Die Magdeburger

Waltraud Eichmann

Der besondere Baum


Es ist ein außergewöhnlicher Baum, der mich immer wieder fasziniert. Wenn man den Nordpark in westliche Richtung verlässt, geht man direkt auf ihn zu. Dieser auffällig gewachsene Baum steht da wie ein Neugieriger und beobachtet, was in der Pappelallee alles passiert. Der Baum gehört zur Gattung der Eichen. Er ist aber nicht so, wie wir Eichen kennen; majestätisch hochgewachsen und mit geschlossener Baumkrone, nein, diese Eiche hat einen Stamm, der gleich über dem Boden geteilt ist und deren eine Hälfte sich bis zum Radweg geneigt hat. Dadurch kann er mit seinen weitverzweigten Ästen alle Geschehnisse in der Pappelallee wahrnehmen. Warum hat er sich so verbogen? Ist es tatsächlich die Neugier? Nein, die Natur bringt mitunter solche Besonderheiten hervor und wir sollten nicht achtlos daran vorüber gehen. Wie alt mag dieser Baum sein? 50 Jahre kenne ich ihn bereits und älter ist er in jedem Fall. Manchen Sturm hat er schon unbeschadet überlebt. Aber beliebt ist dieser auffällige Baum allemal. In gebeugter Haltung begrüßt er Spaziergänger, ob jung, ob alt, auch Sportler, Radfahrer. Besonders die Kinder lieben ihn als Kletterbaum. Knirpse erproben an ihm die ersten Kletterkünste. Eltern oder Großeltern stehen bereit, um Hilfestellung zu leisten. Am liebsten würden sie’s ja auch mal probieren. Und nicht nur zum Klettern ist der Baum gut. Ein Liebespaar hilft sich gegenseitig hinauf; sie lassen sich auf einer Verzweigung nieder und küssen sich. Auch morgens bekommt er schon Besuch; zwei Schüler klettern hinauf und machen schnell noch ihre Hausaufgaben. Vielleicht haben sie aber auch für die bevorstehende Klassenarbeit geübt. Selbst die Vögel lieben diesen Baum. Zu allen Jahreszeiten bekommt er Besuch von Krähen, Tauben und Elstern. Und besonders bei Hunden ist er beliebt, weil er der erste Baum ist, an dem sie ihr Bein heben können, wenn sie im Nordpark ausgeführt werden. Und wenn Sie das nächste Mal in den Nordpark kommen, wird dieser Baum auch Sie begrüßen und Sie werden fasziniert sein.



Anna

 

Heute habe ich Anna in ihrem Zimmer besucht.

 

Ich habe ihr zum 96. Geburtstag gratuliert. Sie lag auf ihrem Bett und Tränen liefen über ihr Gesicht. Es gefiel ihr nicht, dass sich heute viele Leute um sie kümmerten, denn es war ihr nicht bewusst, dass sie Geburtstag hat. 

„Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen.“

Mit diesem Spruch begrüßt oder verabschiedet sie mich häufig, wenn ich ins Pflegeheim komme, um meinen Mann zu besuchen. Anna wohnt in dem Zimmer gegenüber. Ich staune immer, mit welcher Sicherheit und Ausdauer Anna den langen Gang hoch und runter spaziert und inbrünstig Selbstgespräche führt. Sie könnte sich ja an den Seitenstangen festhalten, wenn es ihr zu viel wird. Aber das braucht sie nicht. Im Gegenteil; sie nimmt die Blumentöpfe und trägt sie von einem Flurende zum anderen.

Wenn Schwester Gisela sagt, sie solle sie wieder da hinbringen, wo sie standen, dann sagt sie, „das sind doch meine, die gebe ich nicht her.“

 

Neulich kam sie mir lächelnd entgegen und begrüßte mich mit den mir inzwischen bekannten Worten. Auch ich musste lächeln, denn sie hatte sich ihren Busen vergrößert. Unter ihrem Pullover steckte auf jeder Seite eine Rolle Toilettenpapier.  

Aus ihren Selbstgesprächen, entnehme ich, dass sie oft Ärger mit Kindern hatte, oder selbst aus ihrer Kindheit erzählt. Sie lacht viel und man könnte es als Freude deuten. Sie hatte Besuch sagt sie, ihr Bruder aus dem Genossenschaftsweg war mit den Kindern da. 

