Anders sind wir alle

Marion Krüger

Meine letzten Erlebnisse mit Henry

 

In den letzten Schreibrunden 2016 machte ich mir öfter Sorgen um Henry.

Seine Texte handelten viel vom Tod und es beschäftigte ihn, wie es sein wird, wenn man tot ist. Er war aber auch irgendwie überzeugt, dass es dann besser ist.

Die anderen SR-Mitglieder schauten sich dann immer an und es machte uns traurig.

Ich hatte das Gefühl, als hätte Henry Todessehnsucht.

Ich kenne das. Ich denke dann schon mal darüber nach, dass ich dann endlich vor allen Schmerzen und Querelen Ruhe hätte.

Henry hatte, bedingt durch die Mehrfachbehinderung, seine ganz eigene Art, sich auszudrücken.

Ich kenne ihn schon lange und verstand ihn auch. Ich erinnere mich, wenn wir ihn nach der Schreibrunde mit nach Hause nahmen, unterhielten wir uns während der Fahrt.

Ich muss gestehen, war der Abend anstrengend und ich müde, fiel es mir oft schwer ihm zu folgen.

Erstaunt hat mich aber immer wieder sein enormes Wissen z.B. über sportliche Veranstaltungen, wie die Olympiaden der Vergangenheit. Er kannte Platzierungen, die Namen der Sportler und Zeiten oder andere Werte.

Ich, die oft schon einmal etwas vergisst, habe ihn dafür heimlich bewundert.

Kamen wir in Genthin am Wohnheim an, nahm er seinen Stoffbeutel, Gisi sagte warnend, er möge auf seinen Kopf aufpassen beim Aussteigen.

Bis er in der Hofeinfahrt verschwand, drehte er sich immer wieder um und winkte uns zu und rief „Danke“.

Der Gedanke, dass ich eines Tages tieftraurig aus eben dieser Hofeinfahrt kommen würde, kam mir nie. Weshalb auch.

Im Januar dieses Jahres mussten wir eine Schreibrunde ausfallen lassen. Die Grippewelle hatte um sich gegriffen. Ich rief Henry an und sagte Bescheid. „Oh“, sagte er mir “ich habe auch eine starke Erkältung, ist nicht schlimm. Sehen wir uns im Februar.“

Als er zu der Februar SR nicht da war, wunderten wir uns zwar, aber hin und wieder kam das schon Mal vor.

Im April erfuhr ich in Genthin, dass Henry am 2. 4. ins Burger Krankenhaus gekommen war.

Er hatte sich den Schenkelhals gebrochen, wurde in Burg operiert und beim Routineröntgen hatte man etwas an der Lunge gefunden. Man verlegte ihn von Burg nach Lostau.

Von dort sollte er in zwei Tage wieder nach Genthin ins Wohnheim entlassen werden.

Ich wurde gebeten, ihm etwas Zeit zu lassen, damit er sich wieder einleben könne und dann erst einen Termin für einen Besuch zu vereinbaren.

Dann war es endlich so weit. Ich war schon besorgt, denn ich musste am 5.6. auch ins Krankenhaus und wollte ihn doch unbedingt noch besuchen.

Christa, Gisi und ich waren die ersten drei der SR, die ihn besuchten.

Als er uns sah, freute er sich sehr.

Er wohnte jetzt unten im Parterre, denn nach der OP. ging er am Rollator.

Wir setzten uns in die Sitzecke, Henry und ich auf eine Couch und gegenüber Christa und Gisi. Er schaute immer zu den beiden gegenüber und so konnte ich ihn von der Seite beobachten.

Er war ja noch nie dick, aber selbst die Trainingshosen zeichneten seine dünnen Beinchen ab.

Ich drehte den Kopf verstohlen zur Seite und wischte mir die Tränen weg.

Henry war sehr aufgeregt und erzählte uns mit einer unfassbaren Selbstverständlichkeit von dem ganzen Geschehen um seine Krankheit.

Als er dann fast triumphierend sagte: „ Ich bin froh, dass jetzt alle sehen können, das ich etwas habe. Die denken immer, ich tu nur so“, war es mit meiner Beherrschung ganz vorbei und ich flüchtete auf die Toilette. Hier konnte ich ungeniert weinen.

 

Als wir uns an diesem Tag von Henry verabschiedeten, hatte ich ein Gefühl von Hilflosigkeit und großer Angst um ihn.

Ich hinterließ meine Telefon-Nr. mit der Bitte anzurufen, wenn irgendetwas mit Henry passieren würde. Genau das hatte Lutz auch schon per Telefon getan.

Jetzt in den Tagen nach Weihnachten haben wir durch Zufall von unserem ehemaligen SR Mitglied Petra Specht erfahren, dass unser Henry schon im September verstorben ist.

Dass sich im ersten Moment tiefe Traurigkeit und aber auch Wut in mir breitmachte, kann menschlich gesehen, sicher jeder verstehen.

Ich habe heute, am 29. 12. Noch einmal im Wohnheim angerufen und gesagt, dass ich es sehr bedauere, dass wir nicht benachrichtigt wurden

Habe gesagt, dass das Wohnheim Henrys zu Hause war, aber wir, die Jerichower Schreibrunde, waren auch sein zu Hause. Hier hat er sich wohl- und verstanden gefühlt.

Junge, Du hinterlässt eine große Lücke und ich hoffe, Du hast jetzt gefunden, wonach Du Dich immer gesehnt hast.

 

Christa Beau

 

Flecken im Fotoalbum

 

Leise und ohne Schmerzen ist Mutter eingeschlafen. Ihr Mittagsschlaf wurde zur Ewigkeit und hat sie mir genommen.

