Neue Texte

Annegret Winkel-Schmelz

Knackbeerenstrauch


Dieser Sommer fegte staubige Hitze in meinen Atem.

Nun ist es Herbst. Am Strauch, den ich täglich sehe, stehen letzte Blüten in sattem Gelb. Mittendrin zeigen sich weiße, pralle Beeren.

Als Kind pflückte ich sie, trat drauf und freute mich, wenn sie unter meinen Füßen zersprangen.

Dann fühlte ich mich wie am Silvestertag. Die Knackbeeren erinnern mich an die arglose Vorfreude von damals.

Ich wundere mich über den Strauch. Als hätte es die atemlose Dürre nicht gegeben, grünt er. Ich entdecke bei Tageslicht an den Blättern: Es sind zwei Sträucher. Ihre Zweige verschlingen sich.


knackbeeren

unter meinen füßen

kinderglück


Christa Beau

Begegnung über den Wolken


Das Flugzeug startete pünktlich. Tina war angeschnallt, lutschte den Bonbon, den die Flugbegleiterin angeboten hatte, schloss die Augen und freute sich auf den bevorstehenden Urlaub. Zypern! Was würde sie erwarten!? Ein Viersternehotel direkt am Mittelmeer, ein Einzelzimmer mit Blick auf das Wasser und Sonne pur! Sie begann zu träumen.

Sie fühlte die Kühle des Meeres auf der Haut, schwamm mit Schnorchel, Flossen und Harpune und zielte auf einen großen, gelb gestreiften Fisch. Andere kleine, bunte und schillernde Fische streiften ihren Körper. Sie konnten sprechen und Tina verstand sie.

„Töte uns nicht, töte uns nicht. Nein, bitte nicht!“ Um sie herum war ein Klagen und Jammern.

Tränen liefen aus den Augen der Meeresbewohner, die größer und größer wurden.

Da berührte jemand ihren Arm, rüttelte ihn und fragte: „Wollen sie auch etwas trinken?“

Es war kein Fisch. Sie sah im Gang die Stewardess mit dem Servierwagen und hörte eine männliche Stimme neben sich, fühlte eine kräftige Hand.

„Tränen, nein, ja, ja, Verzeihung, ein Tomatensaft, bitte“, stotterte sie leise.

Lächelnd bekam sie das Getränk gereicht.

„Danke!“

Tina hatte sich noch nicht umgeschaut im Flugzeug. Ihr Platz am Fenster war viel zu aufregend.

Jetzt erst bemerkte sie, dass neben ihr ein Mann saß, daneben noch einer. Beide unterhielten sich. Die Stimme des Nachbarn vertrieb ihre Träume. Es war eine angenehme, weiche Stimme, die etwas in ihr berührte.

Sie schaute lange zur Seite auf das hübsche Profil des Nachbarn und wusste, diesem Mann ist sie schon einmal begegnet. Wo? Ein Arbeitskollege? Nein! Ein Nachbar? Auch nicht. Jemand aus der Theatergruppe? Sie schüttelte den Kopf.

Plötzlich schaute ihr der Mann Gesicht und sagte: „Tina.“

Einfach nur Tina. Da wusste sie, er heißt Klaus. Klaus Sparmann, ihre große Liebe. Er war der Junge, mit dem sie sich das erste Mal in einer Sommernacht im dichten Gras zwischen Mohn und Kornblumen geliebt hatte.

Schon am anderen Tag musste er in den hohen Norden, um eine Studienreise zu beginnen. Sie sah ihn nie wieder, erhielt keine Briefe und konnte ihn dennoch viele Jahre nicht vergessen. Das Baby, was sie in dieser Nacht zeugten, verlor sie.

Jetzt saß er neben ihr, lächelte sie an, als wäre er nie fort gegangen.

Obwohl sie jahrelang mit ihrem Peter verheiratet war, Kinder groß gezogen, Liebe gegeben und empfangen hatte, spürte sie diesen Schmerz von damals, als wäre es gestern gewesen.

Klaus berührte ihre Hand sanft und warm, wie seine Lippen in jener Nacht.

„Du fliegst allein?“, fragte er.

„Ja, mein Mann ist vor drei Jahren verstorben. Und du?“

„Auch allein, geschieden. Wo landest du?“

„Larnaca. Und du?“

„Auch Larnaca,“ erwiderte Klaus.