Und morgen geht sie auch nach Haus. Aber die Kinder müssen artig sein.


Udo Rupp

Die Musterung

 

Anfang 1969 bekam ich eine blaue Karte „Aufforderung zur Musterung für den Wehrdienst“ oder so ähnlich. Ich fuhr also nach Wolmirstedt zum Wehrkreiskommando. Im Bus nach Wolmirstedt waren noch andere Jugendliche in meinem Alter, alle mussten zum WKK. Es wurde gealbert und geflachst, dass man einem-dort gleich dumm kommen müsse. Man dürfe sich dort auf nichts einlassen. Jede Freundlichkeit werten die als Bereitschaft, sich für drei Jahre verpflichten zu wollen.

 

Nun zumindest ich hatte das ja in Wirklichkeit auch gar nicht vor, war mir aber unsicher. Sollten mich dumme Reden wirklich davor bewahren. Ich ließ es also darauf ankommen.

 

Im „Gebäude musste ich mehrere Stationen durchlaufen, ärztliche Kontrollen über mich ergehen lassen und mehrere Fragen beantworten. Immer wieder unterbrochen von Wartezeiten. Dann endlich rief mich ein junger Mann auf, der Zivilkleidung trug. Keine Uniform, sondern Hemd, Pullover und Zivilhose.

Vielleicht sollte das ein besonderes Vertrauensverhältnis herstellen. Er rief mich auf,und ich musste ihm allein folgen. Auf dem Gang zu seinem Dienstzimmer fasste er mich freundschaftlich um die Schulter und stellte mir eine Frage. „Na Udo, wie bist du

denn gesund?“, so verstand ich die Frage und antwortete: „Och, na ja, eigentlich ganz gut.“ Das war ein folgenschwerer Fehler. Denn wie sich herausstellte‚ hatte ich die Frage falsch verstanden, richtig fragte er: „Na Udo, wie bist du denn gesonnen?“

Da ich fälschlicherweise „Eigentlich ganz gut“ geantwortet hatte, sah er leichtes Spiel, mich für einen längeren Dienst bei der NVA gewinnen zu können.

Ich dagegen hatte keine Chance, dieses Gespräch in Kürze zu beenden.Er erklärte mir die Vorzüge eines freiwilligen Dienstes bei der NVA. „Also erst einmal kannst du immer sagen, dass du mehr getan hast als deine Pflicht.Du willst beruflich weiterkommen. Nach drei Jahren Ehrendienst helfen wir dir natürlich bei der Suche nach einem Studienplatz. Zweitens: Du weißt genau, wann du zum Wehrdienst einberufen wirst. Du unterschreibst hier deine Verpflichtung und weißt genau, nach Abschluss deiner Lehrausbildung wirst du einberufen.“

Keine Antwort. „Hm‚ na ja.“

„Na Udo, und dann darfst du dir aussuchen, zu welchem Truppenteil du hin möchtest. Grenze, Artillerie oder es gibt auch die Möglichkeit zur Bereitschaftspolizei, da wirst du gleich hier in Magdeburg stationiert und hast nicht die weiten

Anreisewege, fährst nur mit Bus und Straßenbahn.“

„Hm, na ja aber.“

„Nichts aber.“ „Du wirst sehen, das bringt nur Vorteile. Du besuchst ein halbes Jahr die Unteroffiziersschule, die Ausbildung ist hart, aber das ist jede Ausbildung und dann bist du Unteroffizier und selbst Ausbilder. Du wirst sehen, wenn du auf mich

hörst, wirst du es nicht bereuen. Du weißt nicht richtig, was du willst. Aber manch einer muss zu seinem Glück gezwungen werden. Und ich zwinge dich zu deinem Glück.“

Ich blieb unschlüssig. Einfach nur „nein“ sagen, genügte nicht. Nun konnte ich aber nicht sagen: „L.m.a.A.“

Da das lange Gespräch zu nichts führte, sollte ich mir alles noch einmal überlegen und mich beim nächsten Termin mit „ja“ entscheiden.

Der nächste Termin rückte ran, und ich war etwas besser vorbereitet. Eigentlich träumte ich schon als Schulkind davon, zur See zu fahren. Das ist es, dachte ich.

