Die Magdeburger

Treffen der Magdeburger Schreibrunde


Susanne Händel

Zusammenfassung Schreibrunde 08.10.2019

 

Wir trafen uns am zweiten Dienstag im Oktober mit einem neuen Teilnehmer: Michael. Er hatte gleich die Möglichkeit, einen seiner Texte vorzulesen. Die nutzte er auch. Er gab eine Übersicht  über sein Leben. Zu jedem Thema, das er anriss, hat er auch schon Geschichten verfasst. Wir freuen uns auf seine Texte. 

 

Antje Reinhold lieferte einen brillanten Einstieg in die Thematik „DDR“.  Sie schrieb über den Alltag in der DDR und der Wendezeit. Ich kenne die Zeiten auch noch, da wir, um telefonieren zu können, die Telefonzelle in unserem Dorf benutzen mussten. Thematisiert wurde z.B. auch die technische Veränderung von Musikaufnahmen. Von Schallplatten über Tonbänder zu Kassetten und CDs unterhielt sie uns mit den allgemeinen Vor- und Nachteilen dieser Medienformate.

 

Heutzutage liefert das Internet auf verschiedenen Plattformen die Möglichkeit, Millionen von Songs zu „streamen“ – mit überwachungsfähiger APP versteht sich. Überhaupt sind die Dinge einfacher im Alltag zu beherrschen. So erzählte Antjes Text von den – damals – modernen Waschhalbautomaten und deren Handhabung. Insgesamt erinnerte sie an die Zeit, als Youtube, Google und Amazon noch unbekannt waren.

 

Dazu passend handelte Udo Rupps Text von einem Lied Freddy Quinns, das auf seinem Taschenradio in der NVA Zeit gespielt wurde – „Michael und Robert“. Damals gab es nur ein paar Radiosender. Da existierte noch nicht „Die Unterhaltungsindustrie“ von heute. Man hatte zwar kaum Ausweichmöglichkeiten, aber verlor sich damit auch nicht im Mediendschungel.

 

Ich persönlich habe es aufgegeben, das TV-Programm, so wie es gesendet wird, zu schauen. Seit 2015 sehe ich nur das, was ich für mich als interessant empfinde. Radio höre ich auch nicht mehr. Seitdem auf einem Sender auch das Dschungelcamp immerzu ausgewertet wurde, habe ich die Lust auf Musik ganz verloren.

 

Johanna Bulz las zwei ihrer Texte vor. „Alle sagen, du musst Geduld haben“ beschrieb die ersten bangen Jahre mit ihrem spastisch gelähmten Sohn, als seine Behinderung sich zu zeigen begann. „Welches Glück ist größer“ handelte von dem Genuss einer Schokoladenpraline.

 

Noch etwas von mir zum Medienkonsum: Ich habe den Eindruck bekommen, dass der Mediennutzer zum einen zugedröhnt wird mit allen möglichen unwichtigen Sendungen. Zum anderen wird er mit den Nachrichten sehr geängstigt. Zugegeben: Ich habe vom Anschlag in Halle erst am Abend erfahren.

 

Am nächsten Tag war ich auf einer Radtour mit Freunden. In der Kneipe am Ende der Welt stand ein riesiger Plasmabildschirm. Auf diesem war ein Nachrichtensender zu sehen. In der Zeit, in der wir dort waren, um zu essen, wurden die Beiträge zu dem Vorfall in Halle fünf mal wiederholt – gewiss ohne Informationszuwachs.

 

Als wir das Lokal verließen, fragte ich mich, wie ich all die Jahre mit dem Fernsehprogramm hab leben können. Ich hoffe ja, dass ich wieder Lust an den Medien bekomme. Wie ich an mir selbst erfahren musste, gibt es auch Nachteile, wenn man sich den Medien entzieht. Ich hätte nicht drei Wochen hintereinander meinen Durst mit Wasser aus Plasteflaschen gestillt. Anstatt dessen erfuhr ich von einer Freundin, dass ich nun Mikroplastik in der Größe von drei EC-Karten in meinem Körper angesammelt habe.

 

 

Susanne Händel


Dienstag, 10.09.2019


Am 10.09.2019 traf sich die Magdeburger Schreibrunde. Ich muss gestehen, ich hatte mich bis dahin nicht durchringen können, etwas über meine Erlebnisse zur Wendezeit aufzuschreiben. Wir hatten beim Treffen im August beschlossen, dass wir alle – aber jeder für sich – aufgrund des Jubiläums des Mauerfalls und der Wiedervereinigung Texte über die Wende schreiben wollen.   Angelika Schirmer und Waltraud Eichmann ihre Texte zum Vorlesen mitgebracht.