Dann können wir ja gemeinsam etwas unternehmen“. Klaus schien sich zu freuen.

„War das jetzt eine Frage oder eine Aufforderung?“, sie lächelte ihn an.

„Tina, das ist doch egal. Ich habe dich wiedergefunden. Nach all den Jahren. Das zählt. Wir, du und ich, Zypern, Urlaub, gemeinsam.“

Seinen Nachbarn musste er völlig vergessen haben. Er redete nur noch mit Tina, ausgenommen die Zeit, wo das Essen verzehrt wurde.

Er sprach von seinen drei Ehefrauen und dass er auf der Suche nach einer neuen Frau sei, es aber schwierig wäre, die Richtige zu finden, es gäbe ja so viele, die in Betracht kämen. Er erzählte, wie er als Student an der Nordsee als Rettungsschwimmer gearbeitet hatte, wie ihn die Frauen bewunderten, er sich für die Falsche entschieden hatte und wieder für die Falsche und noch einmal für die Falsche und, und, und.

Tina kam nicht zu Wort.

Endlich landete das Flugzeug.

Sie verließen die Gangway. Klaus lief vor ihr. Etwas entfernt standen drei hübsche Damen, die Klaus zuwinkten und lächelnd fremdländische Worte riefen.

Der Bus fuhr zur Flugzeughalle. Tina sah, wie der schöne Klaus einer jungen Frau zuzwinkerte, ihr eine Kusshand entgegen pustete, mit dem Kopf schüttelte und mit einem Finger auf Tina zeigte. Dann legte er seinen Arm um ihre Schulter.

„Es wird ein toller Urlaub“, flüsterte er ihr ins Ohr.

Als sie den Flughafen verlassen hatten, löste sie sich blitzschnell aus seiner Umarmung, lief zielstrebig auf einen der wartenden Busse zu und stieg ein. Bevor sich die Tür schloss, zwinkerte sie dem verblüfften Klaus zu, warf ihm eine Kusshand hin und rief:

„Tschüss, bin auf Studienreise!“


Sigrid Lindenblatt

ELFCHEN


Sonnenschirm

Bunter Stoff

Schützt vor Hitze

Ich fühle mich wohl

Balkonutensil


Urlaub

Freie Zeit

Endlich keine Termine

Ich kann mich erholen

Erholung


Lesen

Gute Bücher

Vertiefen in Geschriebenes

Meine Seele wird frei

Wissenserweiterung



Sonntag

Strahlende Sonne

Freude an Freizeit

Ich sitze im Freien

Genuss


Montag

Neue Woche

Start wird hart

Anstrengungen werden sich lohnen

Erfolg


Sonne

Heißer Tag

Ich werde schwitzen

Regen bringt die Erfrischung

Sommer


Sonnenuntergang

Abendliche Stimmung

Abschied vom Tag

Die Gedanken gehen zurück

Augenweide


Freizeit

Schöne Momente

Ich liebe sie

Die Seele kann baumeln

Leerlauf


Stefanie Göthe-Obiglo

Wer bin ich?


Was sagt schon ein Name?

Ich trage einen Doppelnamen:  Göthe- Obieglo

Klingt literarisch, aber mein Mann hatte keine Ader für schöngeistiges.

Manchmal, wenn Leute fragen, welcher mein Geburtsname ist, antworte ich:

Keiner - das sind meine gesammelten Männer.

Obieglo, klingt italienisch. Beim Studium bin ich von meinem Erkenntnistheorielehrer Herrn Professor Dr. Wittich gefragt worden, ob ich mit einem Italiener verheiratet sei. Wie sollte das denn bitte in der DDR gehen?

2 Namen und 2 Ehen. Beim ersten Mal fand ich es toll, meinen Namen zu wechseln. Ich war gerade mal 20.

Obieglo – das klingt! Trotzdem habe ich mich nie so richtig mit dem Namen identifizieren können. Schwiegermutter war der Meinung, ich habe ihr Ihren Sohn weggenommen und Schwiegervater wollte immer bestimmen, wo es für mich langgeht, was ich zu tun und zu lassen hätte - als vorbildliche Schwiegertochter.