Als ich dann wieder aufgefordert wurde, mich für längere Zeit zu verpflichten, erklärte ich mich bereit, allerdings für die Volksmarine. Damit hatte er nun gar nicht gerechnet. Seine Antwort: „Landstreitkräfte ja, aber für die Seestreitkräfte sind, glaube ich, schon genügend Bewerbungen vorhanden.“

Ich sagte: „Na denn eben nicht.“

Er sagte: „Nun warte mal“, ging in ein Nebenzimmer und kam mit einem Marineoffizier zurück. Der erklärte mir, dass meine Bewerbung etwas spät kommt und für die Marine z.Z. keine Bewerbungen mehr angenommen werden. lch könne aber jederzeit noch mal nachfragen.

Meine Antwort: „Hm‚ na ja.“

Nun wurde ich noch mehrmals zur Aussprache bestellt, um mir die Vorzüge der Landstreitkräfte zu erklären. Aber ich blieb stur: „Weil nicht freiwillig zur Marine, deshalb auch nichts anderes.“

 

lm Sommer 1970 wurde ich dann noch einmal zum WKK bestellt. Man fragte mich ein letztes Mal, ob ich bereit sei für einen freiwilligen Dienst bei der NVA. lch verneinte. Die Antwort des Offiziers: „Dann teile ich Ihnen mit, dass Sie vorgesehen sind für die Einberufung zum Grenzdienst im Herbst diesen Jahres. Noch Fragen?“

lch schüttelte den Kopf, sagte: „Nein“ und das Gespräch war erfreulich schnell zu Ende.

 

Johanna Bulz

Bangen und Hoffen

 

Nach außen hin bewahre ich die Ruhe, doch in meinem lnnern ist die Angst vor dem Augenblick wo Unausgesprochenes in Worte gefasst wird.

Mein Mann trägt unseren sechs Monate alten Sohn auf dem Arm.

Gemeinsam betreten wir die Kinderabteilung des Krankenhauses. Da dringt mir der Geruch von Desinfektionsmittel in die Nase.

Die meisten Stühle im Wartezimmer sind besetzt. Wir steuern auf einen freien Platz in der Nähe des Fensters zu, von dem man aus auf eine große Birke blicken kann.

Thomas gibt mir vorsichtig unser schlafendes Baby. „Ich warte solange auf dem Flur!“‚ meint er und geht hinaus, um eine Zigarette zu rauchen. Die ganze Zeit über bin ich wortlos. Nichts lenkt mich von dem Problem ab. Ich hoffe meine Mutter behält recht mit ihrem Hinweis: „Du musst Geduld haben.“

Ich nehme Daniels Händchen in meine Hand und bin in Gedanken. Damit überhöre ich den Aufruf der Schwester. Mit lauter Stimme ruft sie unseren Namen und wir folgen ihr in das Behandlungszimmer.Die Arztin schaut etwas verwundert. „Guten Tag, Frau Sommer, wir kennen uns doch!“

„Ja, Frau Doktor, sechs Jahre sind seit der schweren Krankheit unserer Tochter vergangen“, antworte ich. „Wie geht es ihr inzwischen?“ „Gut“.

Sie schaut auf die ihr vorliegende Karteikarte. „Was führt Sie heute mit Ihrem Sohn zu mir?“ Zaghaft äußere ich; „Wir sind sehr in Sorge. Daniel liegt auffallend still, fast regungslos in seinem Bettchen. Er sieht uns nicht in das Zimmer kommen, reagiert nicht auf Geräusche.“

Ich ziehe unserem Liebling das weiße gestrickte Jäckchen und den hellblauen Strampler aus, meine Hände zittern. Daniel liegt ruhig mit geöffneten Augen auf der Liege. Die Arztin untersucht den kleinen Körper. Sie schaut zu dem Jungen, dann zu mir. Eine beklemmende Stille breitet sich aus. Die Schwester geht hinaus.

„Warum verhält sie sich so komisch. An unserem Baby ist doch alles dran und es ist ein schönes Kind“‚ geht es mir durch den Kopf. Gemeinsam stehen wir vor der Untersuchungsliege. Da rückt Frau Doktor etwas näher heran, legt die Hand auf meine Schulter. Ich schlottere förmlich vor Angst. Mir wird übel, schrecklich übel, muss mich setzen.

„Was kommt da bloß auf uns zu?“, ich streichele ihm über das Köpfchen und lege die Babydecke auf den nackten Körper unseres Kindes.

„Sie müssen jetzt stark sein. Bei Ihrem Sohn sind die Funktionen der Hirnanhangdrüse gestört“, äußert sie leise. „Na, Gott sei Dank, nicht so schlimm“, denke ich.

