Altstadt-Lesenacht-Textauswahl

Petra Taubert

Die Wunderblume

 

Der alte Mann lächelt Peri an. Sie legt ihre kleine Hand in seine kräftigen Hände. Warm fühlt sich das an und etwas rau. Lange hält Friedrich sie fest. Als er sie loslässt, zeigt Peri das Bild, das sie ihm mitgebracht hat.

Mit wachen, neugierigen Augen betrachtet der Mann das Bild.

Wenn das Kind bei ihm zu Besuch ist, selbstgemalte Bilder zeigt und dazu erfundenen Geschichten erzählt, vergisst Friedrich, dass er gelähmt ist.

Er kann sich nicht satt sehen an ihrem Mund, der sich mit dem Fluss der Silben und Worte bewegt und die schmalen Lippen wie Boote trägt. Hin und wieder treffen sich die Blicke der beiden. Er versinkt für Momente in einem grünen knopfgroßen See mit einer dunklen Insel in der Mitte.

Peri erzählt ihm die Geschichte von der Wunderblume. Fest verwurzelt im Moos steht sie an einem Teich. Sie hat einen dunkelgrünen schlanken Hals. Ihren Kopf zieren daunenweiche Staubmops in Minigröße. Die Blütenblätter wechseln jeden Tag ihre Farbe. An einem Morgen trägt die Blume gelb, an einem anderen himmelblau, am nächsten rosa und heute leuchtet sie weinrot. „Sie strahlt in allen Farben der Welt“, sagt Peri.

„Wie du“, sagt Friedrich und schließt die Augen.

 

Klar ist die Nacht.

Manch ein Stern lacht.

Ich geh

zur Ruh

mach die

Augen zu.

Du und der Himmel beschützen mich.

Wunderblume, ich liebe dich.

 

„Du kannst aber schön singen“, sagt Friedrich leise. Seine Hände fühlen sich wieder mal taub an. Im Moment können sie sich nicht bewegen.

„Das ist Josefinchen“, sagt Peri. Lächelnd hält sie ihm ihr Bild von der Wunderblume vors Gesicht.

„Guck doch mal, wie schön sie ist“, sagt sie.

„Ich weiß“, sagt Friedrich. Er muss die Augen nicht öffnen, um zu sehen.

Aus der Küche steigt beiden der Duft von frisch gebackenem Kuchen in die Nase, den Friedrichs Tochter gerade aus dem Ofen holt.

Peri jubelt, sie liebt Frischgebackenes. „Siehst du“, sagt sie zu Friedrich, „meine Wunderblume kann zaubern.“

 

Lutz Sehmisch

Glück oder was sonst?

 

Eintausendeinhundertfünfzig. 
Welch eine ungeheure Zahl! Wenn sie gewusst hätte, welch eine gewaltige Zahl dies ist, hätte sie sicher nicht diesen Gewaltakt begonnen.
Eintausendeinhundertfünfzig Zentimeter. Sie weiß nichts von Zahlen, kann nicht abschätzen, welchen Wert diese Zahl beinhaltet. Sie spürt nur mit ihren Augen, dass dies eine unwahrscheinliche Größe sein muss.
Bis an den hohen Abhang hat sie es nun geschafft, mühselig und mit aller Kraft auch noch die letzte Strecke. Immer wieder musste sie eine Ruhepause einlegen, immer öfter hatte sie sich zwischendurch zurückgezogen, niedergelegt. Ständig aber trieb ihre begonnene Aufgabe sie weiter - und das mit Erfolg. Ohne diese Beharrlichkeit wäre sie mit Sicherheit niemals so weit gekommen.
Nun aber sieht sie sich einer Aufgabe gegenüber, die unvorstellbar groß ist. Das Gelobte Land liegt vor ihr im hellen Sonnenschein; diese heiße Sonne macht ihr zwar schwer zu schaffen, doch das satte Grün der Wiesen und das grünblaue Wasser des kleinen Sees auf der anderen Seite lockt mit unwiderstehlicher Kraft.
Eine innere Stimme sagt ihr eindeutig: »Kehre um, das schaffst du nicht!«
Aber die magische Anziehungskraft der anderen Seite ist stärker. Seit jeher, seit tausend Generationen, ist es dieses bewusste gelobte Land, das all ihre Vorfahren jährlich aufsuchen, immer und immer wieder. Es ist eingeprägt in ihre Gene, unlöschbar festgelegt.