Sie hätten sich immer solche Schwiegereltern gewünscht wie sie sind und konnten nicht verstehen, dass ich das anders sah und tat.

Es konnte nicht gut gehen!

Beim 2. Mal wollte ich trotzdem auf diesen ersten Namen nicht verzichten, schließlich heißen meine Kinder so.

Als ich diese Bedingung vorbrachte, hieß es seinerseits: vergessen wir es! Er wollte den Namen meiner Kinder nicht und wie ich viel zu spät feststellte, auch meine Kinder nicht.

Ein halbes Jahr später, knickte er ein, aber nur wenn sein Name an erster Stelle steht. Der Name Göthe blieb ein Fremdkörper für mich. Ich gehörte zu einer Familie, die nur zusammen feiern konnte, aber alle Probleme totschwieg oder mit Liebesentzug bestrafte.

Als ich vor Jahren versuchte, mein zweimaliges „Scheitern“ zu reflektieren, riet man mir, meinen Mädchennamen wieder anzunehmen, Bahr – wie Egon habe ich früher immer versucht, die Schreibweise zu erklären.

Aber!

Auch dieser Name gehört nicht wirklich zu mir.

Mein Vater war ein uneheliches Kind, der nie erfahren hat, wer sein leiblicher Vater war.

Er durfte sich wie sein Stiefvater nennen, aber eben nur nennen.

…. und wenn Fotos für die Verwandtschaft in Amerika gemacht wurde, hieß es, geh weg, du gehörst hier nicht dazu. Was macht das mit einem Kind? Wie hat sich mein Vater damit gefühlt? Ich kann ihn nicht mehr fragen.


Also bleibt mir nur mein Vorname Stefanie, mich mit mir selbst zu identifizieren.

Der aber wurde in meiner Kindheit als Steffi abgekürzt, was sich bis heute gehalten hat und so bin ich auch in diesem Fall, mal die und mal die. Dabei wäre ich gern eindeutig ein ICH.


Maria Merten

Ferienerinnerung


Zwei Stadtkinder fahren in den großen Schulferien zu Verwandten auf`s Land, nach Meklenburg.

Sie werden dort sehr freudig erwartet. Der Onkel freut sich über helfende Hände bei der Ernte.

Als die Kinder dort sind müssen sie sich dann gleich Räuberzivil anziehen. Die feine Stadtkleidung dürfen sie nicht schmutzig machen beim Helfen auf dem Feld und beim Spielen mit den Dorfkindern.

Na die freuen sich immer, wenn die Stadtkinder kommen.

Tagsüber müssen die Mädchen auch bei der Ernte helfen. In den Pausen gibt es leckere Brote und Himbeersaft, welches die Tante immer gut macht.

Das schmeckt!!!

Nach getaner Arbeit ist Freizeit angesagt.

Es gibt im Dorf beim Rumstromern viel zu entdecken. Die Mädchen werden schon sehnsüchtig zum Spielen erwartet. Der Schäferhund von Onkel und Tante ist immer dabei und freut sich mit den Kindern zu toben.

Später dann nach dem Abendessen fallen sie müde ins Bett. Morgen ist ja ein neuer Tag.

Auf der Scheune vom Nachbarn sind Störche im großen Nest und sie haben auch schon Jungtier.e  Die Storcheneltern holen Futter für ihre Kinder. Das Klappern der Schnäbel hört sich gut an.

Morgens beim Kühe melken muss das ältere Mädchen auch helfen. Die Tante erklärte es ihr. Doch als sie beim ersten Mal nicht aufpasst, fällt ihr der Milcheimer runter. Der Kuhschwanz war nicht richtig befestigt und die Kuh schlägt damit um sich. Sie kennt das Mädchen noch nicht.

Die Tante straft aber nicht, denn alles will gelernt sein. Und so gibt es jeden Morgen und Abend nach dem Melken eine große Tasse frische Milch, l e c k e r.!!

Ja und die Katzen finden sich immer zu den Melkzeiten im Stall ein.

Sie bekommen auch eine Milchmahlzeit.


Und dann ist noch das Erlebnis beim Schlachten eines Federviehs.

