Meinungen

Anne Winkel-Schmelz

Auf der Spur zu Ungeahntem

zu „Tante Fines Geheimnis“ von Inge Nedwed

 

 

Mein liebstes Buch, das ich als Heranwachsende gelesen hatte, hieß „Gestatten Oskar“ von Peter Brock. Das Buch von Erich Kästner „Das fliegende Klassenzimmer“ las ich etwas später. Und natürlich sein Werk „Das doppelte Lottchen“.

Auch heute lese ich ab und zu gern Kindergeschichten, nicht nur, weil ich Enkeltöchter habe. Mich interessiert, was und wie andere Schriftsteller schreiben.

 

Inge Nedwed aus Erfurt verfasste eine spannende Episoden – und Familiengeschichte.

 

Steffi ist Einzel- und Stadtkind. Ihre Eltern, die Mutter ist Kinderärztin und der Vater Lokführer, haben durch ihre Schichtdienste kaum Zeit für das Mädchen. Nicht mal in den Sommerferien erhalten sie Urlaub. Steffi muss zu Tante Fine und Onkel Franz aufs Dorf. Es ist die erste Reise allein für das elfjährige Kind. Lieber wäre sie mit ihren Eltern ans Meer gefahren wie Lara, ihre Freundin, mit der sie sonst viel Zeit verbringt.

Onkel Franz und Tante Fine haben kein Auto und Telefon und keinen Computer. Alles ist anders. Wie soll Steffi nur die drei Wochen überstehen?

Steffi lernt Basti, einen Jungen aus dem Dorf, kennen:

Die Autorin baut die Spannung langsam auf, Seite für Seite immer etwas mehr. Neugier packte mich.

Was mir an diesem Buch besonders gefällt, ist die zurückhaltende, aber deutliche Beschreibung und Herausarbeitung der völlig unterschiedlichen Lebensweisen der beiden Kinder. Bastis Mutter ist arbeitslos, sein Vater verstorben. Das Geld ist knapp. Steffi lebt im materiellen Wohlstand. Da ist die Sache mit der Jeans, die später im Buch noch eine dramatische Wendung nimmt:

Steffi erlebt alles Neue intensiv, kann sich einlassen, lässt sich begeistern, wird hineingezogen. Sie erlebt zum ersten Mal in ihrem Leben eine Kutschfahrt

Bildhaft und anschaulich, liebevoll bis ins Detail, erzählt Inge Nedwed, wie Basti und Steffi Freundschaft schließen und sich in Gefahr begeben. Beide kommen aber auch zu Erkenntnissen, die nur das Leben schreibt und können daraus lernen:

Steffi findet Gefallen am Landleben, entdeckt wieder und wieder Wertvolles für sich:

Der Grundstoff der Geschichte, das Leben im Dorf wird zeitlos, facettenreich und gut verständlich vermittelt.

 

Ulrike Schmieder hat das Buch farbig illustriert. Auf sensible Weise untermalen die Zeichnungen den Text, sind gegenständlich und greifbar. Schlüsselszenen fängt sie konkret ein und unterstützt damit den Text authentisch.

Ein sehr lesenswertes Kinderbuch, das mich durch die klare, direkte Sprache anspricht. Die Autorin versteht es gekonnt, auf Konflikte hinzuführen. Sie bietet überraschende, originelle, berührende und emotional bewegende Lösungen an. Ich werde an eigene Kindheitserlebnisse erinnert. Schön, wenn man sich seine kindliche Seele bewahren kann. Angeregt durch dieses Buch, konnte ich eine eigene, längere Kindergeschichte schreiben.

Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung, fängt es doch geschickt den gegenwärtigen Zeitgeist in einer kindlichen Welt ein.