Nun sitzt sie dort am Rande der Straße, hört das Donnern der vorbeirasenden Autokarawanen. Hier und da auch eine kleine Pause, bis wieder eins dieser Ungetüme vorbei braust. Sie überlegt nicht. Ihr Instinkt ist nicht darauf ausgerichtet. Sie hat keinen Verstand, den sie zum Denken einsetzen kann.
Sie wird nur von ihrem Trieb geleitet, dessen Erfüllung aber liegt auf der anderen Seite der Straße. Es sind genau elf Meter und fünfzig Zentimeter, die sie von ihrem Ziel trennt.
Für Andere sind das Peanuts. Für sie schier endlose Entfernung. Nachdem sie eine ganze Zeit lang am Rande der Straße sitzt, wird es nun ernst. Sie läuft einfach los, langsam, etwas holperig, aber sie läuft. Schaut nicht nach links, nicht nach rechts, geradeaus ist ihr Weg. Der Verkehr fließt an ihr vorüber. Sie bleibt nicht liegen, nein - sie marschiert immer weiter vorwärts. Die Ungetüme der Straße brausen an ihr vorüber, kleine und große Fahrzeuge, Trucks und Sprinter, Pkws und Motorräder.

Sie läuft unbeirrt weiter vorwärts. Dann, nach einer endlos erscheinenden Zeit, ist es endlich so weit. Entgegen jeder Erwartung hat sie es geschafft. Sie hat die Straße überquert!
Sie hat das Glück ihres Daseins, ihr Lebensziel erreicht, hat die technisierte Welt mit sehr viel Glück überwunden, hat überlebt.
Sie hat keine Ahnung von der Gefahr, in der sie sich befand. Denn dann, - wenn sie sich dessen bewusst wäre, würde sie niemals den Willen und die Kraft aufbringen, nach einigen Wochen den Rückweg anzutreten.
Denn auch das ist vorgegeben: Sie muss wieder in ihr altes Dasein zurückkehren. Gut, dass die kleine Erdkröte dies selbst nicht weiß.

 

Was sagt mir nun dieses unscheinbare kleine Wesen? Kann ich etwas von ihm lernen?
 Ja! Wenn ich etwas Neues anfange, wenn ich etwas nicht Vorhersehbares wage, kann ich gewinnen.
Es kann aber auch sein, dass ich verliere!
Wenn ich aber gar nichts tue, habe ich im Grunde schon verloren!

 

Und sei es auch nur mein Selbstwertgefühl ...

 

Annegret Winkel

In der Straßenbahn oder: Ihr rechter, rechter Platz ist frei

 

Meine Freundin schaut aus dem Fenster. Es regnet, die Scheiben sind beschlagen und von Werbung verdeckt. Die Straßenbahn der Linie 10 biegt mit lautem Quietschen um die Kurve. Halt am Markt. Emsiges Aus - und Einsteigen.

Der Platz neben meiner Freundin ist frei, obwohl die Bahn voll ist.

An der nächsten Haltestelle ändert sich das. Eine Frau mittleren Alters, blondgelockt, gepflegte Erscheinung, stellt ihre Taschen ab. Sie kommt von einem anderen Sitzplatz vorn in der Bahn. Während sie sich auf den Platz fallen lässt, schimpft sie vor sich hin: „Alles Schmarotzer.“

„Was ist passiert?“ fragt meine Freundin mitfühlend. Die Frau dreht sich ihr zu, neigt ihren Kopf ein wenig. „Was passiert ist?“, wiederholt sie die Frage. „Merken Sie das nicht selbst? Was ist nur aus Deutschland geworden! Überall Schwarze. Die Neger da vorn, sehen Sie? Ein Kauderwelsch reden die. Kanaken! Nicht zum Aushalten.“

Die Frau erwartet Zustimmung. „Ist doch wahr! Nirgends ist man mehr sicher“

In meiner Freundin steigt Ärger auf. „Leute wie Sie sind nicht zum Aushalten. Lassen Sie mich durch.“ Der Frau klappt der Unterkiefer runter. Empört sieht sie sich nach anderen um, die ihr zustimmen sollen. Fehlanzeige.

Meine Freundin zwängt sich nach vorn durch. Sie hat keine Ängste vor Berührungen mit Afrikanern. An der nächsten Haltestelle steigt sie aus, läuft ein Stück ihres Weges durch den Regen. Durchnässt kommt sie bei mir an.

„Schirm vergessen“, sagt sie, zieht die Jacke aus, rubbelt sich das Haar trocken. „Was ist nur aus Deutschland geworden?“, fragt sie mich zwischendurch.

Ich denke nach, koche Tee. Dann reden wir miteinander und lachen über das dumme Gesicht der schönen Blonden.

