Das besondere Foto

Das besondere Foto

Fotograf: Rolf Winkler

Wer versucht, einen Text zu finden, der die Stimmung des Fotos trifft? Ihr kennt das Spiel.

Rolf Winkler


die stille sehen
vögel ruhn es schläft der wind
zwischen tag und nacht



Schwerin, zwanzigster april zweitausendsiebzehn,
neunzehnuhrvierzig, zwei sekunden

am see ein abend
tausendfach gesehen
tausendfach gezeigt
und doch einmalig
an diesem ort
an diesem tag
zu dieser stunde
neunzehnuhrvierzig, zwölf sekunden

Petra Taubert


Begradigt der Lauf

Fluss lässt es sich gefallen

bis zur nächsten Flut

 

Baumstämme am Fluss

Zweige ertrinken

im Abendrot


Wie Rubine in Gold

glitzert heute der Fluss

Abendrot im Dorf

Stefanie Obieglo

Wie das Wasser II

 

Auf der Bank

am See

saßen wir schweigend,

wie schon lange nicht mehr.

 

Der Abendhimmel

ließ seine Farben

durch die Zweige

der alten Bäume leuchten.

 

Du schienst

wie das Wasser,

so ruhig und sanft

der Spiegel des Sees.

 

Kalt ist die Tiefe

und einsam.

 

Marion Renate Krüger

Befinden

 

Es ist still geworden

still in mir

Abendrot sagt

es folgt ein schöner Tag


Die Nacht treibt mich ins Joch

Angst schränkt mich ein

ER ist zurück

seine Stimme greift nach mir

Annegret Winkel-Schmelz

am see in brandenburg

 

es ruht der see vorm horinzont.

ich steh am ufer wie einst fontane.

atme zeitenenlose sinne, die bewohnt

land auf land ab durch die romane.

 

milde luft kriecht sacht empor.

wellen kräuseln sich am strand.

dämmerung schaut schon hervor.

nehm` papier und stift zur hand.

 

schreibe mir stadt aus dem gemüt,

tauche ein in diese heimat.

nehme wahr, wie sie erblüht,

und singe melodien von Karat.

Petra Taubert

Grastraum

 

Ich webe mir einen Teppich

aus Gräsern

vor meinem Haus

und fliege zu dir

mit einem Koffer

voll grüner Geschichten.

Sie blühen dir entgegen.

 


Singender Halm

 

Einen Grashalm

zwischen den Händen

an die Lippen führen

und pusten.

Ganz einfach,

versuch es.

 

Der Grashalm

singt mein Lied,

staunt der Junge.

Rolf Winkler

möbius’sches band


ich laufe dir entgegen davon
umrunde dich
verwirrt vom
obenunten linksrechts
finde ich mich in dir

Dorothea Iser 

erneuerung

 

ein kleiner käfer

im gräserwahn

stürzt ab

aus der achterbahn

 

die endlosschleife

hebt ihn wieder

er steigt auf

und fällt doch nieder

 

wo ist der anfang

wo das ende

ach wenn er doch

den frühling fände

Annegret Winkel-Schmelz

Workshop des Pelikan


finden mit schwung

aus unterschiedlicher richtung

kommend, um in der wanderung

sich zu verzaubern mit anziehung

glänzend in einer fotospiegelung

 

sich hingeben in der vorstellung:

sich treffen in der ermutigung,

damit wir uns stärken in gemeinsamer vorlesung.

dann fliegen wir erneut davon mit würdigung,

in unseren leben zu bestehen in mitwirkung.

Sigrid Lindenblatt

Versöhnung


Da stehen sie 

Sehen sich  an 

Suchen nach Worten 

Fallen sich in die Arme 

Weinen vor Freude

Bevor sie versteht 

Erwacht sie

Rolf Winkler

Ein Spiel

Man nehme ein Ahornblatt, lege es auf den mittleren Abschnitt des Elberadweges, lasse im Verlaufe von drei Monaten 5627 Räder darüber rollen, löse das Blatt sorgfältig vom Asphalt, färbe es rot und streiche es auf feines weißes Linnen.


Danach singe man mit klarer Stimme:

O Canada! Our home and native land!
True patriot love in all of us command...


oder auch:


Ô Canada! Terre de nos aïeux,
Ton front est ceint de fleurons glorieux!...

Petra Taubert

Das Blatt


Sturmgebeutelt

liegt es da,

müde und kraftlos,

noch nicht

vergangen.


Nicht weg geworfen,

sondern weit geflogen

im und gegen

den Sturm.


Sichtbar, wenn

auch mit Blessuren,

verrät dir die Form

von welchem Baum es stammt.



Kinderspiel


Ahornblatt auf Asphalt

fühlt sich einsam und kalt.

Ein Kind hebt es auf und pustet,

freut sich, wie's fliegt und prustet.



Mitbringsel


Ahornsirup lecker zum Tee

und auf Eis

als Mitfliegsel aus Kanada

nach dem Urlaub.

Eigenwillige Süße

aus dem Land mit

dem Hufeisenfall

am Niagara - Fluss,

lässt mich schwelgen

in Erinnerungen.

Und endlich finde ich Ruhe.

Nun folgen Gedanken,

den Flügen und der Fahrt

entlang der Ostküste der USA,

festgehalten mit Stift und Tastatur.

Manuela Herzog

Ein Sternenballett


So ganz und komplett

sich recken und strecken.

Das Blütenkleid,

es schwingt so weit …

Ein Tanz, ein Spiel

mit viel Gefühl:

ein Biegen,

ein Wiegen,

ein Beugen,

ein Äugen …

Ein Spitzentanz

im Lichterglanz!

Ein Flirt, ein Hauch

nach altem Brauch,

ein Musenkuss,

ein Hochgenuss,

ein Werben

vorm Sterben.