„Wie gestört?“, das verstehe ich nicht und weine. Kann die Tränen nicht mehr aufhalten. „Die Hirnanhangdrüse liegt unterhalb des Gehirns, hinter der Nasenwurzel. Dort werden Hormone produziert, auch das Wachstumshormon wird dort gebildet. Große Probleme können auftreten, wie Sehstörungen, der Stoffwechsel, die Fortpflanzung. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man es nicht genau sagen. Die Anforderungen, die auf Sie zukommen, sind sehr groß“, erklärt mir die Ärztin.

lch bin verwirrt, ihre Worte rauschen an mir vorbei. Mein Blick sehweift zur Tür, am liebsten würde ich fliehen. Mir fehlt die schützende Hand meines Mannes.

„Was kann ich tun, welchen Weg gibt es“, frage ich.

„Es gibt zwei Möglichkeiten, einen stationären Aufenthalt über einen langen Zeitraum, manchmal Jahre oder eine ambulante Therapie. In unmittelbarer Umgebung gibt es keine Möglichkeit. Das einzige Therapiezentrum befindet sich 30 Kilometer von Ihrem Wohnort entfernt“.

„Haben Sie ein Fahrzeug“? fragt sie. „Die Belastungen werden sehr groß sein.“

Jetzt ist meine Aufmerksamkeit ganz auf den Nullpunkt, Daniel wird unruhig. Ohne Überlegung entscheide ich mich für die zweite Möglichkeit. Das Gedankenkarussell fährt in meinem Kopf immer schneller. „Wie bringe ich das bloß meinem Mann bei?“

Ich verabschiede mich von der Arztin. „Wenn Sie es nicht schaffen, kommen Sie in die Sprechstunde!“

Thomas sieht mich mit unserem Baby auf dem Arm aus der Tür treten, kommt uns entgegen. Fragend schaut er in meine verweinten Augen.

„Annalena‚ was ist mit Daniel“? Schluchzend antworte ich: „Daniel braucht eine Therapie, die Funktionen der Hirnanhangdrüse sind gestört“. Ruhe!

„Es muss ja irgendwie weitergehen. Wir werden einen Weg finden“, tröstet er mich.

Antje Reinhold

Die Prophezeiung

 

 

Am vierten Februar war Weltkrebstag und ich las verschiedene Artikel zum Thema im Internet.

Dabei geriet ich an einen Beitrag, in dem es um die Frage ging, ob das derbe Behandeln der Brust, zum Beispiel durch Kneifen, Krebs erzeugen könne. Die Meinungen dazu waren geteilt.

 

Da fiel mir ein Tag im Jahre 1973 wieder ein. Ich war damals acht Jahre alt und in der dritten Klasse.

Der Schwimmunterricht war vorbei und wir Schülerinnen befanden uns in der Umkleidekabine.

Dort begann ein Streit, nachdem etliche von uns – ich muss gestehen, leider auch ich – ein Mädchen mit ihren überaus alten Eltern hänselten. Die wütende Susanne wehrte sich, indem sie mich plötzlich mit voller Kraft in die linke Brust kniff.

Mir traten vor Schmerz sofort die Tränen in die Augen. Die anderen Mädchen griffen nun wortreich Susanne an. Ob sie denn nicht wisse, dass ich jetzt Krebs bekommen könnte und daran sterben würde.

Das hatte Susanne allerdings nicht gewollt. Sie brach nun auch in Tränen aus. So weinten wir zusammen und vertrugen uns wieder.

 

Vierzig Jahre später war es soweit: Ich hatte einen Tumor in der linken Brust, die damals malträtiert worden war.

Aber ich bin weder gestorben, noch glaube ich, dass der Krebs auf dieses Ereignis zurückzuführen ist.



Der Schatten des Todes

 

Wenn der Schatten des Todes auf dich fällt, drückt die Angst dein Herz zusammen. Du krümmst dich, denn du bist noch nicht bereit zu sterben.

 

Dabei gilt seit Ewigkeiten: Sagt eine Eizelle „ja“ zu einer Samenzelle, so ist der Bund beschlossen bis zum Tod. Das Leben endet mit dem Sterben. Auch wenn wir gelernt haben, diese Tatsache hervorragend auszublenden.

 

Und nun fiel der Schatten des Todes auf dich.

