Meinungen

Anne Winkel-Schmelz

„Harzer Tonlagen“ – eine besondere Anthologie

 

 

Ein kranker Mensch ist nicht weniger wert als ein gesunder. Er empfindet ebenso stark und hat rechter wie jeder andere auf sich selbst, auch, wenn er leidet und nicht leistungsfähig im Sinne einer Leistungsgesellschaft ist. So lautet das Credo des Pelikan e.V. als gemeinnütziger Verein, der künstlerische Projekte für benachteiligte Erwachsenen und Kinder entwickelt.

 

Betroffene und Angehörige dürfen sich nicht aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt fühlen. Sie werden ermutigt, sich schreibend zu öffnen oder sich in Form und Farbe auszudrücken.

So findet jeder seine eigene Sprache, sich dem anderen mitzuteilen.

Das sind oftmals Erlebnisse, die stabilisieren können.

Den Hintergrund bilden Krankheitsgeschichten – und Verläufe, Krisen, Grenzerfahrungen sowie Urlaubserlebnisse und Gemeinschaftserfahrungen.

Aus manchem ersten therapeutischen Schreibansatz wird eine pointiert erzählte Geschichte. Auch in den Bildern schwingt ein neuer Ton mit.

Er kann Hoffnung heißen und Anerkennung sein. Das zeigen die Erfahrungen aus der bisherigen Arbeit der Wernigeröder Werkstatt zum Schreiben und Malen für Menschen mit Handicap.

Auch ich gehöre dazu. Dreimal hatte ich das Glück, an den Workshops teilzunehmen. Unter fachkundiger Anleitung vom Magdeburger Autor, Lektor und Journalisten Günter Hartmann machte mir das Schreiben eigener Texte viel Freude. Günter stellte verschiedene Themen und Schreibaufgaben. Ich fühlte mich motiviert und kam auf Ideen.

Petra Taubert leitete die Malenden an. Dafür hatte sie aus ihrem eigenen Fundus in Halle viele Utensilien wie z.B. ein Waschbrett, eine Gitarre zum Bemalen mitgebracht, dazu Papier, Pappe, Farben, Pinsel und Stifte sowie eine große Tapetenrolle.

Ellen Schauerhammer organisierte in ihrer Heimatstadt alle vier Workshops. Dorothea Iser sagt über sie: „Sie hat alle Fäden in der Hand. Deshalb läuft alles so gut.“

Annette Kühlmann, Autorin aus Wernigerode unterstützte uns mit mütterlicher Intension, indem sie sich um die Verpflegung kümmerte und auch selbst Texte schrieb.

 

Im Oktober 2016 kam ich mit meinem Mann nach Wernigerode. Die Anthologie „Harzer Tonlagen“ stellten fast alle TeilnehmerInnen der Workshops persönlich vor. Jedem war die Aufregung vor der Premiere anzumerken.

Aber ein Ziel des Projektes ist auch, sich zu überwinden und Neues für sich zu wagen, Mut zum Ich und zur Identifikation mit dem eigenen Text zu fördern. Wann stehen Menschen mit Einschränkungen schon einmal so im Mittelpunkt?

Als ich das Buch erstmals in den Händen hielt, fühlte ich mich aufgehoben in einer Gemeinschaft von Freunden.

Schlage ich das Inhaltsverzeichnis auf, erinnere ich mich gern an Situationen und Gefühle aus den Wernigeröder Tagen (2013 bis 2016), als die Texte, Bilder und Farbfotos entstanden.

In unserer Gruppe aus der Salzgitteraner Schreibwerkstatt und Teilnehmerinnen aus Magdeburg, Halle und Wernigerode wurden in den Räumen der Pflegeeinrichtung „Zum guten Hirten“ alle entstandenen Werke besprochen und gefühlvoll kritisiert. Ob Ulrich Nockurs „Raunen der Blätter“ oder Heidrun Bratherings „Mein Urlaub“ haben tiefe Eindrücke in mir hinterlassen.

Günter Hartmann hatte zur Buchpremiere eine besondere Überraschung für Ulrich. Für seine alte Schreibmaschine gibt es keine Farbbänder mehr. Eine elektronische Schreibmaschine hatte Günter schon im Bus verpackt. Einer der Momente, der mich ganz tief berührte und echtes Gänsehautpotenial in mir hervorbrachte.

Manuela Herzog, Betreuerin der Salzgitteraner, beschreibt im Eingangsgedicht „Haste Töne“, was sie in kurzen Reimen vom Klang und Wirkung der Worte und Töne versteht. Dieser Text bleibt mir im Gedächtnis, ich kann ihn fast auswendig.

„Haste Töne?

Schräge, schöne?

Spiel sie vor,

in mein Ohr!

.

Haste Worte?

Welche Sorte?

Hör sie an!

Was kommt dann ?

Wirst du sehen

und verstehen!“

 

Zum Ende der Buchpräsentation stellten sich alle zum gemeinsamen Foto auf. Die Zeitung wird einen Artikel drucken.

Also, 2017 auf ein Neues....!