Die Tante fängt ein Huhn ein. Eine Axt und ein Hauklotz und der Kopf ist ab, grauselig. Als die Tante das Huhn später aufbricht, riecht es noch ganz komisch als die Innereien rausgenommen werden. Am Eierstock sind auch noch die ungelegten Eier ohne Schale. Das kennen sie nicht. Im Konsum ist das Huhn schon geschlachtet, gerupft und sauber.

So haben die Mädchen etwas neues gesehen und gelernt.


Dort gibt es noch die frisch geschlüpften Hühner-Enten-und Gänseküken. Die sind ganz flauschig anzufassen. Am bissigsten aber sind dann die Gänsemütter. Ohoh.

Sie passen doll auf ihre Kleinen auf.


Die kleinen Ferkel, sie sind so niedlich, wenn sie bei der Sau liegen. Und eines Morgens war da im Stall auch ein kleines Kälbchen, das in der Nacht geboren wurde. Ganz niedlich und lieb.


Es gibt in den Ferien fast jeden Tag etwas Neues zu entdecken. Doch bald sind die Ferien vorbei und es geht zurück nach Hause. Ja und nun....

Die Sachen passen nicht mehr und schnell muss was Neues hergezaubert werden.

Die Tante kauft Stoffe und die Schneiderin des Ortes zaubert.   


Die Mädchen freuen sich schon auf die nächsten großen Ferien ein Jahr später. 


17.04.2018


Petra Taubert


Brandgefahr


Dreckschwein, Schmierfink, Dumpfbacke,

schimpfe ich vor mich hin.


Schon wieder!

Wer macht so was?


Niemanden im Haus scheint es zu stören

oder übersehen sie die Zeichen

beim Starren auf ihr Handy?


Hakenkreuze an der Wand.


Mit weißer Farbe lösche ich

Deutschlands dunkle Vergangenheit.


Ich muss immer

genug weiße Farbe haben,

sage ich zu mir.





Steffi Obieglo

Lindos


Abendsonne

hüllt karge Felsen

in einen warmen Schein.

Pinien und Oliven

haben dort längst

ihren Halt gefunden.

Ich suche noch.


Sigrid Lindenblatt

Pfingsten



P lanlos

F reie Zeit genießen

I n mich gehen

N achsicht üben

G anz bei mir sein

S eele baumeln lassen

T age verträumen

E nergien auftanken und

N ur faulenzen



Sigrid Lindenblatt

Unwetter


U ngewisser Ausgang

N atur zeigt ihre Kraft

W asser bahnt sich seinen Weg

E is ist kalt, hart und auch glatt

T emperaturschwankungen gehen aufs Gemüt

T age  voller Bange

E rwachen in der Tiefe

R uhe nach dem Sturm


Januar Februar 2018



Schnee


S eelenqual

C haos

H avarie

N ebel

E is

E iszapfen





Rolf Winkler

Ein Keintext


Hast du was zum Vorlesen?

Nein.

Warum nicht?

Warum? Warum, warum.

Ich weiß es nicht! Buchstaben schwirren mir durch den Kopf. Wollen sich nicht ordnen lassen. Ein Wirrwarr von Lauten.

Irgendwann werden Worte daraus, ein Wörterwirbel, eine Geschichte taucht auf, stürzt nach draußen.

Aber gerade jetzt fehlen Tinte und Papier.

Ich höre schon die Frage:

Hast du was zum Vorlesen?


Thurid Winkler

Du machst das doch


Eine Laudatio soll ich halten. Das habe ich mir immer nur bei anderen angehört. Und dann so ganz unvorbereitet. In einer Stunde beginnt die Veranstaltung, und der Laudator hat kurzfristig abgesagt. Du siehst mich an und wartest auf meine Antwort. Ja, ich mache das. Ich kenne dich ja schon lange. Deine vielen Verdienste habe ich gleich parat. „Nur keine Lobhudelei!“, höre ich dich sagen. Aber das sind wohl nur meine Gedanken. Du bist gar nicht mehr da, hast mich allein gelassen mit meinen Sorgen. Im Kopf habe ich alles fertig. Eine schöne Rede.

Aber wenn ich vor lauter Aufregung wichtige Teile vergesse? Ich fange an, alles aufzuschreiben. Die Zeit läuft mir davon. Einiges lasse ich weg. Ich kürze, wo es geht. Deine größten Verdienste aber, nein, daran kürze ich nichts. Davon hat noch keiner gesprochen.