Hat dich sein Schatten gestreift, so kannst du noch Jahre leben; hat dich der Tod kurz berührt, so sind die Monate, Wochen oder nur Tage gezählt. Nimmt er dich bei der Hand, so musst du folgen.

Kein Entkommen und kein Fertigsein!

 

Aber es gibt auch eine andere Seite:

Der Schatten des Todes lässt alle anderen Schatten verschwinden. Er löscht sie, die dein Leben verdunkelten, aus.

 

All die Probleme, die dich eben noch bedrückten, erscheinen nun als Luxus. Den Tod interessiert deine Konfektionsgröße nicht. Er bevorzugt weder Schöne noch Reiche. Er umarmt alle Totgeweihten auf die gleiche Weise.

Sein Schatten macht das Leben erst sichtbar. All das Schöne, all das Hässliche, das Gute und das Böse sind plötzlich lebenswert. Jeder Augenblick wird kostbar.

 

Und die Angst?

Sie ist verschwunden. Denn sie kann im Jetzt nicht existieren.

 

Um den Tod wissend, vermagst du nicht mehr anders als jetzt zu leben.

Im Jetzt bis zum letzten Atemzug.

 

 

Angst legt sich um mein Herz

 

Angst steigt hoch aus dem Bauch,

legt sich um mein Herz,

drückt es zusammen,

schnürt es ab,

lässt kaum noch Blut zum Gehirn.

Plötzlich bin ich der Nabel der Welt

und wenn ich stürze,

stürzt sie auch.

Verloren.

Weiteratmen,

einfach weiteratmen,

um die Welt zu retten.

Sie bleibt bestehen

und ich gehöre zu ihr.

 

 

Dämonen aus der Vergangenheit

 

Dämonen aus der Vergangenheit greifen in langen und dunklen Nächten mit krallenbewehrten Händen nach dir. Sie betäuben deine Ohren mit ihrem Lärm, ihren Beschimpfungen und Bedrohungen.Sie blenden deine Augen mit ihren Schreckensbildern und martern dein Him, das zwischen Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden kann.Sie versuchen, dir dein Herz zu zerreißen.Du wehrst dich verzweifelt, aber zum Schluss liegst du erschöpft auf deinem Bett und hast keine Tränen mehr, denn alle deine Tränen sind längst versiegt.

Du wünschst dir den Tod herbei. Alles ist gut, wenn es nur aufhört, das Lärmen in deinem Kopf.

Aber es ist nicht sicher, dass nach dem Sterben Ruhe ist. Darum musst du die Dämonen im Hier und Jetzt besiegen.

Du wirst die Kraft in dir finden!

 

 

Geschlossene Abteilung

 

Geschlossene Abteilung.

Geschützter Raum.

Lautes Refugium.

Kein Paradies.

Aber letzte Zuflucht

vor dem Absturz

ins Nichts.

 

 

Madame Missou hat‘s geschafft

 

Vor ca. fünf Jahren bekam ich einen Kindle geschenkt.Die ersten E-Books, die ich mir damit herunterlud, waren die für 0,- €. Schließlich wollte ich es erst mal ausprobieren.

 

So begegnete mir Madame Missou zum ersten Mal.

Ihre Titel hießen „Wie man seinen Kleiderschrank aufräumt“, „Wie man seinen eigenen Stil entwickelt“, „Wie Sie immer eine aufgeräumte Wohnung haben“ oder auch „Wie Sie mit Depressionen umgehen“.

Alles recht interessant. Aber schon die ersten zwei Bücher waren für mich eine Enttäuschung. Zwanzig bis dreißig Minuten und ich war durch und hatte nicht eine einzige neue Erkenntnis gewonnen. Die Bücher waren im erfrischenden Stil einer Frauenzeitschrift geschrieben und genauso kurz. Sie rissen das Thema nur an.

Aber geschenktem Gaul guckt man nicht ins Maul.

 

Umso erstaunter war ich, als ich vor drei Wochen an einem Buchladen vorbeikam und ein ganzes Schaufenster voll mit Madame Missou Büchern dekoriert war.

