Meinungen

Marion Krüger

Ihr Lieben,

 

als ich das fertige Gedenkheft in den Händen hielt, gab es bei aller Trauer auch große Freude.


Thea, Du hast es wunderbar gestaltet zusätzlich zu unseren Beiträgen.
Für mich ist alles trotzdem noch so unwirklich.
In Jerichow, denke ich, jetzt müsste er zur Tür hereinkommen.
Wenn ich die Fotos ansehe, ist er so lebendig.
Es fällt mir unsagbar schwer, mir vorzustellen, er lebt nicht mehr.


Als ich nun so die Abschiedstexte las, haben mich:


„Schaukellied“ Gedicht von Thea


„Nur mein Herz spricht mit dir“ von Regine Steffens


„Leben bis zum Rand“ von Günter
sehr zu Tränen gerührt.



Von den Texten, welche ich noch nicht kannte, kamen sie am tiefsten in meinem Herz an.

 

Danke Euch allen!

Henry würde es gefallen, wenn er das auch sicher nur schüchtern zugeben würde.

 

 

 

 

 

Annegret Winkel-Schmelz

Wer um die Ecke denken kann, wird Steine des Anstoßes ins Rollen bringen. (Anne)

 

Miniaturgeschichten „subversiv“ und „bitterböse“

zu "Spaßvögel bauen ihre Nester in Fallgruben" von Günter Hartmann

 

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.“ Diese Zeilen Heinrich Heines kommen mir in den Sinn, lese ich das neue Buch von Günter Hartmann. Es ist sein zweites.

„Spaßvögel bauen Nester in Fallgruben“ lautet der Titel des kleinen Bändchens, dass sich Günter Hartmann selbst zum 65. Geburtstag 2017 schenkte.

 

Da ich in der elektronischen Sprache nicht bewandert bin, werde ich in der Einführung bei Cornelia Poenicke fündig. Der Autor „nutzt ein Format aus der digitalen Welt für ganz analoge Texte... fordert den genauen Blick, die treffsichere Formulierung, sprachliche Präzision...“ Und bei Wikipedia finde ich: „...Die telegrammartigen Nachrichten, reduziert auf maximal 140 Zeichen, werden Tweeds genannt. 2015 gab es weltweit 304 Mio. Nutzer... (Das) sind Privatpersonen, Organisationen, Unternehmen und Massenmedien...“

Günter Hartmann beschreibt seine Miniaturgeschichten selbst als „subversiv“ und „bitterböse“. Jedoch werden hier Fallgruben zu Fundgruben, literarische Schätze gehoben. Der Autor schaufelt sie frei, holt menschliche Schwächen, auch Abgründe ans Licht. Die Texte, jeder für sich, sind Kleinode. Sie drängen hervor, sind in ihm.

Wer dem Humor, auch dem bissigen und dem tiefschwarzen des Autors folgen mag, wird seinen Spaß und seine Freude haben.

S.10 „Zum 80. Geburtstag der alten Dame gab es ein traditionelles Festessen für sie. Grützwurst, lecker mit Zwiebeln gedünstet: Richtig! Tote Oma!“

Das ist nicht vordergründig beabsichtigt. Deshalb ist dieses, reichhaltig mit originellen und skurilen Fotos bestückte Büchlein auch nichts für oberflächliche Spaßvögel schlechthin.

Auf S. 9 vergeht einem das Lachen völlig. „Politesse leuchtet halbverdeckten Parkschein an. Haha, abgelaufen! Die Bombe unter dem Armaturenbrett platzte. Zünder war lichtempfindlich.“ Die Pointe erschreckt mich, aber sie spiegelt leider Realität, die inzwischen auch hierzulande angekommen ist. Günter Hartmann wehrt sich, zeigt Haltung.

Aber auch tiefe Empfindsamkeit finde ich (S.13), weil es ein Text ist, der mich traurig stimmt, berührt und Mitgefühl in mir auslöst. „Beim So-da-sitzen hat Oma wieder Saft auf die Tischplatte verschüttet. Mit zittrigem Finger schrieb sie: „Warum läuft mir die Zeit davon?“

Hartmann setzt sich intensiv mit allen Facetten unserer immer älter werdenden Gesellschaft auseinander. Ein Grundthema des Buches, das sich in fünf Themenbereichen wiederfindet.