 

Angelikas Text brachte ihre Aufregung und ihre Wut über die damaligen Verhältnisse in der DDR individuell zur Geltung. Sie will ihn vielleicht nochmals überarbeiten, um ihn dann zu unseren – teils noch nicht existierenden – Texten hinzuzufügen.

 

Waltrauds Niederschrift erzählte eine ganz andere Wendegeschichte. Ihr Mann Rudi und sie waren damals am Darß, um dort Urlaub zu machen. Sie hatten keine mediale Anbindung zum Rest der Welt. Sie wurden auf der Heimfahrt vor vollendete Tatsachen gestellt. Sie konnten sich den Untergang der DDR nicht erklären. Ich möchte meinen, sie standen unter Schock, warum und wie das alles hatte passieren können.

 

Ich bin zwar ein Wendekind. Dadurch weiß ich viele Sachen nur vom Hörensagen. Um so wichtiger erscheint mir die Aufarbeitung – auch nach 30 Jahren. Sätze wie: „Tausche fleißigen Karnickelbock gegen rosaroten Unterrock.“ oder „Der Sozialismus siecht!“ sind für mich Ausdrucksmittel, um bestimmte Machtverhältnisse zu torpedieren.

 

Der Humor brachte etwas Entspannung in den Alltag vieler DDRler. Weil aber dieser natürlich nicht ins Bild der größten Tätärä der Welt passte, wurde ein ganz anderes Bild der DDR-Bürger in den Medien gezeigt.

 

Manch einer konnte dem gerecht werden. Doch, die die ich kenne, waren froh, wenn sie in Ruhe gelassen wurden. Die Nische, in der sie ganz gut leben konnten, war für sie eben ihr Leben. Sie hätten auch die DDR nicht verlassen, weil Familie und Freunde dort lebten. Auch wenn im Westen alles schöner, reicher und einfacher schien.

 

Letztendlich wanderten rund drei Millionen Ostbürger in die alten Bundesländer aus. Ich glaube sogar, behaupten zu können, dass die Ausgewanderten zumeist in ihre heimatlichen Gefilde zurückkehren würden, wenn sie auch im „Osten“ gleichen Lohn, gleiche Freizeitmöglichkeiten und gleiche medizinische Versorgung erhalten könnten.

 

Das 30. Jubiläum der Wiedervereinigung wirft die Frage auf, warum die Ost-West-Angleichung noch nicht vollzogen ist. Vielleicht sind die heutigen Verhältnisse dem Ende der DDR nicht unähnlich? Die heutige Gesellschaft sieht sich mit der Klimaerwärmung und deren Auswirkungen, der Globalen Gesamtgesellschaft, die durch das Internet schon existiert, und mit der Gefahr eines Vertrauensverlusts in die Medien durch Fakenews und damit eines Zusammenbruchs der gesellschaftlichen Kommunikation konfrontiert.

 

Umso wichtiger wird auch der Rückblick auf die Verhältnisse zur Wende in Ost und West. Wie kann man besonnen und friedlich miteinander umgehen? Wie kann man wieder ins Gespräch kommen, um die Änderungen für die Gesellschaft gemeinsam anzugehen? Ist Politikverdrossenheit nicht auch darauf begründet, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht und sich nicht mit anderen austauschen und die Probleme auch einmal mit den Augen der anderen betrachten will?

   

Ich denke, man muss schon sehr viel Selbstironie entwickeln, um die heutigen Medien ertragen zu können. Wer weiß, vielleicht ebnet der Humor den Weg in eine andere Gesellschaft?

 

 


Dienstag, 13.08.2019

 

 Zusammenfassung

 

Heute war das Treffen der Magdeburger Schreibrunde für jeden, der da war, sehr inspirierend. Als erstes großes Thema wurde von Angelika Schirmer der Weltüberlastungstag und die damit verbundenen Gefühle wie Angst, Wut, Ohnmacht angesprochen. Auch wenn man weiß, man tut selber im eigenen Lebensalltag, was man kann, um die Umwelt zu schützen. Der Einzelne fühlt sich zu klein, zu unbedeutend, als dass er etwas Wesentliches verändern könne – so kamen wir alle nach dem Vorlesen ihres Textes überein.