 

Jochen Gutte

 

Morgen bei Napierallas

 

Nein, Napierallas müssen früh nicht mehr raus. Höchstens bei Arzttermin. Aber der ist auch nicht so oft. Also können Napierallas auf den Wecker verzichten und schlafen, bis sie munter werden. Und weil das so ist, können Napierallas fernsehen, bis sie müde sind. Und das kann mitunter erst nach Mitternacht eintreten. Früher wäre das nicht gut gewesen. Doch seit Jahren nun müssen Napierallas nicht mehr früh raus.

So leben die Napierallas ihren Lebensabend. – Und sollte es mal hektisch werden oder gar Stress aufkommen, liegt das wohl meistens daran, daß sie es nicht mehr gewohnt sind, täglich früh raus zu müssen. Und schon kann’s Aufregung geben..., obwohl selbst verpaßte Termine kaum Folgen nach sich zögen. Der Stress, der mitunter entsteht, ist immer selbstgemacht. Oder er entsteht einfach, weil man nicht mehr so eingefahren ist, wie das früher einmal erforderlich war. Aber, wer nicht arbeitet, kann wenigstens so lange schlafen, wie er lustig ist.

Doch so lustig ist’s bei Napierallas nun auch wieder nicht. Das mag wohl daran liegen, daß Herr Napieralla notorischer Frühaufsteher ist. Gäbe es einen krähenden Hahn in Hörweite, es käme schon vor, daß Herr Napieralla eher munter ist als der Hahn: „Na, jetzt müßte aber bald der Hahn krähen!“

Mangels Hahn hat sich Herr Napieralla an die fünfte Stunde gewöhnt. Das soll heißen: Ist es erst mal fünf vorbei, erwacht Herr Napieralla, reckt sich und streckt sich, ordnet seine Gedanken: Was war Traum? Was ist Wirklichkeit? Welchen haben wir denn heute? Gefühlt ist Freitag, dabei stellt es sich nach kurzem Nachdenken heraus: Nein, kann nicht sein. Gestern abend hatten wir ja noch Montag, da kommt doch immer die Filmserie... Nein, heute ist Dienstag, und das klingt ein bißchen wie Dienst.

Dienst, ja, ...seit Ewigkeiten hat Herr Napieralla den Frühstücksdienst übernommen. – Die Leute sagen immer, der Mensch brauche eine Aufgabe... – Herr Napieralla, wenn er’s hört, nickt dazu. Dann meist innerlich. Er kennt seine Aufgabe.

Jeder jeden Tag eine gute Tat! – Das ist es: Gleich früh hat Herr Napieralla diese Norm erfüllt. Frühstück ist bekanntlich die schönste Mahlzeit am Morgen.

Frau Napieralla, früher mußte sie arbeitsbedingt um etliches früher raus. Wem fällt es schon leicht, sich früh und viel eher, als es einem lieb ist, aus dem Kuschelbett in den neuen Tag zu stürzen!

Dazu war Napieralla über all die Jahre gern und täglich bereit: „Ich mache das Frühstück. Fange du dein Tagwerk sachte an!“ – Ja, Frau Napieralla ist eher eine Eule... Ein Morgenmuffel! Dereinst waren’s Pflichtbewußtsein und Ehrensache, rechtzeitig am Arbeitsplatz zu sein. Zuspätkommen – für sie undenkbar!

Längst gibt’s kein dringliches Motiv mehr zum Aufstehen...

Wenn sich Frau Napieralla nach der ersten Nachricht, das Frühstück sei fertig, die Frage stellt, was für ein Tag ist und wie das Wetter draußen ist... – Ja, dann kann alles ganz anders kommen. – Da gilt es so eine Art Totpunkt zu überwinden, eine reine Rein-raus-Entscheidung.

Frau Napieralla, Vorname Gudrun... Genau so ist das: Nomen est Omen , wie es schon im alten Rom hieß. Frau Napieralla, Vorname Gudrun möchte gut ruhn. Weiter ruh’n. Regenwetter? Nein, ich bleibe liegen, bis es aufhört... Noch so trübe! Geht denn der Wecker richtig? Was, Temperaturen unter Null? Da warte ich noch ein Weilchen! – Kannst ja schon anfangen, ich komme gleich...

Herr Napieralla steht vor einem Problem, nein, vor einer ganzen Problemwand: Ißt er allein, ist das nicht schön... Wartet er ab, bis Frau Gudrun nicht mehr weiter gut ruhen mag, könnte der Kaffee kalt werden und an Qualität einbüßen. Versucht er’s mit neuerlichem Wecken, kann sich das als verhängnisvoll erweisen. Ein Fehler... – Ganztätig! – Wer läßt sich schon gern mit Rausschmiß kommen? Nicht mit Gudrun, die hat Anspruch auf Gutruh’n...