Ein wacher und kritischer Beobachter von Zeitgeschehen über Grenzen hinweg ist er, sich selbst nicht ausnehmend (S.14), der die Welt im Großen und Kleinen unters Brennglas legt. „Im Moskauer Trolleybus bot ich als höflicher Tourist dem lächelnden Mütterchen meinen Sitzplatz an. Auf Deutsch. Ihr Gesicht wurde zu Stein.“

Der Autor kann Vergangenes mit Gegenwärtigem so miteinander verbinden, dass man fast vor Zukünftigem resignieren könnte. Doch einen letzten Funken Hoffnung gibt er nicht auf. An dem kann ich mich festhalten.

Auf S. 24 finde ich: „Adresse stimmt in Nobelgegend. Er klingelt. Blechstimme: `Hau ab, Penner!`. Still verzieht er sich mit gefundener Börse, Geldbündel, Ausweis.“

 

Manchmal kann ich nicht umhin, auch ein wenig schadenfroh sein zu dürfen, wenn es die Bösewichte, die Arroganten, die Lauten ohne Sinn und Verstand erwischt.

Aber schon werde ich wieder in den nächsten Text hineingesogen in die Hartmannsche Welt: Sie kann witzig sein, ironisch, selbstironisch, ernsthaft mit der nötigen Achtung – aber immer geistreich.

Auf S. 44 lese ich durchaus Mögliches. „Unten rief Mutter: Kind mach den PC aus und komm essen!“ Über offenem Meer verschwand das Flugzeug vom Schirm des Navigators.“

Steht doch auf S. 54 wahrhaft heiter- Komisches. „Bei Tempo 200 flog die Dachbox im hohen Bogen davon. Polizei mit Blaulicht und Sirene stoppt den rasanten Fahrer. „Gehört die Oma zu ihnen?“

Ebenso beeindruckt von der Ganzheit einer Minigeschichte bin ich auf S. 73. Manche Autoren brauchen, um solch eine Geschichte zu erzählen, einen 100-Seiten-Roman. „Spalten am Rand des Fahrstuhls dienen der Belüftung“, meint der Monteur locker. Hindurch verschwindet Stopp-Schlüssel. Schicht im Schacht.“

Manchmal weiß ich nicht genau zu unterscheiden, nimmt der Autor die Inspiration für den Text durch das neben gesetzte Foto, oder ist es umgekehrt.

Sehr genau wird mir dies bewusst am Text auf S. 93 und dem Foto daneben auf S. 92. „Verpiss dich“, sagt der Stinkbesoffene, knallt die Tür zu, klemmt das Gewand des Wartenden ein. Frustriert drückt der Tod erneut die Klingel.“

 

Dass Günter Hartmanns Fotowelt eine ganz Besondere ist, versteht sich von selbst.

Das Layout der Gestalterin Regina Gerbracht ist vielschichtig wie hintersinnig mit tiefem Verständnis für Autor, Text und dem genauen Gefühl für einen stimmigen, künstlerischen Gesamteindruck. Auf jeder Seite gibt es zu entdecken, auch und gerade, wenn man das Buch mehrmals zur Hand nimmt. Auf den schnellen Blick ist es nicht zu erfassen. Das ist sein Stil, seine ART bzw. wie er treffend sich selbst vorstellend als Fotoautor auf S.102 schreibt: „Günter hARTmanns eigenART“.

 

Ich brauche genau solche Texte und Fotos. Sie geben mir das Gefühl, da schreibt ein Mensch gekonnt um alle Ecken herum, was ich oft ebenso wahrnehme.

Als Mitglied der Magdeburger Schreibrunde weiß ich, ein Mann vieler, blumiger Sätze ist Günter Hartmann nicht. In seinen Resonanzen auf unsere Texte bringt er sparsam auf den Punkt, was ehrlich gesagt werden sollte. Niemals habe ich ihn verletzend erlebt.

Ich weiß, er schreibt nachts. Dann findet er die nötige Ruhe und den Abstand vom Tagesgeschehen.