 

Aber genau das macht die Mächtigen mächtig und die anderen ohnmächtig – wie ich einmal in einem Interview von Bruce Lipton, einem amerikanischen Biologen, hörte. Jeder Mensch – so Lipton – habe die gleiche Macht wie sein Mitmensch. Jedoch geben zu viele Menschen ihre Macht an andere ab, weil sie denken, sie seien nicht wichtig genug. So werden die Mächtigen mächtig und die große Masse fühlt sich ohnmächtig. Ich frage mich: Wird das so bleiben?

 

Wir befinden uns an einem Wendepunkt, nicht unähnlich dem Ende der DDR. Udo Rupp berichtete in einem wunderbaren, als sehr realistisch empfundenen Text über seine Befürchtungen, Wünsche, Hoffnungen und auch Enttäuschungen in der Wendezeit. Von seinem ersten „Westbesuch“ ist ihm in Erinnerung geblieben, dass er das Begrüßungsgeld von100 DM bekam und dass er es anstelle eines 169 DM teuren Rings – „der nicht echt sein kann, weil er so billig ist“ - sondern für Bananen, Schokolade, Orangen und damals noch unbekannte Kiwis ausgab.

 

Die Ängste von damals hatten zwar andere Hintergründe als die von heute. Jetzt sorgt man sich um die Enkelkinder und darum wie sie in Zukunft auf der Erde leben können. Damals wusste man nicht, was nach dem Rauswurf aus dem Volkseigenem Betrieb noch vom alten Leben übrig bleiben würde.

 

Es entbrannte eine Diskussion darum, was damals zur Wendezeit alles schief oder auch gut gelaufen ist. Dabei stellten wir alle fest, dass jeder von uns etwas zum Thema beizutragen hat. Also beschlossen wir aufgrund des 30 jährigen Jubiläums der Wende, dass jeder für sich in den nächsten Wochen das aufschreibt, was ihn zu Wendezeit bewegt hat.

 

Als Gruppe hatten wir dann Kurzweil an einem gereimten Text über die Enkelin von Waltraud Eichmann, deren Ehemann im Urlaub auf Kuba für Stunden verloren ging und sich auf kuriose Weise wieder einfand.

 

Antje Reinhold schloss die Runde mit einem sehr tief durchdachten Werk über das menschliche Miteinander. Ich möchte es nicht weiter kommentieren und stelle es zum Schluss dieser Zusammenfassung als ein Beispiel für eine Auseinandersetzung mit sich selbst und den anderen Mitmenschen Antjes Text ein.

  

 

 

Antje Reinhold

Zum Thema Schuld

 

Um nicht schuldig zu werden, braucht es neben Wissen und Gewissen oft sehr viel Mut.

Zum Grenzen setzen etwa.

 

Die eigenen Grenzen erkennen und akzeptieren,

um loszulassen und nicht Dinge zu erzwingen, die letztlich uns und anderen schaden und so Schuld über uns bringen.

 

Und den anderen Grenzen setzen, damit sie uns wegen eines Fehlers nicht in der Schuld gefangen halten können.

Angelika Schirmer

Juli 2019 – Erdüberlastungstag

 

 

Meldung den ganzen Tag:

Alle natürlichen, regenerierbaren Ressourcen der Erde sind für dieses Jahr verbraucht. Das sind Erde, Wasser, Holz, Sand, saubere Luft.

Die Menschheit bräuchte 1 ¾ Erden, um zu überleben. Wir Deutschen benötigten mit unserem Lebensstil drei Erden.

 

Ich weiß, so wie wir leben kann und wird es nicht weitergehen. Diese Prognose, diese Zahlen erschrecken mich trotzdem.

Rein intuitiv denke ich, dass ich einigermaßen umweltbewusst lebe.

Wenn ich Lebensmittel kaufe, achte ich darauf, dass es regionale Produkte mit kurzen Transportwegen sind. Mein Obst und Gemüse kaufe ich auf dem Markt bei den Gärtnern aus dem Umland.

Ich esse kaum Fleisch und Wurst, obwohl ich kein Vegetarier bin.

Meine Wege in der Stadt mache ich mit dem Fahrrad oder zu Fuß.

Trotzdem verzichte ich nicht auf mein Auto. Es gibt mir ein Stück Freiheit und erleichtert mir Reisen, die mit Zug oder Bus auf Grund meiner Körperbehinderung mit Gepäck sehr anstrengend sind.