Im Internet recherchierte ich und erfuhr nun, dass Madame Missou eine Französin sein soll, die in Deutschland lebt und Ratschläge für jede Lebenslage für ihre Mitmenschen parat hat. Ihre Bücher werden jetzt von einer gezeichneten Dame mit Männerwinker und typischem Franzosenmützchen geziert. Sie tragen auch etwas andere Titel:

„Madame Missou räumt auf“

„Madame Missou entwickelt Stil“

„Madame Missou hat eine aufgeräumte Wohnung“

„Madame Missous 25 Tipps gegen Depressionen“

„Madame Missou lebt stressfrei“.

 

Und die Mehrzahl ihrer Leserinnen ist zufrieden. Sie loben die kurze und knappe Ausführung. Sie freuen sich, dass Madame Missou ihnen Arbeit erspart und die Essenz aus dicken Wälzern kurz und knapp serviert.

Und das für l4,- €.

Ich möchte sagen: Madame Missou hat‘s geschafft!

 

 

Angelika Schirmer 

Ich hatte ein gutes Leben

 

Die Tür des Schwesternzimmers steht offen. „Ich möchte Frau Hilde B. besuchen. In welchem Zimmer ist sie?“

Die Schwester blickt von ihrer Schreibarbeit auf, sieht mich an: „Sie wird gerade versorgt. Warten Sie eine halbe Stunde. Zimmer 35.“

Ich gehe in die Cafeteria des Pflegeheims. Ein kleiner Tisch in der Ecke ist frei, genau richtig, um allein meinen Gedanken nachzuhängen.

 

Hilde, die liebe kleine Frau, fast mein ganzes Leben kenne ich sie.

Bei ihr habe ich mich wohl und geborgen gefühlt, als ich jung war und es zu Hause Ärger gab, als meine Ehe schon nach einem Jahr in die Brüche ging.

Sie hat nur zugehört und wenn alles raus war, fühlte ich mich leichter.

Sie passte auf mein Kind auf, wenn ich Hilfe brauchte. Das Kind liebte sie und freute sich später, wenn es zu ihr in die Ferien konnte. Da wohnte ich nicht mehr in ihrer Nähe, aber regelmäßig besuchte ich sie.

Ja, Hilde wird mir fehlen. Immer wieder höre ich einen ihrer letzten Sätze: „Ich hatte ein gutes Leben.“

Ein gutes Leben? Sie war ein guter Mensch.

Wenn ich ihr Leben hätte leben müssen, würde ich es als gut empfinden?

Hilde, kurz nach dem ersten Weltkrieg in einfache Verhältnisse geboren, hatte ein Leben, welches typisch war für diese Generation.

Auf dem Lande aufgewachsen, lernte sie nach der Volksschule keinen Beruf, arbeitete beim Bauern. Sie erzählte aber immer von ihrer schönen Kindheit und Jugend, der liebevollen Mutter und dem strengen Vater.

Während des nächsten Krieges kam ein junger Mann auf den Hof. Sie verliebten sich, heirateten und bekamen schnell hintereinander zwei Kinder.

Dann wurde der junge Mann zum Militär eingezogen, kam in Gefangenschaft und kehrte als Spätheimkehrer zurück. In der Freude des Wiedersehens entstand ein drittes Kind. Doch der Mann hielt es nicht aus in dem neuen Staat, der DDR. Er wollte weg in den Westen. Eines Tages ging er, versprach, Frau und Kinder nachzuholen.

Die Zeit verging. Außer Briefen mit Versprechungen geschah nichts. Hilde musste allein für sich und die drei Kinder sorgen. Zum Glück hatte sie ihre Eltern, bei denen sie die Kinder lassen konnte, wenn sie auf dem Feld oder in der Wirtschaft des Bauern arbeitete. Und die Arbeitstage waren lang.

Eines Tages nahm sie den Kleinsten, packte einen Koffer und fuhr mit ihm zum Mann, der im Ruhrgebiet lebte. Die beiden Großen blieben bei der Oma.

„Ich musste eine Entscheidung herbeiführen“, sagte sie, „und ich war überzeugt, dass wir bald alle zusammen sein können.“

Doch nach wenigen Wochen kehrte Hilde mit dem Kleinen zurück und reichte die Scheidung ein.

Der Mann hatte sich um nichts gekümmert. Er ging seine eigenen Wege, verbrachte die Freizeit mit Freunden und ließ Hilde mit dem Kind in der Waschküche zurück, in der sie lebten. „Außerdem schaffte es meine Mutter mit den beiden anderen nicht mehr und der Große wurde in der Schule immer schlechter. Ich musste zurück.“

In ihren Worten lag kein Bedauern.