Erwartungsvoll blicken mich Augen an. Ich rede und rede. Ob ich alles richtig gesagt habe?

Schweißgebadet wache ich auf. Der Ministerpräsident war nicht verhindert. Er hat die Laudatio selbst gesprochen und alles gesagt, fast alles. Von deiner Arbeit mit Henry, seinem Buch, den Lesungen dazu, der übergroßen Freude, dem Glück, das du ihm damit bereitet hast, hat der Ministerpräsident nicht gesprochen.


theofine

zeitlos


von sekunde zu sekunde

immer wieder

eine neue runde

immer wieder

das aufgeblähte jetzt

immer wieder

ins gestern gehetzt

immer wieder

neu belebt

immer wieder

ins heute gewebt


Annegret Winkel-Schmelz

Einfach weg


Frühling 2017. Die Natur irrt noch gewaltig, Kälte und eisiger Wind auch im März und April. Der Februar jedoch war fast schon warm. Ich überlege, meine Sommersandalen schon in Vorfreude auf kommende Sonnenfrühlingsstrahlen aus dem Keller zu holen.


Vor zwei Jahren bin ich zuletzt umgezogen. Die Schuhe müsste ich eigentlich im Kellerschrank untergebracht haben. Also wie die Witwe Bolte, zwar nicht mit Kerze, doch mit Taschenlampe stapfe ich hinunter. Ich leuchte den Schrank aus. Nichts. Ich suche in Taschen, Beuteln, Kisten. Nichts. Missmutig und enttäuscht trete ich Stufe um Stufe wieder nach oben.

Wo sind die Sandalen hin? Ich suche vier Paar Latschen und drei Paradeschuhe, die ich nur zu bestimmten Anlässen trage. Einfach weg. Ich schiebe die Sucherei auf den Umzug,  jedoch ist auch in elf vorherigen Umzügen in 25 Jahren nichts verschwunden. Kann mich nur wundern. Frust macht sich breit. Muss ich mich nun damit abfinden?


Nun ist schon Juni. Weil ich nichts für die Füße habe, kaufe ich ein Paar Billiglatschen aus Gummi im Mc Geiz. Sieben Eurinos, das gönne ich mir. Bequem sind sie auch.

Reiseplanung nach Brandenburg steht im Juli an. Und dorthin in Gummilatschen? Nee, das geht nicht.

Im Einkaufszentrum gibt es noch ein anderes Geschäft außer Deichmann. Also rein zu Mayers, Markenschuhe mit freundlicher Bedienung. Ich bekomme vier Paar gezeigt, die ich probiere. Nichts passt. Sie fragt mich, was ich ausgeben will. Ich antworte: „Möchte welche, die richtig gut passen, aus Leder sind, am besten Latschen ohne Absatz mit einer weichen, nachgiebigen  Innensohle.“

Sie zeigt mir Schuhe in Silber von Hush Puppies. Schlüpfe hinein und spüre sofort, die sind bequem, passen. Laufe ein paar Schritte. Also die und sonst keine. Gang zur Kasse. 59.99 Euro. Ich fluche in mich hinein.


Sommer geht vorüber. Es wird Herbst. Zeit, wieder meine dicken Treter aus dem Keller zu holen. Mittlerweile besitze ich eine Tischlampe mit LED-Strahlern ohne Stromkabel. Die nehme ich mit. Innere Eingebung: Auch mein Handy stecke ich in die rechte Hosentasche. Bin gerade am Räumen, da klingelt das Telefon. Petra und ich sprechen Details für den Workshop übermorgen ab. Treffpunkt, Abfahrtszeiten.

In der rechten Hand halte ich den Hörer. Mit der linken sortiere ich weiter recht gedankenlos Beutel und Taschen von links nach rechts. Schaue eher gelangweilt hinein. Routine.

Jetzt mache ich ein doofes Gesicht, das Petra nicht sehen kann. Ich fasse es nicht, schreie meiner Freundin laut ins Ohr: „Ich hab sie, meine Schuhe sind da. Zwei Jahre habe ich die gesucht!!“ Meine Freudenschreie sind im ganzen Haus zu hören. Schnell erkläre ich Petra die Geschichte in kurz. Sie lacht und freut sich mit mir.