Die Titelgrafik und der gezeichnete Charakterkopf, beides von Phil Hubbe, spiegeln sein Credo. Denkanstöße geben, einladen zum Nachdenken, Spuren legen. Auch, wenn der Twitterdienst die Zeichen der Nachrichten Ende vorigen Jahres auf 280 hoch gesetzt hat, ist das Buch nicht von der Zeit überholt. Änderungen in der digitalen Welt geschehen täglich, dem schnellen Geschäft jagt der Autor nicht hinterher.

Lieber Günter: Dank für dieses Buch.

 

Günter Hartmann wurde 1952 geboren, ist verheiratet, hat zwei Söhne und zwei Enkeltöchter. Er war von 1971 bis 1989 Installateur, Zeitsoldat, Kulturredakteur, Journalist. Der Autor ist Absolvent des „Instituts für Literatur“, Leipzig. Nach 1989 in verschiedenen Tätigkeiten, widmet er sich seit 2006 verstärkt dem Leiten von Schreibwerkstätten, ist Journalist, Autor und Redakteur. Günter Hartmann ist Mitglied im Journalistenverband, im Friedrich-Bödecker-Kreis, im Förderverein der Schriftsteller sowie Vorstandsmitglied im Presseclub Magdeburg.

 

Günter Hartmann: Spaßvögel bauen Nester in Fallgruben, dorise-Verlag 2017, mit einem Geleit von Cornelia Poenicke, Titelgrafik Phil Hubbe, ISBN: 978-3-946219-15-6

 

Anne Winkel-Schmelz

Auf der Spur zu Ungeahntem

zu „Tante Fines Geheimnis“ von Inge Nedwed

 

 

Mein liebstes Buch, das ich als Heranwachsende gelesen hatte, hieß „Gestatten Oskar“ von Peter Brock. Das Buch von Erich Kästner „Das fliegende Klassenzimmer“ las ich etwas später. Und natürlich sein Werk „Das doppelte Lottchen“.

Auch heute lese ich ab und zu gern Kindergeschichten, nicht nur, weil ich Enkeltöchter habe. Mich interessiert, was und wie andere Schriftsteller schreiben.

 

Inge Nedwed aus Erfurt verfasste eine spannende Episoden – und Familiengeschichte.

 

Steffi ist Einzel- und Stadtkind. Ihre Eltern, die Mutter ist Kinderärztin und der Vater Lokführer, haben durch ihre Schichtdienste kaum Zeit für das Mädchen. Nicht mal in den Sommerferien erhalten sie Urlaub. Steffi muss zu Tante Fine und Onkel Franz aufs Dorf. Es ist die erste Reise allein für das elfjährige Kind. Lieber wäre sie mit ihren Eltern ans Meer gefahren wie Lara, ihre Freundin, mit der sie sonst viel Zeit verbringt.

Onkel Franz und Tante Fine haben kein Auto und Telefon und keinen Computer. Alles ist anders. Wie soll Steffi nur die drei Wochen überstehen?

Steffi lernt Basti, einen Jungen aus dem Dorf, kennen:

Die Autorin baut die Spannung langsam auf, Seite für Seite immer etwas mehr. Neugier packte mich.

Was mir an diesem Buch besonders gefällt, ist die zurückhaltende, aber deutliche Beschreibung und Herausarbeitung der völlig unterschiedlichen Lebensweisen der beiden Kinder. Bastis Mutter ist arbeitslos, sein Vater verstorben. Das Geld ist knapp. Steffi lebt im materiellen Wohlstand. Da ist die Sache mit der Jeans, die später im Buch noch eine dramatische Wendung nimmt:

Steffi erlebt alles Neue intensiv, kann sich einlassen, lässt sich begeistern, wird hineingezogen. Sie erlebt zum ersten Mal in ihrem Leben eine Kutschfahrt

Bildhaft und anschaulich, liebevoll bis ins Detail, erzählt Inge Nedwed, wie Basti und Steffi Freundschaft schließen und sich in Gefahr begeben. Beide kommen aber auch zu Erkenntnissen, die nur das Leben schreibt und können daraus lernen:

Steffi findet Gefallen am Landleben, entdeckt wieder und wieder Wertvolles für sich:

Der Grundstoff der Geschichte, das Leben im Dorf wird zeitlos, facettenreich und gut verständlich vermittelt.

 

Ulrike Schmieder hat das Buch farbig illustriert. Auf sensible Weise untermalen die Zeichnungen den Text, sind gegenständlich und greifbar. Schlüsselszenen fängt sie konkret ein und unterstützt damit den Text authentisch.