Sehr selten kaufe ich im Internet ein, eigentlich nur, wenn ich für meinen PC etwas brauche.

Lebensmittel landen bei mir nicht in der Mülltonne, höchstens die letzte Scheibe Brot, die nach zwei Wochen im Kühlschrank dann doch einige Schimmelflecken hat.

Die Liste könnte ich noch eine Weile fortsetzen, aber sie beruhigt mich nicht.

Nun könnte ich mich lässig zurücklehnen in dem Wissen, dass meine Lebenszeit in zehn, fünfzehn Jahren abgelaufen sein wird und ich von den voraussehbaren Katastrophen weitgehend verschont bleiben werde.

Aber ich habe Kinder und Enkel. Meine Enkel sind noch klein und haben, so hoffe ich, viele Jahrzehnte vor sich.

Dank der Berufe und des Fleißes ihrer Eltern wachsen sie in Wohlstand auf. Es fehlt ihnen an nichts und viele Wünsche werden erfüllt. Ja, ich als Oma mache auch große Geschenke und freue mich, dass ich es kann.

Meinen Kindern konnte ich es nicht. Fast jede Mark, die wir verdienten, floss ins Haus, das wir bauten.

Es ist notwendig, den Kindern Bescheidenheit zu vermitteln.

Wo und wie beginnt man, wenn zur Zeit noch alles vorhanden ist?

Die Kinderzimmer quellen von Spielzeug über. Und immer kommt neues und aktuelles hinzu.

Die Kleidung wird ständig ergänzt mit T-Shirts und Accessoires der aktuellen Comicserien. Die Geschenktische biegen sich.

Ein Enkel hatte jetzt Schuleingang. Es war ein schöner Tag. Doch mit den Geschenken war der Kleine völlig überfordert. Der überladene Tisch interessierte ihn gar nicht.

 

Wenn meine Enkel in den Ferien bei mir sind, nutzen wir Angebote für Kinder.

Wir waren im Elbauenpark, wo sie unter Anleitung einen Biberdamm bauten.

Was brauchten sie? Nur Material aus der Natur – Zweige, Erde. Die Kinder waren mit Freude dabei.

Ich war mit ihnen auch im Museum. Das Thema hieß – Wir bauen eine Stadt.

Die Kinder erhielten eine Holzplatte, worauf sie ihr Haus errichten sollten.

Zur Verfügung standen Verpackungsdosen aus Plaste und Pappe, Eierpackungen, Buntpapierabfälle, Klebstoff und Farbe.

Es war herrlich anzusehen, wie emsig und kreativ sie ans Werk gingen. Ihr Haus durften sie mitnehmen.

Mit welcher Freude matschen Kinder im Sand. Sie brauchen nur eine Schaufel, einen Eimer und Wasser. Da interessiert das teure Spielzeug nicht mehr, welches neben dem Sandkasten liegt.

Meine Frage ist: Wie können wir trotz der rasanten technischen Entwicklung, trotz unseres Komforts und Wohlstandes zu einem naturbewussten Leben zurückfinden?

 

Es ist richtig, dass sich in unserem Land Gedanken über den Fortbestand unserer Erde gemacht und Maßnahmen ergriffen werden.

Einer muss anfangen und es in die Welt hinausschreien. Vielleicht kann man die Abholzung der Regenwälder verhindern, indem auch Deutschland das Soja, welches auf den gerodeten Flächen angebaut wird, nicht mehr importiert, um die Rinder in der Massentierhaltung zu füttern und die Tiere dann auf tausende Kilometer lange Transporte verfrachtet, nach Asien oder Nordafrika, wo nur noch ein Teil lebend und in schrecklichem Zustand ankommt. Schluss mit den Mülltransporten in Entwicklungsländer, wo der Müll auf riesigen Halden oder im Meer landet. Technisch ist es möglich, nur noch biologisch abbaubares Verpackungsmaterial herzustellen. Der Verpackungsmüll könnte radikal reduziert werden, wenn...  Da könnte ich eine Menge Möglichkeiten anführen. Ich nehme zum Einkauf immer Stoffbeutel mit, und, und und...

Auch um das ungebremsten Wachstum der Weltbevölkerung mache ich mir Sorgen.

Wenn nicht schnell etwas geschieht, ist bald der Erdüberlastungstag schon im Januar erreicht.