Ein Spielchen und das beherrscht Frau Napieralla gewissermaßen im Schlaf... Und Herr Napieralla, hinundhergerissen zwischen Wunsch und Wirklichkeit, murmelt vor sich hin: „Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken...“

Die Ärztin hat ernst darauf gedrungen, daß sich Herr Napieralla seine tägliche Spritze möglichst pünktlich setzt... Noch hat er ein wenig Pufferzeit... Er schaut, was sich im Schlafzimmer tut... – Aufstehn oder Weiterruhn...?

Diese Frage ist entschieden! – Herr Napieralla wird allein frühstücken. Besser so! Vorige Woche hat er mit ganz sanften Worten „Aufstehen, die Sonne lacht!“ gesagt.

Nein, was er daraufhin mitmachen mußte, möchte er nicht wieder erleben. Wie heißt’s doch beim Dichter? – Da werden Weiber zu Hyänen... – Oder sind’s ursprünglich freundliche Frauen? – Schiller, die Glocke... – Ob’s Schillers Fritze in Weimar seinerzeit mit seiner Lotte auch so ergangen ist?

Als Herr Napieralla in die zweite Schnitte beißt, öffnet sich die Tür, und herein mit bedächtigem Schritt Frau Napieralla tritt. Sie sieht sich stumm überall um und recket die Glieder und setzt sich nieder...

„Guten Appetit!“ wünscht Herr Napieralla seiner Frau. Die blickt ihn ungehalten an: „Hm?“

„Guten Appetit!“ – Brabbeln und Schlürfen. Ein älteres Ehepaar beim Frühstück. – Wie mag’s wohl bei andern sein, fragt sich Herr Napieralla... Er hat seine Erfahrung. Jetzt bloß nichts sagen! Um Himmels willen, keine Frage aufwerfen... Das könnte tödlich sein... – Lange Pause. Stilles Mumpfeln.

Herr Napieralla denkelt vor sich hin... Darin kommen die Wörter „hoffentlich“, „bloß nicht...“, „aufpassen“ und „Vorsicht“ vor.

Neulich hatte er etwas erzählen wollen... Sofort war er mit heftigen Worten korrigiert worden: Das sei nicht am Donnerstag gewesen sondern am Freitag... Ja, am Freitag... Und überhaupt... Und warum er denn so schreie, daß einem der Kopf platze...

Herr Napieralla rechtfertigt sich, er habe ja gar nicht...

Das ist Frau Napieralla nun doch zu viel... Sie hätte so schön weiterschlafen können... Und nun das... Damit ist sie aufgesprungen und ist mit Türschlagen ins Bett zurück.

Herr Napieralla weiß längst, bei allen Unhelligkeiten, solle man zunächst die Schuld im eigenen Handeln suchen... Und nun sucht er und sucht er.

Er hätte seine Frau nicht wecken dürfen... Doch schon fällt ihm ein, einmal, neulich... habe er sie schlafen lassen. Das sei gar nicht gut aufgenommen worden... Warum er denn partout alleine frühstücken wolle? Wenn man schon sonst nicht viel miteinander unternehme, dann wäre doch das Frühstück Gelegenheit, den neuen Tag wenigstens gemeinsam zu beginnen...

Da geht die Türe wieder auf: „Na, biste endlich fertig? Ich will abräumen...“

„Kommt nicht in Frage. Das ist meine Sache... Schon immer! Immer, wenn ich das Frühstück mache...“ Darauf besteht Herr Napieralla.

Mit einem Leckangebot hat Frau Napieralla das Zimmer verlassen, und Herr Napieralla fragt sich, was er vor ...vierundvierzig Jahren falsch gemacht haben könnte.

 

 

 

 

Samuel Winkler

 

Hätte man Emil vor wenigen Wochen noch gefragt, wie es mit der Ehe laufe, so hätte er prompt geantwortet, dass alles in Ordnung sei, aber nun war alles anders. Er hatte sich bisher nie wirklich Gedanken darüber gemacht, weshalb er seine Frau so lange am Tage nicht sieht. Es schien ihm normal. „Sie ist halt eine beschäftigte Frau“ Hatte er sich immer gedacht und weiter nie einen Gedanken darüber verloren. Und vielleicht war sie das ja auch nur. Schließlich war Harry angetrunken und ob man Jacques trauen konnte, war auch nicht gewiss. Er hatte ihn heute das erste mal zu Gesicht bekommen.