Danke ihr zutiefst: „Wenn du nicht gerade jetzt angerufen hättest, in diesen bestimmten Beutel hätte ich heute nicht mehr hineingeschaut. Du bist jetzt meine Glücksfee!“



Die Gitarre


Oma Anna sortiert Fotos. Dafür setzt sie ihre Lesebrille auf. Die Augen wollen nicht mehr so. Wenn sie die fünf Etagen zur Wohnung ihres Sohnes hinaufsteigt, spürt sie ihr Alter. Aber am deutlichsten merkt sie ihre Jahre, wenn sie  Enkelin Luise vor sich sieht. „Ach, da ist ja das Bild: Luise beim Plätzchen backen vor drei Jahren. Und hier die Einschulung im September...“  Gedankenversunken setzt sich die Vierundsechzigjährige in ihren Sessel.

Einen viele Seiten langen Brief hatte sie ihrem Sohn geschrieben. Auch die Kindergeschichten für Luise packte sie in den Umschlag. Keine Antwort bisher.


Eine SMS piept: „Wenn du möchtest, kannst du nach den Feiertagen bei uns sein. Luise bekommt von der anderen Oma eine Gitarre. Willst du ihr ein Lernbuch schenken?“

Oma Anna fasst sich in die Herzgegend. „Ja, ja gern, ich komme. Freue mich“, tippt sie mit zitternden Fingern ins Handy. Die Fotos sind jetzt Nebensache.

Sie holt ihre Gitarre hervor, schlägt ein paar Akkorde an. Sie bekam ihr Instrument, als sie zwölf war. Ihr Musiklehrer gab Unterricht. Bald schon konnte sie die Klasse beim Singen begleiten. Auf einmal wollten alle Gitarre spielen lernen. Oma Anna schmunzelt.

Ein Gitarrenbuch hat sie noch. Einen Stimmstern brauche ich für Luise, denkt sie.

Am 1. Feiertag kommt wieder eine SMS: „Luise hat doch keine Gitarre erhalten. Kannst du eine von dir mitbringen und hier lassen?“

Anna schaut verdutzt. War das ihre Chance? „Natürlich, kann ich.“ Ihr Sohn meldet sich erneut: „Bringst du zum Frühstück bitte Brötchen mit?“

Ach, diese schlichte Normalität tut Oma Anna so gut. In ihr jubelt alles. Hatte der Brief ihr eigenes Weihnachtswunder bewirkt?

Sie überschlägt ihre Finanzen. Die Notreserve fällt ihr ein. „Jetzt oder nie!“


Im Musikhaus schaut sie sich um. Ein Verkäufer zieht gerade neue Saiten auf eine Gitarre. „Ich suche eine Gitarre für meine achtjährige Enkelin“, sagt Anna schüchtern. „Hier können Sie sich eine aussuchen.“ „Oh..., ist die aber schön“, entfährt es Anna  als sie die rote entdeckt. Der Korpus des Instruments verläuft von außen nach innen von schwarz zu tiefem Rot. Der Steg ist ebenfalls rot. „Wie viel kostet sie?“, fragt Anna bang. „Und dann möchte ich noch einen Stimmstern.“ „Sie bekommen einen passgenauen Karton für den Transport.“ Klaglos legt sie das Geld auf den Tisch.

Tief atmet Anna die klare Winterluft, als sie das Geschäft verlässt. Tränen stehen in ihren Augen. So sicher, etwas richtig gemacht zu haben, hat sie sich lange schon nicht mehr gefühlt.


Als sie klingelt, spürt sie wieder dieses Herzklopfen. Die Gitarre stellt sie vor die Wohnungstür. Würde Luise sie noch erkennen nach so vielen Jahren?

„Frohe Weihnachten, ich bin deine Oma Anna, die Mutti von deinem Papa“, stellt sie sich vor.

„Ich weiß“, sagt Luise, als wäre dies das Natürlichste  der Welt.

Annas Sohn deckt den Tisch. Seine Frau arbeitet schon. Ihre Masterarbeit soll bald fertig sein.