Petra Taubert

Seepferdchen-Tango

 

Im Seegras tanzt

das Hippocampus Paar

schwungvoll auf und ab,

immer wieder

neugierig aufeinander

wiegen sich diese Wunderwesen im Takt.

 

Die Männchen

werden trächtig nach dem

Balztanz der Weibchen.

Dorothea Iser

himmelswesen

 

raum und zeit verloren

halten sie aneinander fest

ohne sich zu erreichen

und können nicht voneinander lassen

Annegret Winkel-Schmelz

entfalten

  

ich versenke ein ahornblatt

noch herbstlaubgefärbt in schnee

aufgewühlt sind seine adern

 

ich lösche seinen schmerz

mit meiner treuen atemluft

erlöse es vom niedergang

 

ich schwebe mit ihm

zu land und leuten

beschreibe es für dich

 

Marion Renate Krüger

Vergänglichkeit

 

gestern

ziertest du bunt den Lebensbaum

 

heute

ist gestern nur noch ein Traum

 

morgen

liegst du grau unter dem Asphalt

 

trotzdem bist du stolz

wenn auch krank und alt

Sigrid Lindenblatt

Ein verlorenes Blatt


Ein Blatt liegt auf kaltem Asphalt

Blass und traurig wirkt es

So allein 


Wurde im Sturm getrennt

Von der Blätterschar

Nun sehnt es sich 


Ach du kleines Blatt

Freu dich

Du hast den Sturm überlebt 

dorothea iser

blatt an mensch

 

was du in mir siehst

ist nicht was ich bin

was du für mich fühlst

ergibt keinen sinn

 

was immer du sagst

trifft nicht meinen kern

was du von mir denkst

will ich nicht hörn

 

in all deinem tun

deiner sorge um mich

suchst du unverholen

doch immer nur dich

Manuela Herzog

Verspielt


Ein Blatt im Wind,

da kommt ein Kind

und tritt kurz drauf,

hebt es dann auf,

schaut es sich an,

merkt, was es kann …

Lässt's schweben,

um es gleich wieder aufzuheben,

dann – zack,

kommt's in den Anorak,

wills pressen.

Vergessen

wird es das Blatt wohl nicht …

Annegret Winkel-Schmelz

zwei beide

 

seid ihr zwillinge aus granteln

schwingt auf und nieder schwerelos

ähnlich wie in meiner fantasie mit tentakeln

wippt jeder virtuos

 

in oase gleichklang

das neue jahr anzutanzen

höre ich leisen gesang

um sichten einzupflanzen

Steffi Obieglo

 

 

Mit geschwollenem Kamm

lauernd

Wer wagt den ersten Schlag?

Rolf Winkler

Er und sie

oder

Seepferdchens Traum

 

Bei jeder Begegnung sträuben sich ihnen die Haare.

Sie verharren einander gegenüber einen ganzen Tag.

Doch dann, irgendwann des nachts

regt sich Neugierde in ihr.

Vorsichtig macht sie einen Annäherungsversuch.

Ihm, anscheinend unberührt,

hüpft das Herz im Leibe.

Sigrid Lindenblatt

Wilde Tänzer

 

Mit Eleganz und Geschick

drehen sie ihre Runden

 

Werfen ab

den Ballast vom alten Jahr

 

Mit kräftigen Sprüngen

beginnen sie Neues

Steffi Obieglo

Am Fenster

 

Der vergangene Sommer,

trocken und heiß,

lässt Flora und mich

noch immer

nach Wasser lechzen.

 

Flüsse rinnen

auf Sparflamme,

geben Einsicht in ihren Grund

begierig darauf

die Geheimnisse ihres Bettes

wieder schamvoll zu bedecken.

 

Ich stehe am Fenster,

bestaune die rinnenden Tropfen,

die einmal zum Fluss werden sollen,

als sähe ich sie zum ersten Mal.

 

Es zieht mich nach draußen,

den Regen zu spüren.

Die nasse Dezember - Kälte lässt

mich schaudern

und treibt mich wieder ins Haus.

 

Elisa Schim

Durchblick

 

Da schau ich in die Welt hinaus,

wie sieht sie heut so magisch aus.

 

Und durch der Wassertropfen Schicht

erkenn ich was und manchmal nicht.

 

Doch diese Ungenauigkeiten

zeigen mir ganz andr’e Seiten.

 

Sie sagen mir: Was soll das nutzen?

Ach, ja, ich wollte Fenster putzen!

 

 

 

Sigrid Lindenblatt

Dezemberregen

 

Regen … brr … kein Wetter für mich.

Ich bin im Trocknem und fühle mich wohl.

Da kann draußen die Welt untergehen.

 

Weihnachten war trüb und nass.

Es glitzerten

nur die Lichter am Weihnachtsbaum

 

Wie immer, war ich auch in diesem Jahr allein.

Hatte Momente zum Ruhen und Besinnen.

Viel zu schnell verging die Zeit.

 

Heute scheint die Sonne.

Vor Morgen …

ist mir nicht bange!

 

dorothea iser

fensterbild

 

regenblind

sehe ich klar

was verschwimmt

glaub mir

ist wahr

 

hinterm fenster

bloß und nackt

ein bleicher leib

verschmilzt

im akt

 

Annegret Winkel-Schmelz

bin traurig

 

wie verwischte blätter hinter glas

fällt mein weinen

aus allen wolken

 

lebensmut ergibt sich

meiner liebe

im dasein mit dir

Petra Taubert

Regenlied

 

Regen klopft

an mein Fenster.

Er trommelt

seinen Takt

zum Gedicht

und vertreibt

den Winterblues.

 

Ich summe

unbeirrt

meine Lieder

in den Sturm.

Dann wage ich

mich an einen

neuen Text.