Schüler von mir.

 

Ich war entsetzt.

 

Ich weiß nicht mehr, was die Bürgermeisterin sagte. Das „Nie wieder“ schrie in meinem Kopf.

 

Es war dunkel auf dem Nachhauseweg. Ich war verwirrt. Meine Heimat, meine DDR, ein Unrechtsstaat? Das würde ich meinen Schülern nie sagen können.

 

Ich schlief lange nicht ein. Schwerstarbeit in meinem Kopf. Ich hatte das am Abend tatsächlich erlebt.

 

Hatten da wirklich schon Einige den rechten Arm nach vorn gestreckt?

 



„Das besondere Foto“ Dezember 

Margarite 

 

Durch Zufall fand ich sie wieder. Sie lag 60 Jahre in meinem Tagebuch.

 

Es war ein herrlicher Sommertag damals. Die Sonne strahlte, ein leichter Wind wehte. Ich schaute gerade aus dem Fenster. Da ertönte Harrys Pfiff. „Kommste mit baden?“ Das war die Rettung. Eigentlich sollte ich im Garten das Bohnenbeet unkrautfrei machen.

 

Harry schob sein Rad bis zum Dorfrand. Dann setzte ich mich auf die Fahrradstange und er trat in die Pedale.

 

Das letzte Stück bis zum See mussten wir gehen.

 

Der Weg war schmal. Wir gingen nebeneinander und irgendwie hatten sich unsere Hände gefunden. Es krabbelte in meiner Hand, dann in meinem Bauch. Er hätte mich küssen dürfen.

 

Am Wegrand standen Margariten. Harry bückte sich, pflückte eine. Gab sie mir. Das war die erste Blume, die mir ein Junge schenkte. Wir standen uns gegenüber. Er hatte hochrote Ohren, ich strahlte ihn an. Eigentlich hätte ich jetzt die Blume befragen können. „Liebt, liebt mich nicht…“. Doch ich schob sie vorsichtig in meine Tasche.

 

Wieder zu Hause legte ich die Margarite in mein Tagebuch. Ich schrieb: „10.6.1958“. Das war mein schönster Tag. Harry ist und bleibt mein bester Freund.“

 

Heute, nahm ich die trockene Blume vorsichtig, legte sie in mein Tagebuch. Schrieb: „Februar 2019“.

 

Ich stützte traurig meinen Kopf mit den Händen. Ich habe lange keine Blumen von einem Mann geschenkt bekommen.

Ursula Maria Djaschi

Kurztexte zu Gedichten

 

Bleib ich im Bett liegen, bereue ich es,

stehe ich auf, bereue ich es,

schreibe ich, bereue ich es,

schreibe ich nicht, bereue ich es auch.

 


Schwere Vorhänge halten drängendes Licht fern. Töne dringen an mein Ohr, überwinden fraglos die Dunkelheit. Vom Hinterhof Musik, leise und unwirklich umschmeichelt sie mein Lager. Vogelstimmen mischen sich ein. Sehe Kinder, die fröhlich den Drehorgelmann umtanzen. Die Nachbarin reckt den Kopf, schnuppert, prüft die Windrichtung, nimmt Wäsche aus dem Korb, hängt sie auf und summt dazu. Auf der Steintreppe sitzt der Alte und putzt Schuhe, es ist Freitag. Im Takt der Musik wienern die Borsten das Leder. Ein Nachbar zerrt den Handkarren wie ein unwilliges Kind hinter sich her. Ich rieche Kohlenstaub, der den für mich bestimmten Pudding auf der Fensterbank überzieht. Ich mag seine Haut nicht, kratze sie ab.

Es sind meine Bilder, meine Töne ohne Wenn und Aber. 

Doch da sind verborgene Wünsche. Geliebt zu werden, nicht einsam zu sein. Verborgene  Begabungen ausfindig zu machen. Freude am Leben. Ahne, dass Wünsche sich auf das, was nicht ist und nicht auf das, was ist, beziehen. Die Wünschelrute kommt auch nicht auf die Idee zu wünschen, außer zu suchen, was sie wünscht.



Erster Kuss

Stockrosen glühen

Erzählen vom Abschied

 

Der Garten atmet sonntägliche Stille. Die Sonne kniet neben mir, streichelt meinen Rücken. Ich zupfe Unkraut. Auf Seerosen sitzen quakende, liebestolle Frösche, halten sich an kein Schweigegebot. Ein Schatten fällt über mich, du bist da.

