Anders sind wir alle

Lutz Sehmisch

Mein Schatten

 

Was ist Depression für ein Gefühl? Die meisten Menschen würden diese Frage nie stellen. Viel zu groß ist ihre Angst vor den eigenen seelischen Abgründen, über die wir keine Kontrolle haben. Diese Tiefe menschlichen Daseins hat einen Namen. Doch den nimmt niemand gerne in den Mund. Ein Wort, dass Unbehagen verbreitet, ein Wort, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben. Oft wird es nebulös umschrieben: „Na, … du weißt schon.“ Sobald man das Wort auf der Zunge hat, scheint es kein Zurück mehr zu geben zu einem „Sie hat nur etwas Stress in letzter Zeit“ oder einem im Singsang vorgetragenen: „Auf Regen folgt Sonnenschein.“

Doch was ist ES nun für ein Gefühl? Du kennst sicher Peter Pan und seinen Schatten. Sein Schatten spielt Fange mit ihm, will einfach nicht das tun, was von einem Schatten verlangt wird und piesackt Peter. Am Ende muss er angenäht werden. Für mich fühlt ES sich genau so an.

Ich habe keinen Schatten, der, wie man von ihm erwarten würde, ein stiller Begleiter durch mein Leben ist, sondern ein außerordentliches Großmaul! Er ist ein schwieriger Zeitgenosse. Sehr leicht reizbar, aufbrausend, rachsüchtig, eifersüchtig und gerissen. Immer muss er sich einmischen. Er flüstert mir Dinge ins Ohr, bringt mich auf düstere Gedanken und verleitet mich dazu, falsche und verletzende Dinge zu sagen und zu tun. Wenig später erkenne ich mich selbst nicht mehr. Hätte ich ohne ihn so reagiert? In einem letzten verzweifelten Versuch, den Glauben an mich und meine guten Seiten festzuhalten, rede ich mir ein: „Niemals!“ Aber sicher bin ich mir da nicht.

Mein Schatten raubt mir den Blick auf die Sonne oder auf meine Mitmenschen. Er stiehlt mir Wärme, bis es um mich kalt und düster ist. Doch sein liebstes Spiel ist der Abgrund. Dabei lässt er mich am Rand eines großen Loches balancieren und wartet darauf, dass ich unaufmerksam bin, dass ich die Balance verliere. Das ist dann sein Auftritt. Er nimmt Anlauf und stößt mich wie ein Ziegenbock mit seinen Hörnern in den Abgrund. Ich hasse den Abgrund. Dort bin ich meinen tiefsten Ängsten und meinen größten Selbstzweifeln schutzlos ausgesetzt. Mir erscheint es unmöglich, einen Weg herauszufinden. Ich bin gefangen in meinem Selbsthass und je länger ich dort bin, desto stärker wird mein Schatten und es wird immer schwieriger den hinterlistigen Gedanken, die er mir einimpfen will, nicht zu glauben. Ich könnte ewig weitererzählen, denn meinem Schatten fällt ständig etwas Neues ein, um mich auf die Probe zu stellen. Aber ich will nicht lügen. Ich kann lernen damit umzugehen. Ich muss es lernen, um nicht unterzugehen. Ich muss lernen, mich selbst wieder zu lieben, die kleinen Dinge im Alltag zu genießen und mich zu öffnen. Denn meine Isolation ist Futter für meinen Schatten. Es ist eine tägliche Gratwanderung am Abgrund. Es ist anstrengend, nervenaufreibend und immer wieder verliere ich das Spiel. Ich habe aber auch gelernt, wenn ich offen bin und über meine chronische Depression rede, strecken sich Hände in meinen Abgrund, die mir helfen, mich wieder aufzurappeln.

Warum ich diesen Text schreibe? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Vielleicht hoffe ich, dass ich nicht allein bin mit diesem Gefühl. Dabei klingt in diesem Fall Singular so harmlos. Es ist eher eine tosende Welle aus Gefühlen, die in einem ohrenbetäubenden Lärm über mir zusammenbricht und mich unter sich begräbt. Vielleicht hoffe ich, jemanden zu helfen, sich nicht allein damit zu fühlen. Vielleicht tue ich es aber auch einfach, um mir selbst zu helfen. Vielleicht auch, um einen, wenn auch nur kleinen, Einblick zu geben, wie es sich anfühlt: Leben mit meinem Schatten und mir.

 

Annegret Winkel-Schmelz

 

Den Text von Lutz Sehmisch habe ich mit viel innerer Anteilnahme

gelesen. Gut, dass er ihn geschrieben hat. Ich kann bestens nachfühlen,

wie es ihm geht bzw. ergangen ist. Voriges Jahr hatte ich sechs Wochen

solch eine Depression. Ich erinnere mich, nach jedem Strohhalm gegriffen

zu haben: Derjenige, der mir sagte, gib Dir Zeit, das wird auch wieder

anders, konnte ich kaum glauben. Ich sah fast kein Land mehr. In meinem

Tunnel sah es düster, absolut finster und trostlos aus. Weil ich auch

eine Schreibblockade hatte und mich nicht mehr verständlich machen

konnte auf unsere Art, dachte ich, das bleibt jetzt so und geht nie

wieder weg. Ich war so unendlich verzweifelt.

Aber ich erinnere mich gut daran, als ich fast über Nacht auf einmal

einen Reimtext (nicht literarisch) hinbekam und so überglücklich darüber

war, dass mir die Qualität völlig egal war. Diejenigen, die mir gesagt

hatten, es wird auch wieder, hatten recht - ich konnte es wieder fühlen.

Auf einmal ging in mir das Licht wieder an, ich lächelte mich auf

Station durch die Tage.

Lutz - danke für Deinen Text, er hat mich zwar an ein düsteres Kapitel

in meinem Lebensbuch erinnert, aber auch daran, dass ich die Seiten aus

eigener Kraft wieder umblättern konnte und in meinem Buch weiter lesen kann.