Meinungen

Petra Taubert

 

Peter Hoffmann: Jette mit der Kastagnette, dorise verlag , 2017

 

 

Ohne erhobenen Zeigefinger spricht das Buch über ausländische Herkunft mit beschwerlicher Reise bis ins Ankunftsland. Einer der schon vorhandenen Bäume reagiert offen, der andere abweisend. Der zweite Baum denkt, der Neuankömmling braucht zu viel Platz und nimmt ihnen, den Zwillingsbäumen, etwas weg. Ganz unbegründet ist das nicht, stimmt aber so verkürzt nicht. Die Themen Fremdsein, sich annähern, sind behutsam eingearbeitet in die Sprache der Bäume.

Das Buch könnte bibliotherapeutisch eingesetzt werden, um den Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken auszudrücken hinter dem Schutz der Baum- oder Menschenfiguren im Buch, im gewissen Sinn passiert das so auch an der Schule für geistig Behinderte. Indem die Kinder zu bestimmten Szenen malen oder Figuren auswählen, die sie zeichnen, drücken sie ihren Zugang zur Geschichte aus.

Wenn man die Dialoge der Bäume ausarbeiten lässt von den Kindern und nur einen Anfang vorgibt, könnte auch in Erfahrung gebracht werden, wie Kinder über das Thema Anderssein denken.Vielleicht trauen sich Kinder von Geflüchteten hinter dem Schutz der Figur eines starken Baumes ihre Gedanken zur langen Reise, zum Empfang in Deutschland und zum Umgang mit ihnen aufzuschreiben und dann darüber zu sprechen.

Natürlich kann im Herbst auch mit Kastanien gebastelt werden, in dem Fall der Esskastanie, wo verfügbar und möglich für die Kinder, könnte das auf dem Weihnachstmarkt probiert werden, wenn der Baum auf dem Schulhof nicht wirklich vorhanden ist. Auch im Supermarkt werden solche Früchte der Natur angeboten.

Blätter können bestimmt werden, der Versuch unternommen, Haiku dazu zu schreiben oder gar ein kleines Bühnenstück erarbeitet werden. In unterschiedlichen Schulformen wäre das Buch vielfältig einsetzbar.

Im Text werden Pflanzen berührend als Lebewesen dargestellt und die Figuren insgesamt überschaubar gehalten. Da gibt es den spanischen Gärtner in der Baumschule, eine Familie aus Spanien, eine Familie aus Deutschland, die zwei bzw. drei Trunkenbolde, die Schule mit den Kindern und den zwei, drei Bäumen. Im Sturm erweist sich das Anderssein der Bäume untereinander als Schutz gegen das Umkippen.

Sie tragen Blessuren davon, bleiben aber stehen. Die Kinder haben sich mit ihren Lehrern in die Aula der Schule geflüchtet. Angst wird hier gespiegelt, ohne sie überzubetonen.

Eine tolle Geschichte für Kinder und Erwachsene, die einlädt, Pflanzen zuzuhören und behutsam mit der uns umgebenden Natur umzugehen.

Ich bekam das Buch als Weihnachtsgeschenk von meiner Freundin Anne und möchte es gern weiterempfehlen nicht nur für lange Winterabende. Der Tanz, der in Spanien begann, findet seine Fortsetzung in Deutschland. Erlebt Jette das Wunder, das ihr versprochen wurde? Wer auf diese Frage und Andeutung Antwort möchte, ist herzlich eingeladen zum Lesen und Betrachten der individuellen Bilder. Kinder der Schule für geistig Behinderte haben sie selbst gemalt.

 

 

Annegret Winkel-Schmelz

 

Peter Hoffmann: Jette will heiraten, dorise-Verlag, 2018

 

Erneut entführt uns Peter Hoffmann in Jettes Welt. Jette, der Esskastanienbaum, dessen Stamm nicht gerade gewachsen ist und auf wundersame Weise den beschwerlichen Weg aus Spanien bis auf den Schulhof fand.