Ich denke an unsere Liebe und mein Sehnen. Heute sehne ich mich nur noch nach meiner Sehnsucht. Frage mich, was Glück, was Liebe ist? Späte Fragen, zu spät gestellt. Zweisamkeit war so selbstverständlich, dabei ist nichts so unbekannt wie das Bekannte. Glück findet sich in Träumen, aus denen Gedichte aufsteigen, sich in Wolken sammeln und auf mich herabregnen.

 

 

                                      


Rolf Winkler

*er und sie*

Ihr gleichmäßiges Atmen zeigt ihm, dass sie fest schläft. Er schleicht sich hinaus, setzt sich an den PC. Keine Nachricht. Enttäuscht geht er zurück ins Bett.

„Du warst aber lange draußen“, empfängt sie ihn.



*ping-pong*

„ich“
„ich auch“

 „ich und du“
„ach ja du und ich“


„wir müssten mal“
„ja ja aber nicht heute“

 „kann es sein“
„natürlich“


„meistens sind wir einer meinung“
„ja wenn es deine ist“


„ich glaube“
„ich weiß“

Rolf Winkler

Er und sie

 

„Kann es sein...“, fragt sie

„Natürlich, immer kann etwas sein.“

„Kann es sein, dass in der Dose mit der Schokolade etwas fehlt?“

„Ach die“, antwortet er, “die war runter gefallen.“

 

 

„Wir kommen in ein Alter...“

„Kommen?“, unterbricht sie ihn, „wir sind.“

„Nun gut, wir sind“, nimmt er ihren Faden auf, „in einem Alter, in dem wir darüber nachdenken sollten, wie wir ohne uns.“

 

Sie setzen sich. Auf dem kleinen runden Tisch zwischen ihnen liegt ein Stapel Karten. Sie spielen miteinander.

Nach vier Runden dankt sie ihm dafür, dass er sie habe gewinnen lassen.

„Ich habe dich nicht gewinnen lassen. Ich habe einfach nur verloren.“

„Eben.“


„Musste es ein runder Tisch sein?“, fragt sie, nachdem sie seinen Text gelesen hat.

„Musste, ein runder hat keine Seiten und keine Ecken, er ist überall gleich.“

„Und warum ein kleiner runder Tisch?“

„Damit sie einander näher sind“, lächelt er und lässt seine Hand zu ihr gleiten.

Sigrid Lindenblatt

Unser Badezimmer


Mein Vater hatte nach dem Krieg eine kleine Kate durch die Bodenreform zugesprochen bekommen.

Es war ein Haus, in dem früher auch Tiere lebten. Um es bewohnbar zu machen, hatte er viel zu tun.

Das Wasserklosett, das durch einen Kessel im Keller betrieben wurde, war für damalige Verhältnisse schon etwas Besonderes.

Zu diesem Raum sagten wir Badezimmer, da ja vorgesehen war, auch mal eine Badewanne zu installieren.

Aber dann ging der Wasserkessel im Keller kaputt und damit war das Vorhaben in weite Ferne gerückt.

Nun musste bei jedem Toilettengang mit einem Eimer Wasser nachgespült werden.

Der Begriff Badezimmer blieb in unserem Sprachgebrauch.

Der Raum, in dem unsere Toilette stand, wurde immer mehr zur Abstellkammer.

Eine Wanne wurde nie rein gestellt.

Das Baden wöchentlich fand in einer Zinkbadewanne statt, die zu diesem Zweck in die Küche gestellt wurde.

In einem großen Topf wurde Wasser auf dem Herd warm gemacht, was sehr beschwerlich war.

Die Leute, die zu uns kamen, hatten natürlich immer gehört, wenn meine Eltern vom Badezimmer sprachen.

Und so nach und nach zog ja auch in die Dörfer der Fortschritt ein. Alle renovierten ihre Häuser außen und innen.

Nur bei uns tat sich nichts, weil meine Eltern nie das Geld dafür hatten.

Ich träumte ein Leben lang von einem Badezimmer.

Heute habe ich eine schöne Wohnung und ein Badezimmer mit Badewanne.

Ich genieße das jeden Sonntag.