So schlug sie sich mit den Kindern allein durch, arbeitete bei Bauern, in einer Gärtnerei. Wenn die Kinder im Bett waren, strickte sie für Leute. Darin hatte sie großes Geschick.

„Manchmal haben die Leute mich nicht gleich bezahlt, wenn ich die Sachen auslieferte. Und wir hatten kein Brot mehr im Haus.“

Später bekam sie eine Anstellung auf dem Bauhof der Gemeinde, wo sie bis zu ihrer Rente arbeitete. Dort lernte sie einen Witwer kennen, der ihr den Hof machte. Bald heirateten sie.

„Er hat mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen.“ Ich glaube, sie war mit ihm glücklich.

Die beiden Großen waren inzwischen aus dem Haus, in der Lehre und verdienten bald ihr eigenes Geld.

Der Jüngste, halbwüchsig, lebte bei ihr, kam aber mit dem Stiefvater nicht klar. Er war eifersüchtig.

Hilde wollte auch ihm gerecht werden, doch das war nicht einfach. Er entglitt ihr, verließ nach der achten Klasse die Schule, obwohl er intelligent war und nahm eine Lehre weiter weg auf.

Als Siebzehnjähriger versuchte er die Republik zu verlassen. Er wolle zu seinem Vater, so sagte er, wurde aber bei dem Fluchtversuch gefasst und saß fast zwei Jahre im Gefängnis.

Hilde besuchte ihn, so oft es ihr erlaubt wurde. Nach seiner Entlassung wohnte er wieder bei ihr und ihrem Mann.

Anfangs ging es ganz gut. Er hatte Arbeit und seine alten Freunde im Dorf, mit denen er die Freizeit verbrachte.

Aber bald erfassten ihn Unruhe und Fernweh. Er kam nicht mehr klar und wollte nur noch weg. Auch der zweite Fluchtversuch scheiterte. Nach einem Jahr Untersuchungshaft wurde er in die BRD abgeschoben.

„Im Gefängnis haben sie ihm das Gehirn gewaschen“, sagte Hilde.

Nur sporadisch hörte sie von ihm. Einmal kam eine Karte aus der Schweiz, wo er angeblich lebte. Dann hörte sie jahrelang nichts von ihm, bis eine Karte aus Indien kam.Später schickte er einen Brief mit einem Foto von sich und seinem Hund von einer Baleareninsel, wo er angeblich lebte. Und wieder später schrieb er einmal aus Portugal. Er lebe in den Bergen und halte Ziegen.

Nach der Wende stand er plötzlich mit einem alten Auto mit Wohnanhänger und Hund vor ihrer Tür.

Hilde nahm ihn auf. Ihr Mann war inzwischen gestorben. Es ging nicht gut. Er war eigensinnig. Alles musste nach seinem Kopf gehen. Er brachte Hildes Ordnung völlig durcheinander, ihre Ordnung und Sauberkeit, die ihr heilig waren.

Manchmal klagte sie: „Wenn er duscht, macht er nicht sauber. Ich muss die ganzen Haare wegräumen.“

Am meisten störte es sie, dass er ewig am Frühstückstisch saß. „Er bringt meinen ganzen Tag durcheinander.“

Wahrscheinlich konnte er sich auf niemanden mehr einlassen.

Er kaufte ein billiges Grundstück auf einem Dorf und lebt dort mit Hund, Schafen, Hühnern und Kaninchen als Einsiedler.

Den Kontakt zu seiner Mutter und den Geschwistern brach er ab.

Selbst zu ihrem 90. Geburtstag kam er nicht.

Hilde hatte ein letztes Mal ihre Familie und Freunde eingeladen. Es war ein schönes Fest. Doch ich bemerkte den traurigen Schimmer in ihren Augen. Einer fehlte.

 

Mein Kaffee ist kalt geworden. Ich erhebe mich.

Leise öffne ich die Tür des Zimmers 35. Der Raum ist hell.

Ich trete an das Bett mit der kleinen Frau darin, beuge mich über sie: „Hallo Hilde, ich bin´s.“ Sie sieht mich an. Auf ihrem Gesicht liegen Ruhe und Frieden.

Ich setze mich auf den Stuhl neben ihrem Bett und nehme ihre Hand.

Wir schweigen, schauen uns nur an.

Dann flüstert sie: „Schön, dass du gekommen bist. Nun kann ich gehen.“