Als er zu Hause angekommen war, war alles normal. Seine Frau Edna stand im Hausflur, als hätte sie ihn bereits erwartet. Als sie Emil erblickte lief sie auf ihn zu und küsste ihn. Immer wieder war es für Emil etwas besonderes gewesen, Edna in den Armen zu halten und mit ihr zu schmusen. Aber heute war es anders. Der Gedanke, ein anderer könnte genau das gleiche heute schon getan haben, der Gedanke, dass Edna den anderen vielleicht sogar mehr liebt als Emil, wenn sie Emil überhaupt noch liebt, lies ihn nicht los. Edna blickte ihn an. Sie war ihm so nahe, dass er ihre blauen Augen, die halb von den blonden Haaren verdeckt waren erkennen konnte. So nah waren ihre Augen und doch fühlte sich Emil ihr ferner als je zuvor.

„Was ist los mit dir? Schlechten Tag gehabt?“ fragte sie mit ihrer süßen Stimme „Erzähl mir doch was!“ Emil wollte gerade von seinem Tag auf Arbeit erzählen, doch dann stockte er, denn ihm fiel auf, dass Edna selbst nie über ihren Tag erzählte. Sie hatten viel zu selten darüber geredet. Dass was er an ihr so liebte, war ihr Interesse an ihm. Dass sie alles von ihm wissen wollte und dessen nie müde zu werden schien. Aber wenn all das nur Tarnung war? Er wollte Antworten und das so schnell wie möglich.

„Ach“ sagte er, „Ist halb so wild, erzähl doch mal was von deinem Tag.“ Er versuchte zu lächeln, wusste aber nicht, ob es authentisch aussah, alles schien ihm im Gesicht zu verkrampfen. Edna schien es ihm abzukaufen. „Naja, war heute nicht viel los in der Bank“ sie wandte sich kurz von ihm, um aus dem Fenster zu sehen und sprach weiter „Verschiedene Abbuchungen, der Altag der Bürokratie halt.“ Emil wusste, dass das was er nun sagen wird ein Fehler werden würde. Er wusste es genau und doch trieb ihn die Neugier. Er musste es wissen, er wollte es wissen, er konnte nicht anders „Wann warst du denn fertig, ich meine du hattest doch nicht bis eben noch Arbeit, oder doch? Was machst du denn den ganzen Tag?“ fragte er hastig. Er schlotterte. Konnte kaum stehen und tat, wie ihm schien seinen nächsten Fehler, indem er sich setzte. Kurze Zeit später fühlte er sich im sitzen weniger sicher und stand wieder auf. Edna blickte ihn aus den Augenwinkeln an „Du warst bei Jacques, oder?“ Fragte sie.

Emil nickte. Er sah zu Boden. Edna nahm ihn in den Arm, und strich ihm über den Rücken. „Weißt du, Mein Bruder Jasper der hat Jacques kennengelernt, als er studierte. Sie hatten ein paar Semester miteinander verbracht. Jacques war damals glücklich leiert mit einer jungen Ärztin. Nach einiger Zeit jedoch hatte sie sich ohne erkennbaren Grund umgebracht. Man hat sie gesehen, als sie sich nackt von einem Hochhaus stürzte. Um ihren Hals hatte sie sich eigens aufgestellte Thesen zur Existenz von Außerultischen gehängt. Seitdem war er strikt davon überzeugt, dass seine Freundin eine Affäre mit einem Außerultischen hatte und gab sich selbst die Schuld dafür“ Emil war ganz stumm geworden. Die Gedanken um das Thema löschten in ihm das Kurzzeitgedächtnis. „Kurz darauf“ fuhr Edna fort „hat man ihn in eine geschlossene Anstalt eingewiesen. Nach mehreren Jahren wurde er entlassen. Das Studium hat er abgebrochen, und er gründete das Bierlokal. Er meidet noch immer Kontakt mit Menschen, die sind ihm nicht geheuer, denen will er nicht vertrauen. Deshalb hockt er in seiner Kammer, und löst Rechenaufgaben. Zahlen sind ihm das einzig Rationale auf der Welt. Nur wenn er jemanden findet, den er in die selbe Verzweiflung treiben kann, die er durchgemacht hat, kommt er aus der Kammer. Nur dann fängt er an zu reden und dann gibt er alles, seinen Gesprächspartner von seinen verrückten Theorien zu überzeugen.“ Sie blickte Emil in die Augen. Tief in die Augen. Emil spürte diese Wärme wieder, diese Wärme, wie damals, als er sie das erste mal sah. „Du kannst mir vertrauen“ sagte sie leise und ruhig. „Ich bin normal, und ich liebe dich.“