Ein sehr lesenswertes Kinderbuch, das mich durch die klare, direkte Sprache anspricht. Die Autorin versteht es gekonnt, auf Konflikte hinzuführen. Sie bietet überraschende, originelle, berührende und emotional bewegende Lösungen an. Ich werde an eigene Kindheitserlebnisse erinnert. Schön, wenn man sich seine kindliche Seele bewahren kann. Angeregt durch dieses Buch, konnte ich eine eigene, längere Kindergeschichte schreiben.

Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung, fängt es doch geschickt den gegenwärtigen Zeitgeist in einer kindlichen Welt ein.

 

 

Petra Taubert

Eine tolle Geschichte für Kinder und Erwachsene

Peter Hoffmann: Jette mit der Kastagnette, dorise Verlag , 2017

 

Ohne erhobenen Zeigefinger spricht das Buch über ausländische Herkunft mit beschwerlicher Reise bis ins Ankunftsland. Einer der schon vorhandenen Bäume reagiert offen, der andere abweisend. Der zweite Baum denkt, der Neuankömmling braucht zu viel Platz und nimmt ihnen, den Zwillingsbäumen, etwas weg. Ganz unbegründet ist das nicht, stimmt aber so verkürzt nicht. Die Themen Fremdsein, sich annähern, sind behutsam eingearbeitet in die Sprache der Bäume.

Das Buch könnte bibliotherapeutisch eingesetzt werden, um den Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken auszudrücken hinter dem Schutz der Baum- oder Menschenfiguren im Buch, im gewissen Sinn passiert das so auch an der Schule für geistig Behinderte. Indem die Kinder zu bestimmten Szenen malen oder Figuren auswählen, die sie zeichnen, drücken sie ihren Zugang zur Geschichte aus.

Wenn man die Dialoge der Bäume ausarbeiten lässt von den Kindern und nur einen Anfang vorgibt, könnte auch in Erfahrung gebracht werden, wie Kinder über das Thema Anderssein denken.Vielleicht trauen sich Kinder von Geflüchteten hinter dem Schutz der Figur eines starken Baumes ihre Gedanken zur langen Reise, zum Empfang in Deutschland und zum Umgang mit ihnen aufzuschreiben und dann darüber zu sprechen.

Natürlich kann im Herbst auch mit Kastanien gebastelt werden, in dem Fall der Esskastanie, wo verfügbar und möglich für die Kinder, könnte das auf dem Weihnachstmarkt probiert werden, wenn der Baum auf dem Schulhof nicht wirklich vorhanden ist. Auch im Supermarkt werden solche Früchte der Natur angeboten.

Blätter können bestimmt werden, der Versuch unternommen, Haiku dazu zu schreiben oder gar ein kleines Bühnenstück erarbeitet werden. In unterschiedlichen Schulformen wäre das Buch vielfältig einsetzbar.

Im Text werden Pflanzen berührend als Lebewesen dargestellt und die Figuren insgesamt überschaubar gehalten. Da gibt es den spanischen Gärtner in der Baumschule, eine Familie aus Spanien, eine Familie aus Deutschland, die zwei bzw. drei Trunkenbolde, die Schule mit den Kindern und den zwei, drei Bäumen. Im Sturm erweist sich das Anderssein der Bäume untereinander als Schutz gegen das Umkippen.

Sie tragen Blessuren davon, bleiben aber stehen. Die Kinder haben sich mit ihren Lehrern in die Aula der Schule geflüchtet. Angst wird hier gespiegelt, ohne sie überzubetonen.

Eine tolle Geschichte für Kinder und Erwachsene, die einlädt, Pflanzen zuzuhören und behutsam mit der uns umgebenden Natur umzugehen.

Ich bekam das Buch als Weihnachtsgeschenk von meiner Freundin Anne und möchte es gern weiterempfehlen nicht nur für lange Winterabende. Der Tanz, der in Spanien begann, findet seine Fortsetzung in Deutschland. Erlebt Jette das Wunder, das ihr versprochen wurde? Wer auf diese Frage und Andeutung Antwort möchte, ist herzlich eingeladen zum Lesen und Betrachten der individuellen Bilder. Kinder der Schule für geistig Behinderte haben sie selbst gemalt.