Ich habe ihr Leben aus der kleinen Wohnung geräumt. Die hellen Stellen an den Wänden, da, wo einst die Fotos von der Familie hingen, der Duft ihres Atems, den die Tapeten noch immer verströmen und der Fußboden über den sie mit ihren grünen Filzpantoffeln die letzten Schritte machte, lassen noch einmal den Abschiedsschmerz aufflackern.

Heute muss der Dachboden geleert werden. Dort bin ich schon jahrelang nicht gewesen. Was wird mich erwarten?

 

Zum Glück funktioniert das elektrische Licht. Es ist hell genug, um all die kleinen Schätze, die Mutter hier ordentlich platziert hat, zu erkennen.

Die große Truhe mit dem Vorhängeschloss nimmt viel Platz ein. Das Schloss lässt sich ohne Schlüssel öffnen. Zwei Strampler von uns Mädchen, mein alter Teddybär, die Babypuppe meiner Schwester, Mutters schicker Gartenhut, meine Angel, Pullover, Blusen, Jacken und der Duft nach Mottenkugeln füllen die Kiste.

Ich schließe sie und mein Blick fällt auf das Regal mit den vielen Fotoalben. Wahllos greife ich nach einem. Ich puste den Staub ab, setze mich auf die Kiste und öffne die Erinnerungen.

 

Meine Ehe mit Bernd steht mit goldenen Buchstaben auf der ersten Seite. Darunter auf dem Hochzeitsfoto lächelt Mutter ihren Mann an.

Damals, als Mutter diesen Onkel Bernd mit zu uns brachte, war ich acht Jahre und meine Schwester erst fünf. Er war nett, machte Späße mit uns, zankte wenig, ging mit uns in den Zoo. An der Ostsee, im Riesengebirge, im Thüringer Wald und an den Seen Mecklenburgs erlebten wir Stunden voller Spaß, Zufriedenheit und Glück.

Unser leiblicher Vater war durch einen Autounfall ums Leben gekommen. Die Erinnerungen an ihn verblassten immer mehr. Wir nannten den neuen Vater bald Papa.

Mutter war immer ausgeglichen und zufrieden. Unsere Eltern waren beide Lehrer, achteten darauf, dass wir in Sätzen sprachen und uns gut ausdrückten. Papa erzählte spannende Geschichten und manchmal holten die Eltern mich und meine Schwester in ihre Ehebetten und wir dachten uns Geschichten aus. Das waren die schönsten Stunden des Tages.

 

Ich blättere die Seite um, sehe mich lachend in Papas Armen, die besorgten Blicke von Mutter, als meine Schwester weinte, weil die Wellen ihre Sandburg zerstört hatten. Dann wieder Papa, der einen Kuss auf Mutters Wangen drückt.

Nach diesem Urlaub wurde Mutter krank, lag viele Wochen im Krankenhaus.

 

Das Foto auf der nächsten Seite ist zerkratzt. Da lacht Vater. Er ist nicht mehr der Papa. Mutter hat sich oft gewundert, warum so viele Fotos von ihrem Bernd zerkratzt oder befleckt waren. Tränen, Kindertränen, Scham, Angst und Wut liegen auf ihnen.

Auch als Mutter im Krankenhaus war, holte mich Papa in sein Bett. Nur mich. Er schloss die Tür zu. Dann war er kein lieber Papa mehr. Ich wollte das nicht, schämte mich, hatte Angst, als seine Hände so derb meine Oberschenkel packten. Jedesmal, wenn er mich zu sich ins Bett holte, wollte er mehr von mir. Dann war ich seine Frau, zehn Jahre alt.

Auf die alten Tränen fallen neue. Meine Hände zittern, als ich das nächste Foto ansehe.

 

Ich habe mich in meinem Zimmer eingeschlossen.

„Komm raus, komm sofort raus“, zischt es vor der Tür.

„Nein, nein, ich will nicht!“

„ Dann hole ich deine Schwester. Ihre Tür ist nicht verschlossen.“

Lilly, meine kleine Schwester mit den blauen, runden Kulleraugen und dem braunen Lockenkopf. Lilly, sieben Jahre alt und eine Stimme, die kindlicher nicht sein kann.

Ich drehe den Schlüssel herum und lege mich in Mutters Bett.

 

Unter einem Tränenschleier betrachte ich die nächsten Bilder. Hat Mutter nie bemerkt, dass ich auf den Fotos nicht mehr lächele?

Auch als Mutter wieder zuhause war, holte er mich in sein Bett. Er wusste genau, wann sie außer Haus war und ich daheim.

Hat sich Mutter nie die Frage gestellt, warum ich viel bei Freundinnen geschlafen habe, warum ich nachts oft allein durch die Straßen zog und einmal sogar von der Polizei aufgegriffen wurde?

Mutter, wusstest du wirklich nicht, warum ich Bernd nie im Krankenhaus besucht habe? Bei der Beerdigung keine Träne vergossen und keine Blume in sein Grab gelegt habe?

Hast du wirklich nicht einen einzigen von den vielen Signalen empfangen, die ich gesendet habe?

Du wolltest es nicht glauben, als ich es dir erzählt habe, damals als meine Ehe mit Martin in die Brüche gegangen ist und du nicht verstehen konntest, warum ich mit so einem guten Mann keine Ehe führen konnte. Du hast deine Seele geschützt, hattest Angst vor Dir selbst, vor der Zerstörung deiner heilen Welt. Ich habe dir vergeben.

Ich schließe das Fotoalbum. Heute vergebe ich dir noch einmal.