Oma Anna fragt Luise: „Zeig mir doch mal deine Geschenke, ja?“ Luise holt ein Gitarrenbuch für Kinder. „Stell dir vor, da habe ich mir eine Gitarre gewünscht und bekomme nur so ein Buch! Was soll ich denn damit?“, entrüstet sich das Mädchen. Ihr Vater ergänzt: „Die andere Oma hat das verwechselt.“

„Das ist wirklich Pech. Lass uns frühstücken. Etwas mitgebracht habe ich dir auch. Aber dafür muss man gut gegessen haben.“ Neugierig sieht Luise ihre Oma an.

Die Mama kommt aus dem Arbeitszimmer: „Hier duftet es gut nach Kaffee. Den kann ich jetzt gebrauchen.“ Sie setzt sich ebenfalls an den Tisch. Eine glückliche Familie, denkt Anna. Ich mittendrin. Sie lächelt.

Ihr Sohn erzählt von seiner Arbeit. „Hast du schon Aussicht auf eine unbefristete Stelle?“, fragt ihn seine Mutter. „Das ist meine Weihnachtsüberraschung für dich. Ich habe vor zwei Wochen die Zusage erhalten. Na, was sagst du?“ Sie schnellt vom Stuhl hoch und umarmt ihren Großen. „Das hast du toll gemacht. Ich gratuliere euch. Prima, freue mich sehr!“

Gerührt verbeißt sie sich die Freudentränen. Sie weiß, ihr Sohn mag es nicht, wenn sie zu viele Gefühle offen zeigt. „Luise, du hilfst dem Papa beim Abräumen. Luise mault: „Aber Oma hat mir doch etwas mitgebracht.“

„Deshalb räumen wir jetzt schnell gemeinsam auf. Oma macht auch mit.“ Papa drückt seine Tochter an sich und streicht ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.


Oma Anna holt den Stimmstern aus der Tasche und gibt ihn Luise. „Der ist fast noch wichtiger als das Geschenk. Blase mal in die Öffnungen!“

Luise staunt, probiert die Töne. „Hoch, tief, hoch.“, meint sie. Oma Anna zeigt der Kleinen die Buchstaben, die auf dem Stern stehen: „Die Noten werden in Groß- und Kleinbuchstaben angegeben. So kannst du hören, wie welche Note klingt.“ „Das ist ja voll gut“, meint Luise freudig.

Oma Anna holt den Karton rein. „Was meinst du, was das ist?“, fragt sie ihre Enkelin. „Keine Ahnung“, antwortet  das Mädchen.

Vorsichtig öffnet es den Kasten: „Hurra, eine Gitarre!! Die habe ich mir so gewünscht!“

Ihr Sohn sieht seine Mutter an: „Das ist aber keine von dir.“ Luises Mama meint bedenklich: „So hatten wir das aber nicht gemeint. Du solltest doch nicht so viel Geld ausgeben.“

Ruhig bleiben, denkt Anna.

„ Meine Gitarren sind zu groß für Luise. Luise, gib mir mal das tiefe E.“ Oma Anna stimmt jetzt Saite für Saite die Gitarre mit ihrer Enkelin. Sie ist so vertieft darin, dass sie kaum bemerkt, wie ihr Sohn und seine Frau sich vor sie auf den Boden gesetzt haben und zuschauen.

Oma Anna lässt Dur- und Mollgriffe erklingen, erklärt die Haltung der Finger an der linken Hand, die Griffe. Sie schlägt Akkorde mit der Rechten. Dann gibt sie Luise die Gitarre. Stolz schaut Luise ihre Eltern an.

„Meine Musiklehrerin gibt mir Unterricht“, sagt sie.

Luise spielt Töne, schlägt vorsichtig die Saiten.

Oma erklärt weiter: „Das klingt wirklich schon gut. Stell dir vor, du hast einen großen Apfel in der linken Hand. Fass jetzt um den Steg. Und jetzt nur die Fingerkuppen aufsetzen. Spiel mal nur die Saite, auf der dein Finger liegt.“ Luise folgt. „Es klingt!“, ruft sie laut aus. „Du kannst nicht viel falsch machen.“ Oma nickt ihrer Enkelin zu.

Ihr Sohn sieht seine Mutter staunend an: „Das war ein schöner Vormittag“, sagt er.

„Wann kommst du wieder?“, fragt Luise.

„Vielleicht schon bald.“

Der Sohn drückt seine Mutter zum Abschied.