Die Schulleiterin Frau Nietschmann der Bitterfelder Schule „An der Kastanie“ macht sich Sorgen um diesen Baum. Die Blätter werden schon gelb und welk. Das ist im September noch nicht der natürliche Lauf der Jahreszeit. Die anderen beiden Bäume Kastan und Kastanie stehen friedlich neben Jette. „... die beiden einheimischen Kastanienbäume, haben tiefgrüne, vor Kraft strotzende Blätter. Und an ihren Zweigen hängen Früchte in prallen, stacheligen Hüllen.“ (S.7/8) Was ist zu tun? Jette nur zu gießen, wird dieses Mal allein nicht ausreichen.

Dann werde ich mitgenommen auf eine abenteuerliche wie spannende Hilfsaktion. Es geht darum, Jette zu retten. Das kann nur gelingen, wenn der Baum glücklich ist. Dafür braucht er Menschen, die sich für ihn einsetzen, die ihn kennen und lieben. Deshalb ruft Frau Nietschmann im Stadthof an: „Marie kann vielleicht helfen! … kennt den Baum, hat ihn über Jahre mit Wasser versorgt und einmal, nach einem schlimmen Unwetter, sogar unter ihm getanzt. Man hätte meinen können, die beiden reden miteinander.“ (S11)

Tatsächlich findet Marie den Grund für Jettes welke Blätter. „Jette ist einsam. Das macht sie traurig und krank. Schauen Sie,... hier steht Esskastanien sind Fremdbefruchter!... Und was soll das bedeuten? Unsere Jette will heiraten. Es gibt aber weit und breit keinen, der zu ihr passt.“ (S. 15/16)

Die Kinder der Schule, die Lehrer und ehemalige Schüler machen sich gemeinsam auf den Weg, um einen Partner für Jette zu finden. Cora arbeitet in einem Restaurant und serviert den Kindern Esskastanien, oder Maronen, wie sie noch genannt werden. Maik, Maries Freund, der mit den Kindern und der Oberförsterin in den Goitsche-Wald fährt, um einen Baum zu finden, der zu Jette passt. Werden die Kinder in der Baumschule fündig? Eine Baumschule, was ist das?

Mir gefällt in diesem Teil der Jette-Geschichten besonders, wie sensibel mit der Thematik Partnersuche umgegangen wird. Jette zweifelt, ob es einen Baum geben, der sie so nimmt wie sie ist. Wegen ihres schiefen Stammes hat sie Bedenken, ob es einer freiwillig und gut mit ihr meint. Noch hat sie die Kastaniette am Ende ihres Stammes in der Erde. Doch Jette will keine Zauberei, sie hofft und bangt, es gibt einen, der aus Liebe neben ihr stehen bleiben will. Und Marie übersetzt die Sprache des Baumes.

Für die Liebe ist man nie zu jung oder zu alt. Sie bringt die leisen Töne in uns zum Klingen.

Behutsam fordert sie die Leser dieses Bandes heraus, sorgsam mit anvertrauten Gefühlen umzugehen. Und noch eine wesentliche Botschaft entnehme ich diesem Buch: Nur gemeinsam, wenn alle auf ihrem Platz, den sie einnehmen, ihre Aufgaben erfüllen, steht das Glücklichsein.

Mich berühren die Zeichnungen, die die Schüler der Schule „An der Kastanie“ in Bitterfeld wieder selbst gezeichnet haben, sehr. Sie spiegeln die lebhafte Auseinandersetzung der Kinder, die selbst mit einem Handicap leben, mit dem Schicksal der Bäume.

Dem Autor Peter Hoffmann ist es zu verdanken, dass er uns erneut teilhaben lässt auf diese innere Reise der Kinder.

Kürzlich erfuhr ich, nächstes Jahr kann es vielleicht noch eine vierte Geschichte der Kastanienbäume geben. Ich bleibe erwartungsfroh neugierig darauf.

 

                                                                     

Marion Krüger

Mein Erleben 2017 mit Henry

 

In den letzten Schreibrunden 2016 machte ich mir öfter Sorgen um Henry.

Seine Texte handelten viel vom Tod und es beschäftigte ihn, wie es sein wird, wenn man tot ist. Er war aber auch irgendwie überzeugt, dass es dann besser ist.

Die anderen SR-Mitglieder schauten sich dann immer an und es machte uns traurig.

Ich hatte das Gefühl, als hätte Henry Todessehnsucht.

Ich kenne das. Ich denke dann schon mal darüber nach, dass ich dann endlich vor allen Schmerzen und Querelen Ruhe hätte.

Henry hatte, bedingt durch die Mehrfachbehinderung, seine ganz eigene Art, sich auszudrücken.

Ich kenne ihn schon lange und verstand ihn auch. Ich erinnere mich, wenn wir ihn nach der Schreibrunde mit nach Hause nahmen, unterhielten wir uns während der Fahrt.

Ich muss gestehen, war der Abend anstrengend und ich müde, fiel es mir oft schwer ihm zu folgen.

Erstaunt hat mich aber immer wieder sein enormes Wissen z.B. über sportliche Veranstaltungen, wie die Olympiaden der Vergangenheit. Er kannte Platzierungen, die Namen der Sportler und Zeiten oder andere Werte.

Ich, die oft schon einmal etwas vergisst, habe ihn dafür heimlich bewundert.

Kamen wir in Genthin am Wohnheim an, nahm er seinen Stoffbeutel, Gisi sagte warnend, er möge auf seinen Kopf aufpassen beim Aussteigen.

Bis er in der Hofeinfahrt verschwand, drehte er sich immer wieder um und winkte uns zu und rief „Danke“.

Der Gedanke, dass ich eines Tages tieftraurig aus eben dieser Hofeinfahrt kommen würde, kam mir nie. Weshalb auch.

Im Januar dieses Jahres mussten wir eine Schreibrunde ausfallen lassen.                                    Die Grippewelle hatte um sich gegriffen. Ich rief Henry an und sagte Bescheid.                                                   „Oh“, sagte er mir “ich habe auch eine starke Erkältung, ist nicht schlimm. Sehen wir uns im Februar.“

Als er zu der Februar SR nicht da war, wunderten wir uns zwar, aber hin und wieder kam das schon Mal vor.

Im April erfuhr ich in Genthin, dass Henry am 2. 4. ins Burger Krankenhaus gekommen war.

Er hatte sich den Schenkelhals gebrochen, wurde in Burg operiert und beim Routineröntgen hatte man etwas an der Lunge gefunden. Man verlegte ihn von Burg nach Lostau.

Von dort sollte er in zwei Tage wieder nach Genthin ins Wohnheim entlassen werden.

Ich wurde gebeten, ihm etwas Zeit zu lassen, damit er sich wieder einleben könne und dann erst einen Termin für einen Besuch zu vereinbaren.

Dann war es endlich so weit. Ich war schon besorgt, denn ich musste am 5.6. auch ins Krankenhaus und wollte ihn doch unbedingt noch besuchen.

Christa, Gisi und ich waren die ersten drei der SR, die ihn besuchten.

Als er uns sah, freute er sich sehr.

Er wohnte jetzt unten im Parterre, denn nach der OP. ging er am Rollator.

Wir setzten uns in die Sitzecke, Henry und ich auf eine Couch und gegenüber Christa und Gisi. Er schaute immer zu den beiden gegenüber und so konnte ich ihn von der Seite beobachten.

Er war ja noch nie dick, aber selbst die Trainingshosen zeichneten seine dünnen Beinchen ab.

Ich drehte den Kopf verstohlen zur Seite und wischte mir die Tränen weg.

Henry war sehr aufgeregt und erzählte uns mit einer unfassbaren Selbstverständlichkeit von dem ganzen Geschehen um seine Krankheit.

Als er dann fast triumphierend sagte: „ Ich bin froh, dass jetzt alle sehen können, das ich etwas habe. Die denken immer, ich tu nur so“, war es mit meiner Beherrschung ganz vorbei und ich flüchtete auf die Toilette. Hier konnte ich ungeniert weinen.

 

Als wir uns an diesem Tag von Henry verabschiedeten, hatte ich ein Gefühl von Hilflosigkeit und großer Angst um ihn.

Ich hinterließ meine Telefon-Nr. mit der Bitte anzurufen, wenn irgendetwas mit Henry passieren würde. Genau das hatte Lutz auch schon per Telefon getan.

Jetzt in den Tagen nach Weihnachten haben wir durch Zufall von unserem ehemaligen SR Mitglied Petra Specht erfahren, dass unser Henry schon im September verstorben ist.

Dass sich im ersten Moment tiefe Traurigkeit und aber auch Wut in mir breitmachte, kann menschlich gesehen, sicher jeder verstehen.

Ich habe heute, am 29. 12. Noch einmal im Wohnheim angerufen und gesagt, dass ich es sehr bedauere, dass wir nicht benachrichtigt wurden

Habe gesagt, dass das Wohnheim Henrys zu Hause war, aber wir, die Jerichower Schreibrunde, waren auch sein zu Hause. Hier hat er sich wohl- und verstanden gefühlt.

 

Anne Winkel-Schmelz

Auf der Spur zu Ungeahntem

zu „Tante Fines Geheimnis“ von Inge Nedwed



Mein liebstes Buch, das ich als Heranwachsende gelesen hatte, hieß „Gestatten Oskar“ von Peter Brock. Das Buch von Erich Kästner „Das fliegende Klassenzimmer“ las ich etwas später. Und natürlich sein Werk „Das doppelte Lottchen“.

Auch heute lese ich ab und zu gern Kindergeschichten, nicht nur, weil ich Enkeltöchter habe. Mich interessiert, was und wie andere Schriftsteller schreiben.


Inge Nedwed aus Erfurt verfasste eine spannende Episoden – und Familiengeschichte.


Steffi ist Einzel- und Stadtkind. Ihre Eltern, die Mutter ist Kinderärztin und der Vater Lokführer, haben durch ihre Schichtdienste kaum Zeit für das Mädchen. Nicht mal in den Sommerferien erhalten sie Urlaub. Steffi muss zu Tante Fine und Onkel Franz aufs Dorf. Es ist die erste Reise allein für das elfjährige Kind. Lieber wäre sie mit ihren Eltern ans Meer gefahren wie Lara, ihre Freundin, mit der sie sonst viel Zeit verbringt.

Onkel Franz und Tante Fine haben kein Auto und Telefon und keinen Computer. Alles ist anders. Wie soll Steffi nur die drei Wochen überstehen?

Steffi lernt Basti, einen Jungen aus dem Dorf, kennen:

Die Autorin baut die Spannung langsam auf, Seite für Seite immer etwas mehr. Neugier packte mich.

Was mir an diesem Buch besonders gefällt, ist die zurückhaltende, aber deutliche Beschreibung und Herausarbeitung der völlig unterschiedlichen Lebensweisen der beiden Kinder. Bastis Mutter ist arbeitslos, sein Vater verstorben. Das Geld ist knapp. Steffi lebt im materiellen Wohlstand. Da ist die Sache mit der Jeans, die später im Buch noch eine dramatische Wendung nimmt:

Steffi erlebt alles Neue intensiv, kann sich einlassen, lässt sich begeistern, wird hineingezogen. Sie erlebt zum ersten Mal in ihrem Leben eine Kutschfahrt

Bildhaft und anschaulich, liebevoll bis ins Detail, erzählt Inge Nedwed, wie Basti und Steffi Freundschaft schließen und sich in Gefahr begeben. Beide kommen aber auch zu Erkenntnissen, die nur das Leben schreibt und können daraus lernen:

Steffi findet Gefallen am Landleben, entdeckt wieder und wieder Wertvolles für sich:

Der Grundstoff der Geschichte, das Leben im Dorf wird zeitlos, facettenreich und gut verständlich vermittelt.


Ulrike Schmieder hat das Buch farbig illustriert. Auf sensible Weise untermalen die Zeichnungen den Text, sind gegenständlich und greifbar. Schlüsselszenen fängt sie konkret ein und unterstützt damit den Text authentisch.

Ein sehr lesenswertes Kinderbuch, das mich durch die klare, direkte Sprache anspricht. Die Autorin versteht es gekonnt, auf Konflikte hinzuführen. Sie bietet überraschende, originelle, berührende und emotional bewegende Lösungen an. Ich werde an eigene Kindheitserlebnisse erinnert. Schön, wenn man sich seine kindliche Seele bewahren kann.  Angeregt durch dieses Buch, konnte ich eine eigene, längere Kindergeschichte schreiben.

Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung, fängt es doch geschickt den gegenwärtigen Zeitgeist in einer kindlichen Welt ein.